Richtungsweisend im Auftrag Gottes

Artur Wiebe

Menschen in Leitungspositionen finden im Gemeindekontext oft zu wenig Unterstützung, meint Artur Wiebe. Dabei ruft Gott in die Verantwortung.

Als Pastor im Main-Taunus-Kreis sind mir immer wieder Menschen begegnet, die gesellschaftlich und beruflich in hohen Positionen leidenschaftlich Verantwortung tragen. Doch ihre Lebenswelt und ihre Themen kommen in der christlichen Gemeinde und Kirche so gut wie gar nicht vor. Während der Arbeitswoche abends tauchen sie – wenn überhaupt – wie ein Fremdkörper in den Hauskreis und das Gemeindeleben ein. Sie leben die Woche über in einer Welt und am Wochenende in einer anderen.

Manager als Fremdkörper

Diese Frauen und Männer stehen als Projektmanager/-in, Geschäftsführer/-in, leitende Angestellte und Politiker an exponierter Stelle und machen ihren Job mit Leidenschaft und Hingabe. Aber im Rahmen der christlichen Gemeinde sind sie selten Thema, dafür umso öfter Ziel kirchlicher Gesellschaftskritik, so als seien sie für alle „unchristlichen Gesellschaftsentwicklungen“ mitverantwortlich. Besonders Banker kamen in den vergangenen Jahren aufgrund der Finanzkrise besonders schlecht weg.

Wissenschaftler, Lehrer und Forscher stehen im Gemeindekontext nicht selten im Verdacht, mit dem christlichen Glauben zu fremdeln, da sie vermeintlich im Konflikt mit den biblischen Glaubensaussagen forschen und lehren. Und tatsächlich stehen der Schöpferglaube und ein „methodischer Atheismus“ als Forschungsgrundlage in Spannung zueinander – besonders in den Humanwissenschaften, der Physik und Biologie. Wo gibt es Tipps und Hilfestellungen mit dieser Spannung Glaube und Wissenschaft umzugehen?

Gemeindliche Hilfestellung Fehlanzeige

Kritisiert wird viel, doch Hilfestellung findet kaum statt. Diesen gesellschaftlich richtungsweisenden Christinnen und Christen werden von Gemeindeseite kaum konstruktive biblische Prinzipien, Leitlinien und Weisheiten an die Hand gegeben, die sie befähigen, gute und weise Entscheidungen in ihrem beruflichen oder ehrenamtlichen Tätigkeitsfeld zu treffen und mit der großen Spannung zwischen Glaube und Lebenswelt umzugehen. Maximal treffen sich gleichgesinnte und Betroffene untereinander in gegenseitig stärkenden Spezialgruppen und Vereinigungen – außerhalb des Gemeindeumfeldes.

Die Auswirkungen sind fatal: Junge Menschen in der Gemeinde, die Leitungsbegabung haben und Verantwortung übernehmen wollen, bekommen dadurch den Eindruck vermittelt, dass christliche Gemeinde und der Job in einer gesellschaftlichen Führungsposition nichts miteinander zu tun haben. Mit der bedauernswerten Folge, dass je erfolgreicher die Karriere ist, desto mehr der Exit aus dem gemeindlichen Kontext erfolgt. Oder der Glaube an Jesus Christus wird in den berufsintensiven Jahren gleich ganz an den Nagel gehängt oder auf unbestimmte Zeit in die fromme Mottenkiste gelegt. Zum Leidwesen der Menschen und der Gemeinde, weil Menschen christliche Gemeinschaft brauchen und die Gemeinde Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen.

Leiten als gemeindliches Stiefkind

Im kirchlichen Raum vor Ort wird selten aktiv Mut gemacht, verantwortliche Positionen in der Gesellschaft, der Wirtschaft, Forschung und Politik als Berufung Gottes anzustreben. Sie gelten als prinzipiell verdächtig. Die Kirche Jesu Christi erweckt so den Anschein, als sei sie nur etwas für den kleinen Mann und die kleine Frau. Wenn man von „Berufung“ spricht, steht einem maximal der Dienst als hauptamtlich Tätigen vor Augen und nicht die Chefetage eines mittelständischen Betriebes oder der Dienst als Chefarzt Krankenhauses. Dies ist eine Prägung, die der Herrschaft Gottes in allen Bereichen des persönlichen Lebens widerspricht, und den Glauben an Jesus Christus auf den kirchlichen Bereich reduziert.

Dazu kommt die Beobachtung, dass Christen in der Gemeinde den Begriff „Leitung“ stiefmütterlich behandeln und scheuen. Sie machen sich klein und wollen nicht als Leiterin oder Leiter bezeichnet und gesehen werden. „Leitung“ kommt ihnen überhöht vor für das, was sie treu und beständig mit in die Gesellschaft oder das kirchliche Gemeindeleben einbringen. Sie tun das halt und merken nicht, wie entscheidend ihr unbewusster Leitungsdienst die Gruppe beeinflusst und nach vorne bringt. Sie stapeln tief und sind auch nicht greifbar, weil auf ihrem Einsatz nicht „Leitung“ draufsteht. Deshalb werden sie auch nicht aktiv für ihren Leitungsdienst geschult. Dadurch werden Chancen verpasst, in seiner Berufung Gottes zu wachsen und besser richtungsweisend zu werden.

Leiterschaft als zentrales Thema

In der Bibel finden wir zahlreiche Beispiele von Menschen, die von Gott verantwortliche Positionen im Kleinen und Großen zugedacht bekommen haben. Sie leiten Menschen oft durch schwierige und gute Zeiten. Diese Frauen und Männer haben mal mehr oder weniger freiwillig in ihrem Umfeld führende Positionen und Dienste übernommen und ausgefüllt. Ihre persönlichen Glaubensüberzeugungen und der Gehorsam Gott gegenüber fanden Ausdruck in ihren öffentlichen Entscheidungen und Äußerungen. Sie haben Gott vertraut und sind auch unter schwierigen Umständen seinen Maßstäben gefolgt.

Ebenso finden sich lehrreiche biblische Zeugnisse des Scheiterns, wenn Leiterinnen und Leiter ihre eigenen Interessen obenan gestellt haben oder dem Druck von außen nachgegeben haben, anstatt Gottes Geboten die erste Priorität zu geben. Nicht selten haben diese Führungspersönlichkeiten und Vorbilder durch ihr Verhalten sich selber und auch andere Menschen mit in den Abgrund gerissen oder sie in von Gott gesegnete und erfolgreiche Zeiten geführt. Leiterschaft ist ein biblisches Thema.

Schaue ich in die Kirchengeschichte, dann ist das gemeindliche Geschehen nicht selten auch von verantwortungsvollen und vermögenden Leitern und Fabrikanten ermöglicht worden, die als Mäzene und Sponsoren evangelistische, diakonische und künstlerische Aufträge der Gemeinde Jesu gefördert haben. Oder sich als Impulsgeber an die Spitze von kirchlichen Initiativen, Bewegungen und Gründungen gestellt haben. Bewusste und richtungsweisende Leiterschaft hat uns viel Segen gebracht.

Zum Leiten ermutigen

Ich möchte dazu ermutigen, Leitung und Verantwortung im Kleinen wie im Großen zu übernehmen: in der Gemeinde, in der Gesellschaft und im Beruf. Dazu bietet die Bibel eine Fülle von positiven und negativen Beispielen, damit wir neu entdecken und lernen, was es bedeutet, richtungsweisend im Auftrag und der Berufung Gottes unterwegs zu sein. Und als Gemeinde Menschen in Verantwortung fördern, mittragen und ermutigen.

 

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„Jesus ist auferstanden! Andere Erklärungen tragen nicht“

Agnes Wedell

Mit dem auferstandenen Jesus kann man heute rechnen: Davon ist Alexander Garth überzeugt – und er nennt gute Gründe, den biblischen Berichten zu glauben.

Herr Garth, warum ist es Ihnen wichtig zu zeigen, dass der christliche Glaube der Vernunft nicht widerspricht? Reicht es nicht, auf die eigene Erfahrung zu bauen?

Mit Vernunft verbindet man Logik und Überprüfbarkeit. Aber die Auferstehung ist in diesem Sinne weder logisch noch überprüfbar. Auch Erfahrung ist kein Kriterium für Wahrheit – diese Welt ist voller religiöser Spinner! Aber an die Berichte der Bibel von der Auferstehung sollte man schon vernünftig herangehen. Die Bibel ist für mich ein Glaubensbuch, das uns von Gott gegeben ist, aber auch ein historisches Dokument. Als solches kann man es untersuchen und dabei sehr interessante Dinge herausfinden. Zum Beispiel, wenn es um die Auferstehung geht.

Was genau haben Sie untersucht?

Ich habe mich gefragt: Könnte Jesus wirklich auferstanden sein? Was sagen die biblischen Berichte dazu? Sind auch andere Deutungen möglich? Dann bin ich diese Deutungen durchgegangen und habe festgestellt: Sie sind alle nicht stimmig! Man landet immer wieder bei der Frage: Was ist denn nun wirklich passiert? Historisch sicher können wir nur eines sagen: Es gibt die, wie ich das ausdrücke, „vermaledeite Lücke“.

Was verstehen Sie darunter?

Am Karfreitag waren die Jünger durch den Tod von Jesus zutiefst frustriert. Sie hatten alles auf eine Karte gesetzt, und diese Karte hatte sich als Lusche erwiesen. Ihr Herr und Meister, an den sie geglaubt haben, von dem sie gedacht haben, dass mit ihm eine strahlende Zukunft beginnt, ist einen grausamen Verbrechertod gestorben. Deshalb haben sie sich in ihr altes Leben verkrümelt. Sie hatten vor, im Grau der Geschichte zu verschwinden.

Und dann, drei Tage später, findet man die gleichen Jünger, wie sie positiv und todesmutig bezeugen, dass Jesus Christus lebt. Da muss man sich doch fragen: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Dabei bin ich immer wieder auf die Auferstehung gestoßen: Es muss etwas von Gott her passiert sein, denn alle anderen Erklärungsversuche tragen nicht, sie erweisen sich als reines Fantasieprodukt.

Welche Erklärungsversuche gibt es denn?

Die älteste Hypothese lautet: Die Jünger konnten sich mit dem Tod ihres Meisters nicht abfinden. Sie wollten den Behörden eins auswischen und gleichzeitig groß rauskommen. Deshalb sagten sie: Wir inszenieren eine Auferstehung! Wie macht man das? Indem man die Leiche klaut und versteckt. In der religiös aufgeheizten Stimmung der damaligen Zeit würde es bestimmt Leute geben, die dann an die Auferstehung glauben.

Das klingt erst mal ganz plausibel. Es macht aber gar keinen Sinn, weil die Jünger bereit sind, für die Überzeugung, dass Jesus lebt, in den Tod zu gehen. Für eine Lüge riskiert man nicht sein Leben! Es dauerte auch nicht lange, da gab es den ersten Toten unter den Christen: Stephanus ist gesteinigt worden wegen der Botschaft von der Auferstehung Jesu.

Welche anderen Erklärungen führen in eine Sackgasse?

Am leichtesten zu widerlegen ist die Scheintodhypothese: Jesus war gar nicht wirklich tot. In der Kühle des Grabes kam er wieder zu sich, rappelte sich auf und erschien dann seinen Freunden. Man übersieht dabei drei Fakten: 1. Jesus ist bereits vor der Kreuzigung halb tot geprügelt worden. Diese „Geißelung“ war so schlimm, dass viele Verurteilte sie nicht überlebten. 2. Jesus sind bei der Kreuzigung die Fersenknöchel zerstört worden. Danach rappelt man sich nicht wieder auf. 3. Man hat Jesus mit einem Speer von der Seite in die Herzkammer gestochen – um sicherzugehen, dass er wirklich tot ist. Denn über den Sabbat durfte man keine Leiche hängenlassen, und der begann um 18.00 Uhr. Bei diesem Speerstich sind getrennt Wasser und Blut herausgetreten. Das zeigt, dass der Tod vor mindestens einer Stunde eingetreten war. Aus diesen drei Fakten kann man sehen, dass die Scheintodhypothese reinste Fantasie ist.

Sie beziehen sich auf die Berichte in den Evangelien. Die wurden aber von Anhängern Jesu geschrieben, sind also nicht objektiv.

Alle Berichte aus dieser Zeit sind gefärbt. Aber keine andere Person ist so gut bezeugt wie Jesus Christus. Es gibt von ihm die meisten Handschriften – und viele von ihnen sind sehr früh entstanden. Die frühesten Zeugnisse, die wir über das Leben von Alexander dem Großen haben, sind erst 500 Jahre später aufgeschrieben worden. Und bei Cäsar sieht es nicht viel besser aus.

Die vielen Handschriften sind also ein sicherer Beweis, dass Jesus auferstanden ist?

Nein, man kann die Auferstehung Jesu natürlich nicht beweisen. Es ist ein göttliches Faktum, das sich unserer Beweisbarkeit entzieht. Aber es gibt vernünftige Hinweise dafür. Außerdem bezeugen nicht nur die Evangelien, dass Jesus auferstanden ist. Die interessanteste Schrift dazu stammt von einem ehemaligen Gegner von Jesus Christus, nämlich von dem Pharisäer Saulus, den wir auch als Paulus kennen. In seinem ersten Brief an die Korinther zitiert er ein altes Glaubensbekenntnis.

Im Kapitel 15, Vers 3 bis 8 steht, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, dass er begraben wurde und am dritten Tag auferstand. Und dass er von Kephas, den übrigen Jüngern und schließlich von mehr als 500 Nachfolgern gleichzeitig gesehen wurde, von denen die meisten heute noch leben. Es gab als dieser Brief verfasst wurde also noch viele Leute, die bezeugen konnten, dass sie eine Begegnung mit dem Auferstanden hatten. Paulus sagt, dass er mit diesem Glaubensbekenntnis weitergibt, was er selbst empfangen hat. Es ist damit das älteste Zeugnis von der Auferstehung.

Wann ist es entstanden?

Entweder wurde Paulus dieser Text bei seinem eigenen Taufunterricht weitergegeben, also bald nachdem er gläubig wurde. Das wäre etwa zwei Jahre nach der Auferstehung Jesu. Oder er hat ihn bei seinem ersten Besuch in Jerusalem empfangen, etwa drei Jahre später.

Interessant ist auch, dass Paulus von „Kephas“ spricht. Das ist die aramäische Form von Petrus. Also kommt dieses alte Glaubensbekenntnis noch ganz aus dem aramäischen Sprachraum, in dem das Christentum ursprünglich zu Hause war. Das zeigt auch das hohe Alter.

Es gibt also gute Gründe zu glauben, dass Jesus auferstanden ist. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Jesus wäre, wenn er nicht auferstanden wäre, als einer der vielen, die sich für den Messias hielten, aber gescheitert sind, im Nebel der Geschichte verschwunden. Alles, was wir sonst über Jesus zu sagen haben – seine Geburt im Stall, seine Predigten, seine Heilungswunder, seine Partys mit Zöllnern und anderen fragwürdigen Leuten – das alles wissen wir nur, weil durch die Auferstehung klar wird: Das ist der von Gott Gesandte. Er hat der Welt die Freundschaft mit Gott gebracht. Was er sagt und tut ist wichtig. Die Auferstehung ist sozusagen die Unterschrift Gottes unter dem Leben von Jesus.

Vielen Dank, Herr Garth, für dieses Gespräch!

Zurück zu den Wurzeln

Nathanael Ullmann

Thomas Sackmann (45) hat den Wald für sich entdeckt. Als zertifizierter Waldbademeister unternimmt er mit Interessierten Ausflüge in die Natur. Stets mit im Rucksack: der Glaube.

 

Ich muss gestehen: Als ich das erste Mal das Wort „Waldbaden“ gehört habe, dachte ich an Planschen im Weiher.

Tatsächlich denkt man bei dem Wort zuerst an Badehose und Bikini und ab in den Wald. Das ging mir auch so. Eigentlich ist es aber eine Übersetzung des japanischen Ausdrucks „Shinrin Yoku“.

Was genau passiert beim Waldbaden?

Es geht um ungezwungenes In-den-Wald-Gehen. Wenn Männer in die Natur gehen, dann geht es oft um Ziele, um Kondition, darum, Strecke zu machen. Waldbaden hat nur einen Sinn: zu entschleunigen, achtsam sich selber wahrzunehmen und in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen.

Was begeistert dich daran?

Ich bin durch eigene Erfahrungen auf das Waldbaden gekommen. 2016 hatte ich selber eine Krisenzeit. Ich war für 16 Wochen krankgeschrieben. In der Zeit war ich oft alleine im Wald unterwegs. Jedes Mal bin ich ruhiger und sortierter zurückgekommen. Aber es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass Waldbaden die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol verringert, die Krebsabwehr unterstützt, das Immunsystem stärkt und den Blutdruck senkt.

Um die Natur zu erleben, braucht es da wirklich einen Waldbademeister?

Sicher kann man auch alleine in den Wald gehen. Aber der moderne Mensch hat sich von der Natur entfremdet. Es gab jetzt eine Studie, dass die Millennials so gut wie nicht mehr draußen sind. Da kann man Hilfe geben.

In Videos zum Waldbaden sieht man Menschen, die an Blättern riechen und Bäume umarmen …

Das ist der Klassiker, den die Leute mich fragen: Muss ich jetzt Bäume umarmen? Das muss man nicht, aber man kann es machen. Eine Buche hat zum Beispiel eine ganz kalte Rinde, die Eiche ist warm. Und wenn wir an irgendetwas im Wald riechen, kommen vielleicht plötzlich Erinnerungen wieder.

Du willst das Waldbaden mit christlichen Inhalten füllen, richtig?

Richtig. Als Theologe möchte ich mir das Thema nicht von Esoterikern aus der Hand nehmen lassen. In der Natur gibt es ganz viele biblische Bezüge. Es gibt Geschichten in der Bibel, wo Gott den Menschen durch die Natur und in der Natur begegnet ist. Auch durch die Schöpfung kann ich Gott erfahren.

Wie beschreiben die Teilnehmer das Erlebnis?

Als ungewohnte Erfahrung. Bei allen ist spürbar, dass sie runterkommen. Anfangs sagen die Teilnehmer zum Beispiel, dass sie gestresst, traurig oder frustriert sind. Am Ende hat sich das ins Positive verkehrt, ohne dass man viel gemacht hat.

 

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Der verlorene Sohn

Nathanael Ullmann

Als Manager war Thomas Middelhoff ganz oben – speiste mit US-Präsidenten und Milliardären. Dann wurde er wegen Untreue und Steuerhinterziehung noch im Gerichtssaal verhaftet. In seinem Buch „Schuldig“ beschreibt er seinen Absturz und wie er zum Glauben zurückgefunden hat. Die Redaktion hat sich mit ihm getroffen – und ihn als ehrlich bereuenden Menschen erlebt.

Wenn Sie in den Spiegel schauen, was sehen Sie heute?

Middelhoff: Einen glücklichen Menschen.

Glücklich inwiefern?

Glücklich im Sinne von: im Gleichgewicht, hat seine Lebensideale gefunden und sich von Irrwegen befreit.

Was haben Sie noch vor fünf Jahren gesehen?

Einen gehetzten Menschen.

Sie haben ein neues Buch herausgebracht. Wie tief kann man da in Sie reinschauen?

Ich glaube, dass es kaum eine Nuance gibt, die da nicht offen zutage tritt. Vor allen Dingen in selbstkritischer Hinsicht. Sie finden da einen Menschen, der schonungslos offen mit den Gründen seines Scheiterns umgeht.

Was sich durch das Buch zieht, ist die Formulierung vom „Ich bin ich“-Prinzip. Wie sieht das idealtypisch aus?

Ich habe mich als Student als einen christlichen konservativen Menschen gesehen, der glücklich ist, wenn er andere Menschen glücklich macht. Und dieses „Ich bin ich“-Prinzip ist pervertiert im Laufe der Zeit, auch als Ergebnis meiner Karriere, zu einem „Ich bin wichtig“-Prinzip: „Ich bin wichtig, ich, Thomas Middelhoff.“

Sie haben als Manager alles erreicht, dann sind Sie gescheitert. Hat das etwas mit Ihrer Männlichkeit gemacht oder mit Ihrem Begriff von Männlichkeit?

Ich sag mal so: Als ich mir mein Scheitern eingestehen konnte, und dass ich selber dran schuld bin, habe ich mich sehr männlich gefühlt – weil ich finde, dass dazu viel Kraft gehört.

Heißt auf den Punkt gebracht: Scheitern ist männlich?

Scheitern macht stark. Stark können Frauen und Männer sein.

Wovon leben Sie heute? Sie sagen ja, Sie haben alles verloren.

Ich habe alles, was ich an Vermögen hatte, verloren. Was ich behalten habe, sind meine Pensionsansprüche. Die sind gepfändet bis auf das Existenzminimum, was laut Gesetz jedem Bürger dieser Gesellschaft zur Verfügung steht. Das bekomme ich und davon lebe ich.

Das heißt? Wovon muss ein Thomas Middelhoff heute so in Zahlen leben?

Können Sie nachlesen. Ich habe die Zahlen bisher nicht gesagt. Die können Sie in jeder Pfändungstabelle nachlesen. Sonst haben Sie die Schlagzeile „Er lebt jetzt genau von dem Betrag“.

In Ihrem Buch gehen Sie immer wieder darauf ein, dass Sie früher narzisstisch waren und es heute nicht mehr sind. Geht das tatsächlich von jetzt auf gleich, solche Charaktereigenschaften abzulegen?

Ich glaube, dass Charakter sich weiterentwickelt, auch bei einem Mann, der älter ist als 60 Jahre. Ich glaube nicht, dass man als narzisstischer Mensch geboren wird. Sondern ich glaube, dass ich durch die Rolle, die ich übernommen habe, einen Anspruch damit verbunden habe. Und daraus ist dann Arroganz und Narzissmus entstanden. Ich glaube, in der Phase, in der ich jetzt lebe, spielt Narzissmus gar keine Rolle mehr. Meine Reputation habe ich verloren, daraus kann ich keinen Narzissmus mehr entwickeln.

Das heißt, bei Ihnen besteht keine Gefahr mehr, in die alten Muster zurückzufallen?

Klar besteht noch die Gefahr. Sie haben ja ein gewisses Rollenverhalten, was konditioniert ist. Wenn mich jemand frech am Lufthansa-Schalter anspricht, dann kann’s passieren, dass das alte Rollenverhalten bei mir wiederkommt. Aber das merk ich auch sofort! Nach ein oder zwei Sätzen spricht schon innerlich eine Stimme, die sagt: „Das bist du doch gar nicht mehr, Thomas!“

Ihre Arbeit für eine der Behindertenwerkstätten von Bethel während Ihrer Haftstrafe war für Sie ein einschneidendes Erlebnis, da fand ein Paradigmenwechsel statt.

Ja. In Bethel habe ich zu mir selber gefunden und auch zu der Erkenntnis, was falsch ist an mir. Dass ich meine, alles muss sich um mich drehen. Die Menschen dort sind von Geburt an oder durch einen Eingriff in ihrem Leben fundamental benachteiligt. Wenn man mal gesehen hat, wie sie trotzdem in Glück leben und auch noch menschliche Wärme geben können, dann relativiert das alles sehr stark.

Gibt es da vielleicht eine Beispielszene, die Sie beschreiben können?

Ja, die erste Beispielszene war schon am ersten Arbeitstag. Die dort tätigen Behinderten kamen ganz offen auf mich zu. Jeder hatte seine besondere Form der Benachteiligung, die aber gar keine Rolle spielte. Sie haben mich mit offenen Armen aufgenommen. Ich war kein Fremdkörper, ich war sofort integriert, und das hat mich sehr berührt.

Heute arbeiten Sie, soweit ich weiß, nicht mehr in Bethel, nicht wahr?

Nein.

Auch nicht mehr ehrenamtlich?

Auch nicht ehrenamtlich. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, weiter in Bethel engagiert zu sein, aber dann habe ich meinen Wohnort nach Hamburg verlagert und bin zum Bücherschreiben gekommen.

Könnten Sie es sich denn noch mal vorstellen – vielleicht in Hamburg – in einer anderen Behindertenwerkstatt?

Klar!

Sind Sie sowas wie der moderne verlorene Sohn? Verloren und wiedergefunden?

(lacht) Das ist eine gute Frage! Ich glaube, ein Kollege von Ihnen hat mich mal gefragt: „Vom Saulus zum Paulus?“ Ja, in gewisser Weise kann man das so sehen. Jedenfalls, was die christlichen Wertgrundlagen meines Lebens anbetrifft. Ich war auch vorher Christ, ich habe sogar bei Geschäftsessen gebetet. Aber das war ein rein formaler Prozess, wie ihn ein Katholik eben beigebracht bekommt in seiner Jugend. Heute besteht das Beten bei mir aus einem tiefen Bedürfnis, mich mit Gott auszutauschen. Eigentlich gefällt mir der Begriff des verlorenen Sohns besser als Saulus/Paulus, weil Saulus ja nicht vorher der Sohn war, der schon mit Werten gesegnet oder erzogen war. Und das war bei mir eigentlich der Fall.

Wie schauen Sie heute auf mächtige Menschen?

Ich glaube, dass ich mit sehr viel größerer Distanz auf diese Personen schaue, als es vielleicht ein normaler Bürger tut. Und zwar, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie verführerisch Macht sein kann und der damit verbundene, vielleicht auch unwissentliche Machtmissbrauch. Ich glaube, ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viele Menschen verletzt, ohne dass ich das wollte. Es war ja nicht so, dass ich wie Django durch die Landschaft gestapft bin und gesagt habe: „Heute muss ich 20 verletzen.“ Aber wahrscheinlich habe ich es getan. Ich würde mir einen Mechanismus wünschen, der mächtige Personen mit einem Korrektiv ausstattet. Das Korrektiv reflektiert, wann Macht missbraucht wird oder die Stufe der Arroganz und Selbstüberhöhung erreicht ist.

Wenn Sie jetzt eine Aufzugfahrt Zeit hätten: Wie würden Sie Ihren Glauben beschreiben?

Mein Glaube ist der festen Überzeugung, dass Gott existent ist, dass Jesus uns durch seinen Tod befreit hat und dass der Heilige Geist uns mit all dem ausstattet oder ausstatten kann, was uns zu wertvollen Menschen macht.

Inwiefern hat Ihnen das Gefängnis geholfen, diesen Glauben neu oder wieder stärker zu entdecken?

Im Gefängnis ist es sehr naheliegend, dass man nach irgendetwas greift, was einem helfen kann. Und bei mir war es ganz einfach so, dass ich danach gegriffen habe: „Was will Gott mir hier eigentlich beibringen? Ich bin doch hier nicht aus Zufall. Wie kann ich Ruhe finden in meinen Gedanken und wie kann ich meine Panik, meinen Schock irgendwie unter Kontrolle bringen?“ Da war der erste Schritt der Besuch der sonntäglichen Messe. Freitagabend bin ich im Gefängnis eingerückt worden und Sonntag konnte ich in die Kirche gehen. Das war für mich ein unglaublich wichtiger Schritt. Und am Montag habe ich, glaube ich, schon beantragt, dass ich die Bibel in die Zelle bekomme, weil ich ganz einfach ein Bedürfnis danach hatte. Ich habe dann angefangen, morgens um fünf/halb sechs in der Bibel zu lesen. Das hat mich mehr und mehr innerlich ruhig werden lassen trotz aller Herausforderungen, die da waren.

Gibt’s irgendeine Bibelstelle, die Ihnen noch bewusst ist aus dieser Zeit?

Für mich war die zentrale Stelle, als ich dann bei Hiob angekommen war und las: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“

Vielen lieben Dank!

 

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Gott kann mit unseren Zweifeln umgehen

Erika Weiss im Gespräch mit Elke Werner über die Jahreslosung 2020

Jahreslosungen sind oft trostreiche Zusprüche oder konkrete Aufforderungen. Bei der Jahreslosung 2020 ist das anders. Was war Ihre spontane Reaktion, als Sie die Jahreslosung zum ersten Mal hörten?

Ich war zuerst total überrascht! In dem Satz sind Aussage und Bitte enthalten. „Ich glaube“ – das ist die Aussage und „hilf meinem Unglauben“ – das spricht ja von dem Gegenteil. Dieser Zwiespalt ist sehr interessant. Der erklärt sich eigentlich nur durch die Geschichte, aus der die Jahreslosung stammt.

Was genau hat Sie da angesprochen?

Dazu muss man sich die Rahmengeschichte näher anschauen. Der Vater, dessen Sohn von einem Dämon besessen ist, geht voller Hoffnung zu Jesus. Doch der ist nicht da, er ist auf dem Berg der Verklärung. Die Jünger versuchen alles, was sie von Jesus gelernt haben – nichts funktioniert. Die Jünger beten und nichts passiert. Da wächst natürlich der Zweifel bei allen, ob Jesus wirklich helfen kann. Trotzdem geht der Vater auf Jesus zu und bittet um Hilfe. Somit knüpft er wieder an seinen Glauben an, auch wenn sein Unglaube durch den Frust gewachsen ist. Diese Spannung hat mich total angesprochen.

Wie erging es Ihnen, darüber ein Buch zu schreiben?

Ich persönlich bin keine Zweiflerin. Ich gehe fröhlich im Glauben auf Dinge zu. Wie geht es Menschen, die zweifeln?

Ich arbeite seit Jahren in der Seelsorge und sprach mit zweifelnden Menschen. In diese Empfindungen musste ich mich erstmal einfühlen. Ich las viele Geschichten in der Bibel über Menschen, die auch zweifelten. Da merkte ich, Zweifel gehören zum Glauben dazu. Es ist sogar ein Zeichen von Glauben, wenn man diese Spannung aushält: Ich glaube und trotzdem gibt es da noch Zweifel und Unglauben in meinem Leben.

Um den Vers richtig zu verstehen, müsste man ja zunächst klären, was „glauben“ heißt …

Das Wort „glauben“ wird bei uns im Deutschen sehr unterschiedlich genutzt. Wir sagen zum Beispiel: „Ich glaube, dass es morgen regnet.“ Oder in der Zeit der Abitur-Prüfungen habe ich gesehen, dass Eltern auf große Plakate schreiben „Wir glauben an dich!“, um die Abiturienten zu ermutigen. Das ist ein anderer Glaube als der an Gott.

Das griechische Wort pistis bedeutet „Vertrauen und Treue“ und hat nochmal eine andere Bedeutung als das lateinische Wort credo, welches „Herz schenken“ bedeutet. In verschiedenen Sprachen sucht man nach Möglichkeiten, das Phänomen „Ich mache mich bei Gott fest“ auszudrücken. Das hebräische Wort aman bedeutet „sich fest gründen“. Diese drei Arten, das Wort zu übersetzen, zeigen, welche Spannbreite da drin liegt.

Mögen Sie einen dieser drei Begriffe besonders gerne?

Der Begriff credo hat mich besonders angesprochen: Ich schenke Gott mein Herz. Ich möchte mein Leben, mein Innerstes Gott anvertrauen und sehe, ich brauche ein neues, lebendiges Herz, in dem Gott zu Hause ist. Mein persönlicher Glaube stützt sich auch viel auf Fakten und Tatsachen, z. B. archäologische Funde. Der Begriff pistis gefällt mir auch sehr. Kann ich in bestimmten Lebenssituationen Gott vertrauen, gerade wenn es hart wird; halte ich fest? Oder gehe ich eigene Wege? Der Glaube hat verschiedene Gesichter und Phasen in meinem Leben: Mal stehe ich auf festem Grund und habe das Gefühl, mein Herz ist ganz nah bei Gott. Und mal ist es ganz weit weg. Ich möchte mich auf die verschiedenen Phasen einlassen, dabei an Gott festhalten und ihm vertrauen, denn er ist an der Beziehung zu mir interessiert und hält an mir fest.

Unglaube entsteht ja auch, wenn wir uns zu viele Gedanken machen: ständig hinterfragen und zweifeln …

Ich glaube, es ist gar nicht schlecht zu hinterfragen. Im Gegenteil: Die Gefahr für den Glauben ist eher, wenn wir alles für wahr halten. Dieses Fragen und Hinterfragen zeigt, dass ich mehr wissen und erkennen will, dass ich tiefer gehen möchte. Wir brauchen einen begründeten und keinen übernommenen Glauben. Das heißt, Forschen und Dranbleiben gehört für mich zum Glauben dazu. Denn so kann ich noch mehr von Christus erkennen.

Wie können wir konstruktiv mit unserem Unglauben bzw. unseren Zweifeln umgehen?

Wir können es so wie der Vater in der biblischen Geschichte machen: Zu Jesus gehen, trotz unseres Unglaubens, und ihn um Hilfe bitten. Mit ihm über unsere Zweifel sprechen, damit kann er umgehen. Schon in den Psalmen lesen wir, wie ehrlich Menschen beteten. Im Zweifeln und auch Verzweifeln haben sie alles an Gott gerichtet und erlebten, dass Gott antwortet und da ist. So wie es in Hebräer 10,35 heißt: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“

Sie bringen in Ihrem Buch viele Beispiele über Glaubenshelden, die durch schwere Zeiten gehen mussten. Wer ist ihr Glaubensvorbild?

Ganz viele Menschen. Ich liebe Biographien über Frauen. All diese Menschen gingen durch schwere Zeiten, da ist keiner dabei, der nur von strahlendem Sonnenschein umgeben war. Ich sage manchmal: „Nur beladene Schiffe haben Tiefgang“. Das ist ein Spruch, der sich in meinem Leben bewahrheitet hat. Da wo Gott uns Lasten auflegt, wird auch unser Tiefgang im Glauben gefördert. Der Glaube an den lebendigen Gott braucht diesen Tiefgang. Bei vielen Menschen sehe ich, dass sie gerade durch diese schweren Zeiten gereift und im Glauben gewachsen sind.

Wir brauchen ein festes Fundament, um zu glauben. Was gibt Ihnen Halt im Leben?

Jesu Tod und Auferstehung sind mein Fundament. Ich weiß, meine Schuld ist vergeben. Gott nimmt mich an und liebt mich, auch wenn es mir manchmal schwerfällt, mich selber zu lieben. Zu ihm kann ich kommen, so wie ich bin.

Als ich schwer an Krebs erkrankte, konnte ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen oder verreisen. Ich konnte gar nicht mehr tun. Aber ich habe erlebt, dass Gott da war. Ich spürte seinen Trost. Gott ist allezeit bei mir: Das ist mein Fundament.

Wie haben Sie Gott in Krisen erlebt?

Ich habe ihn nicht so emotional erlebt mit einem Kribbeln im Bauch oder einem Gefühl, sondern als eine Kraftquelle. Eine Quelle, die mir innerlich Kraft gegeben hat. Sobald ich zu Gott schrie, auch manchmal voller Panik, wenn die nächste Chemo anstand oder ich Angst vor dem Tod hatte, durfte ich Gott als Kraftquelle erleben. Ich merkte, wie ich innerlich ruhig und getröstet wurde. Ich konnte wieder durchatmen. Ich persönlich darf erleben, wann immer ich zu Gott rufe: Er ist da.

Wie läuft der Prozess von Unglauben zu Glauben ab, geschieht es nacheinander oder nebeneinander?

Ich glaube, dass es um eine Umorientierung im Glauben geht: Wohin lenke ich meine Aufmerksamkeit, wenn es um den Sinn im Leben geht? Danach suchen wir alle. Ob wir ihn in Menschen oder Religionen suchen, diese Suche beschäftigt alle Menschen. Die Frage ist nur: Wie lenke ich meinen Glauben hin zum lebendigen Gott? Und dazu brauche ich die Bibel, wo Gott sich zeigt. Der Schritt vom Glauben an irgendetwas hin zum Glauben an den lebendigen Gott beginnt damit, dass ich ihn kennenlernen will und das kann ich, wenn ich die Bibel lese.

Was würden Sie jemandem raten, dem es schwerfällt zu glauben?

Ich würde ihm raten, im Kontakt mit anderen Christen zu sein. Menschen sind in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens an unterschiedlichen Punkten mit Gott unterwegs. Wenn ich dann miterlebe, wie sie Gott erleben, kann ich mich davon ermutigen lassen. Denn wenn die das erleben, dann kann und will ich das auch erleben.

Auch die Jünger zweifelten und waren nicht von Anfang an die Glaubenshelden. Aber trotzdem hielten sie an Jesus fest. Daraus können wir lernen: Wir sollten bei Jesus bleiben, auch wenn wir vielleicht nicht selber großartige Erfahrungen gemacht haben. Bei Jesus bleiben, das heißt auch, bei seinen Leuten bleiben. Denn bei und in denen lebt Jesus.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

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Das Bibel Projekt

Liesa Dieckhoff

Neuer Zugang zu alten Schätzen

Ist die Bibel in gedruckter Form noch zeitgemäße Verkündigung? Müsste jetzt nicht alles digital werden? Nein, meint Philipp Kruse. Er hat mit dem Bibel Projekt eine Kombination aus digitalen und analogen Inhalten nach Deutschland gebracht. Animierte Videos und übersichtliche Poster sollen das Buch der Bücher neu anschlussfähig machen.

Philipp, wie bist du mit dem Bibel Projekt in Kontakt gekommen?

Als Jugendpastor habe ich nach einem Tool gesucht, um meine Jugendlichen besser mit biblischen Inhalten zu schulen. Vor drei Jahren bin ich dann in Amerika während einer Schulung auf das original amerikanische Bibelprojekt gestoßen. Und da dachte ich, das ist so cool, das muss es auch in Deutschland geben.

Und dann habt ihr die Videos einfach aus dem Englischen übersetzen lassen?b

Das amerikanische Projekt war damals noch gar nicht so groß, aber schon am Durchstarten. Als ich nachgehört habe, ob sie sich sowas vorstellen könnten, meinten sie: Mach einfach mal, du bist der erste, der gefragt hat. Mittlerweile haben sie Anfragen aus der ganzen Welt.

Warum ist das Interesse auf einmal so groß?

Ich glaube, gerade Jugendlichen fällt es oft schwer, die Zusammenhänge der Bibel zu verstehen. Für viele sind das einfach Geschichten, die aneinandergereiht sind. Aber das große Ganze zu sehen, die eine Geschichte, die Gott mit uns Menschen schreibt und darin seinen Platz zu finden, ist eine echte Herausforderung. Genau dort wollen wir ansetzen und aufzeigen: Wie hängt das Alles zusammen? Was ist der rote Faden der Bibel? Und was hat das mit meinem Leben zu tun?

Trotz dieser großen Perspektive kommt man um konkrete Auslegungen nicht herum. Wer legt die theologische Deutung der Videos fest?

Das große theologische Konzept kommt von Tim Becky. Er war Professor für Theologie in Portland, Oregon. Den Videos liegt eine Mischung aus evangelikaler und reformierter Theologie zugrunde – und das unterstützen wir von Herzen. Die Freiheit, Kleinigkeiten zu ändern, haben wir natürlich. Zum Beispiel müssen wir sprachlich oft Anpassungen vornehmen. Aber das große Konzept brechen wir nicht auf.

Wieso ist euch dieses Medium ein besonderes Anliegen?

Ich glaube, weil es digital und analog nicht gegeneinander ausspielt, sondern auf eine coole Art und Weise miteinander verbindet. Ich werde oft zu Diskussionen eingeladen und gefragt: Muss jetzt alles digital werden? Liegt die Zukunft in digitaler Jugendarbeit? Aber ich glaube nicht, dass die Frage nach analog oder digital entscheidend ist, sondern ob es ästhetisch schön ist, ob es sinnvoll und gut gemacht ist und ob es eine gewisse Tiefe hat. Sinnvoll ist oft eine Kombination aus beidem. Ein gutes Beispiel dafür sind die Micro-Influencer, die es gerade im Bereich Bible-Lettering gibt. Die verkaufen auch alle ihre Karten und Poster, Tagebücher und T-Shirts und generieren damit eine beeindruckende Reichweite.

Wie können Gemeinden oder Privatpersonen die Videos für sich nutzen?

Vor allem Hauskreise nutzen unser Material, bestellen sich die Poster und diskutieren darüber. Seit ein paar Monaten läuft auch das Zusatzmaterial an. Damit wird das Bibel Projekt runtergebrochen in die einzelnen Facetten von theologischer Ausbildung, Jugendarbeit, Religionsunterricht, und so weiter. Es soll zum Beispiel noch eine Toolbox für Jugendarbeit entstehen, so eine Art Schuhkarton, wo Gruppenstunden-Entwürfe zu unseren Videos drin sind. Wir wissen auch, dass viele Studierende mit unserem Material lernen – zum Teil sogar von Dozierenden, die es im Unterricht einsetzten.

Und ihr finanziert die Übersetzungen über Spenden?

Genau, wir geben alles kostenlos raus und finanzieren uns allein über Spenden. Wir haben vor, bis Januar die Read-Scripture-Serie zu beenden. Aber natürlich ist deshalb das Bibelprojekt nicht zu Ende! Es gibt mittlerweile schon acht Serien und es kommen noch mehr. Wir haben Material für die nächsten fünf Jahre.

Und wie priorisiert ihr dann, was ihr als nächstes herausgebt?

Die Landeskirche Württemberg ist vor eineinhalb Jahren als Partner bei uns eingestiegen. Gemeinsam haben wir eine Prioritätenliste erstellt: Welche Bücher sollten wir zügig vorliegen haben, weil sie am meisten gelesen und gebraucht werden? Das sind zum Beispiel die Evangelien, alle Paulusbriefe oder die kleinen Propheten.

Wie viel Aufwand investiert ihr in ein Video?

Wir brauchen mindestens vierzehn Tage für ein Video, und das mit sieben Hauptamtlichen. Das war auch die Herausforderung: Den Prozess so zu optimieren, dass wir relativ schnell sind. Aber dafür braucht es eben mehrere Menschen, die das beruflich machen und das Know-how mitbringen. Die Animationen sind komplex und sehr zeitintensiv.

Lohnt sich der Aufwand?

Absolut. Wir sind anfangs fast überrannt worden und konnten die Anfragen zeitweise kaum kanalisieren. Manchmal haben wir schon ein schlechtes Gewissen, weil wir so schnell gar nicht auf alles reagieren können.

Welche Kanäle für digitale Bibelvermittlung wollt ihr künftig noch nutzen?

Zukunftsmusik ist definitiv Virtual Reality. Das heißt, du gehst zum Beispiel mit einer VR-Brille durch den Tempel in Jerusalem und bekommst alles erklärt. Da sind die Amerikaner schon dran. Wir müssen dann sehen, wie wir das nach Deutschland holen können. Hierzulande fehlt oft das Verständnis für den erhöhten Kostenaufwand solcher Technologien.

Gibt es auch kritische Stimmen auf Grund des Mediums?

Es gibt auch Leute, die meinen, wir würden durch unsere Videos Leute vom klassischen Bibellesen ablenken. Aber wir wollen das Bibellesen ja nicht ersetzen, sondern vielmehr ergänzen. Wir wollen die Bibel wieder anschlussfähig für die junge Generation machen, die sich häufig schwertut, einen Einstieg zu finden. Wir wollen Tür und Tor öffnen und damit das Bibellesen aktiv fördern.

Habt ihr auch erlebt, dass Leute über eure Videos zurück zur Buchversion gefunden haben?

Absolut. Viele bedanken sich bei uns. Sie hätten endlich etwas verstanden und dadurch wieder mehr Freude am Bibellesen.

 

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„Einheit – das ist für mich eine der größten Fragen“

Christof Klenk

Der Gemeindeberater Dr. Stefan Vatter erzählt im Interview, weshalb die Kleingruppenarbeit der Zukunft offene Strukturen braucht, was sich Menschen von Gemeinde erhoffen und warum er viele Gottesdienste für langweilig halt

Was bedeutet es für dich, wenn Paulus sagt, die Gemeinde sei ein Leib Christi? Wie sind Gemeinden gestrickt, in denen das ge- lebt wird?

Ich finde das meiste, was zum Thema „Einheit“ gesagt wird, nicht befriedigend. In Gemeinden wird viel über Einheit gesprochen, es gibt ein starkes Bestreben sowohl innerhalb einer Gemeinde als auch unter Gemeinden. Der Wunsch entspricht ja dem Wort von Jesus, dass wir eins sein sollen. Zugleich ist es für mich eine der größten Fragen in einzelnen Gemeinden, zwischen den Gemeinden, unter den Konfessionen. Ich glaube nicht, dass die säkulare Welt hier von uns etwas lernen kann. Das soll uns demütig machen. Sie kann vielleicht von uns lernen, wie groß die Gnade Gottes ist, trotz unserer exorbitanten Uneinheit.

 

Woran machst du das fest? Was führt am häufigsten zum Scheitern der Einheit?

In unseren Gemeinden tun wir gut daran, die Dimension der Demut neu zu erfassen. In Epheser 5 ist das so formuliert:

„Seid einander untertan in der Furcht Christi.“ Interessant ist, dass es hier nicht heißt „in der Liebe Christi“, was man heute eigentlich erwarten würde, weil die Liebe ja als Allzweckwaffe gilt. Das ist sie aber nicht. Hier steht nicht „in der Liebe Christi“, weil das nicht funktioniert, sondern „in der Furcht Christi“. Ich glaube, dass darin ein großes Geheimnis liegt. Wenn wir uns selbst zurücknehmen, weil wir Gott respektieren und achten, kann er Großes unter uns bewirken. Wenn unsere Kultur davon geprägt ist, ist das ein Nährboden für Einheit, für eine Einheit, die Substanz hat und auch von der Außenwelt wahrgenommen wird.

 

Du hast gesagt, Liebe als Allzweckwaffe funktioniert nicht. Kannst du noch was dazu sagen?

Wir hatten vor etwa 500 Jahren eine starke Einseitigkeit im Gottesbild: Gott als der Souveräne, Heilige, der Richter, der über alles schaut. Ein Gott, vor dem man Angst haben muss. Heute haben wir genau das Gegenteil, ein Gottesbild, das davon ausgeht, dass Gott die Liebe ist – und damit ist scheinbar alles über Gott gesagt. Doch das stimmt nicht. Erstens: Jesus hat nie explizit gesagt: Gott ist die Liebe. In keinem Evangelium ist der Satz überliefert. Das muss uns nachdenklich stimmen. Natürlich hat Jesus Gott als den liebenden Vater im Himmel offenbart, aber eben nicht nur das. Zweitens: Der Heilige Geist heißt so, weil mit „heilig“ sein Wesen beschrieben wird. Nach den heute gängigen Vorstellungen müsste er eigentlich der „liebende Geist“ heißen. Und ein Drittes: In Offenbarung 4,8 wird beschrieben, dass wir in der Gegenwart Gottes vor ihm niederfallen werden und etwas zum Ausdruck bringen, was uns ergreift. Wir werden rufen: „Heilig, heilig, heilig.“ Dazu kommt, dass das Wort „Liebe“ inflationär verwendet wird. Liebe kommt vom mittelhochdeutschen lib, und lib heißt: was mir angenehm ist. Das ist nicht gerade sehr aussagekräftig, wir wissen, dass es im Griechischen schon viel differenzierter ist: agape, eros und philia.

 

Für viele Christen sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen kaum noch nachvollziehbar. Sie suchen vorallem eine Gemeinde, in der sie sich wohlfühlen.

Ich glaube, es geht nicht ums Wohlfühlen. Es geht darum, existenziell abgeholt zu werden. Man spürt, dass man etwas bekommt, was man für sein Leben dringend benötigt. Drei Ebenen: Im Lobpreis und in der Anbetung begegnen wir Gott. Ich habe die Möglichkeit, Gott meine Liebe zum Ausdruck zu bringen. Das berührt meine Seele im Tiefsten, ist Nahrung für die Seele. In der Wortverkündigung erhalte ich Impulse für mein Leben und Inspiration. Das übt eine Faszination aus. Die dritte Dimension ist Gemeinschaft. Echte Freundschaften zu Menschen, mit denen ich zusammen meinen Glauben teilen kann. Das hat eine hohe Zugkraft! Ich nehme bei allen Generationen wahr, aber besonders bei den Jüngeren, dass genau danach gesucht wird: Wo finde ich Inspirationen für mein Leben, wo finde ich Qualitätsbeziehungen und wo finde ich etwas, was emotional berührt? Das zeichnet gute Gottesdienste aus, diese drei Dimensionen …

 

Inwieweit hat es mit mir selbst zu tun, ob ich diese Dinge in meiner Gemeinde erlebe?

Ich kann nicht erwarten, dass ich in den zwei Stunden am Sonntagvormittag von einem tiefgefrorenen Zustand in einen Zustand der Wärme geführt werde. Wenn ich mit Freude in meinem Glauben lebe, werde ich ganz anders in den Gottesdienst kommen. Gerade bei jungen Menschen kann man das oft beobachten, wenn im Gottesdienst der Lobpreis anfängt, dann brauchen sie wenige Sekunden, dann sind sie im Lob- preis. Sie brauchen keine großen Anlaufzeiten, und das spricht dafür, dass hier Menschen zusammenkommen, die auch unter der Woche Gott loben und preisen. Wichtig ist, mit welcher inneren Haltung ich komme: „Mal schauen, wer mich heute segnen wird“ oder „Durch wen will Gott mich segnen?“ oder „Wie wird Gott mich gebrauchen, dass ich andere segnen kann?“. Wer bereit ist, andere zu segnen, wird gesegnet werden. Wer nur kommt, um zu empfangen, geht oft leer aus.

 

Für manche Christen ist ihre Gemeinde vor allem eine Zumutung. Sie bringen sich ein, erleben aber Entäuschungen, Begrenzungen und Grabenkämpfe.

Ich glaube, dass hier dem fünffältigen Dienst nach Epheser 4,11 (mehr dazu in Einheit 6) eine große Bedeutung zukommt. Wenn in einer Gemeinde Hirten, Propheten, Evangelisten, Lehrer und Apostel gegenwärtig sind, dann werden wir viel mehr Menschen abholen. Wenn ich evangelistisch aktiv sein möchte und dafür in der Gemeinde keinen Raum finde, weil sie von einem Hirten dominiert wird, dann werde ich unzufrieden sein. Das ist keine gute Voraussetzung für eine Gemeinde. Deshalb glaube ich, dass es eine große Hilfe ist, sich darüber Gedanken zu machen: Wie können wir den unterschiedlichen Begabungen und Potenzialen gerecht werden?

 

Man hört immer wieder, dass Menschen so sehr unter ihrer Gemeinde leiden, dass sie daran kaputgehen. Wo ist die Grenze zwischen einer unperfekten Gemeinde – das sind ja alle– und einer missbräuchlichen?

Die Aussage, dass eine Gemeinde Menschen kaputtmacht, kenne ich von jeder größeren Gemeinde, die ein bisschen bekannt ist. Es gibt auch keinen geistlichen Leiter, der etwas Profil hat, über den das nicht auch irgendwann und irgendwo mal gesagt worden ist. Also, wie unterscheiden wir hier? Zum einen gibt es Projektionen oder sonstige Unzufriedenheiten, zum anderen gibt es auch Leute, die tatsächlich Missbrauch erleben. Ich glaube, dass geistlicher Missbrauch von Leitern dadurch kenntlich wird, dass mehrere voneinander unabhängige Personen das bestätigen. Nach dem biblischen Prinzip: Wenn zwei oder drei eine Komplikation bei einem Leiter feststellen, dann ist die Gemeindeleitung verpflichtet, dem nachzugehen. Oder auch die Leitung einer Freikirche oder Landeskirche.

 

Christian A. Schwarz hat vor einigen Jahren eine Veränderung in der Gemeindeteilnahme festgestellt. Er nennt das „participation shift“. Dass Leute sich zwar einer Gemeinde zugehörig fühlen, aber lange nicht mehr so oft zum Gotesdienst kommen. Machst du diese Beobachtung auch?

Es ist nach wie vor so, dass Menschen nach Heimat suchen, nach Identität, nach Geborgenheit, nach Beziehungen. Wenn Menschen wahrnehmen, dass sie gewollt sind, dass sie Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung haben, dass sie echte Freundschaften finden, dann bin ich überzeugt, dass sie in solchen Gruppen  und Veranstaltungen sein wollen. Es gibt viele soziologische Untersuchungen, die genau in die Richtung gehen. Nur: Unsere Gottesdienste sind einfach oft sehr langweilig. Sie sind Gefäße theoretisch richtiger Verkündigung, aber nicht lebensnah und auch nicht vollmächtig im Sinne von: Was kann ich denn damit machen? Es fehlt auch ein Raum, wo man nach dem Gottesdienst zusammenkommen und Gemeinschaft haben kann. Was nach dem Gottesdienst passiert, ist mindestens so entscheidend wie das, was im Gottesdienst passiert. Man sieht an den neuen Bewegungen, also ICF, Hillsong, Ecclesia und wie sie alle heißen, dass hier keine Bindungskraft verloren gegangen ist. Da passiert genau das Gegenteil. Die jungen Leute sind mit ganzer Kraft dabei und voll motiviert. Dass man dableibt, weil sich das so gehört und es schon immer so war, das gibt es kaum noch. Das ist in allen Generationen wahrnehmbar.

 

Inspiration für mein Leben, emotional berührt werden, Gemeinschaft erleben – wie kommen bei den drei Dimensionen, die du benannt hast, die Hauskreise und Kleingruppen ins Spiel?

Ich glaube, dass Gefäße für persönliche Beziehungen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes berühren können, das dürfen wir nicht unterschätzen. Sich umarmen, sich sehen, sich wahrnehmen, sich riechen – das macht was mit uns Menschen. Gruppen, in denen ich Heimat, Freundschaft und Wärme erleben kann, sind absolut zeitgemäß. Durch die Begegnung mit dem „Du“ komme ich zum „Ich“. Da sind wir einem Geheimnis auf der Spur. Das hat Gott in uns angelegt.

 

Was ist das Modell der Zukunft aus deiner Sicht?

In meiner Gemeinde hatten wir nur sehr wenig Hauskreise und Kleingruppen, deshalb habe ich vor zwanzig Jahren intensiv darauf hingearbeitet, dass wir eine gute Struktur für die persönlichen kleinen Beziehungsgeflechte aufbauen. Zum Schluss hatten wir 60 Hauskreisleitende und Co-Leitende. Das war damals gut, aber heute muss man die Kleingruppenarbeit sehr flexibel gestalten. Da muss man Raum für ganz unterschiedliche Gruppen schaffen.

 

Könntest du ein paar Beispiele nennen?

Da kann es eine Gruppe für Selbstständige geben oder einen Alphakurs am Arbeitsplatz, wo man in der Mittagspause mit anderen Kollegen fünfzehn Minuten zusammenkommt. Organisches, das aus dem Leben kommt, hat Zukunft. Ein Extratermin am Abend, bei dem ich Leute treffen soll, mit denen ich sonst nicht zusammen bin – das ist Vergangenheit. Das wird es immer schwerer haben. Organisch wäre auch, die Familie neu als Kleingruppe zu entdecken. Zum Beispiel hatten wir in unserer Gemeinde den Impuls: Feiert doch zu Ostern gemeinsam als Familie Abendmahl! Unsere Kinder waren da, es war schönes Wetter, wir saßen zusammen auf der Terrasse, haben ein Gesellschaftsspiel gespielt und dann gemeinsam das Abendmahl gefeiert. Das war einfach und tief, weil alles sehr organisch daherkam. Wir sind sowieso zusammen, es ist alles da, alles vorbereitet, wir haben gemeinsam gebetet: alles kein großer Aufwand. Das hat Potenzial, dass wir das, was wir sowieso machen, mehr nutzen, um geistlich voneinander zu partizipieren. Entscheidend ist, dass wir Jesus in den Mittelpunkt stellen.

 

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Den Nächsten im Blick

Nathanael Ullmann

Hans-Martin Wiedemann strotzt nur so vor Energie. Das ist vor allem verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele ehrenamtliche Projekte der 60-Jährige neben seinem Beruf noch meistert.

Hans-Martin Wiedemann ist ein ehrenamtlicher Tausendsassa. Er sitzt im Gemeinderat seiner Kirche, engagiert sich bei der Kolpingfamilie und hilft bei der Caritas. Aber auch außerhalb der kirchlichen Strukturen endet sein Engagement nicht. Im Flüchtlingsnetzwerk ist er ebenfalls voll mit dabei. „Ich kann das nicht haben, wenn Menschen auf der Straße leben oder keinen Zugang zu Bildung haben“, so der Bochumer. Früher habe er bis zu 16 Stunden täglich als Werkzeugvertriebler gearbeitet. „Dann habe ich mir gedacht: Das kann es nicht sein.“ Wiedemann fuhr seine Stundenzahl zurück und engagiert sich seitdem verstärkt ehrenamtlich. Das sei zwar nicht bezahlt, gebe ihm aber ganz viel zurück.

Kleiderkammer fehlte

Auf die Flüchtlingsarbeit ist er durch das Bibelteilen (gemeinsames Bibellesen) gekommen. Zusammen hatte das Team überlegt, wo ihre Hilfe am ehesten gebraucht wird. Schnell war klar: Im Bochumer Stadtteil Langendreer fehlte es an einer Kleiderkammer. „Wir haben dienstags Bibel geteilt und den Sonntag darauf die Kleiderkammer eingerichtet“, erinnert sich der Ehrenamtliche.

Mittlerweile sind die meisten Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht, die Kleiderkammer ist überflüssig geworden. Für Wiedemann endet die Arbeit damit nicht. Nach wie vor ist er im koordinativen Bereich der Flüchtlingsarbeit tätig. Der zweifache Vater ist in unterschiedlichen Vereinen im Stadtteil unterwegs. Für jeden Belang weiß er den richtigen Ansprechpartner. Aber auch den persönlichen Kontakt zu den Geflüchteten unterhält er noch: „Die sind mir ans Herz gewachsen.“

Vorbild Adolph Kolping

Motiviert wird Hans-Martin Wiedemann durch sein großes Vorbild: Adolph Kolping. „Für ihn hat Kirche eine wichtige Rolle gespielt. Aber vor allem sein soziales Engagement für die Menschen, die keine Fürsprecher haben, inspiriert mich“, erzählt er begeistert. Zusätzlich dazu stärkt seine Frau ihm den Rücken: „Wenn ich meine Frau nicht hätte, könnte ich viele Projekte, die mir wichtig sind, so nicht umsetzen.“

Und wenn dann doch mal die Motivation schwindet? „Dann gucke ich abends noch mal aufs Kreuz oder morgens beim Guten-Morgen-Gebet, dann geht das.“ Besonders, wenn Wiedemann die Früchte seiner Arbeit sieht, findet er neue Energie. Vor einiger Zeit hat sich der Ehrenamtliche dafür stark gemacht, eine Flüchtlingsfamilie über dem Gemeindehaus einziehen zu lassen. „Wenn ich dann die Kinder auf dem Kirchplatz sehe, denke ich jedes Mal, dass es sich dafür gelohnt hat.“

In die Flüchtlingsarbeit einsteigen könne übrigens jeder, davon ist der gläubige Katholik überzeugt. Voraussetzungen müsse man keine mitbringen. „Jeder Mensch hat Gaben, die Gott ihm geschenkt hat. Der eine kann vielleicht besser vorlesen, der andere Möbel schleppen.“

 

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Begegnung auf der Brücke

Susanne Tobies

Sind ein paar Brötchen genug? Unruhige Gedanken über Hilfe und Hilflosigkeit.

Auf dem Weg zu einer Besorgung in einem von mir wenig besuchten Stadtteil sehe ich etwa hundert Meter vor mir rechts und links der Straße Brückengeländer, die mit Müll, Plastikplanen, Decken und allerlei Gerümpel belegt sind. Als mein Auto auf gleicher Höhe ist, nehme ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr: Ein offensichtlich Obdachloser kauert zwischen dem Unrat und hebt einen Arm. Ich weiß nicht – grüßt er mich Vorbeifahrende oder ist es eine willkürliche Bewegung? Auf jeden Fall ist meine Aufmerksamkeit geweckt. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckt mich: „Du solltest dem Wohnungslosen Beachtung schenken! Ihm begegnen.“

Was war das für ein Impuls? Kam er von Gott? Oder war das einfach eine unausweichliche Idee, weil ich christlich sozialisiert bin? Inzwischen bin ich schon viele Meter weiter gefahren. Aber es lässt mir keine Ruhe. Ich erledige meine Besorgung, halte auf dem Rückweg bei einer Bäckerei und kaufe ein paar Käsebrötchen. Mein Gedanke: Ich könnte sie dem Mann einfach vorbeibringen. Die Brücke, auf der er hockt, ist weit von Läden, Wohnhäusern oder Stadtleben entfernt. Er wird sich bestimmt über etwas zu Essen freuen, so meine Überlegung. Gleichzeitig denke ich: Was für ein verrückter Gedanke – es gibt da gar keine Parkbucht, wo ich gut halten könnte.

Ich bin unentschlossen. Ich könnte einfach vorbeifahren und die Brötchen für meinen Mann und mich zum Abendessen nehmen. In mir kämpft es. Und wenn es doch Gottes Idee ist? Ich will doch auf ihn hören …

 

Aufbauphase …

Je näher ich der Brücke komme, desto unruhiger werde ich. Ich bete kurz: „Herr, wenn du wirklich willst, dass ich zu dem Obdachlosen gehe, dann mach, dass ich das Auto gut abstellen kann.“ Und so geschieht es. Hinter mir kein anderes Auto, ich kann einige Meter hinter dem Brückengeländer vorsichtig auf den unbefestigten Seitenstreifen fahren und sicher parken, dann überquere ich die Straße.

„Moin“, begrüße ich den Mann mit unserem typisch norddeutschen Gruß. „Hätten Sie gern ein paar Brötchen?“ Der Obdachlose schaut mich aus wässerigen Augen an. Er scheint ordentlich „getankt“ zu haben. Seine Kleidung ist schmutzig, er sitzt in einem Berg von Müll, ich bin betroffen. „Ja, danke!“, meint er nur und nimmt die Tüte. „Ist Ihnen nicht kalt?“, frage ich. „Nein, mir ist warm, ich bin ja hier in der Aufbauphase!“

Ich möchte laut auflachen – „Aufbauphase“? Was für ein vornehmes Wort für dieses Chaos-Lager! Gleichzeitig schießen mir die Tränen in die Augen. „Er versucht nur, seine Würde vor mir zu wahren“, denke ich. Der Mann zeigt mir sein Zelt, das er etwas unterhalb der Böschung auf einem Feld aufgeschlagen hat. Ich wechsele noch ein paar Worte mit ihm, verabschiede mich und wünsche ihm einen schönen Tag. „Was für ein Hohn!“, denke ich gleichzeitig. „Wie kann das ein schöner Tag für ihn werden – so im Müll und in der Kälte sitzend? Was nützt ihm da mein frommer Wunsch?“

 

Was war das jetzt?

Kaum sitze ich wieder im Auto, heule ich los wie ein Schlosshund. Es schüttelt mich regelrecht.

Zu Hause angekommen, frage ich mich: Was war das jetzt? Warum habe ich so emotional reagiert? Habe ich wirklich echtes Erbarmen mit diesem Mann? Warum habe ich dann aber nicht mehr für ihn getan? Oder sind die Tränen meinem Gemüt geschuldet, das auch gerne mal bei rührenden Filmszenen weint? Ich trau mich kaum, das so zu denken: Fand ich einfach nur das eigene Bild einer gutsituierten Frau, die einem Obdachlosen freundlich begegnet, so ergreifend, dass mir die Tränen kamen? Wie in einem herzbewegenden Film? Hoffentlich nicht. Scham überflutet mich. Tatsächlich kann ich meine Emotionen nicht wirklich einordnen.

Warum fühlt sich meine Betroffenheit in einem Film genauso an wie jetzt die Betroffenheit über die Situation eines realen Menschen? Ist sie dann echt? Kann man dieser Betroffenheit trauen? Ich habe keine Garantie für meine lauteren Motive.

Viele Fragen bewegen mich. Hätte ich den Mann nicht ins Auto laden müssen, ihm eine Dusche und ein Bett anbieten sollen? Hätte ich mich nicht darüber hinaus darum kümmern müssen, dass er konkrete Hilfe von Behörden oder Einrichtungen bekommt? Hätte ich nicht viel mehr tun müssen als ihm ein paar läppische Brötchen anzubieten?

 

Getröstet …

Am Abend schlage ich das Losungsbuch auf – ich war am Morgen nicht dazu gekommen, die Bibelworte für den Tag zu lesen. Was da steht, haut mich um: „Brich dem Hungrigen dein Brot!“ (Jes 58,7) Und: „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ (Hebr 13,16)

Wieder laufen Tränen. Für den Moment fühle ich mich getröstet und von Gott in meinem Gefühlswirrwarr gesehen. Nein, finanziell war es kein Opfer, aber ich hatte als eher introvertierter Mensch meine Komfortzone verlassen – das war eine Gabe anderer Art. Und da kann ich sicher sein: Gott erkennt mein Herz und das hat ihm Freude bereitet, mit diesem Vers sagt er mir das zu. Unglaublich, wie Gott auf mich eingeht!

Später erfahre ich von meinen Freunden, dass genau dieser Obdachlose Stadtgespräch ist und es mit seinem Lager sogar bis in die örtliche Tageszeitung geschafft hat, wo sich zahlreiche Leserbriefe mit ihm beschäftigt hatten. Die Meinungen sind kontrovers und völlig geteilt. Die einen feiern ihn als Freigeist (er sieht sich wohl selbst als Lebens-Künstler), die anderen schimpfen über die vermüllten Plätze auf der Brücke und möchten dem am liebsten ein Ende setzen. Der Mann will sich auch nicht helfen lassen, es haben wohl schon viele ihre Hilfe angeboten, er könnte jederzeit ins städtische Übernachtungsheim ziehen – aber er bevorzugt das Leben im Freien.

 

… aber die Fragen bleiben

Also alles okay? Bin ich entlastet, so ist es halt mit diesem Mann – jeder wählt sein Schicksal selbst? Nein, die Fragen bleiben. Er ist ja nicht der einzige Obdachlose in meiner Stadt. Und nicht der einzige Bedürftige. Es gibt alleinerziehende Frauen, finanziell Notleidende, psychisch Kranke, alte Menschen, die einsam sind – Bedürftigkeit ist selten so offensichtlich wie bei diesem Mann und seinem Lager an der Brücke.

Sie alle stellen eine Herausforderung dar, eine Anfrage – nicht nur an mich, genauso an unsere Gemeinden und Kirchen. „Gutes zu tun vergesst nicht …“ Was tun wir, was tue ich? Für wen setzen wir uns ein? Uns geht es so gut! Was geben wir ab, nicht nur von unserem Reichtum, sondern auch von unserer Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung, von unserer Arbeitskraft, von unserer Liebe?

Unsere Gemeinde hat ein Geflüchteten-Café aufgebaut, bei dem ich jetzt im vierten Jahr mithelfe – Hilfe bei der Wohnungssuche, beim Deutschlernen, mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs, mit „einfach für sie da sein“. Aber selbst hier scheint der Einsatz nie genug zu sein. Ich weiß, die Menschen brauchen mehr als einmal in der Woche einen Ort, wo sie angenommen sind und Gespräche haben können samt einer Tasse Kaffee oder Tee. Aber ich empfinde mich so oft als zerrissen zwischen dem, was not-wendig scheint, und dem, was ich zu geben bereit bin.

Und was kann ein Einzelner tun? Ist das, was ich tue, schon genug? Kommt es mehr auf mein Herz an – oder auf den Einsatz – oder gar auf ein gutes Ergebnis? Fragen bleiben. Ein schlechtes Gewissen ist oft mein Begleiter. Ich würde so gern Frieden finden, mich in dem Gefühl zurücklehnen, meinen Teil beigetragen zu haben. Aber vielleicht ist die bleibende Unruhe auch wichtig. Vielleicht ist es eine „heilige Unruhe“, damit ich offen bleibe für die Not anderer Menschen und ein weiches Herz bekomme und behalte für die, die Jesus so sehr liebt: die Armen, die Hungrigen, die Kranken, die Gefangenen, die Witwen und Waisen, die Benachteiligten und Außenseiter dieser Welt.

Ein berührbares Herz, ein paar Käsebrötchen, ein kleiner Anfall von Mut – und viele Fragen, die mich weiter umtreiben …

 

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10 Tipps zum Entschleunigen

Sarah Lang

Unser Leben wird immer hektischer – das gilt nicht nur für Berufstätige. Oft kommen wie von selbst eine erstaunliche Fülle an Aufgaben und Aktivitäten zusammen. Und einige Jahre später, wenn die Kräfte nachlassen, muss man das Lebenstempo noch mal ganz neu einstellen.

1. Gestehen Sie sich also ein: Ich kann und muss nicht immer mit maximaler Geschwindigkeit durch das Leben rauschen.

2. Gebet bringt Ruhe in den Alltag und setzt den Fokus auf das Wesentliche. Die Gedanken mit und bei Gott zu sortieren, hilft bei der Entschleunigung im Alltag.

3. Nein sagen – ein kleines Wort mit großer Wirkung. Seien Sie ehrlich zu Ihrem Gegenüber bei Anfragen oder Bitten, die an Sie gestellt werden. Und dann trauen Sie sich einfach mal abzusagen!

4. Leben Sie im Hier und Jetzt, statt in Erinnerungen an die Vergangenheit zu schwelgen oder sich um die Zukunft zu sorgen. In Matthäus 6,34 steht: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug.“

5. Seien Sie achtsam, nehmen Sie die kleinen und großen Dinge um Sie herum wahr. Machen Sie Fotos von Blumen und Sonnenuntergängen, genießen Sie die kühle Limonade an heißen Tagen und freuen Sie sich über den Enkel-Nachmittag.

6. Bewegung tut gut – dem Körper und der Seele. Ein Spaziergang an der frischen Luft hilft, aus eingefahrenen Alltagssituationen und dem eigenen Gedankenkarussell auszusteigen.

7. Kinder entschleunigen ihr Leben ganz natürlich: Sie gehen neugierig auf alles Unbekannte zu, wollen es begreifen, denken deshalb länger darüber nach und vergessen dabei die Zeit. Nehmen Sie sich Kinder zum Vorbild – und bleiben Sie einfach mal auf einer Schaukel sitzen.

8. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Ihr Gegenüber, für ein langes Gespräch, für einen intensiven Austausch. Ihr Gegenüber wird es Ihnen danken – und Sie fokussieren sich nicht zu sehr auf Ihre eigenen Sorgen.

9. Oft wird beim Essen Fernsehen geschaut oder ein Buch gelesen. Nehmen Sie sich Zeit, um wirklich nur zu essen! Genießen Sie das leckere Gericht und freuen Sie sich darüber, wie freundlich der Herr ist!

10. Vor dem Zu-Bett-Gehen können Sie mit Gott gemeinsam den Tag Revue passieren lassen. Sagen Sie ihm, wofür Sie dankbar sind. Das beendet den Tag positiv und bringt Sie zur Ruhe.

 

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