Tore schiessen!

Christian Gunka

Was im Sport völlig klar ist, scheint noch keine Selbstverständlichkeit fürs geistliche Leben zu sein.

Die Allianz Arena ist ausverkauft. Die Vereinshymne füllt die Luft mit Musik – es ist der Klassiker, das Derby, der Kampf um die Meisterschaft. Nervös kaust du auf den Nägeln, kannst es kaum erwarten – und endlich geht es los! Lewandowski passt den Ball zu Müller. Müller kickt rüber an die rechte Seitenlinie zu Kimmich. Der dreht sich zweimal um sich selbst, macht einen kunstvollen Übersteiger und erntet den anerkennenden Applaus seiner Mitspieler. Der Pass kommt zu Boateng. Er stoppt den Ball, tritt zur Seitenlinie und präsentiert den jubelnden Massen seine neuen, glitzernden Fußballschuhe. Jetzt schlenzt er den Ball zu Neuer, der sich mit einer wunderschönen Ausholbewegung … sein eigenes Autogramm auf das Trikot kritzelt! Und so geht das Spiel weiter, die Stars schieben sich die Kugel hin und her und sind am Ende noch nicht mal über die Mittellinie gekommen. Was für ein grottiger Kick!

Jesus auf dem Trainerposten?

Weißt du, was erschreckend ist? Christen verhalten sich oft genauso wie gerade beschrieben. Sie passen den Ball von Worship-Night zu Gemeinde-Café, kicken rüber zum nächsten Gebetstreffen und präsentieren einen glitzernden JuGo. Dass jemand dabei Jesus kennen und lieben lernt und sein Leben auf den Kopf gestellt wird, passiert allzu selten … Leider haben wir nämlich verlernt, was es heißt, ein „geistliches Tor“ zu schießen. Was uns im Sport völlig logisch erscheint, geht auf geistlicher Ebene verloren. In den letzten Stunden auf der Erde hat Jesus seinen Jüngern einen klaren Spielplan gegeben: „Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Matthäus 28,19-20 a). Jesus möchte, dass seine Jünger Tore schießen, und das sieht ungefähr so aus: Menschen kommen von der Dunkelheit zum Licht. Sie lernen Gott kennen, ordnen ihm ihr Leben unter und werden nach und nach geschult, wie der praktische Alltag mit Jesus auf dem Trainerposten aussieht.

Der Auftrag

Bist du sein Jünger? Dann ist dieses große Bild dein Auftrag. Wenn Menschen durch Jesu Liebe und sein Evangelium neues Leben bekommen, wächst die Kirche, sein Leib. Je mehr Menschen das erfahren, desto besser! Gottes Traum ist es, dass deine Gemeinde vor Ort einen klaren Plan hat, wie sie Menschen für Jesus begeistert und zu Jüngern macht. Und er möchte, dass du mit deinem Leben dazu beiträgst, dass Familie, Freunde, Mitschüler, Bekannte und Kommilitonen ihr Leben Gott anvertrauen und geistlich wachsen. Gott hat mir persönlich vor einigen Monaten einen „Matthäus-28-Spiegel“ vor Augen gehalten. Ich musste erkennen, dass ich seinen Auftrag nur teilweise verfolgte. Obwohl ich durch meinen Beruf in Jugendfreizeiten, Klassenfahrten oder Musicalcamps viel über Jesus geredet und anderen gute Tipps zur Jüngerschaft gegeben habe, waren in meinem persönlichen Leben geistliche Tore eher Mangelware. Ich habe Gott um Vergebung gebeten und ihm versprochen, mein gesamtes Leben neu seinem großen Ziel unterzuordnen. Natürlich geht diese Veränderung nicht von heute auf morgen. Aber es begeistert mich zu sehen, wie viele Gelegenheiten Gott schenkt, in denen ich für ihn Salz und Licht sein darf. Plötzlich drehen sich Gespräche beim Abendessen mit Freunden viel mehr um sinnvolle Themen, um Jesus und die Gemeinde oder sie werden zu Seelsorgegesprächen. Wir erzählen uns als Familie von den Erlebnissen, die wir mit Gott gemacht haben, und ich staune, wie meine Kids mich manchmal glaubensmäßig herausfordern oder überholen. Ich überlege gezielt, wen ich zu uns nach Hause einlade oder in welche Beziehung ich investieren kann.

Geistliche Anzeigetafel

Wünschst du dir dasselbe? Top! Jesus ist stolz auf dich! Und damit du motiviert bleibst, hier ein kleines Hilfsmittel – das „Scoreboard“: Du hast sicher schon mal beobachtet, wie unterschiedlich die Atmosphäre ist, wenn man ein Spiel mit oder ohne Punkte bestreitet. Egal ob Uno, Fussball, Tanzen oder Diät – es wird plötzlich viel intensiver, wenn man die Stoppuhr einschaltet oder auf der Anzeigetafel ein Ergebnis aufleuchtet. Man weiß genau, wie es steht, ob man sein Ziel erreicht oder die Strategie ändern muss. Probiere das in deinem Christsein: Führe ein „Scoreboard“, eine „geistliche Anzeigetafel“, ein. Denn Erfolg im Sinne von Matthäus 28 ist messbar (siehe z. B. Matthäus 13,23 oder Galater 5,22 ff.) – die biblischen Früchte sind sozusagen der geistliche Punktestand. Versteh mich nicht falsch: Es geht nicht darum, dass Gott nur mit dir zufrieden ist, wenn du genug leistest. Gott liebt dich ganz ohne dein Zutun. Aber weil du genau das in deinem Leben erfahren hast, darfst und musst du es weitergeben – aus Liebe! Das, was dich begeistert, sollen auch andere erleben. Und es hilft ungemein zu überprüfen, ob diese Botschaft tatsächlich ankommt oder nicht.

Beziehungsbasis

Wie sagst du deinen Freunden ganz praktisch, dass Gott sie liebt? Als Erstes betest du, am besten gemeinsam mit anderen zusammen. Du kannst niemanden zwingen, Gott zu lieben, aber du kannst für ihn beten. Deine Freunde können deine Argumente ablehnen oder deine Logik nicht verstehen. Aber sie können dich nicht daran hindern zu beten. Kolosser 4,3 sagt: „Betet auch für uns, damit Gott uns eine Möglichkeit gibt, sein Geheimnis zu verkünden: die Botschaft von Christus.“ Weißt du, was passiert, wenn du um Gelegenheiten bittest? Plötzlich siehst du sie überall! Aber bevor du von Jesus erzählst, musst du Beziehungen aufbauen. Was sind eure gemeinsamen Erfahrungen, Interessen und Bedürfnisse? Was könnt ihr gemeinsam unternehmen, damit Vertrauen entsteht und sich so die Tür für Jesus ein Stück weiter öffnet? Und am Ende überprüfst du, ob dein Einsatz deine Freunde näher zu Gott gebracht hat und das Scoreboard des Teams „Reich Gottes“ gute Neuigkeiten verkündet. Du darfst mutig sein – denn im Gewinnerteam bist du sowieso schon!

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Alles hat seinen Wert

Benedikt Elsner

Was sind eigentlich die oft zitierten „Christlichen Werte“? oder anders gefragt: Wie finden wir unsere Werte und warum ist das eigentlich so erstrebenswert?

Ein Wert entsteht dadurch, dass man ihn misst. Entweder anhand einer Skala oder anhand eines Gegengewichtes, also eines Gegenwertes. Ein Wert ist damit zunächst ein Begriff für eine Einheit wie zum Beispiel Temperatur, Blutdruck oder Geschwindigkeit. Spricht man allerdings im Plural vom Wert, also von Werten, dann geht es dabei schnell um eine moralische oder ethische Dimension. Werte sind damit landläufig allgemein erstrebenswerte, moralisch oder ethisch als gut befundene, spezifische Wesensmerkmale einer Person.

Das Gleichnis vom verlorenen Tramper

Kurz vor meinem Studium wollte ich Freunde in München besuchen. Da das die Zeit vor Flixbus und Co. war und ich auch noch kein eigenes Auto besaß, blieb nur der Zug … oder trampen! Trampen war deutlich billiger und ich war jung und brauchte das Geld. Also stand ich auf den Rastplätzen der Republik und versuchte mein Glück als kostenloser Beifahrer. Doch was anfangs wie am Schnürchen klappte, stellte sich auf dem Rückweg als äußert komplexes Unterfangen heraus. Irgendwie schaffte ich es nur bis nach Kassel und nicht bis ins heimische Osnabrück, 180 Kilometer weiter nördlich. Da es immer dunkler und auch langsam kälter wurde, blieb mir zum Schluss nur noch eines übrig: zähneknirschend bei meinen Eltern anzurufen und um Hilfe zu bitten. Heute versteh ich meine Überraschung gar nicht mehr, als mein Vater nur recht technisch nach meinem genauen Standort fragte und wenig später auf dem Weg zu mir war. Denn eigentlich hätte ich es wissen können: mein Vater ist ein durch und durch hilfsbereiter Mensch und mir darin bis heute ein Vorbild. Es war einfach klar, dass er mir hilft. Und so wurde sein individuelles Handeln für mich ein gutes und erstrebenswertes Handeln, dem ich bis heute mit den Werten „zuverlässig“ und „hilfsbereit“ versuche nachzufolgen.

Werte entwickeln

Die Geschichte, die leider kein heldenhaftes Bild auf mich wirft, verdeutlicht aber, wie sich Werte entwickeln. Anhand persönlich erlebter Situationen extrahieren wir oft unterbewusst mögliche Motive und Haltungen einzelner Personen. Sei es der hilfsbereite Vater, die treue Freundin, die ehrlichen Nachbarn, oder auch andersherum: die treulose Tomate, der verlogene Fußballtrainer oder die unfreundliche Ärztin. Anhand individueller Begegnungen und wie wir diese werten, entsteht unser persönlicher Wertekanon. Menschen, die uns prägen, uns inspirieren oder sich in unseren Augen vorbildlich verhalten – sie bleiben uns im Abstraktum von Werten erhalten. Das unterscheidet auch Werte von Meinungen. Eine Meinung kann sich manchmal schnell ändern und bleibt oft auch ohne konkrete Auswirkung für das eigene Leben. Werte dagegen liegen tiefer und helfen uns dabei zu entscheiden, wie wir uns verhalten wollen. Dabei sind Werte nicht nur bestimmte Vorstellungen darüber, wie die Welt ist, sondern vor allem, wie sie zu sein hat.

Häftling 466/64

Wenn wir heute über Häftling 466/64 reden, dann reden wir vor allem über seinen großartigen Leistungen als Präsident und Friedensnobelpreisträger. Neben Mahatma Gandhi und Mutter Theresa ist die dritte bekannte Person, die für immer in den Olymp der moralischen Vorbilder erhoben wird: Nelson Mandela. Was heute aber, vor allem durch epische Hollywoodfilme, aussieht wie ein Kampf, der nur gut ausgehen konnte, war fast 27 Jahre lang so gut wie verloren. Denn 1964 wurde Nelson Mandela für seinen Einsatz gegen die Apartheid zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Zitat aus seiner Verteidigungsrede zeigte aber tatsächlich schon damals, welche Ziele und vor allem welche Werte ihn antrieben: „Mein teuerstes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe, lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch wenn dies notwendig ist, ist dies ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin.“ Nelson Mandela, Rivonia Prozess 1964. Auch wenn es ein starkes Beispiel ist, im besten Falle ist es genau so: Werte, die wir finden, führen zu Taten, hinter denen wir stehen. Und im Ernstfall können diese Werte auch durch 27 Jahre Gefängnis tragen, bis hin in das höchste Amt des Staates. Es zeichnet wirkliche Werte aus, dass wir nach ihnen handeln, egal welche persönlichen Vor- oder Nachteile dies mit sich bringt.

Das Problem mit Werten

Werte helfen uns, ähnlich wie ein Kompass, in schwierigen Situationen den richtigen Weg zu finden. Was erst mal super klingt, kann aber innerhalb von Sekunden zum Problem werden. Um im Bild des Kompasses zu bleiben: Was machen wir, wenn Norden auf einmal Süden wird? Die Kompassnadel spinnt oder unser bester Freund auf einmal in eine ganze andere Richtung gehen will? Werte sind eben persönliche Paradigmen, richtiges Verhalten und Erinnerungen an individuelle Vorbilder. Und so lange du dabei mit dir im Reinen bist, läuft schon vieles gut. Schwierig wird es nur dann, wenn sich eine ganze Gesellschaft oder christliche Gemeinschaft, auf gemeinsame Werte einigen will. Dann gilt es, Werte abzuwägen, Kompromisse zu finden und es auch mal nicht ganz genau mit den Werten zu nehmen – was eigentlich alles überhaupt nicht mit echten Werten zusammenpasst.

Wie entscheidest du dich?

Stell dir mal kurz folgende Situation vor: Du bist Mitglied einer Freikirche und dein möglicher neuer Jugendpastor stellt sich vor. Der Gottesdienst läuft gut, selbst die Predigt gefällt dir. Vor der Abstimmung gibt es noch die Gelegenheit, in der Gemeindeversammlung alle möglichen Fragen an den potenziellen neuen Pastor zu richten. Doch ganz am Anfang der Fragerunde ergreift er selbst das Mikro und erklärt der Gemeinde, dass er gerne ehrlich zu ihnen wäre. Er erzählt allen, dass er leider frisch geschieden ist und dass er das ganz am Anfang schon mal sagen wolle. Was macht das jetzt mit deiner Entscheidung? Ich meine, die Unzerbrechlichkeit der Ehe ist ein hoher Wert, du selbst kennst noch die Geschichten von Leuten, die man genau aus diesem Grund aus der Gemeinde ausgeschlossen hat. Auf der anderen Seite ist es sehr ehrlich, damit so früh herauszurücken und scheinbar wussten die Ältesten es auch schon und haben ihn trotzdem vorstellen wollen. Ich mein, wir alle können uns ja auch mal irren oder falsche Entscheidungen treffen, nicht wahr? Außerdem weiß man ja auch nicht, was genau der Grund für die Scheidung ist. Und ausgeschlossen wird bei dir in der Gemeinde deswegen ja auch schon länger nicht mehr. Aber trotzdem, einen geschiedenen Jugendpastor, wäre das ein gutes Vorbild für die Jugendlichen? Und bei Scheidungen … da ist die Bibel ja eigentlich auch recht klar. Also, wie entscheidest du dich? Ich finde, das Beispiel macht eindringlich, aber noch recht harmlos das Problem mit den christlichen Werten deutlich. Denn leider gibt es nur sehr wenige unabänderliche Werte, die immer und überall gleich gültig sind. Werte, auch christliche Werte, verändern sich, können sich sogar zwischen verschiedenen Regionen und Konfessionen unterscheiden. Was für den Landeskirchler in Berlin absolut okay ist, kann für den Brüdergemeindler in Baden Württemberg vollkommen verwerflich sein. Was jetzt negativ als Beliebigkeit aufgefasst werden könnte, zeigt sich bei genauerem Hinschauen aber als Reichtum der Wertevielfalt innerhalb des Christentums. Denn auch christliche Werte sind immer individuell, wollen gefunden und nicht vorgeschrieben werden und müssen sich letztendlich am Liebesgebot Christi messen. Und mal ganz platt: atmen sie den Geist dieses Liebesgebotes, dann sind es wahrscheinlich auch erstrebenswerte christliche Werte.

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Gute Gründe für das Ehrenamt

Deliah Cavalli-Ritterhoff

Ohne Ehrenamt läuft in Vereinen und Kirchen gar nichts. Doch wie gewinnen wir Menschen dafür, sich ohne Bezahlung zu investieren? Gedanken von Deliah Cavalli-Ritterhoff

Mit der Frage, wie wir Menschen für ehrenamtliches Engagement gewinnen können, beschäftige ich mich sehr viel mehr, seit ich in der Leitung unserer Kirche bin. Wir sind eine junge und wachsende Gemeinde mitten in Hamburg mit rund hundert Mitgliedern, vielen Ideen und einem knappen Budget. Die meisten sind mit ihren Jobs, Familien und anderen Verpflichtungen des Lebens ziemlich gut ausgelastet. Warum sollten sie also noch eine zusätzliche Aufgabe übernehmen? Es gibt gute Gründe dafür:

Alles ist möglich

Ehrenamtlich können wir Aufgaben übernehmen, auch ohne über entsprechende berufliche Qualifikationen zu verfügen. Gerade Jugendliche oder junge Erwachsene können so in unterschiedlichste Bereiche hineinschnuppern und entdecken, was ihnen Spaß macht. Menschen mit langjähriger Berufserfahrung probieren einfach mal etwas Neues aus und entdecken vielleicht ganz neue Seiten an sich. Gleichzeitig kommen wir hier auch mit Menschen zusammen, die in der Arbeitswelt wahrscheinlich kaum zueinander finden würden. Damit haben wir ein großartiges Spielfeld für „lebenslanges Lernen“.

Alle zusammen

Trotz zunehmender Individualisierung sehnen sich viele Menschen nach Zugehörigkeit und Solidarität. Wer in der Gemeinde mit anpackt und sich einbringt, findet leicht Anschluss und echte Gemeinschaft. Wenn man zusammen anpackt, sind selbst Putztage nur halb so schlimm. Und so ähnlich wie bei Hauskreisen können auch in Arbeitsteams tiefe Beziehungen entstehen. Durch aktives Mitgestalten kommen wir außerdem aus einer Konsum- und Erwartungshaltung heraus und identifizieren uns selbst stärker mit der Gemeinde. Wir gehen nicht zur Kirche, wir sind Kirche.

Alles macht Sinn

Wer im Job Erfüllung sucht, wird oft enttäuscht. Dabei ist für die Arbeitsmotivation gerade das „Warum“ einer der wichtigsten Faktoren. Inzwischen gibt eine ganze Geschäftsbranche, die sich mit der Entwicklung des sogenannten „Purpose“ (Bestimmung) für Firmen beschäftigt, um Mitarbeitende zu gewinnen. Als Gemeinden sind wir hier Unternehmen einen Schritt voraus. Wir haben Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Denn mit Jesus macht am Ende alles Sinn. Und unser Auftrag ist es, die unfassbare Liebe Gottes an andere weiterzugeben. Ehrenamtliche Mitarbeit kann also unser Leben durchaus bereichern. Und trotzdem ringen viele Gemeinden – ich schließe unsere mit ein – damit, Ehrenamtliche zu finden. Wenn es uns gelingt, die positiven Aspekte in unserer Kultur zu verankern und ein motivierendes, wertschätzendes Miteinander zu schaffen, sind wir ein großes Stück weiter:

Vision im Kleinen

Mitarbeitenden hilft es, wenn wir die Gemeinde-Vision auf die verschiedenen Arbeitsbereiche herunterbrechen und diese in leicht verständliche Worte fassen. Dann wird auch deutlich, dass es keine wichtigen und unwichtigen Aufgaben gibt, sondern alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Es macht nämlich einen Unterschied, ob wir einfach nur einen „Begrüßungsdienst haben“ oder „Menschen Gottes Freundlichkeit zeigen“.

Rückendeckung für neue Aufgaben

Der Mensch kann bis ins hohe Alter neue Fähigkeiten erlernen. Wichtig ist dafür allerdings die entsprechende Unterstützung, um Ängste abzubauen und echte Lernerfolge zu ermöglichen. Wenn wir eine 60-Jährige für die Website-Pflege gewinnen wollen, braucht sie beispielsweise nicht nur eine einmalige Einführung ins System, sondern regelmäßige Trainings und Menschen, die ihr zur Seite stehen. Es lohnt sich auch, wenn wir nicht nur für Aufgaben die passenden Menschen suchen, sondern das Prinzip umdrehen. Wer mag es gern routiniert und überschaubar, wer ist eher kreativ und arbeitet lieber projektbezogen? So kann man anfallende Arbeit auf mehrere Schultern verteilen.

Der richtige Mix

Oft tendieren wir dazu, unter Unseresgleichen zu bleiben. Wissenschaftliche Studien zeigen allerdings, dass generationenübergreifende Teams am erfolgreichsten arbeiten. Während junge Menschen neue Fähigkeiten oft schneller erlernen, können Ältere auf einen größeren Erfahrungsschatz zurückgreifen. In Gemeinden treffen (hoffentlich) unterschiedliche Menschen hinsichtlich Alter, Geschlecht, kulturellem Hintergrund etc. aufeinander. Um diese Vielfalt auch voll auszuschöpfen, müssen wir manchmal jedoch die Grenzen in unseren Köpfen überwinden.

Nie zu viel: Wertschätzung

Gerade im Gemeindeumfeld dürfen wir großzügig mit Lob und Anerkennung sein. Wertschätzung bedeutet auch, dass wir voneinander wissen möchten, wie es uns persönlich und im „Job“ geht. Deshalb haben wir beispielsweise regelmäßige Mitarbeitergespräche eingeführt, in denen wir auch konkret Themen wie Überbelastung ansprechen. Und wenn wir in einer Person ein Potenzial erkennen, sagen und fördern wir das. Wertschätzung zeigt sich aber auch einfach darin, dass wir bei Arbeitstreffen für eine freundliche Atmosphäre sorgen (z. B. mit leckeren Snacks).

Raum für Fehler und Erfolge

Und schließlich geht es darum, dass wir konstruktiv mit Fehlern und scheinbaren Einschränkungen umgehen, aber eben auch Erfolge feiern. Die Mitarbeiter (Jünger) von Jesus waren alles andere als perfekt und haben nicht jeden Auftrag mit Bravour bestanden. Doch er hat sie nie aufgeben, sodass sie aus persönlichen Niederlagen lernen konnten. In einem wohlwollenden Gemeindeumfeld feuern wir uns an, geben uns ehrliches Feedback und bauen uns gegenseitig wieder auf. Und wenn Dinge gelingen, freuen wir uns miteinander und aneinander – und feiern das so richtig. Für Gemeinde qualifiziert man sich nicht durch ein Assessment-Center, sondern durch Gottes Gnade. Seit über zweitausend Jahren gebraucht Gott ganz normale Menschen, um sein Reich zu bauen. Das befreit uns auch von Leistungsdruck und übertriebenem Perfektionismus. Wir können Gott einfach unsere (begrenzten) Möglichkeiten hinlegen und er kann daraus so viel mehr machen, als wir uns vorstellen können. Es ist immer wieder großartig mitzuerleben, wie Ehrenamtliche mit ihren Aufgaben wachsen – auch über sich selbst hinaus.

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Gebets-Zweierschaft

Birgit Schilling

Einmal in der Woche treffe ich mich mit Angela, einer Frau aus meiner Gemeinde, für etwa 45 Minuten. Wir tauschen uns darüber aus, was uns gerade beschäftigt – und dann beten wir füreinander. Das Besondere daran: Wir tun das per Telefon, weil wir es zeitlich aufgrund der Entfernung sonst nicht schaffen würden. Zu Beginn waren wir eher skeptisch, ob Austausch und Gebet telefonisch möglich sind, doch nach und nach wurde es immer natürlicher.

Nach einem kurzen „Hallo!“ gehen wir ohne lange Vorreden abwechselnd folgende „Handfragen“ durch. Wir sagen uns: „Wenn ich wirklich ehrlich bin …“

  1. Daumen: Das war letzte Woche in meinem Leben gut – Gebetserhörungen oder Freudenmomente.
  2. Zeigefinger: Das habe ich letzte Woche gelernt, hat Gott mich gelehrt, ist mir beim (Bibel-)Lesen wichtig geworden.
  3. Mittelfinger: Das stinkt mir / läuft gerade mies. Das fällt mir schwer, da habe ich Not.
  4. Ringfinger: So geht es mir in meinen Beziehungen – wirklich: Ehe, Freunde, Kinder, Eltern, Kollegen.
  5. Kleiner Finger: Das kam letzte Woche zu kurz.
  6. Ganze Hand: Das sind meine Gebetsanliegen für nächste Woche.

Für 25-30 Minuten tauschen wir uns aus, dann beten wir 15-20 Minuten lang. Wir erleben es beide immer wieder als Segen. Diese Gebets-Zweierschaft ist für uns ein Ort der Gnade. Dietrich Bonhoeffer sagte: „Der Christus im Bruder ist stärker als der Christus in mir.“

Man kann eine solche Gebets-Zweierschaft auch zeitlich begrenzt durchführen. Ich wünsche dir Mut zu überlegen, wen du fragen kannst, ob sie/er Gebetspartner/ in werden möchte.

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Passionszeit anders

Astrid Eichler

Ich empfinde die Situation mit all ihren Einschränkungen und Herausforderungen als unsagbar vielschichtig und komplex – so viele Facetten unseres Lebens und Christseins sind angesprochen. Ist uns das bewusst? Entdecken wir die Chancen, die in dieser Zeit stecken? Die Botschaft, die uns erreichen könnte? Drei Punkte möchte ich herausgreifen:

Es war ja mitten in der Passionszeit, als Corona alles zu bestimmen begann. Oft überlegen wir uns zum Beginn der Passionszeit (manchmal etwas mühsam …) wie wir fasten könnten. Jetzt war uns ein Fasten auferlegt. Diese Zeit ermöglichte Konzentration. Haben wir das ausgehalten oder versuchten wir möglichst viel von dem, was wir sonst haben, auch jetzt zu haben? Was fehlte uns so sehr, dass wir es nicht aushalten konnten? Könnte es sein, dass diese Zeit uns unsere wahren (= falschen) Götter zeigte? Luther hat mal gesagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott.“ Es könnte sein, dass wir da ein paar entdeckten. Sind wir bereit, uns von ihnen zu lösen?

Das christliche Leben ist weitgehend in Veranstaltungen organisiert. Die fielen jetzt aus. Und nun? Fällt damit unser christliches Leben in sich zusammen? Auch hier die Frage: Versuchen wir alles so weit wie möglich aufrechtzuerhalten, den ganzen (frommen) Betrieb? Ich weiß nicht, ob es hunderte gestreamte Gottesdienste sein müssen, jede Gemeinde sich da reinhängt und stolz ist, dass sie es hingekriegt hat. Könnten wir nicht ganz alte Kostbarkeiten wiederentdecken? Selbst in der Bibel lesen, zu zweit oder zu dritt austauschen und füreinander beten? Vielleicht könnten da Beziehungen ganz anders in die Tiefe wachsen? Anbieter für Telefon- oder Videokonferenzen (auch kostenlose …) lassen sich leicht im Internet finden. Da braucht es keinen Aufwand.

Das Wichtigste scheint mir aber die Botschaft zu sein, die in diesen Wochen immer wieder in mir aufklang. Ein Lied, dass wir schon in meiner Kindheit gesungen haben: „Gott hält die ganze Welt in der Hand.“ Das ist eine doppelt wichtige Nachricht. Eine schlechte Nachricht für den selbstbestimmten Menschen, der in uns allen meint: Wir haben das Leben im Griff. Wir wissen, wie es geht. Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand. Was für eine Lektion, wenn wir merken, wie wenig wir die Welt und unser Leben im Griff haben. Es ist geradezu eine Beleidigung für den postmodernen Menschen.

Und zugleich ist es eine gute Nachricht für den verunsicherten, ängstlichen Menschen, der in uns allen fragt: Wie soll das weitergehen? Was wird werden? Jetzt und danach? Lernen wir diese Lektion „Gott hält die ganze Welt in der Hand“ und kehren wir um, tun wir Buße für allen Hochmut und Rebellion gegen Gott und nehmen wir Zuflucht bei ihm, in seiner Treue, seinem Beistand: „Wenn ich auch gehe durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück …“ (Ps.23).

Ich hoffe sehr, dass wir die Passionszeit anders erlebt haben als sonst. Konfrontiert mit Krankheit und Tod mussten wir Ohnmacht erleben, wie wir sie in unserer postmodernen Welt nicht mehr kennen. Aber dann konnten wir mittendrin auch anders Ostern feiern. Ganz neu konfrontiert mit einem Virus, der eine todbringende Macht in sich trägt, können wir jubeln über den, der zu uns sagt (Mt 28,18-20): Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie … Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.

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Die Kunst der kleinen Schritte

Antoine de Saint-Exupéry

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr,
sondern um die Kraft für den Alltag.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch,
um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig
meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung.
Schenke mir das Fingerspitzengefühl,
um herauszufinden, was erstrangig und
was zweitrangig ist.

Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen,
weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und
die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind,
durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen
den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand,
der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten
Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte,
an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen,
die „unten“ sind.

Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!

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Q&A zum Bibellesen

Jasmin Neubauer

Auf ihrem Insta-Account „liebezurbibel“ beschäftigt sich Jasmin mit Gottes Wort. Im Gespräch gibt sie Tipps für die tägliche Lektüre.

Wieso sollten wir überhaupt in der Bibel lesen? Viele Christen kennen doch die Kernbotschaft des Evangeliums.
Je mehr ich in der Bibel lese, umso mehr merke ich auch, wie damit ein Erkenntnisprozess einhergeht. Gott offenbart mir in seinem Wort Schritt für Schritt, wer er ist. Für mich ist es auch nicht nur ein bestimmter Teil, der wichtig ist, sondern die komplette Schrift ist von Gott inspiriert. Und das hat eine große Kraft, in mein Leben zu sprechen und es komplett auf den Kopf zu stellen. Gottes Wort lebt. Es zeigt mir, wer ich bin, wer Gott ist und wie ich ein erfülltes Leben im Heiligen Geist führen kann. Es hat das Potenzial, Dinge, die ich vorher nie verstanden habe, plötzlich mit anderen Augen zu betrachten oder dass Verletzungen aus der Vergangenheit heil werden.

Wie bereitest du dich auf das Bibellesen vor?
Ich bitte den Heiligen Geist darum, dass er mir die Weisheit und die Erkenntnis schenkt, Gottes Wort zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Bete, dass Gott spricht, und er wird sprechen!

Was tust du, um nicht abgelenkt zu werden?
Ich versuche, mein Handy auf stumm zu schalten und wegzulegen, wenn ich Bibel lese. Ein stiller Ort, an dem ich ungestört sein kann, hilft auch. Es ist nicht im Interesse des Teufels, dass ich in Gottes Wort lese, weil er sich der Macht bewusst ist, die in diesem Buch steckt. Ich bin überzeugt, dass er zum Beispiel Ablenkungen nutzt, um uns davon abzuhalten, die Bibel aufzuschlagen.

Was hilft dir dabei, das Gelesene zu verinnerlichen?
Fragen, Anmerkungen und meine Gedanken schreibe ich immer auf. Ein Notizbuch hilft dabei, das Gelesene festzuhalten und zu verstehen – hier halte ich auch meine Stille Zeit mit Gott fest. Ich empfehle außerdem aufzuzeichnen, welche Bücher der Bibel man schon gelesen hat, um einen besseren Überblick zu haben.

Nutzt du ein bestimmtes System, mit dem du Bibelstellen markierst?
Mir persönlich helfen Farben dabei, Themen in der Bibel zu kategorisieren. Für verschiedene Themen benutze ich unterschiedliche Farben, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich arbeite zum Beispiel mit den Kategorien: Gottes Charakter, Sünde, Vergebung, Ermahnung, Ermutigung, Lebensstil usw.

Was heißt es für dich, dass wir uns von der Bibel „ernähren“ sollen?
Gottes Wort ist nicht nur ein Buch. Es sind Worte, die unser Leben verändern. Wenn wir auf die Worte der Schrift verzichten, werden wir geistlich hungern. Gottes Wort wird uns sättigen und füllen. Ich glaube, dass alles andere in meinem Leben mich mit einem Hunger zurücklassen wird, der sich nie richtig stillen lässt. Die Bibel hilft mir, diese Leerstelle zu füllen. Sie bereitet mich auf die Stürme meines Lebens vor und weist mir den richtigen Weg – auch, wenn es so scheint, als würde es keinen Weg mehr geben. Gott ist gut, sein Wort ist ein Geschenk an uns.

Manchmal kann die Lektüre ganz schön frustrierend sein, weil man die Zusammenhänge nicht versteht. Hast du da einen Tipp?
Es ist normal, nicht alle Zusammenhänge sofort zu verstehen, aber wir dürfen Gott im Gebet darum bitten, uns die Dinge zu erklären. Manchmal kann es auch hilfreich sein, sich eine Studienbibel dazu zu nehmen oder mit anderen Christen gemeinsam die Bibel zu studieren

 

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Das umgekehrte Prinzip

Melanie Pongratz

Leiten und dienen, widerspricht sich das nicht? Von wegen – Jesus lebt uns vor.

„Jesus aber wusste, dass der Vater ihm Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging. Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte.“ (Johannes 13,3-5) So ist er – unser Jesus. König der Könige. Gottes Sohn. Boss des Universums. Krassester Typ. Und da kniet er im Staub, schnappt sich die dreckigen Füße seiner Jünger, wäscht sie und will ihnen damit etwas sehr Wichtiges klarmachen: Leiter sind Diener.

Dieses Konzept klingt erst mal widersprüchlich. Wie kann ich, als Leiter, gleichzeitig Diener sein? Werde ich dann nicht schlicht und ergreifend ausgenutzt? An der Nase rumgeführt? Verliere ich so nicht meine Autorität?

Kein Widerspruch

Dienende Leiterschaft ist eine Haltung, die mittlerweile in der Unternehmenskultur weltweit zu einem Erfolgskonzept für Führungskräfte geworden ist. Bekannt als Servant Leadership, finden sich allerhand Studien, Blogbeiträge und Bücher zu einem Thema, das für uns Christen eigentlich schon ein alter Hut ist.

Laut Hans Lutz Merkle, dem früheren Vorsitzenden der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, sind Dienen und Führen auch keine Gegensätze. In seinen Augen geht die Eignung zum Leiten aus der Bereitschaft zum Dienen hervor. Wissenschaftlich hat es ein Forschungsteam der Uni Istanbul untermauert. Die Ergebnisse von Studien mit insgesamt 148.501 Personen zum Zusammenhang von Leiterschaft und Jobzufriedenheit zeigen: Die größte Zufriedenheit herrscht beim Führungsstil der dienenden Leiterschaft. Und während Jesus jetzt vor meinem geistigen Auge in seinen Bart schmunzelt „War doch klar! Hab’ ich euch doch auch schon vorgemacht!“, sollten wir uns mal genauer anschauen, was das denn nun für Auswirkungen auf unser Handeln hat.

Das Beste rausholen

Der ehemalige CEO von Motorola, B. Galvin, definiert diese Art von Leiterschaft so: „Wir messen die Effektivität eines wahren Leiters nicht anhand seiner Führung, die er ausübt, sondern anhand der Führungsfähigkeiten, die er in anderen hervorruft; nicht anhand seiner Macht über andere, sondern anhand der Macht, die er in anderen freisetzt; nicht anhand der Ziele, die er setzt, und der Richtung, die er vorgibt, sondern anhand der Pläne, die andere mit seiner Hilfe für sich selbst erarbeiten; nicht anhand seiner getroffenen Entscheidungen oder durchgezogenen Events, sondern anhand des Wachstums an Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und persönlicher Zufriedenheit seiner Mitarbeiter.“

Dienende Leiterschaft ist also darauf bedacht, den anderen zu ehren und voranzubringen, das Beste aus ihm rauszuholen, damit er sein volles Potenzial entfalten kann. Heißt: Ich weiß, ich mache meinen Job als Leiter richtig, wenn mein Mitarbeiter, Mentee oder Trainee, ein noch viel geilerer Leiter wird. Als ich das erste Gespräch mit meiner Mentorin hatte, meinte sie: „Ich will all mein Wissen und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, an dich weitergeben und mich so investieren, dass du voll an mir vorbeiziehst und noch krasser wirst, als ich es je sein könnte!“ – Was für ein Privileg und eine Riesenehre, sowas gesagt zu bekommen. Und als Leiterin ein starkes Statement, das von Demut und einem dienenden Herzen zeugt. Denn dieses Herz weiß, wo es steht und welche Identität es hat.

Feste Identität

So auch bei Jesus. Jesus wusste, wer er war, zu wem er gehörte und wohin er ging. Aus dieser Identität heraus war es gar kein Problem, sich auf den Boden vor seine Jünger zu knien und allen die Füße zu waschen. Tatsächlich steht vor der Fußwaschung folgendes: „Jesus wusste, dass für ihn die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hatte, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe.“ (Johannes 13,1)

Dienende Leiterschaft als vollkommener Liebesbeweis. Eigentlich schon Grund genug. Aber Jesus führt seine Erklärung noch etwas mehr aus: „Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Denkt daran: Ein Diener ist nicht größer als sein Herr, und ein Bote ist nicht größer als der, der ihn sendet.“ (Johannes 13,14-16)

Ernten, was man sät

Auf Leiterschaft bezogen heißt das also: Was ein Leiter pflanzt, wächst auch in seinen Mitarbeitern weiter. Was ich vorlebe, übernehmen auch die Leute, die ich anleite. Ich kann zwar lehren, was ich weiß, aber ich reproduziere dann ja doch das, was ich bin. Wenn ich also das Potenzial aus anderen raushole, so werden auch sie das tun. Wenn ich mich so investiere, dass andere durch den Cocktail meines Wissens und meiner Erfahrungen, gemixt mit ihren Gaben und Talenten, weit an mir vorbeiziehen, dann werden sie sich genauso in andere investieren. Wenn ich vorlebe, wie man ganz natürlich und ohne Fremdschäm-Attacken vom Glauben und dem Evangelium erzählt, dann werden sie das Gleiche tun. Und so werden die Menschen um sie herum nicht nur zu Jesu Nachfolgern, die brav ihr Christsein perfektionieren, sondern zu echten Jüngern, die den Auftrag Jesu ernst nehmen und sich weiter in ihr Umfeld investieren.

Dienende Leiterschaft ist also definitiv etwas, das die Welt braucht. Nicht nur von CEOs, Pastoren und Ältesten, sondern von uns allen. Denn, dass wir alle Leiter sind und Menschen beeinflussen, ob wir wollen oder nicht, das haben wir schon in der ersten Ausgabe dieser Kolumne festgenagelt. Also, auf die Füße, fertig, los!

 

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Shalom

Ich suche das, was größer ist als

mein Klein-Klein

 

und finde das, was tiefer liegt als

mein Auf und Ab.

 

Ich suche das, was grundlegender ist als

mein Tam-Tam

 

und finde das, was weiter reicht als

mein Vor und Zurück.

 

Friede –

du bist der leise Klang,

der von unserer Vergebung singt.

 

Im Einklang sein

mit dir und mir

und deiner Welt.

 

Du bist die leise Stimme,

die mich täglich ruft:

Schau auf. In meine Augen.

Damit du weißt: Ich bin für dich!

Und schau die anderen an, damit auch sie wissen:

Sie werden geliebt!

 

So kehrt Frieden ein.

 

Johanna Kohler

www.konfettiaufasphalt.de

 

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Wer hilf mir dabei, mich zu zeigen?

Christiane Rösel

Wo wir Unterstützung bekommen und warum „sich zeigen“ für Vreni Theobald mehr mit Ankommen bei sich selbst zu tun hat, als mit einer Karriereleiter-Kletterübung, hat Christiane Rösel im Interview erfahren.

Manchmal denken wir: „Ich würde mich so gerne auf einen Weg machen, aber ganz alleine? Wenn mich jemand dabei unterstützen würde, das wäre super. Aber wo finde ich einen solchen Menschen?“ Christiane Rösel hat sich darüber mit Vreni Theobald unterhalten. Sie ist Autorin und Referentin und hat mit ihrem Mann einige Jahre ein Haus der Stille geleitet. Aber vor allem begleitet und ermutigt sie Frauen auf ihrem Weg.

Du hast viele Frauen gefördert und ermutigt – wie bist du dazu gekommen?
Ich habe das nicht gesucht, und hätte es mir auch nicht zugetraut! Es begann in der Gemeindearbeit, als ich als junge Pastorenfrau mit anderen jungen Frauen und Männern zusammen die Jugend-, Teenie- und Kinderarbeit leitete. Ich war auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen und wusste, dass sie nur bleiben, wenn sie ermutigt, bestätigt und gefördert werden. Durch dieses „learning by doing“ habe ich die Gabe der Ermutigung und Förderung anderer entdeckt und eingesetzt. Natürlich gab es dabei für mich auch Frusterfahrungen, wenn die anderen es dann eben anders machten, oder heimliche Eifersucht, wenn die, die ich fördern wollte, plötzlich besser und beliebter waren als ich. Aber ich habe mich dadurch auch besser kennengelernt und konnte an meinen eigenen Schwachstellen arbeiten (lassen). Später hat es sich dann einfach durch die Frauen- und Seelsorgearbeit so ergeben, dass Frauen meine Begleitung gesucht und darum gebeten haben. Mir geht es aber nicht in erster Linie darum, dass Frauen sich in Leitungsaufgaben zeigen oder auf der „Teppichetage“ ankommen. Ich verstehe mich als „Hebamme“, die zum Leben verhelfen will. Ich versuche mit meinem Herzen zu erfassen, wer die Frau ist, die bei mir ist, und was Gott wohl mit ihr vorhat. Wo ihre ganz persönliche Schönheit und Einzigartigkeit ist, die zum Vorschein kommen soll, wie ihre Stärken und Grenzen heißen, die gefördert oder akzeptiert werden sollen. Wie ich ihr in eine gesunde Balance helfen kann zwischen Einsetzen und Aussetzen, und wo auch noch Wunden und ungestillte Sehnsüchte oder unerfüllte Lebensträume sind. Ich versuche auch den Lebensrahmen in den Blick zu bekommen mit den Gegebenheiten, die es zu beachten gilt. Für mich ist das eine Zusammenarbeit mit dem Heiligen Geist. Ich bitte darum, dass ich die Person so sehen und erfassen kann, wie Gott sie sieht.

„Zeig dich, es ist dein Leben!“ heißt unser Dossier-Thema. Fällt das Frauen heute leichter? Und gilt das auch für Frauen in unserer Kirche und Gemeinde?
Ich empfinde schon, dass es heute jüngeren Frauen leichter fällt, sich zu zeigen. In den Schulen und Ausbildungen wird mehr Wert darauf gelegt, sich zu präsentieren oder sich mit seiner Meinung zu outen. In den christlichen Gemeinden gibt es beide: die Angepassten, die sich selten trauen, sich mit ihrer Meinung zu outen, sich vorne hinzustellen und etwas zu präsentieren oder darzustellen. Die Angst vor Kritik und Ablehnung sitzt vielen tief in den Knochen. Darum bleiben sie lieber in der zweiten Reihe oder im Hintergrund und arbeiten hier mit. Es gibt aber auch die Darstellungstypen, die die Bühne lieben und suchen und gerne von sich und über sich reden oder öffentlich etwas gestalten. Der Wunsch nach steter Selbstoptimierung ist aber auch in den christlichen Gemeinden angekommen und bringt – neben dem positiven Ergreifen von Verantwortung in verschiedenen Aufgaben und Gremien – auch Unzufriedenheiten mit sich, wenn die Möglichkeiten zu einem Engagement „kleinflächig“ und überschaubar bleiben. Unter „sich zeigen“ und „Ermutigung zum Leben“ verstehe ich aber nicht eine Karriereleiter-Kletterübung, sondern ein „Ankommen bei mir selbst“. Mich zu trauen, in innerer Freiheit und Bejahung zu mir zu stehen mit dem, wer ich bin und was ich kann.

Wie bist du zu einer Lebensermutigerin geworden?
Ich habe selbst viel Ermutigung gebraucht, und bin all denen dankbar, die das Gute in mir gesehen, herausgeliebt und gelockt haben. Allen voran mein Mann Dieter. Andere haben mir etwas zugetraut, und ich bin daran gewachsen.

Wie finde ich jemanden, der mich fördert?
Man darf Gott darum bitten! Aber selbst auch die Augen offen halten nach einer Person, von der man den Eindruck hat, dass man dort etwas lernen und abschauen könnte. Autorinnen und Autoren eines guten Buches oder Artikels, Seminarleiterinnen oder Referenten sprechen einen an und wecken das Vertrauen. Da kann man einen Versuch wagen! Es muss keine lebenslange Begleitung werden. Für eine gewisse Lebensphase, eine schwierige Situation oder eine berufliche Umorientierung oder Herausforderung kann eine Begleitung sehr hilfreich sein.

Heute im Zeitalter von Qualifizierung und Weiterbildung hat man ja oft den Eindruck: Ohne Zertifikat geht gar nichts. Kann ich andere auch „einfach so“ fördern und ermutigen? Oder was brauche ich dazu?
Eine Seelsorge- oder Coachingausbildung ist immer etwas überaus Hilfreiches – zuerst einmal für einen selbst – und dann auch für eine professionelle Begleitung anderer Menschen. Aber das „hörende oder sehende Herz“ kann man sich nicht mit einem Zertifikat erwerben. Das geht echt nur durchs eigene Gegründet- und Verbundensein in und mit Gott. Das „einfach so“ würde ich deshalb bejahen im Alltag, überall da, wo sich Gelegenheiten ergeben, andere zu ermutigen und zu fördern. Seien es die eigenen Kinder, eine Freundin, Nachbarin, Kollegin. Die Menschen um uns herum hungern nach Ermutigung und brauchen sie dringend!

Mir hilft es immer wieder, wenn Menschen mir gute Fragen stellen, auch wenn ich manches Mal daran herumknabbere. Welche Fragen fördern und ermutigen?
Ratschläge wie: „Ich würde es an deiner Stelle so machen …“, helfen wenig. Aber gute Fragen sind „Vorwärtsbringer“. Zum Beispiel die Fragen: Was bezweckst du mit diesem Tun? Was kannst du gut? Was bringt es dir? Wer profitiert davon? Was soll sich verändern? Wo willst du hin? Was möchtest du bewirken? Was sagt dein Herz dazu? Wo zieht es dich hin? Was hast du aus diesem Fehler gelernt?

Wie ist das in der Bibel – gibt es da auch die Ermutigung, sich zu zeigen?
Generell höre ich aus der Bibel Gottes großes Ja zum Leben heraus und zugleich Freude, wenn Menschen aufbrechen und ihre Gaben einsetzen oder Berufung finden. Mich persönlich hat die Stelle im Hohelied 2, 12-14 angesprochen: „Steh auf meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Felswand, zeige mir deine Gestalt, lass mich hören deine Stimme; denn deine Stimme ist süß, und deine Gestalt ist lieblich.“

Danke für das Gespräch!

 

Vreni Theobald ist Autorin und Referentin und lebt mit ihrem Mann in CH-Turbenthal ZH.

 

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