Wir alle sind die Kirche

Anna Maria Gerlach

Warum es wichtig ist, über unser kirchliches Selbstverständnis nachzudenken, wenn wir Kirche als Ehrenamtliche gestalten wollen.

„Eine evangelische Kirche, die sich dem Gedanken des Priestertums aller Getauften verpflichtet fühlt, sollte Ehrenamtliche nicht (mehr) als ‚Laien‘ bezeichne. Auf diesen Begriff sollten wir ganz verzichten“, schreibt Steffen Bauer auf der Webseite des Ehrenamtsportals www.evangelisch-ehrenamt.de. Es war die These mit der größten Zustimmung auf den Seiten des EKD-Diskursprojekts zum Thema „Zukunft Ehrenamt“. Über 13 Monate lang konnten in den Jahren 2016 und 2017 online Thesen eingebracht, diskutiert und gewertet werden.

Das Priestertum aller Getauften

Immer wieder sprechen wir von dieser Unterscheidung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen – sie scheint uns wichtig zu sein. Doch was schwingt eigentlich darin mit? Die Hauptamtlichen, das sind die Profis. Die haben Theologie studiert, die können das: Kirche. Auch mir als Gemeindepädagogin schwingt das manchmal entgegen: „Mach du das mal – du hast das doch studiert!“ Ja, hab ich. Trotzdem: Ehrenamtliche sind keine Laien. Sie sind Christen. Wie ich auch. Das sogenannte „Priestertum aller Getauften“ meint, dass alle Christen Priester sind. Alle sind fähig und berufen dazu, Ämter in einer Gemeinde zu übernehmen. Alle haben die Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums (vgl. 1. Petrus 2,9).

Die Reformatoren haben das stark gemacht – in diesem Punkt unterscheiden wir uns also wesentlich von unseren katholischen Geschwistern. Doch damit die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente geordnet ablaufen, haben wir Hauptamtliche eingesetzt. Sie sind mit den Grundaufgaben der Gesamtgemeinde beauftragt. Dabei dürfen wir uns klarmachen: Ein Pfarrer ist kein Vermittler zwischen Gott und der Gemeinde. Ganz im Gegenteil: Alle sind gleichrangig und wer für ein Amt beauftragt ist, soll von den übrigen Gemeindegliedern kritisch überprüft werden.

Das bedeutet: Hauptamtliche sind der Gemeinde untergeordnet. Sie dienen der Gemeinde. Nicht erst mit Hauptamtlichen ist Kirche Kirche. Auch eine Kirche ohne Pfarrer ist vollwertig Kirche!

Ehrenamt – die zweite Arbeit?!

Das Wort „Ehrenamt“ klingt schon so nach „Arbeit“. Es meint auch ganz simpel eine unentgeltliche Arbeit, oft eine anstrengende Arbeit: „Gibst du den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand“, beschweren sich viele ehrenamtliche Engagierte – verständlicherweise. Schnell kann der Eindruck entstehen, ausgenutzt zu werden, für die Kirche zu arbeiten, aber nicht unbedingt Kirche zu sein.

Ein Blick in die Bibel zeigt, dass es in den ersten Gemeinden dieses Verständnis noch nicht gab. Es gab Ämter. Aber sie wurden nicht als solche bezeichnet. Wo deutsche Bibeln „Amt“ übersetzen, stehen im Griechischen oft Wörter, die zunächst einmal „Dienst“ bedeuten. Und dabei wird nicht unterschieden zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. Ein Dienst in der Gemeinde ist nicht in erster Linie eine Arbeit, sondern eben ein Dienst. Ein Dienst an Menschen, zu dem alle Gläubigen berufen sind.

Mich fordert das heraus, neu über mein Verständnis von Ehrenamt nachzudenken: Ist meine Aufgabe etwas, das ich gerne tue, weil ich lieben und dienen möchte, oder übe ich mein Amt aus, weil ich denke, ich muss?

Oft denken wir, wir müssten unsere Ämter ausüben, damit die Kirche „funktioniert“. „Aber wir können doch die Kindergruppen nicht einfach ausfallen lassen!?“, solche oder ähnliche Sätze höre ich immer wieder in Gemeinden, wenn beispielsweise kein Gemeindepädagoge mehr da ist oder die Ehrenamtliche, die die Gruppe immer geleitet hat, plötzlich aufhört. Angebote und Gruppen dürfen auch sterben. Sie dürfen aufhören. Wenn WIR die Kirche sind, können auch WIR darüber entscheiden, wie wir unser Kirche-Sein gestalten möchten.

Eine Aufgabe für einen Menschen

Wenn eine Aufgabe unbesetzt ist, gehen wir meistens so vor: Wir suchen einen Menschen, der diese Aufgabe übernehmen kann. Das klappt nur so mittelgut. Denn dabei müssen viele Menschen erst überredet werden. Die Menschen passen sich oft der Aufgabe an. So ist es kein Wunder, dass die Aufgabe selbst sich als zusätzliche Arbeit anfühlt. Andersherum können Aufgaben beleben und beflügeln: Lasst uns nach Aufgaben für Menschen suchen, nicht nach Menschen für Aufgaben. Jedes Gemeindeglied kann sich fragen, was es für ihn oder sie persönlich bedeutet, Kirche zu sein: Was kann ich gut? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich Evangelium verkündigen? Wovon habe ich schon immer geträumt? Und: Wofür habe ich gerade Zeit und Kraft?

Leider stellt Wolfram Dawin vom Zentrum Ökumene der EKHN und EKKW fest: „Die Erfahrungen und Kenntnisse, die Ehrenamtliche aus ihrem Beruf mitbringen, werden viel zu häufig übersehen oder finden keine Anerkennung.“ Gemeindeleiterinnen und Hauptamtliche tun gut daran, den Einzelnen bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Manche Aufgaben werden dann erst einmal unbesetzt bleiben. Dann stellt sich die Frage, ob die Aufgabe vielleicht gar nicht so wichtig ist, wie ursprünglich gedacht. Andere Gemeinschaftsformen werden neu entstehen, weil Gemeindeglieder den Raum bekommen, initiativ zu werden und Fähigkeiten aus ganz anderen Lebensbereichen auch in der Gemeinde einzusetzen.

Bei jedem Ehrenamt können wir uns also fragen: Braucht es das? Wollen wir das? Wenn diese Aufgabe für uns wichtig ist, wer führt sie gerne aus? Wenn der Pfarrer weggeht, bleiben Aufgaben liegen. Und das ist in Ordnung. Diejenigen, die da sind, sind die Kirche. Und diejenigen, die da sind, können ganz frei über die Ausgestaltung ihrer Gemeinschaft entscheiden. Nichts muss einfach so weitergehen, nur damit es weitergeht.

Kirche sein

Manchmal verhalten wir uns als Kirche wie eine Dienstleisterin: Wir sind institutionell organisiert und wir machen Angebote für Menschen. Wir laden zu Veranstaltungen ein, wir unterscheiden zwischen Mitarbeitenden und Teilnehmenden, wir bieten Programme an. Dass wir den Menschen dienen, gehört zu unserem kirchlichen Selbstverständnis mit dazu und das ist gut so. Doch die Grundlage fürs Dienen ist wichtig: „Ich denke, dass wir als Kirche nicht irgendein Anbieter von sozialen und kulturellen Dienstleistungen sind, sondern dass diese bei uns immer mit dem Evangelium verknüpft sein sollten: Was Ehrenamtliche leisten, sollte ein Verweis auf das Evangelium sein“, sagt Michael Herbst dazu. Als Kirche sind wir die Gemeinschaft der Heiligen, derjenigen, die zu Jesus gehören, der Leib Christi.

Nach Paulus entsteht Kirche durch die Verbundenheit mit Christus. Der Zugang dazu ist die Taufe und das Abendmahl drückt immer wieder neu aus, dass wir in dieser Gemeinschaft bleiben. Wir Glaubenden werden in diesen Leib Christi eingefügt. Er entsteht nicht erst, wenn sich einzelne Menschen treffen. Christus ist schon da. Der Leib Christi ist schon da. Jesus Christus selbst ermöglicht das Dasein der Kirche. Nicht unsere Strukturen, nicht die Hauptamtlichen.

In der Confessio Augustana und in der Barmer Erklärung wird das bekräftigt: Die Kirche ist dann Leib Christi, wenn das Evangelium in Wort und Sakrament (Taufe und Abendmahl) verkündigt wird. Mehr braucht es nicht. Wir brauchen kein Kirchengebäude, kein Gemeindehaus, keinen Pfarrer. Wir brauchen keine Kinderkirche, keine Gottesdienste anlässlich von Eheschließungen, keinen Seniorenkreis, kein Gebetsfrühstück. All das sind sinnvolle Dinge – sie ordnen unser Gemeindeleben oder sind ein Ausdruck der kirchlichen Gemeinschaft. Aber sie sind nicht Kern der Kirche.

Weniger Strukturen

Wir dürfen unterscheiden zwischen der Kirche als Institution und der unsichtbaren Kirche als geistliche Größe. Es ist die Kirche von Jesus Christus. Die Strukturen, Bürokratien und Hierarchien haben wir Menschen unserer Gemeinschaft gegeben, um uns zu ordnen. Doch in diesen Ämtern und Funktionen wirkt letztendlich Gott selbst. Der Heilige Geist ist sozusagen das kritische Prinzip, das die Amtswirklichkeit begrenzt und – wenn es sein muss – außer Kraft setzt.

Die Strukturen sind mit der Kirche gewachsen. Es ist logisch: Je mehr Menschen zu einer Gemeinschaft dazugehören, umso mehr braucht es Regeln und Ordnungen. Dann genügt ein Wohnhaus nicht mehr als Treffpunkt und die Ausübung der Dienste kann so unübersichtlich werden, dass es sehr klug ist, hauptberuflich jemanden für den Dienst in der Kirche anzustellen. Doch wenn wir der Tatsache ins Auge sehen, dass unsere Gemeinschaft nicht größer, sondern kleiner wird, müssen wir die Strukturen wieder zurückschrauben.

Das bedeutet, den kleinen Gemeinschaften mehr Selbstständigkeit zu geben und die bisher große Institution Kirche kleiner werden zu lassen. Anstatt Einzelgemeinden zu Region-Gemeinden zusammenzufassen, sollte die einzelne Gemeinschaft befähigt werden, auch ohne Hauptamtlichen eine eigenständige Gemeinde sein zu können.

Die Ordination

Dabei wird immer wieder angemerkt, dass für die Auslegung der biblischen Texte und die Verwaltung der Sakramente ein theologisches Studium notwendig sei, damit dies „ordnungsgemäß und rein“ geschehen kann (vgl. Confessio Augustana, Artikel 7). Doch wieso ist ausgerechnet ein universitäres Theologie-Studium der Maßstab dieser Ordnungsgemäßheit? Die Regelungen in den einzelnen Landeskirchen sind unterschiedlich, inwiefern auch zum Beispiel Gemeindepädagoginnen und Prädikanten ordiniert werden können oder ob sie nur (eine Zeit lang) „beauftragt“ sind. Hier zeigt sich eine gewisse Geringschätzung der entsprechenden (durchaus theologischen!) Ausbildung, die wiederum den Menschen im Pfarramt einen priesterähnlichen Status gibt.

„Immer weniger Menschen wollen kirchlich ‚versorgt‘ werden, sie wollen nicht nur mitgestalten oder mitmachen, sie wollen gestalten und machen. Deshalb werden sich die Rollen und die Aufgaben der Hauptamtlichen gravierend verändern (müssen)“, schreibt Diakon Ralph Fischer. Es braucht keine Pfarrer, die die Gemeinden „versorgen“ mit ihrem Predigtdienst und der Sakramentsverwaltung. Es braucht gut ausgebildete Hauptamtliche, die Ehrenamtliche befähigen, Kirche auch allein zu gestalten. Wer so angeleitet und begleitet wird, kann auch ordiniert, also mit dem Verkündigungsdienst beauftragt werden.

Wie kommen wir dahin?

„Die Ehrenamtlichen kommen in der strategischen Planung immer noch zu kurz. Ich bin der Meinung, dass wir in unserem Veränderungsprozess die Ehrenamtlichen noch mehr einbeziehen müssen. Wo werden sie mit hineingenommen? Natürlich geht es nicht darum, ihnen noch mehr Arbeit aufzubürden, sondern vor allem um die Perspektive. Bitte lassen Sie uns die Ehrenamtlichen viel mehr in den Blick nehmen!“, meint Prisca Steeb auf der Synode der Württembergischen Landeskirche. Ja, wir brauchen als Ehrenamtliche, als Ortsgemeinden das Zugeständnis, vollständig Kirche zu sein – auch ohne Pfarrer. Wir brauchen mehr Begleitung und Förderung von Ehrenamtlichen, die die Menschen und ihre Potenziale sehen – nicht nur die Aufgaben.

Dabei ist klar: Funktionierende Gemeinden nur mit Ehrenamtlichen werden wir nicht von heute auf morgen haben. Doch wir müssen und werden uns verändern. Diese Veränderung geschieht nicht nur durch Strukturreformen „von oben“, sie muss auch „unten“ in den Ortsgemeinden beginnen. Bei jedem Einzelnen: Bei der Pfarrerin und beim Diakon genauso wie bei der ehrenamtlichen Jugendleiterin und dem Kirchvorsteher. Denn wir alle sind die Kirche.

 

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Missionarische Chance oder ethische Herausforderung?

Anna Maria Gerlach

Als Fachfrau für das Themenfeld „Kirche und Medien“ begleitete Johanna Haberer das Projekt „Multimediale Kirche“. Im Interview spricht sie über digitale Gebetswände, Datenkraken und die Verantwortung der Kirche.

 

Das Handbuch „Multimediale Kirche“ zeigt Möglichkeiten auf, wie Kirchengebäude multimedial ausgestattet werden können. Dies soll zeitgemäße Formen bieten, den Glauben zu kommunizieren und Kirchenräume zu erschließen. Es ist eine Veröffentlichung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die während des Projekts von verschiedenen Partnern bergleitet und unterstützt wurde.

Johanna Haberer ist Professorin des Studiengangs „Medien – Ethik – Religion“ an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie begleitete das Projekt aus praktisch-theologischer Perspektive und entwickelte gemeinsam mit Studierenden Ideen für zwei Erprobungskirchen.

 

Worum geht es beim Projekt „Multimediale Kirche“?

Es geht darum, dass man die digitale Technologie und alles, was man an Wunderwerken damit machen kann, nutzt, um Kirchenräume sprechen zu lassen. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, um sie verständlicher zu machen und auch mit ihren Frömmigkeitspotenzialen zu erschließen. Es gibt die einfache Hilfsmittel-Funktion, indem man beispielsweise kleine Laptops als Kirchengesangbücher installiert, wo man die Textgröße einstellen kann. Dann gibt es die Möglichkeit der Raumerschließung: Audiofiles oder Videofiles erklären bestimmte Symbole in der Kirche.

Haben Sie eine bestimmte Zielgruppe vor Augen?

Wir haben zwei Versuche gemacht: zum einen mit einer Dorfkirche, zum anderen mit einer klassischen Hochzeitskirche. Es ist eine völlig andere Sache, mit einer Kirche zu arbeiten, in der im Jahr 200 Hochzeiten stattfinden, als mit einer mecklenburgischen Dorfkirche. In die eine Kirche kommen die Leute von außen, um genau in dieser Kirche zu heiraten. Im mecklenburgischen Dorf kommen im Sommer vielleicht ein paar Radler vorbei und wollen einfach nur, dass diese Kirche offen ist, und sich ein bisschen über die Gegend erkundigen.

Wie kann man auf diese unterschiedlichen Kirchen eingehen?

Man kann mit dem Kirchenraum Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinden machen. Zum Beispiel könnten in der Hochzeitskirche Paare, die sich dort trauen lassen, aus der Kirche ihre Fotos verschicken. In der Dorfkirche lässt man sich Geschichten erzählen, wie die ersten Kirchengemeinden gegründet wurden usw. Dabei braucht man dann auch kein Personal, weil man Kirchenführer mit Audio-Guides zur Verfügung stellen kann.

Und wie könnte man damit Gemeindearbeit machen?

Die Konfirmanden könnten sich auf diese Weise mit kleinen Filmen die Geschichte der eigenen Gemeinde erschließen. Oder die Kinder des Kindergottesdienstes könnten ihre Gebete online stellen: auf größeren Wänden in der Kirche, wo man früher analoge Gebetswände hatte. Man kann auch etwas ganz Einfaches machen: zum Beispiel die Kirche als Kinoraum nutzen. Hinterher kann man dann über die Filme, deren Wertorientierung und religiöse Grundierung sprechen. Es gibt eine ungeheure Fülle an Möglichkeiten, wie man mit dieser Technik Gemeindeaufbau betreiben kann.

Wie können Kirchengemeinden ein solches Projekt umsetzen?

Es gibt eine Webseite dazu und unser Büchlein – das ist so eine Art Handbuch der Anregungen. Dazu braucht man aber erst einmal Geld. Ich nehme an, so zwischen 5.000 Euro und 20.000 Euro muss man aufbringen. Und jede Gemeinde müsste sich ein eigenes Konzept überlegen. Außerdem braucht man jemanden, der die Technik wartet. Sie darf einem nicht im Wege sein und sie darf auch nicht in der Kirche verrotten, sondern man muss sie auch bespielen.

Sind digitale Medien in der Kirche gemeinschaftsstiftend oder gemeinschaftshinderlich?

Das kommt darauf an. Diese Technologie ist neutral – ein Spielzeug. Man kann sie auch falsch benutzen, indem man zum Beispiel übertechnisiert. Oder indem man die Leute nicht in die Kirche hineinführt, sondern hinaus. Was ich toll finde, ist aber, dass man generationenübergreifende Gemeindeaufbau-Projekte daraus machen könnte: Die jungen Leute bringen das technische Know-how ein und die älteren Leute bringen zum Beispiel das geschichtliche Wissen mit.

Ist im digitalen Lebensraum auch die Begegnung von Mensch und Gott möglich?

Das Problem am Internet ist, dass es eher schwache Beziehungen generiert und flüchtige Kontakte auslöst. Natürlich ist Gott so frei, jedem zu begegnen, wann und wie er will. Ich glaube aber, dass eine tiefe religiöse Erfahrung mehr Aufmerksamkeit braucht: viel Übung, tiefe Beziehungen zu anderen Menschen, konzentrierte Gespräche. Und das Netz ist eigentlich nicht der Ort der ungeteilten Aufmerksamkeit. Insofern würde ich sagen, man kann da vieles anbahnen, aber für eine wirkliche stabile, intensive Gotteserfahrung ist das Netz nicht prädestiniert.

Hat die Kirche eine besondere Verantwortung in der digitalen Welt?

Ich finde: Ja! Mit der Datensicherheit geht es los, zum Beispiel in Beratungsinstitutionen, bis hin zum Datenschutz der Mitarbeitenden und zu vorbildhafter Kommunikation mit den Gemeindegliedern. Da kann die Kirche exemplarisch etwas vormachen. Und dann muss die Kirche als theologische, geistliche und ethische Agentur in der Gesellschaft auch kommentieren, was diese neue Technologie mit uns als Menschen macht – mit unserer Kommunikation, unseren Biografien und unseren Gesellschaften.

Entstehen denn neue Fragestellungen, die es vorher so nicht gab?

Ja. Wir haben eine Technologie, die behauptet: „Ich weiß ganz genau, was du als nächstes machst!“ Was bedeutet unter diesen Bedingungen die Freiheit eines Menschen? Wie kann man dann Freiheit leben? Oder wir kommen irgendwann in die Situation, dass Krankenversicherungen Daten sammeln und auf dieser Grundlage entscheiden: „Den Physiotherapeuten zahlen wir nicht, weil du selbst zu wenig für deine Gesundheit getan hast.“ Man kann bei dieser gnadenlosen Vermessung auch das Wort Gnade wieder neu buchstabieren und verständlich machen. Denn da werden Menschen normiert. Das können wir als Kirchen nicht mitmachen!

Was sollten wir stattdessen tun?

Durch diese Vermessung bekommen Firmen wie Google, Amazon und Facebook einen ungeheuren Einfluss auf die einzelnen Biografien bzw. auch auf politische Systeme. Neben diesen großen Datenkraken sind die Kirchen ebenso globale Player. Das heißt, sie können auch einen Widerstand leisten. Ich habe nichts gegen diese Technologie – ich sehe ihre Schönheit und ich sehe ihre Möglichkeiten. Aber die Kirchen müssten international hier die Machtfrage stellen: Wem gehören die Daten? Und wer bestimmt über die Biografien der Menschen? Da müssen die Kirchen Einhalt gebieten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Kreuz, nein danke?

Nathanael Ullmann

Wer mein Bürozimmer betritt, der sieht es in der Regel sofort: In leuchtenden Farben prangt ein Kreuz an der Wand. Das Gemälde befindet sich in bester Gesellschaft: Ihm gegenüber hängen zwei Sprüche aus der Theaterwelt und eine Leinwand mit Bioshock-Motiv; direkt neben dem Kreuz findet sich ein Plakat, das mir einmal ein Künstler während meiner Zeit beim Radio geschenkt hat. In dieser Kombination macht das Kreuz für mich Sinn. Die Zimmerwände zeigen, wer ich bin: Theatermacher, Spiele-Nerd, Journalist – und Christ.

Bekenntnis auf der Brust

Etwas anders verstehe ich das Kreuz, das ich mir (fast) jeden Morgen um den Hals hänge. Es fungiert für mich mehr als ein Bekenntnis: „Hey, hier steht Christus drauf und ist (hoffentlich) auch ein wenig Christus drin.“ Ich verstehe es als eine Art Erkennungszeichen. Außerdem zeigt mir meine Kreuzkette noch etwas Anderes: Ich habe mich mit meiner Taufe zu einem Leben mit Jesus Christus verpflichtet. Die Kette ist für mich so etwas wie ein Brandmal – nur weniger schmerzhaft und definitiv hübscher. Jeden Morgen aufs Neue mache ich mir bewusst, dass ich ein Teil der christlichen Gemeinde bin, mit allem, was dazugehört. Das Ritual des Kette-Anziehens macht aus der Entscheidung mit Gott zu gehen, immer wieder eine konkrete Tat. Und das hilft mir ungemein.

Setze dein Kreuz mit Bedacht

Als Erkennungszeichen und Symbol des gelebten Glaubens finde ich das Kreuz legitim. Jede Privatperson, Initiative und Vereinigung, die sich bewusst und in Absprache mit allen Beteiligten dafür entscheidet, deswegen auf das Kreuz zurückzugreifen, kann ich nur beglückwünschen. Und trotz allem (oder gerade deswegen) habe ich den Beschluss des bayerischen Landeskabinetts, dass in allen Behörden der Staatsverwaltung Kreuze im Eingangsbereich hängen müssen, nicht gefeiert. Denn hier liegt eine gänzlich andere Geisteshaltung vor.

Revier markieren

Wenn Ministerpräsident Markus Söder behauptet, das Kreuz solle kein religiöses Symbol des Christentums sein, sondern ein „Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“, wird klar, was hier Sache ist: Von der rettenden Botschaft des Evangeliums ist dieser Schachzug so weit entfernt wie ein Apple-Produkt vom Ein-Euro-Laden. An die Stelle der guten Nachricht tritt ein leerer Traditionsbegriff. Das Glaubensbekenntnis verkommt von einem „Ich bin für euch gestorben“ zu einem „Halt Stopp, das Kreuz bleibt, wo es ist (weil das schon immer so war)“. Es ist, als wolle die CSU hier schlichtweg ihr Revier markieren. Nur, dass sie nicht das Beinchen hebt, sondern ein Symbol an die Wand tackert. Es wirkt wie eine Machtgeste: „Wir waren zuerst hier!“ Zudem werden hier Menschen dazu gezwungen, zu etwas zu stehen, mit dem sie sich unter Umständen gar nicht identifizieren.

Und das ist noch eine freundliche Auslegung dieses Spektakels. Viel eher ließe sich dahinter schnöder Stimmenfang vermuten. Deutlich effektiver wäre es allerdings, den Inhalt neu zu überdenken, statt die Verpackung aufzumotzen. Oder, anders gesagt: Es wäre besser, das zu leben, was das Kreuz bedeutet, statt es als Kulturobjekt zu vereinnahmen.

Was ich hier am Beispiel der Amtskreuze durchexerziert habe, gilt nebenbei für alle Kreuze aus reiner Tradition. Wer dieses Symbol benutzt, muss auch zu der christlichen Bedeutung stehen. Und im Bestfall hinterfragt er immer wieder aufs Neue, ob er das noch kann. Insofern: Kreuz, ja bitte! Aber bitte aus Überzeugung.

Lass dich nicht gehen!

Tobias Hambuch

 

Flavio Simonetti ist Fitness-Blogger. Sein Fokus liegt auf Gewicht, Bizepsgröße und Massephasen – manchmal regeneriert er auch. Doch zu viel Leerlauf kann er sich nicht erlauben, denn er ist auf neue Klicks angewiesen. Und das Streben nach Reichweite ist nicht sein einziger Kampf.

Ein recht unscheinbarer Raum. Darin eine gemütlich aussehende graue Couch, ein Tisch mit Sitzschalen-Stühlen. Ein paar Regale. Eine Büro-Ecke. Flipchart. Kartons. Und ein großes rotes Poster vor einer Sperrholzwand. Darauf prankt der Mann, der hier bis zu dreimal in der Woche ein neues Video dreht, und es dann bei YouTube mit seinen fast 250.000 Abonnenten teilt: Flavio Simonetti. Betritt er die Bildfläche, gibt es klare Ansagen zu hören wie »Achte auf deinen Körperfettanteil, dein Krafttraining und deine Ernährung – sie haben Auswirkungen auf deinen Testosteron-Wert!« oder „Diese Kohlenhydrate sind die besten Quellen für deinen Muskelaufbau!“ Manchmal ist auch Christian mit dabei. Der war sogar schon mal Deutscher Meister im Natural-Bodybuilding – also im Muskelmasseaufbau ohne Doping. Dann stehen zwei Typen vor der Kamera, deren Oberarme Eindruck hinterlassen und deren Shirts dem Platzen nahe scheinen. Und reden über Einfach- und Mehrfachzucker. Warum das alles? Und warum dreht sich hier eigentlich alles nur um den Körper? Wen bedient Flavio eigentlich?

Neue Formate, neue Follower?

„Die, die seit Jahren ins Fitnessstudio rennen. Die, die sich abquälen und irgendwann frustriert merken: Es hat sich nichts getan.“ Sie hat Flavio im Blick. Weil er ihnen Erfolgserlebnisse schenken will, die er am eigenen Körper erleben durfte. Er will ihr Motivator sein. Und das hat er zu seinem Geschäft gemacht. Der Deutsch-Italiener hat die Trainings-App „Coach Carter“ entwickelt, das Fitnessprogramm „Muskelakademie“ erarbeitet und eine eigene Bekleidungsmarke am Start: „Natural Athlet“. Gleichzeitig will er seine eigene Fitness auf einem hohen Level halten. Und hat mit zwei kleinen Kindern zudem ein prall gefülltes Familien-Leben. Sein Aufruf: »Hol das Beste aus dir raus.« Dazu will er niemanden zwingen. Aber für ihn steckt dahinter auch die biblische Aufforderung, den „Tempel des Heiligen Geistes“ zu pflegen und den eigenen Körper wertzuschätzen. Flavio ist Christ. Auf seinem Insta-Account ist vor allem anderen „God First“ zu lesen. Und doch sagt er: „Meine erste Frage ist: Wie kann ich für das Publikum attraktiv bleiben? Da kann ich nicht jedes Mal über Gott reden. Die Reichweite würde zusammenfallen. Ich will für die Welt interessant bleiben.“

Der „Retter der Dünnen“

Flavios Beruf ist ein Kampf um Klicks. Nur die sichern ihm und seinen Mitarbeitern eine stabile Finanzlage. Das macht auch Druck. „Da muss ich manchmal aufpassen, dass mich das nicht auffrisst. Ich kämpfe immer wieder mit mir selbst und frage mich: Ist dieses Format noch interessant? Was kann ich neu machen? Wie bleibe ich authentisch? Und wenn du dann was startest, über das du dir lang Gedanken gemacht hast, und es trotzdem nicht ankommt, ist das total frustrierend. Dann sehne ich mich manchmal danach, Zahnarzt zu sein und immer wieder den gleichen Prozess wiederholen zu können.“
Für mehr Reichweite polarisiert der Blogger auch gerne. Er nennt sich „Retter der Dünnen“ oder startet eine „Lauch-Challenge“ mit Jungs, die mehr Muskeln haben wollen. Natürlich kommt da auch Kritik ins Haus. Wie er als Christ einen so starken Fokus auf den Körper legen könne?

Weniger Körperkult, mehr Selbstannahme

Flavio setzt zwar provokante Titel, aber entscheidend ist für ihn, dass er jeden einzelnen Teilnehmer seiner Programme wertschätzt, geduldig begleitet und motiviert. Einst ging er als Jugendlicher selbst ins Fitnessstudio, um sich besser zu fühlen. Stärker. Entschlossener. Geliebter. „Zwischen 15 und 24 Jahren war ich auf der Suche. Ich wollte herausfinden, was ich überhaupt kann. Frauen, Geld und Fitness dominierten mein Leben.“ Deshalb versteht er die Leute, die Sport und Muskeln gebrauchen, um sich Selbstvertrauen zu holen. „Auch ich habe damals nicht an mich geglaubt und wusste nicht, wer ich bin. Ich kenne die große Challenge, zu trainieren, ohne mich darüber zu definieren. Das ist ein Kampf. Ich will Gott an die erste Stelle setzen. Nur bei ihm finde ich wirklich Identität.“

Berufen

Jungen Menschen zuzusprechen, dass sie aus einem Grund hier sind und nicht einfach so vor sich hin leben sollten – das sieht Flavio als Teil seiner Berufung an. Und er erreicht diese Menschen auf seine eigene Art und Weise. Dahinter steckt seine Geschichte. Flavio hätte den Begriff „Berufung“ lange nicht in den Mund genommen, lenkte sich ab, wurde immer unzufriedener, fühlte sich leer. Mit 24 Jahren nahm er an einem illegalen Autorennen teil, das frontal vor einem Baum endete. Ein vorbeifahrender Autofahrer war sich sicher: Der ist tot! Doch Flavio lebte und wusste: Es muss sich was ändern. In der Rückschau meint er: „Ich brauchte diese Neujustierung. Da war die bohrende Frage, auf die ich endlich eine Antwort finden wollte: Was will ich wirklich? Ich habe plötzlich gespürt, dass Gott mein Leben lenkt und ich nicht mehr an ihm vorbeileben will. Bislang hatte ich alles auf eigene Faust erkundet und war damit nicht weit gekommen.“ Dieser biographische Wendepunkt scheint kaum übertragbar. Wie können dann andere Menschen ihre Berufung finden? Flavio macht klar: „Auch ich bin immer wieder auf der Suche, muss prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, brauche Leute, die mir ins Leben reinreden.“ Er gibt den Tipp: Manchmal sind wir viel zu abgelenkt und brauchen einfach mal Ruhe, Zeiten fern vom Handy, fern vom Unterhalten-Werden, offline. Um dort die eigene Kreativität und Leidenschaft zu entdecken. Zu erkennen, wie man tickt. „Dann besteht auch eine geringere Gefahr, nur von anderen zu kopieren.“ Aber kann Berufung nicht auch manchmal wie eine verheißungsvolle Illusion wirken? Flavio hat genug Rückschläge erlebt und meint: „Gott kann auch da wirken und uns schleifen, wo wir uns im Beruf gerade durchschleppen und keinen Spaß haben.“

Der Bequemlichkeit den Kampf ansagen

Vor einigen Tagen ist er aus Italien zurückgekehrt. Pizza, Pasta und Eis standen auf der Speisekarte, Flavio hat ganze sechs Wochen nicht trainiert. Mit schlechtem Gewissen? „Nein, im Urlaub habe ich das Ziel, zu genießen. Tief im Innern könnte ich jetzt auch ohne Training weiterleben. Aber jetzt beginnt wieder der Kampf mit mir selbst. Ich merke, dass ich nicht auf jedes meiner Gefühle hören sollte. Denn ich habe auch oft keine Lust auf Beten oder keinen Bock auf Bibellesen. Aber davon will ich mich nicht leiten lassen.“
Heute schauen tausende Menschen seine Videos an. Und Flavio will ihnen die Bereitschaft vermitteln, an sich zu arbeiten – „an den Dingen, die andere davon abhalten, dich als Vorbild zu sehen. Am Ende geht es nicht darum, gut dazustehen, sondern deine Talente wachzurufen und dadurch auf Gott zu zeigen, der sie dir gegeben hat.“ Flavio wünscht sich Menschen, die über sich hinauswachsen. Und das muss überhaupt nichts mit dem eigenen Körper zu tun haben. „Auch eine schüchterne Person, die vor einer großen Gruppe von Leuten redet, wächst über sich hinaus.“

 

 

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Hoffnung ist das größte Geschenk

Lydia Riess

 

Im vergangenen Jahr drehte der Musiker Chris Lass gemeinsam mit der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ ein Video, in dem zwei Mädchen einander durch ein Geschenk näherkommen. lebenslust hat nach dem Grund für das Video gefragt – und warum Hoffnung ein so wichtiges Geschenk ist.

Chris, was war der Grundgedanke deines Videos?

Ich kenne die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“, seit ich ein kleiner Knirps bin, und fand es total stark, darauf hinzuweisen. Wir haben den Song „Power of Prayer“ von meinem Album ausgewählt, das seinerzeit herauskam, also „Kraft des Gebets“. Dazu haben wir eine Geschichte entwickelt, in der es darum geht, etwas zu verschenken, an andere zu denken, für andere da zu sein. Das passt gut zum Thema „Gebet“, denn beim Beten dreht man sich nicht nur um sich selber, sondern tut das für andere, als Fürbitte. Außerdem finde ich: Für andere zu beten ist gut, aber auch etwas für sie zu tun, ist genauso gut, wenn nicht noch besser!

Manche sagen, kleine Gesten wie die Geschenke von „Weihnachten im Schuhkarton“ verändern nicht viel.

Dahinter steckt der Gedanke: „Man muss Großes tun, damit sich Großes bewegt.“ Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das nicht stimmt. Wer bemisst, was groß und was klein ist? Dinge beginnen oft im Kleinen, bevor sie groß werden. Gerade bei der Aktion geht es ja darum, Kindern eine Freude zu machen und ihnen Hoffnung zu schenken. Ihnen zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind und dass es Menschen gibt, die sie wertschätzen. Was das für ein Leben bedeuten kann, ist unermesslich und kann in der Verkettung am Ende etwas ganz Großes bewirken!

Als ich noch ein Kind war, haben wir in unserer Gemeinde diese Kartons gepackt für andere Kinder, und wir haben jedes Mal auch Feedback bekommen. Das war immer stark zu sehen, dass da Kinder sind, die sich total freuen!

Wie kann man konkret Hoffnung schenken, nicht nur an Weihnachten, sondern im Alltag?

Indem man anderen Mut zuspricht, anstatt ihre Hoffnungen und Träume in Frage zu stellen. Das würde dazu führen, dass die Menschen um uns herum mutiger werden und Dinge erleben und schaffen, die sie über sich hinauswachsen lassen – und damit auch andere inspirieren. Ich singe viel mit Leuten gemeinsam. Wenn die dann erleben, dass sie eine Atmosphäre verändern mit ihrer Stimme, ihren Liedern, ihren Botschaften – das ist großartig!

So haben wir es auch beim Video erlebt: Mitten im Dreh schüttete es auf einmal so heftig aus allen Wolken, dass alle so durchnässt waren, dass ans Weiterdrehen nicht zu denken war. Gott sei Dank gab es ganz in der Nähe ein Luxushotel, in dem normalerweise nur die ganz „Großen“, Reichen und Berühmten unterkommen. Und die Angestellten dort waren tatsächlich so lieb und haben unsere ganzen Klamotten in den Trockner geschmissen und uns ein paar Föne gegeben – wir haben uns auf den Toiletten eingeschlossen und uns gegenseitig trockengeföhnt. Als die Sonne wieder rauskam, konnten wir weiterdrehen. Sie haben also das Video für uns gerettet, indem sie uns so beschenkt haben.

Warum ist Hoffnung so wichtig für Menschen?

Ich persönlich glaube, dass Hoffnung der Motor ist, der uns erlaubt, Dinge anzupacken. Hoffnung ist die Kraft, die uns erlaubt, Probleme anzugehen, unser Leben zu verändern, den Glauben nicht zu verlieren an andere Menschen und sich selbst. Man sagt ja nicht umsonst: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, ein biblisches Zitat. Ich glaube, dass das wirklich so ist: Wenn wir anderen Menschen Hoffnung zusprechen und sie ermutigen, dann ist das wahrscheinlich das größte Geschenk, das man jemandem machen kann.

 

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Bethlehem im Ruhrgebiet

Ingrid Jope

 

Weihnachten erlebt: Wenn Kinder zur Krippe kommen

Wenige Tage nach Heiligabend lud ein strahlender Winterhimmel zu einem ausgiebigen Spaziergang ein. Der Himmel zeigte sein schönstes Blau bei klirrender Kälte. Um möglichst viel heißbegehrte Wintersonne zu spüren, suchten wir anhand einer Wanderkarte einen unbekannten Weg, der uns auf einem Höhenzug entlangführte. Mein Mann und ich spazierten auf dem Asphalt. Unsere beiden Kinder schlugen sich durchs Dickicht. Da steckte unser vierjähriger Sohn – noch ganz unter dem Eindruck des Weihnachtsmusicals in unserer Kirchgemeinde – seine große Schwester mit der Idee an: „Komm, wir sind Hirten und wandern nach Bethlehem!“ Gesagt, getan. Beide stapften mit Stöcken in der Hand und rotwangigen Gesichtern über Stock und Stein, zwischen Bäumen und Büschen entlang. Es war ein beschwerlicher Weg durchs Gelände, aber die Kinder hatten übereifrig ihren Spaß und wiederholten immer wieder: „Wir sind Hirten! Wir wandern nach Bethlehem!“ Schließlich überquerte der Wanderweg einen Hof, offensichtlich eine Schreinerei. Da ruft unsere Tochter plötzlich: „Da, der Stall!“ Und tatsächlich stand am Wegesrand eine lebensgroße Krippenszene aus einfachen Holzfiguren als Weihnachtsdekoration. Die Kinder rannten begeistert darauf zu. Fast andächtig beugten sie sich über die Krippe und schenkten dem „Jesuskind“ ihre Wanderstöcke. Auch wir Eltern waren überrascht von diesem schönen Zufall und berührt davon, wie aus dem kindlichen Spiel plötzlich Ernst wurde. Ja, das Erlebnis wurde uns zu einem eindrücklichen Bild: Jesus, der Sohn Gottes, ist nicht nur an den Feiertagen im Glanz des Weihnachtsbaumes zu finden. Sondern er ist da, wenn wir uns auf unserem Lebensweg vorwärts mühen. Manchmal verlaufen unsere Tage wie ein Spaziergang im strahlenden Sonnenschein: Wir haben vieles, wofür wir danken können. Wir haben Menschen um uns, mit denen wir unser Glück teilen. Aber nicht selten kämpfen wir uns Schritt für Schritt nach vorne. Wir stolpern über Wurzeln, verletzen uns an Dornen und setzen nur mühsam einen Fuß vor den anderen, kurz davor, aufzugeben. Wir werden von Sorgen niedergedrückt und zweifeln, weil wir manches nicht verstehen. Und gerade auf diesem mühsamen Weg durchs Dickicht unseres Lebens will Jesus uns begegnen. Er will uns zeigen, wie sehr Gott uns liebt. Er will uns umarmen und trösten, wenn wir uns an den Leidenspunkten unseres persönlichen Weges reiben. Er will uns befreien, wo Schuldgefühle uns die Luft abschnüren, und uns vergeben, wo wir tatsächlich schuldig geworden sind. Dafür ist Gott Mensch geworden. Er will uns seinen Frieden schenken – mitten in den Fragen und Widersprüchlichkeiten unseres Daseins. Das ist der tiefe Sinn von Weihnachten, der bis in die dunkelsten Winkel unseres Lebens leuchtet: Gott ist da. Wenn wir ihm unser Herz öffnen, wird unser ganzer Lebensweg eine Weihnachtswanderung.

 

Denn uns wurde ein Kind geboren,

uns wurde ein Sohn geschenkt.

Auf seinen Schultern ruht die Herrschaft.

Er heißt: wunderbarer Ratgeber, starker Gott, ewiger Vater, Friedensfürst. (Jesaja 9,5)

 

 

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Wenn Gott mir die eigenen Grenzen zeigt

Veronika Smoor

Sich Ziele zu setzen, hilft bei der Fokussierung. Doch was, wenn die gesteckten Ansprüche zu hoch sind? Die Bloggerin Veronika Smoor hatte sich zu viel vorgenommen.

Nachweihnachtszeit 2006. Ich sage den Feiertagspfunden den Kampf an, ziehe meine alten Joggingtreter an und laufe eine Runde durch den stillen Wald. Mein Kopfkino dreht seine eigenen Runden, während ich Meter um Meter zurücklege: Ich sehe mich in den Hochhausschluchten New Yorks joggen, mit tausenden anderen Läufern. Der New York Marathon! Genau das will ich sein: eine erfolgreiche Läuferin, Teilnehmerin an der Mutter aller Marathons. Ich kann alles sein, wenn ich nur genug Willenskraft und Selbstdisziplin aufbringe. 2007 – hier kommt mein besseres, trainiertes, schlankes, cooles Ich!

Mehr Lähmung als Motivation

Kaum bin ich wieder zu Hause, stürme ich ins Wohnzimmer und verkünde der um den Plätzchenteller versammelten Familie, dass ich den New York Marathon laufen werde. Sie trauen mir viel zu. Und doch lachen sie mich ein bisschen aus. Sollen sie ruhig. Sie werden schon sehen.

Am nächsten Tag fahre ich in die Stadt. Mein neues Ich benötigt neue Laufschuhe. Ein paar Mal gehe ich dann sogar joggen. Anfangs mit großer Motivation. Dann mit jedem Mal ein bisschen halbherziger. Ich kaue auf dem Bild, das ich von mir selbst geschaffen habe, entschlossen herum. Aber mit der Zeit lähmt es mich mehr, als dass es mich beflügelt. Das Jahr 2007 verstreicht. Ich bin zwar auf Reisen, aber New York ist nicht dabei. Gut, dann wird eben 2008 mein großes Jahr. Ich brauche einfach noch ein bisschen Zeit, um mich in Topform zu bringen. Dann werde ich schwanger, und statt Lauftraining steht Geburtsvorbereitung auf dem Plan.

Unnötig viel Energie

Hand aufs Herz. Ich bin keine Marathon-Läuferin. Das habe ich spätestens bei einem Fünf-Kilometer-Lauf vor zwei Jahren gemerkt. Ich wurde bereits auf den ersten 500 Metern von einer Seniorin mit Walkingstöcken überrundet. Das war für mich mehr der Walk of Shame als ein Triumphzug.

„Gott hat mein Wesen mit Grenzen ausgestattet, die mich nicht einengen, sondern befreien.“

Ich hatte ein Bild von meinem Selbst gemalt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Unnötig viel Energie hat es gefressen, mich in eine falsche Richtung gelenkt, an mir selbst verzweifeln lassen. Als Kind der Selbstverwirklichungsgeneration war mir meine eigene Identität zu wenig, ich wollte mich neu erschaffen. Aber oft sind unsere Wunschbilder nichts anderes als eine Flucht: Ich wäre gerne anders, als ich tatsächlich bin. Hinter meinem Wunsch, Marathon zu laufen, versteckte sich die Sehnsucht nach einem anderen Körper. Nach Gesehenwerden. Nach Außergewöhnlichkeit.

Selbstgeschaffene Sackgasse

Bis vor kurzem war ich überzeugt, ich sei eine extrovertierte Frau, die alles auf die Reihe bekommt. Entsprechend war mein Verhalten: immer laut, immer der Mittelpunkt, immer eine Meinung, immer rennen, erledigen, kontrollieren. Die Tatsache, dass ich mich die ganze Zeit über ausgebrannt, gereizt und müde fühlte, schob ich zur Seite. Bis es nicht mehr ging und ich mich einer Therapeutin anvertraute. Die half mir, mein verzerrtes Selbstbild zurechtzurücken: „Sie sind halt eher auf der introvertierten, sensiblen Seite angesiedelt.“

Diese Therapeutin hat mich an die Hand genommen, mit sanfter Gewalt in eine andere Richtung gedreht und aus meiner selbst geschaffenen Sackgasse herausgeführt. Mir wurde weit und frei ums Herz, weil ich endlich die Wahrheit über mich erkannte. Mir wurde klar, dass ich meine Seele jahrelang regelrecht vergewaltigt hatte, nur um meinem Selbstbild zu entsprechen. Ich konnte loslassen. Endlich. Um das zu sein, was ich tatsächlich bin. Manchmal extrovertiert (ja, ich kann eine Party durchaus rocken!). Aber eben auch ganz oft auf der stilleren Seite des Lebens. Auch hinter diesem falschen Selbstbild versteckte sich eine Sehnsucht: relevant zu sein. Und eine Angst: Kontrollverlust.

Befreiende Grenzen

Falsche Selbstbilder können krank machen. Uns an dem Leben, das Gott uns geschenkt hat, vorbeileben lassen. Ein Freund von mir – im Herzen eine Künstlerseele – hatte jahrelang das Bild von sich als Geschäftsmann. Er hatte sich in ein Bild gepresst, das ihm nicht entsprach. Nach vielen Jahren in der Geschäftswelt ist er ausgebrannt, weil er ignoriert hat, was er tatsächlich ist: eine sensible Seele mit der Sehnsucht nach Schönheit, nicht nach geschäftlichen Erfolgen.

Meine Therapeutin und der Fünf-Kilometer-Lauf haben mir meine Grenzen aufgezeigt. Und mich damit ein Stück weit in meine Identität geführt. Gott hat mein Wesen mit Grenzen ausgestattet, die mich nicht einengen, sondern befreien. Die mir Form und Halt geben. Ich muss nicht das Leben jeder Party sein. Ich muss nicht der multitaskende Powermensch sein. Ich muss nicht die sehnigstraffe Marathonläuferin sein.

Heilende Massage

Um unsere eigene Identität herauszuschälen, müssen wir immer wieder Inventur betreiben. Uns die Frage stellen: Welche falschen Sehnsüchte treiben mich? Was bin ich? Und was bin ich nicht? Vielleicht spüren wir, dass Gott schon lange Zeit seinen Daumen auf einer Stelle hat, die uns eigentlich wehtut. Wir winden uns unter seinem sanften Druck, wollen ausweichen und festhalten. Weil wir eben gern Erfolg, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Kontrolle haben. Sein Druck ist eine heilende Massage, die uns vom Schmerz befreien will. Ich erlebe immer wieder: Wenn ich ihm nachgebe, falsche Bilder loslasse, dann erfahre ich niemals Verlust, sondern immer Befreiung. Dann erst kann ich Frieden mit meinem Ich, mit meinem Schöpfer finden. Dann fühle ich mich endlich nicht mehr wie ein zerquetschtes Puzzleteil, das man gewaltsam in ein fremdes Puzzle zwängt.

Nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, ziehe ich meine alten, ausgetretenen Laufschuhe an. Ich will eine Runde durch den Wald laufen. Einfach aus Freude daran, dass ich es kann. Und nicht, weil ich einen Marathon laufen muss.

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Die Autorin Veronika Smoor textet in ihrem Blog unter www.veronikasmoor.com.

Erziehe dich selbst

Dr. Ulrich Wendel

Manoachs Frau weiß, was man von Gott erwarten kann

Vielen Menschen in der Bibel begegnen uns nach einem altbekannten Muster: Den Namen des Mannes erfahren wir, den der Frau nicht. So ist das oft in der altorientalischen Kultur. Wer namenlos bleibt, ist offenbar nicht so wichtig.

Immer wieder aber bricht die Bibel dieses Schema auf. So ist es auch bei Manoachs Frau. Ja, auch hier wissen wir nur, wie ihr Mann heißt, und ihren eigenen Namen kennen wir nicht. Doch wie Gott dieser Frau begegnet, ist bemerkenswert. In Richter 13 erfahren wir davon.

Das Ehepaar lebt in Zora im Hügelland Judäas. Wie viele andere Frauen kann auch Manoachs Frau zunächst keine Kinder bekommen – bis ein Bote Gottes ihr einen Sohn ankündigt. Und zwar wird es ein besonderer Sohn sein, ein Gottgeweihter, ein „Nasiräer“ (wie der biblische Ausdruck lautet). Solche Männer oder Frauen lebten eine Zeitlang enthaltsam im Blick auf Alkohol und unreine Speise, und auch die Mutter – so der Bote – soll diese Vorschriften während der Schwangerschaft einhalten.

Der Vater will es wissen

Wie reagiert man, wenn Gottes Bote einen anspricht? Die Frau läuft zuerst zu ihrem Mann und berichtet ihm alles. Manoach geht sofort ins Gebet. Und zwar will er von Gott wissen: Wenn sie nun einen so besonderen Sohn bekommen sollten – wie sollen sie mit ihm umgehen? Was ist zu beachten? Gott möge den Boten noch einmal schicken, damit der Auskunft erteilt. Manoachs Gebet wird erhört. Der Engel Gottes kommt wenig später tatsächlich – aber nicht zu Manoach, der gebetet hat, sondern wieder zu seiner Frau. Ja, offenbar bewusst nur zu ihr, denn er sucht sie auf, als sie allein auf dem Feld ist. Gott geht hier recht einseitig vor. Obwohl Manoach sich als treuer Glaubender erweist, der seine Anliegen spontan ins Gebet bringt, übergeht Gott ihn und wendet sich allein an seine Frau – sie ist Gottes erste Adresse, sie will er in dieser Angelegenheit als Gesprächspartnerin haben. Dass die Frau für uns namenlos bleibt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gott sie sehr wohl im Blick hat.

Sie reagiert bei dieser zweiten Engels-Begegnung genauso wie bei der ersten: Sie läuft zu ihrem Mann und informiert ihn. Der geht sofort los, um mit dem Boten Gottes zu reden. Das ist die Gelegenheit für Manoach, seine Frage zu wiederholen, die ihn beschäftigt: Wie sollen sie mit dem Jungen umgehen, wenn er zur Welt gekommen ist? „Was soll sein Verhalten sein?“, will er wissen (Richter 13,12). Manoach ist ein werdender Vater, der Interesse an seinem künftigen Sohn hat. Er kümmert sich um Erziehungsfragen und empfindet Verantwortung für den Weg des Kindes. Man könnte meinen, Gott würde einem solchen Interesse gern entgegenkommen und den so erziehungs-begierigen Vater ausführlich in seine Aufgabe einweisen. Doch die Antwort des Boten ist recht ernüchternd: Er wiederholt bloß das, was er bereits zu vor der werdenden Mutter gesagt hat. Mehr muss man nicht wissen. Das könnte eine wichtige Lebenslektion sein, über die besondere Situation von Manoach hinaus: Manchmal bestürmt man Gott mit Fragen, die er längst beantwortet hat, und anstatt auf eine neue Antwort zu warten, sollte man sich hinsetzen und überlegen, wie man das befolgt, was man bisher schon gehört hat.

Erziehungstipps? Fehlanzeige!

Aber was ist es genau, das Manoachs Frau gehört hat? Die Antwort des Gottesboten hat – bei genauer Betrachtung – eine Überraschung bereit. Manoach will etwas über Erziehung erfahren. Ihm geht es darum zu wissen, was der Junge in seinem Leben tun und lassen soll – zu diesem Verhalten, so scheint er zu denken, will er ihn dann anleiten. Doch Gottes Auskunft sagt nichts darüber, wie der Junge sich verhalten soll, sondern nur, wie die Mutter leben soll! Und zwar wie sie ihr eigenes Leben leben soll, nicht, wie sie als Mutter sein soll. Während der Schwangerschaft soll sie sich so ernähren, wie es ein gottgeweihter Mensch tut – das ist alles. Vielleicht will Gott sie damit herausfordern, dass sie auf ihre eigene Beziehung zu ihm Wert legt, dass sie sich also eine Zeitlang ihm weiht, so wie es dann für ihren Sohn später lebenslang gelten soll. Jedenfalls erfahren Manoach und seine Frau nichts über Kindererziehung für Nasiräer, sondern über den Umgang mit sich selbst. „Erziehe dich selbst“ scheint – zugespitzt gesagt – Gottes Antwort auf die Erziehungsfragen der Eltern zu sein.

Nein, wir müssen nicht sterben.

Nach dieser Begegnung bleibt Manoach nur noch, dem Gast alle gebührende Gastfreundschaft zu erweisen, so wie es im alten Orient unantastbare Sitte ist. Er will ihn mit einem leckeren Ziegenbock bewirten und er fragt nach dem Namen des Mannes – Manoach hat noch nicht erkannt, dass es ein Engel ist. Doch der Mann lehnt beides ab, die Bewirtung und dass er seinen Namen nennt. Er hat aber einen Gegenvorschlag: Wenn Manoach da gerade schon einen Ziegenbock parat hat, könnte er ihn als Brandopfer für Gott bringen. So macht Manoach es denn auch – und erlebt plötzlich einen heiligen Moment: Als die Flamme vom Altar auflodert, fährt der Engel in diesem Feuer nach oben zum Himmel! Jetzt wird Manoach klar, mit wem er es her die ganze Zeit zu tun hatte – eben mit einem Engel des Herrn! Und er reagiert panisch. „Wir müssen sterben! Wir haben ja Gott gesehen!“ Doch seine Frau behält die Nerven – ja mehr noch: Sie legt geistliche Einsicht und Weisheit an den Tag. Wenn Gott sie hätte töten wollen, dann hätte er ja wohl das Opfer nicht von ihnen angenommen und hätte vorher nicht mit ihnen geredet. Manoachs Frau scheint Gottes Absichten besser zu begreifen als er – so wie Gott ja zuvor sie und nicht ihren Mann als Gesprächspartnerin ausgewählt hat. Manoach erschrickt vor dem Gesetz Gottes („Wer Gott sieht, muss sterben“; siehe 2. Mose 33,20) und befürchtet den Tod, doch die Frau erfasst etwas vom Evangelium und erwartet das Leben.

Der Sohn, der dann zur Welt kommt, ist Simson – einer der Richter und Befreier Israels. Er hat sich in der Bibel einen Namen gemacht, bis hinein ins Neue Testament (Hebräer 11,32). Seine Mutter bliebt namenlos, doch wir lernen sie als Frau kennen, mit der Gott redet, der Gott aufträgt, auf ihr eigenes Leben zu achten, und die ein Gespür dafür hat, was man von Gott erwarten kann.

Dieser Artikel erschien in Faszination Bibel. Jetzt kostenlos testen: www.faszination-bibel.net

Inspirierter beten

Lydia Rieß

 

Wie die Bibel das Gespräch mit Gott belebt

„Herr, lehre uns beten.“ Diese Bitte tragen die Jünger an Jesus heran (Lukas 11,1). Beten – ist das nicht etwas, das man einfach macht? Anscheinend nicht. Denn Jesus geht auf diese Bitte ein und gibt den Jüngern ein Beispiel: das Vaterunser. Ein Gebet, das bis heute die Christenheit verbindet. Und eines, das wir direkt und sehr wörtlich aus der Bibel übernommen haben. Beten ist also etwas, das ich lernen kann. Und auch etwas, bei dem ich mich an Vorbildern orientieren darf.

Die Praxis des Bibelbetens greift genau diesen Gedanken auf. Wie das Vaterunser zeigt, ist es an sich nichts Ungewöhnliches, direkt mit Versen aus der Bibel zu beten. Manchmal erweist es sich als sehr wertvoll, wenn ich Worte verwende, die bereits seit Jahrtausenden festgeschrieben sind. Gerade das Gebet mit den Texten der Bibel führt mich zurück zum Ursprung: zu Gott selbst, zu seinem Wort und zu den Erfahrungen, die Menschen in den vergangenen Jahrtausenden mit ihm gemacht haben. Die Worte der Schrift helfen mir dabei, Gott wieder näher zu kommen und ihn besser kennenzulernen. Eine gute Voraussetzung für ein gelingendes und tiefes Gespräch.

Die Reise zurück zu den Wurzeln kann ein eingeschlafenes Gebetsleben erneuern, aber auch neue Impulse in eine bereits lebendige Praxis hineinbringen. Sie kann mir helfen, den Blick von meinen eigenen, festgefahrenen Problemen wegzulenken und hin zu Gott zu öffnen. Die Personen der Bibel hatten ähnliche Lebensthemen und -fragen wie wir heute. Ihre Worte können mir dabei helfen, diese Themen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und mit ihnen gemeinsam in Gottes Richtung zu schauen.

Es gibt verschiedene Ansätze des Bibel-Gebets. Einen Rat findet man bei allen: Wer die Bibel betet, sollte sie laut beten. Das hilft mir, stärker bei der Sache zu bleiben und mich besser in die „Gesprächssituation“ mit Gott einzufinden. Schon der Philosoph Wittgenstein wusste: Sprache schafft Wirklichkeit. Das, was ich laut ausspreche, ist für mich realer als das, was ich nur denke. Ich gebe meinen Worten mehr Gewicht und mache sie auch für mich selbst realer, greifbarer und konkreter.

Aber nicht nur das laute Sprechen ist von Bedeutung, sondern auch das, was ich sage. Bei den verschiedenen Varianten des Bibel-Betens geht es nicht darum, einfach laut aus der Heiligen Schrift vorzulesen und das dann Gebet zu nennen. Vielmehr soll die Bibel hier eine Stütze sein: zum einen, um Worte zu finden für das, worum ich beten möchte; zum anderen, um mich bewusst auf die Suche nach Gott zu machen.

Das Themen-Gebet

Beim Themen-Gebet stelle ich einzelne Passagen bzw. Verse der Bibel zu einem Gebet zusammen, um gezielt für bestimmte Themengebiete, Lebensbereiche oder auch Personen zu beten. Die Passagen kann ich mithilfe einer Konkordanz oder der Suchfunktion einer Online-Bibel nach Stichworten finden. Aus diesen Passagen erstelle ich mir in leichter Abwandlung Gebete – die Bibel wird hier also eher paraphrasiert. Ein Beispiel für ein Gebet für Angehörige und geliebte Menschen:

Gott, du bist ein Gott, der uns sieht (1. Mose 16,13). Herr, erlöse die, die ich liebe, von den Mächten der Finsternis (Kolosser 1,13) und hilf ihnen, die Rüstung des Lichts anzulegen (Römer 13,12). Hilf ihnen, in ihrem täglichen Leben den Herrn Jesus Christus „anzuziehen“ (Römer 13,14) und der Maßlosigkeit und den Versuchungen des Lebens zu widerstehen (Römer 13,13) …

Solch ein Gebet kann ich mir entweder selbst zusammenstellen oder auch von anderen übernehmen. Ich kann mir sogar ein kleines „Gebetsbuch“ mit verschiedenen Themen erstellen (auf Englisch gibt es Anregungen z. B. hier: http://www.prayingscriptures.com/praying-in-victory.shtml). Ich kann diese Gebete immer wieder neu beten, erweitern, Passagen austauschen und auch wieder herausnehmen: gerade so, wie es die Situation, die Person oder meine eigene Haltung erfordern. Durch die Kombination aus direkten Bibelworten und meiner eigenen, persönlichen Auswahl habe ich ein Gebet, das Gottes Nähe sucht und sehr direkt nach seinem Willen fragt, aber doch auch „mein“ Gebet ist.

Biblische Gebete beten

Sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament finden sich zahlreiche schriftlich festgehaltene Gebete. Die bekanntesten sind natürlich die Psalmen, die allein deshalb schon hochspannend sind, weil sie die ganze Bandbreite an menschlichen Emotionen und Lebensthemen abdecken – von Todesangst über Einsamkeit, Klage und Fragen des Glaubens bis hin zu Jubel und Begeisterung. Aber auch an anderen Stellen gibt es solche Gebete in sehr verschiedenen Formen: als Dank- und Lobgesänge, als Buß- und Bekenntnistexte, als Bitten und Fragen, voll von tiefer Verzweiflung oder übersprudelnder Freude.

Da ist das Gebet von Hanna, als sie Gott für den erbetenen Sohn Samuel lobt (1.Samuel 2,1-10). Oder das Siegeslied Deboras (Richter 5) und das Lied Mirjams und Israels, nachdem sie das Schilfmeer durchquert hatten (2. Mose 15). Das Buch Hiob ist stellenweise ein einziges Klagegebet, gekrönt am Ende durch ein Glaubensbekenntnis direkt an Gott. Im Neuen Testament finden sich der Lobgesang Marias (Lukas 1,46-55) und der Lobgesang des Zacharias (Lukas 1,67-79); Paulus hat verschiedene tiefgehende Gebete (z. B. Römer 16,25-37; Epheser 3,14-21; 2. Thessalonicher 2,16-17), und auch die Offenbarung des Johannes ist voll von Gebeten. Diese biblischen Gebete können uns zu „Lehrern werden, die uns beibringen, wie wir mit Gott kommunizieren können“, so beschreibt es Philip Collins, Professor für Christian Ministries an der Taylor University in Upland, Indiana.

Obwohl diese Gebete bereits in sich geschlossen und fertig sind, ist es ratsam, nicht blind drauflos zu beten, sondern bewusst Texte auszusuchen: solche, die zu meiner Situation passen und die mir Worte geben, die ich guten Gewissens zu meinen eigenen machen kann. Außerdem ist es stellenweise klug, Verse auszulassen (so macht es für das persönliche Gebet eher wenig Sinn, über „Schamgar, den Sohn Anats, zu den Zeiten Jaëls“ zu beten wie in Richter 5,6). Indem ich ein solch „fremdgeschriebenes“ Gebet bete, nehme ich die Perspektive der Person ein, die es ursprünglich betete – als Dankende, als Bittender, als Zweiflerin oder Trauernder.

Verheißungen beten

„Wenn wir Gottes Verheißungen laut beten, fangen wir an, Gottes Pläne und Ansichten zu verstehen. Wir bringen unsere Sehnsucht in Einklang mit der seinen“, so Debbie Przybylski, Gründerin eines internationalen Gebetsdienstes. Die Bibel ist voll von Verheißungen, die nicht nur Israel und den Menschen damals, sondern auch uns heute noch gelten. Sie sind in vielfacher Hinsicht ein passendes Gebetsthema: als Bekenntnis und Dank für Lebensbereiche, in denen ich bereits erlebe, wie sich diese Verheißungen erfüllen. Zur eigenen Erbauung und zum Trost, indem ich mich selbst daran erinnere, dass Gott es gut mit mir meint. Als Buße und Bitte um Vergebung, wo ich diesen Verheißungen nicht traue und selbst nach Kontrolle über mein Lebensglück strebe. Und im Ringen mit Gott, wenn ich sein Wirken und seinen Segen in meinem Leben nicht wahrnehmen kann. Verheißungen kann ich mit Hilfe einer Konkordanz oder der Wortsuche einer Online-Bibel finden. Hier hilft auch eine ganzheitliche Sicht: Auch Verheißungen des Alten Testaments kann ich mit dem Wissen beten, dass viele davon in Jesus Christus erfüllt, bestätigt oder auch in ein neues Licht gestellt worden sind.

Als Beispiel sei hier Hesekiel 36,26 angeführt: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Einen solchen Vers kann ich sehr vielfältig beten. Als Dank: „Danke, dass du mich erneuern willst mit deinem Geist. Danke, dass du mein steinernes, totes Herz lebendig machen willst.“ Als Bitte: „Erfülle mich neu mit deinem Geist! Nimm mein steinernes Herz weg und gib mir ein fleischernes!“ Als Buße: „Ich habe mein Herz dir und den Menschen gegenüber verhärtet. Ich habe ein steinernes Herz. Vergib mir und schenke mir ein Herz aus Fleisch.“

Die Ermutigungs-Tabelle

Ähnlich wie das Gebet mit Verheißungen ist diese Variante von Andreas Kusch*. Diese Gebetsform eignet sich vor allem in Zeiten von Not, Trauer und Schmerz. Es geht um einen Perspektivwechsel: „Wir schauen nicht auf das Dunkel, sondern auf den, der das Dunkel wenden kann. Die Zusagen und Verheißungen Gottes dürfen wir den Gedanken der Hoffnungslosigkeit und Gottverlassenheit entgegenstellen“, so beschreibt es Kusch. Diese Gebetsform sieht zunächst etwas „technisch“ aus, hilft aber gerade durch das systematische Vorgehen, im Gebet konkret zu werden.

Dabei ist Vorbereitung erforderlich, und zwar in Form einer Tabelle. In der ersten, durchgehenden Spalte formuliere ich die Situation, die mich gerade belastet. Die zweite Spalte wird in Zeilen unterteilt. In diese Zeilen trage ich die Gefühle ein, die für mich mit der Situation einhergehen (Schwäche, Angst, Enttäuschung, Hilflosigkeit …). In der dritten Spalte notiere ich parallel zu den Gefühlen die negativen Gedanken, die diese Gefühle immer wieder in mir auslösen (z. B. Schwäche: „Ich kann nicht mehr.“ Enttäuschung: „Warum lässt Gott das zu? Warum hilft er mir nicht?“ etc.). In der vierten Spalte nun trage ich Bibelverse ein, die mich in diesen Momenten ermutigen, z. B.: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9b). Nun „durchbete“ ich diese Tabelle. Angefangen bei der Situation über die Gefühle und Gedanken bis hin zu Gottes Verheißung, auf die ich mich stütze und die ich im Glauben annehme. Dies kann, in Bezug auf die Bibelstelle, auch in abgewandelter Form geschehen: „Gott, ich danke dir, dass deine Kraft in meiner Schwäche mächtig ist.“ Auf diese Weise wird die Tabelle zu einem Rettungsseil, das mich immer wieder daran erinnert, dass Gott in meiner Situation gegenwärtig ist und in sie hineinspricht.

Personalisiertes Bibelbeten

Auch manche Passagen der Bibel eignen sich dazu, um sie zu beten – allerdings umgewandelt zu einem persönlichen Gebet. Jesaja 43 als Dankgebet kann dann so klingen: „Danke, dass ich mich nicht fürchten muss. Danke, dass du mich bei meinem Namen rufst und erlöst und dass ich dein bin!“ Oder als Bitte: „Wenn ich durchs Wasser gehe, lass mich wissen, dass du bei mir bist. Lass nicht zu, dass die reißenden Ströme mich untergehen lassen.“ Für andere kann ich ebenfalls auf diese Weise beten, indem ich ihre Namen in den Bibeltext einfüge: „Auch wenn Paul gerade durchs Feuer gehen muss, lass ihn unversehrt bleiben. Schütze Klara und bewahre sie davor, dass die Flammen sie anrühren. Lass sie wissen, dass du ihr Gott und Retter bist.“ Solche personalisierten Bibelgebete helfen nicht nur dabei, Worte zu finden, die man manchmal einfach nicht hat. Sie führen mir auch vor Augen, dass Menschen bereits vor tausenden von Jahren dieselben Sehnsüchte, Schmerzen und Hoffnungen hatten. Und dass sie bei Gott damit an der richtigen Adresse waren.

Meditation

In Psalm 1 findet sich die indirekte Aufforderung, über das Wort Gottes „nachzusinnen Tag und Nacht.“ Das hebräische Wort für „nachsinnen“ bedeutet hier wörtlich: murmeln. Als jemand, der Gott nachfolgt, soll ich sein Wort vor mich hinmurmeln, immer und immer wieder wiederholen – es also quasi meditieren. Der Begriff „Meditation“ ist in unserem Verständnis manchmal vorbelastet. Man denkt allzu schnell an fernöstliche Esoterik und die mystische Suche nach sich selbst. Ursprünglich bedeutet Meditation aber einfach, sich von allem anderen gedanklich freizumachen und sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Das Ziel dabei ist, zur Ruhe zu kommen, sich zu entspannen, vor allem aber, dieser einen Sache seine vollständige Aufmerksamkeit zu widmen und sie ganz und gar aufzunehmen.

Die Bibel zu meditieren, oder anders: sie meditierend und betend zu lesen, bringt mich dazu, mehr zu tun als nur zu lesen. Indem ich einen Bibeltext bewusst lese, wiederhole und ihn betend vor Gott bringe, ihn quasi mit ihm gemeinsam lese, lasse ich ihn näher an mich heran, nehme ich ihn auf und lasse zu, dass er etwas mit mir macht. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass ich jeden beliebigen Bibeltext auf diese Weise beten kann, nicht nur solche, die sich bereits vom Wortlaut her als Gebet eignen, ganz ähnlich wie beim personalisierten Bibelgebet.

Die Bibel singen

Heutzutage finde ich unzählige christliche Lieder, die auf biblischen Passagen beruhen, teilweise sogar sehr wörtlich. Hier sei beispielhaft wieder das Vaterunser angeführt, das bereits vielfach vertont wurde. Auch in diesem Bereich finde ich eine Bandbreite an Themen: Bekenntnis, Lobpreis, aber auch Klage und Bitte. Solche Lieder kann ich ganz bewusst als Gebet singen.

Und natürlich kann ich auch Bibeltexte ganz direkt singen. Dazu kann ich mir eine eigene Melodie ausdenken oder ihn ganz „kindlich“ und spontan vor mich hinsingen. Das mag erstmal befremdlich klingen. Aber Gesang bietet einen ganz neuen Zugang zu einem Text, lässt Emotionen mit einfließen, bringt eine persönliche Note mit hinein. Hilfreich ist hier vielleicht der Gedanke, dass manche Texte der Bibel auch ursprünglich Lieder waren. Nicht nur die Psalmen, sondern z. B. das bereits genannte Siegeslied Deboras oder das Lied Mirjams, nachdem das Volk Israel durch das Schilfmeer gezogen war (2. Mose 15).

Ein paar Gedanken zum Schluss

Die meisten dieser Ansätze kann ich sowohl allein als auch in einer Gebetsgemeinschaft ausprobieren. Hier stellt sich dann die Frage, was für ein Typ Beter ich bin: Profitiere ich vom gemeinschaftlichen Gebet? Oder kann ich mich besser auf Gott einlassen, wenn ich alleine bin? Im Setting der Gruppe kann das Bibel-Beten sehr hilfreich sein, besonders für diejenigen, die einen gewissen „Performance-Druck“ spüren und nicht gut frei formulieren können, wenn andere zuhören. Das Allein-Beten kann hingegen dabei helfen, sich tiefer auf diese Ansätze einzulassen und in der Gestaltung ganz frei und ungehemmt zu sein.

Hier dürfen wir uns auf einen Weg des Lernens einlassen. Ganz nach der Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten.“

 

*aus dem Buch: Andreas Kusch: Gott, du Liebhaber des Lebens, Trier, Paulinus, 2013

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