Zum Glück gibt’s den Himmel

Jürgen Werth

Er kann nicht mehr, und er will nicht mehr. Das körperliche Elend ist zu groß, die Aussicht auf Heilung zu klein. War‘s das?
Zum Glück gibt’s den Himmel. Ihr Kind, ihr geliebtes und erbetetes Kind, wird von tödlichen
Fieberkrämpfen geschüttelt. Es gibt keine Hoffnung mehr. Nicht für das Kind, nicht für sie.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Menschen gehen auf Menschen los. Reden nicht mehr miteinander. Hören nicht mehr aufeinander. Schießen nur noch. Erst mit Worten, dann mit Gewehren.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Die Pole schmelzen, die Wälder verdursten. Küsten werden überspült, während anderswo Felder verdorren.
Das Klima ist außer Rand und Band und lässt sich kaum noch bändigen.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Sinnlose Kriege allerorten. Überquellende Flüchtlingslager. Und eine unbeherrschbare Pandemie. Politiker im permanenten Krisenmodus. Die Welt wird zunehmend unregierbar.
Zum Glück gibt‘s den Himmel.
Eine Handvoll Reiche und eine Weltvoll Arme. Und immer mehr Geld in immer weniger Taschen.
Zum Glück gibt’s den Himmel.

Den Himmel. Die Wirklichkeit Gottes. Nicht nur für ein paar Privilegierte. Wer hinein will, darf hinein. Licht und Liebe ohne Ende und für alle. Wasser und Wärme, so viel man braucht. Glück und Gerechtigkeit auf ewig.
Nein, was wir erleben und erleiden, ist nicht alles, ist nicht das Letzte. Zum Glück. Es gibt mehr. Anderes. Und darum Hoffnung und Zuversicht gegen allen Augenschein. Und Mut und Tatkraft. Denn die Aussicht aufs Jenseits stärkt die Hände fürs Diesseits. Wer an den Himmel glaubt, dem kann die Erde nicht gleichgültig sein. Wie sie dem nicht gleichgültig war, der aus Liebe zur Erde den Himmel verlassen hat.
„Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten, und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“, dichtete Reinhold Schneider 1936. Allein den Betern. Und damit denen, die an eine Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeit glauben und die diese Wirklichkeit immer wieder neu in unsere Welt hineinbeten und hineinleben. Die an den „Vater unser im Himmel“ glauben. Die wissen, dass unsere Zeit in seine Ewigkeit mündet. Und die darum immer das Hier und Jetzt mit kritischer Distanz erleben und mit Paulus bekennen, „dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Röm 8,18).
Der himmlische Vater ist auch auf der Erde, aber ja. Teilt unsere Zeit. Ist mittendrin in allem Elend, in aller Zerrissenheit. Aber er geht nicht in der Erde auf und schon gar nicht in der Zeit. Und wir müssen es auch nicht.
Die Alten haben es noch gewusst und geglaubt. Einer wie Paul Gerhardt, der ein Lied singen konnte über „dieser Zeit Leiden“. „Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende. Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht’.“
Je älter ich werde, je spürbarer die Lebenskräfte schwinden, je chaotischer mir diese Welt erscheint, desto mehr sehne ich mich nach dem Himmel. Und ich danke Gott, dass er das Ziel meines Weges ist. Das Ziel der Welt und aller Zeit.
Auch hier und jetzt ist seine Wirklichkeit erfahrbar, in dieser Welt und in meinem Lebensalltag. Aber nur in Bruchstücken. Immer wieder fällt sein warmes Licht mitten in unsere Dunkelheiten. Aber nur vorübergehend. Wer die ganze Fülle Gottes, wer alle seine Wohltaten, wer seine grenzenlose Herrlichkeit auf diese Weltzeit begrenzt, glaubt zu kurz. Die Erde spiegelt ein paar Strahlen der himmlischen Herrlichkeit, ja. Und unser Leben tut es hoffentlich auch. Aber es gibt mehr, viel mehr. Darauf warten wir. Dahin sehnen wir uns. Darauf leben wir zu und darauf hoffen wir.

Zum Glück gibt’s den Himmel und nicht nur diese Erde. Vollkommenheit und nicht nur Zerstörung und Zerbruch. Gerechtigkeit und nicht nur die erbärmliche und zynische Arroganz der Emporkömmlinge gegenüber den Habenichtsen und Kannnichtsen dieser Welt. Es gibt die Ewigkeit und nicht nur diese verrinnende Zeit.
Ich bete es darum immer bewusster: „Unser Vater im Himmel. Dein Reich komme!“ Und ich bekenne es immer fröhlicher: Jesus ist „aufgefahren in den Himmel.“ Und ich weiß, dass ich hinterher fahre, wenn meine Zeit gekommen ist. Bis dahin pflanze ich fröhlich und gelassen meine Apfelbäumchen.

 

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Vom Ende der Gemütlichkeit

David Werner

Im vergangenen Dezember sieht sich David herausgefordert, seine festlich-familiäre Komfortzone zu verlassen. Er beschließt das Weihnachtswunder in diesem Jahr unter den Obdachlosen auf den Straßen Hannovers zu suchen. Dafür bekommt er eine neue Dankbarkeit geschenkt.

„Wenn Gott redet, ist die Gemütlichkeit zu Ende“. Als ich diese Worte von Peter Hahne, dem aus dem ZDF bekannten christlichen Fernsehmoderator und Buchautor, einige Wochen vor Weihnachten am Frühstückstisch höre, passiert erstmal nicht viel. Ich mache mich wie geplant auf den Weg zur Bahnhaltestelle, döse auf der 45-minütigen Fahrt durch die Dunkelheit immer wieder ein und bin doch nicht wirklich ausgeschlafen, als ich schließlich, so richtig hell ist es immer noch nicht, an meinem Arbeitsplatz ankomme.

Worte, die mich nicht mehr loslassen

Für gewöhnlich kann ich mir Bibelverse, Zitate oder andere Weisheiten eher schlecht merken. Auch bei der Kurzzeitbibelschule, die ich vor einigen Jahren besucht hatte, schafften es die meisten Verse, die es auswendig zu lernen galt, nur ins Kurzzeitgedächtnis. Dieses Mal ist es anders. Die Tage vergehen, Weihnachten rückt immer näher und Peter Hahnes provokant formulierter Vers geistert immer wieder durch meinen Kopf.

Zwar ziehe ich Ferienwohnungen dem Campingplatz vor und dusche auch nur dann mit kaltem Wasser, wenn die Warmwasseraufbereitung mal wieder nicht funktioniert. Trotzdem würde ich mich nicht als jemanden beschreiben, der sein Leben nach Komfort und Gemütlichkeit ausrichtet. Für Weihnachten im Kreis der Familie, den Spätgottesdienst an Heiligabend in der bekannten Kirche und ein bisschen Gemütlichkeit kann ich mich in diesem Jahr dennoch erwärmen.

Rückkehr in eine fremde Welt

Ein paar Wochen später, es sind nur noch wenige Tage bis zum Christfest, sitze ich in einem mit „Weihnachtstouristen“ gefüllten ICE und bin auf dem Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt. Aller Vorfreude auf ein gemütliches Weihnachten zu Hause zum Trotz habe ich mich bei „Christmas in the City“, einer sozial-missionarischen Einsatzwoche in Hannovers Drogenszene, angemeldet. Was mich bei der von „Neues Land“, einer christlichen Drogenarbeit mit mehreren Therapiehäusern, organisierten Aktion erwartet, weiß ich einerseits schon, da es nicht das erste Mal ist, dass ich an diesem besonderen Weihnachtsprogramm teilnehme. Andererseits ist es wieder ein Schritt in eine fremde Welt: Es erwarten mich Begegnungen mit Menschen, die vom Leben nichts mehr erwarten und sich aufgegeben haben. Menschen, die die Hoffnungslosigkeit, in der sie gefangen sind, nicht mehr verstecken (können).

Meine neue Dankbarkeit

Es dauert ein paar Tage bis ich die ersten Berührungsängste überwunden habe, ohne Scheu auf die Menschen zugehen kann und dann häufig „nur“ zuhöre. Ich höre viel von Kinder- und Jugendzeiten, die alles andere als behütet waren und werde dabei neu dankbar für meine Familie und die Zuneigung, die ich von meinen Eltern erfahren habe. Es geht um gescheiterte Therapien, bei manchem waren es Dutzende, mal sind es betrogene Arbeiter aus Osteuropa, die auf Hannovers Straßen gestrandet sind, und von dort nicht mehr wegkommen.

Bei allem Zerbruch und Getrieben sein, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man sich den Menschen zuwendet, nehme ich auch eine große Wertschätzung für unseren Dienst wahr. Ein ehrliches „Danke“ oder ein liebevolles Lächeln für einen Kaffee von einem vom Leben gezeichneten Mann, der ansonsten niemandem vertrauen kann, in der Obdachlosenunterkunft sogar sein Hab und Gut, zusammengepackt und verstaut in wenigen Gepäckstücken, mit auf die Toilette nimmt, sind in diesen Tagen unser Lohn.

Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige werden nicht nur in Hannover so gut es mit legalen Mitteln geht an den Rand der Gesellschaft geschoben. Die Substitutionsprogramme versorgen viele täglich auf Kosten der Beitragszahler mit der notwendigen Ration „Stoff“. Hilfe beim Ausweg gibt es kaum.

Jesus schenkt Freiheit

Je näher Heiligabend rückt, desto voller werden die Straßen. Reisende gehen eilenden Schrittes zum Bahnhof, um noch rechtzeitig daheim anzukommen.

Diejenigen, die kein Zuhause haben, ihre Nöte mit Alkohol und Drogen betäuben, haben wenig Vorfreude auf die Feiertage. Der Verlust von Angehörigen oder Weggefährten wiegt in diesen Tagen noch schwerer, die Einsamkeit verfolgt manchen wie ein treuer Begleiter.

Ich fühle mich in der Zwischenzeit angekommen, habe viele der 90 anderen Teilnehmenden von „Christmas in the City“ etwas besser kennengelernt und empfinde Freude daran, Zeit mit den Menschen auf der Straße zu verbringen. Besonders begeistern mich die Unterhaltungen mit anderen Mitarbeitenden, ehemaligen Drogenabhängigen, die bereits seit Jahren ein Leben in Freiheit führen, eine Therapie erfolgreich durchlaufen haben und nun auch mit Jesus durchs Leben gehen. Sie haben eine besondere Leidenschaft für ihre ehemaligen Weggefährten, die immer noch im Sumpf der Abhängigkeit feststecken und für die sich die Spirale fortwährend nach unten bewegt. Von Jahren auf der Straße, Gefängnisaufenthalten und der Zerstörung, die die illegalen Substanzen auch in ihrem Leben angerichtet haben, gezeichnet, verbreiten sie nicht nur in der Weihnachtszeit Hoffnung auf ein Leben in wirklicher Freiheit.

Heiligabend im SOS-Bistro

Als in den Kirchen der Stadt Tausende gerührte Kehlen „O du Fröhliche“ schmettern, wird die Menschenschlange vor dem „SOS-Bistro“, dem Hauptquartier von „Neues Land“ in Hannover, immer länger. Die Weihnachtsfeier im Rahmen von „Christmas in the City“ ist für viele zu einer festen Institution an Heiligabend geworden. Es ist der Platz, der diejenigen aufnimmt, die (nicht nur) an Heiligabend niemanden haben.

Im Innern geht es kurz vor dem Einlass geschäftig zu: Die Helfer in der Küche nehmen Stellung, um das Essen zu servieren, der Punsch wird portioniert und findet schnell nach Öffnung der Türen dankbare Abnehmer. Nicht nur ich frage mich mit kindlicher Spannung: „Sehen wir einige von denen wieder, die wir in den vergangenen Tagen kennengelernt und eingeladen haben?“

Es wird ein stimmungsvoller Abend. Die vielen Gäste fühlen sich sichtlich wohl und sind erleichtert, den Heiligen Abend nicht allein verbringen zu müssen. Nach der Weihnachtsgeschichte überreichen Kinder den gerührten Gästen schließlich die Geschenke, gespendet von christlichen Gemeinden aus der Umgebung. Ich ertappe mich, wie meine Augen im Laufe des Programms umherstreifen und die Besucher mustern. So mancher Anblick führt zu einem Schmunzeln, z.B. über einen Gast, der während seines Aufenthalts seine überdimensionierten Kopfhörer nicht abnimmt. Auf vielen der von Enttäuschungen und Tiefschlägen gezeichneten Gesichtern ist ein Lächeln zu sehen. Es ist Weihnachten geworden, mitten in Hannover und hoffentlich in vielen Herzen.

Was bleibt

„Ich muss hier raus, das ist mir zu viel Liebe“, höre ich eine junge Frau von ihren Gefühlen überwältigt sagen, bevor sie mit glasigen Augen den Raum verlässt. Es gab schon schlimmere Gründe, warum Menschen gegangen sind, denke ich mir.

Was bleibt nach acht Tagen „Christmas in the City“? Es sind wohl die vielen Begegnungen mit den Menschen in den dunklen Ecken Hannovers. Es ist die Hoffnung, dass sich der eine oder andere im neuen Jahr auf den Weg macht, seine Drogensucht hinter sich zu lassen und mit einer Therapie zu beginnen. Und es bleibt die Gewissheit, dass Jesus diese Menschen liebt! So sehr, dass er es vor über 2.000 Jahren Weihnachten hat werden lassen.

 

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Minimalismus? Nichts für mich!

Hella Thorn

Theoretisch findet Hella Thorn das „Weniger“ gut. Aber im echten Leben funktioniert es für sie nicht.

Ich möchte wirklich gern. Zumindest manchmal. Weniger Konsum. Weniger Gegenstände im Haus. Weniger Gedanken. Dafür mehr Freiheit. Mehr Bewusstheit. Mehr Konzentration.

Dann gucke ich, wenn die Kinder im Bett sind, auf YouTube Aufräum-Videos und studiere diverse Minimalismus-Blogs, schreibe mir Listen und Zettel, verkünde meinem Mann meine neuen Vorhaben: „Ab morgen verzichte ich auf XY.“ Oder: „Ab morgen mache ich jeden Tag dies oder das.“ Oder: „Ab morgen verändere ich dieses und jenes.“ Und dann stelle ich mir den Wecker eine Viertelstunde früher, um in Ruhe meine Gedanken auf die vor mir liegenden Aufgaben zu fokussieren. Oder ich miste die Kinderzimmer und mein Arbeitszimmer aus. Oder ich verzichte auf industriellen Zucker oder Plastikverpackungen. Drei Tage lang. Und dann passiert irgendetwas Unvorhergesehenes, wie der fiese Eckzahn des Kerlchens, der ihn – und uns – nachts nicht schlafen lässt und – schwupps – wird die Gedankenfokussierung im Kaffee ertränkt. Oder die Vierjährige entdeckt ihre Schnipselleidenschaft wieder neu und verteilt Schnipsel diverser Größen und Formen in allen Räumen unseres Hauses – auch in meinem frisch aufgeräumten Arbeitszimmer. Oder es kommt mir einfach nur mein Schweinehund entgegen, der sich schwanzwedelnd aufs nächste Snickers stürzt und vorbei ist es mit der Zucker- und Plastikabstinenz.

Begrenzte Auswahl

Minimalismus, also der Verzicht auf unnötigen Besitz und Konsum, auf zu viele Bekanntschaften, Termine, Ablenkungen und die teils radikale Hinwendung zur Einfachheit, Reduktion, ja Askese, findet immer mehr Anhänger. Nicht alle leben ihn so radikal wie der Berliner Joachim Klöckner, der nicht mehr als 50 Dinge besitzt. Aber die Sehnsucht, sich vom Unnötigen zu trennen, das Leben einfacher, entschleunigter und dadurch klarer zu machen, ist bei vielen Menschen groß.

Und es klingt auch verlockend: Wer weniger hat, hängt auch sein Herz an weniger Zeug, das dann nur rumsteht und verstaubt. Wer weniger in viele lockere Bekanntschaften investiert, hat mehr Energie und Zeit für echte Freundschaften. Wer weniger von Termin zu Termin hetzt, hat mehr Raum für Müßiggang. Und jeder, der schon einmal eine größere Reise unternommen hat, wird gemerkt haben: Es lebt sich nicht schlecht mit nur einer begrenzten Auswahl an Kleidungsstücken oder Gebrauchsgegenständen – und selbst von den eingepackten Sachen hat man meist noch nicht einmal alle benutzt.

Ich habe bei solchen Reisen gemerkt: Ja, ich kann damit auskommen. Aber ich freue mich nach dem Urlaub mit begrenzter Auswahl auch wieder sehr auf den Luxus, morgens vorm Kleiderschrank eine Auswahl treffen, mich spontan umentscheiden und mich auch mit vielen anderen netten Annehmlichkeiten umgeben zu können.

Schwäche für Brotdosen

Ähnlich erging es mir beim Versuch, unsere Küche zu minimalisieren. Wer braucht schon drei Suppenkellen, zwei Rührschüsseln oder Unmengen an Tupperdosen? Ähm ja, also ich. Ich benutze Suppenkellen nicht nur für Suppen, sondern auch für Pfannkuchen, um die Eier ins kochende Wasser zu legen oder um das Risotto auf die Teller zu bringen. Ehrlich gesagt, sind mir zwei Rührschüsseln auch mindestens eine zu wenig (eine kleinere bräuchten wir wirklich noch). Und auch bei den Tupperdosen stelle ich – trotz jeder Menge geerbter Dosen, Boxen und Schüsseln – immer wieder fest, dass die Größe und Form, die ich jetzt gerade brauche, nicht vorhanden ist. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine Schwäche für Brotdosen habe.

Ein Wochenende, an dem wir nichts vorhaben, löst bei mir mitnichten Gefühle der Entspannung aus. Es verursacht eher ein nervöses Zucken meiner Augenlider, weil ich nicht weiß, wie ich die Tage mit den Kindern gut und sinnvoll rumkriegen soll, ohne dass alle einen Koller kriegen. Ich freue mich über die festen Termine und einen vorgegebenen, ja, manchmal auch vollgepackten Alltag. Das empfindet mein persönlicher kleiner Kontrollfreak in mir als entspannend.

Aus dem Vollen schöpfen

Aber dann gibt es eben auch diese Tage, an denen ich beim Betreten des Wohnzimmers (oder auch jedes anderen Zimmers unseres Hauses) radikale Zerstörungswut bekomme und alles, was irgendwie rumsteht, in einen großen Container schmeißen möchte. Etwas mehr Leichtigkeit, etwas mehr Luft, und ich könnte auch inmitten von nicht enden wollendem Kindergeplapper wieder klar denken. So zumindest meine Vorstellung. Weniger Termine, dafür mehr Nachmittage im Garten, und die Kinder würden auf die fantastischsten Ideen kommen und sich kreative Spiele nur mit Stöcken und Steinen ausdenken. So zumindest meine Hoffnung. Und mich ärgert die Vorstellung, dass das Leben meiner Generation geprägt ist von einer alles umfassenden Konsumhaltung: Niemand will mehr etwas selbst machen, niemand will sich mehr engagieren, niemand will mehr verzichten. So zumindest der Vorwurf.

 

Und das mag auch stimmen. Denn auch ich mache abgesehen vom Essen wenig selbst. Auch ich überlege sehr genau, wann und wo ich mich in welchem Umfang engagieren möchte. Und auch ich möchte lieber aus dem Vollen schöpfen, obwohl Bescheidenheit grundsätzlich ein Wert ist, den ich gut finde.

Doch vermutlich passt dieses minimalistische Leben (gerade) nicht zu mir. Ich befinde mich mitten im Lebensabschnitt, der gerne als Rushhour des Lebens betitelt wird. Mein Leben ist voll. Mein Leben ist laut. Und ich mag mein Leben auch so. Mit Papierschnipseln, Geplapper, etlichen Tupperdosen, Playdates und Turnnachmittagen sowie spontanen Buchkäufen, obwohl ich gerade quasi nie zum Lesen von Büchern komme. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Vielleicht minimalistischere.

 

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Ich wünschte ich hätte mehr Zeit!

Melanie Carstens

Es gibt so viele sinnvolle Dinge, die man tun kann, um im Alltag nachhaltiger zu leben. Am liebsten würde ich sie alle tun. Aber ich schaffe es oft nicht. Neben meinem Job, meiner Familie, meinem Engagement in der Gemeinde und all den Extras, die in einem Vier-Personen-Haushalt zu regeln und organisieren sind, bleibt oft einfach keine Energie und keine Zeit mehr für allzu viel Selbstgemachtes. Außerdem gehöre ich zu der Gruppe von Menschen, die leider keinen grünen Daumen besitzen. Schon als Jugendliche habe ich lieber Sport gemacht und gelesen als meinen Eltern bei der Kartoffelernte zu helfen. Gartenarbeit und Landwirtschaft waren nie mein Ding. Und auch heute lebe ich lieber in der Stadt als auf dem Land.

Hoffnungsvolle Versuche

Immer mal wieder starte ich hoffnungsvolle Versuche. Letztes Jahr haben wir auf Wunsch meiner Tochter die geschenkten Tomatenpflanzen einer Freundin im Garten eingepflanzt. Doch obwohl wir sie gehegt, gepflegt, gegossen – und ihnen sogar kreative Namen gegeben haben – sind sie leider eingegangen.

Also alles vergeblich? Nein, keineswegs. Auch ohne selbst gezüchtetes Gemüse ist mir sehr wohl bewusst, dass unser westlicher Lebensstil des selbstverständlichen Konsums so nicht weitergehen kann. Der Preis, den unsere Umwelt und die Menschen in ärmeren Ländern für unseren Lebensstil bezahlen müssen, ist einfach zu hoch. So zu leben, ist nicht nachhaltig. Und vermutlich auch nicht in Gottes Sinne. Denn wenn ich mir ein gutes Leben nicht nur für mich und meine Kinder wünsche – sondern auch für die Menschen in wirtschaftlich schwächeren Ländern, dann muss sich etwas ändern. Bei uns. Bei mir. In meinem Alltag. Aber auch in der Wirtschaft und Politik.

Für Veränderungen einsetzen

Dafür braucht es engagierte Menschen, die sich in Politik und Gesellschaft konkret für diese Veränderungen einsetzen. Doch auch dieses Engagement mit vielen abendlichen Sitzungen und zusätzlichen Wochenendterminen schaffe ich momentan nicht. Dafür fehlt mir leider die Zeit. Vielleicht müsste ich meine Prioritäten ändern? Weniger Engagement in der Gemeinde – mehr Zeit in den Gremien im Stadtteil? Vielleicht ist das irgendwann dran. Momentan sehen meine Prioritäten anders aus. Weil ich glaube, dass unsere Kirchen und Gemeinden das Potenzial haben, „Hoffnung für unsere Welt“ zu sein, engagiere ich mich momentan an dieser Stelle. Um eine Gemeinde mitzugestalten, die einen unseren Mitmenschen zugewandten, gastfreundlichen, hilfsbereiten und einladenden Glauben lebt.

Kleine Schritte

Dennoch bleibt mein Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Dieser Wunsch motiviert mich, mein persönliches Verhalten im Alltag immer wieder zu überdenken. Und wenigstens kleine konkrete Schritte zu gehen. Zu einem Stromanbieter mit erneuerbarer Energie zu wechseln. Bewusst nachzudenken, wie viel Kleidung ich brauche und wo ich die kaufe. Ein Patenkind in Indien zu unterstützen, um diesem Mädchen die Chance auf ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich gehe kleine Schritte. Kleine Schritte in die richtige Richtung.

Nur die selbst gezüchteten Tomaten, die überlasse ich lieber anderen.

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„Danke, dass ich heute hier lebe“

Lutz Barth

„Aber das ist doch selbstverständlich!“ Dieser Satz begegnet mir immer wieder, wenn ich mich für etwas bedankt habe. Meine Antwort darauf lautet dann oft: „Sie nehmen mir damit aber die Gelegenheit, dankbar zu sein! Denn wenn ich alles als selbstverständlich ansähe, würde mir die Freude der Dankbarkeit genommen!“ Außerdem: Wer sagt mir, dass das Gute selbstverständlich ist?

Wir müssen nur ein wenig die Augen öffnen und uns das Naheliegende anschauen, dann sind wir umgeben von vielen Möglichkeiten, für die wir dankbar sein könnten. Aber so leicht, wie es sich jetzt anhört, ist es natürlich auch nicht. In manchen Situationen ist das Ungute wirklich so dramatisch oder schlimm, dass es völlig unser Denken einnimmt und wir logischerweise Probleme mit dem Danken haben.

Keine Gefühlssache

Es gibt ein Prinzip in der Bibel, das uns bewusst davor schützen will, durch unsere Gefühle überfordert zu werden. So heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Oder: „Liebet eure Feinde.“ Diese Aufforderungen haben mit Gefühlen erst einmal gar nichts zu tun. Ich muss den anderen nicht sympathisch finden. Ich soll ihn nur so behandeln wie einen guten Freund. Genauso muss ich auch nicht erst gute Gefühle haben, wenn ich dankbar sein will.

Ein ungewöhnlicher Gedanke – oder? Richtig irritiert kann man aber sein, wenn man Psalm 50,14a liest: „Opfere Gott Dank!“ Wie bitte, Opfer und Dank sollen zusammengehören? Braucht Gott meinen Dank? Natürlich braucht er ihn nicht und wenn Gott meinen Dank als Opfer beschreibt, dann deshalb, um uns auf die richtige Spur zu setzten. Gefühle bremsen uns und versperren die Sicht. Wenn ich gegen meine Gefühle doch danke, dann hilft mir das. Nämlich über das Negative hinwegzuschauen und meinen Blick auf das zu lenken, was es Gutes um mich herum gibt. Und den dahinter zu entdecken, dem ich das alles verdanke.

In manchen Situationen fällt es leicht, dankbar zu sein – ­zum Beispiel nach einer gelungenen Operation oder wenn man liebe Menschen wiedersehen kann, was wegen der Corona-Regeln lange nicht möglich war. In den letzten Monaten wurden viele Videos versendet und geteilt. Eines berührte mich besonders. Darin wurde das Leben eines um 1900 geborenen Menschen mit unserer Situation heute verglichen: Zwei Weltkriege, Währungsreform, Spanische Grippe mit Millionen von Toten und vieles mehr musste jemand erleben, der vor 120 Jahren geboren wurde. Ich wollte mit diesem Jahrgang nicht tauschen!

Nicht selbstverständlich

Wenn ich auf meine Frau und mich schaue, dann muss ich staunen und bin dankbar dafür, was heute alles möglich ist. Vor 50 Jahren hätte ich mit meinen Augen nicht mehr arbeiten können. Solche komplizierten Brillengläser, wie ich sie heute trage, gab es da noch nicht. Meine Frau säße mit quälenden Schmerzen im Rollstuhl, weil man für sie nicht diese Hüftprothesen hätte anfertigen können.

Einiges, was für uns heute selbstverständlich ist, war vor 50 Jahren für viele ein Luxus: Als Kinder gingen wir mit unseren Eltern zum Baden in eine öffentliche Badeanstalt, weil wir wie viele weder Dusche noch Badewanne hatten. Heute leben wir in einer Zeit und in einer Region, die sich von den meisten Ländern der Welt gravierend abhebt: sauberes Wasser aus der Leitung, eine medizinische Versorgung, die ihresgleichen sucht. Alle Kinder können kostenlos ein breites Bildungsangebot in Anspruch nehmen – auch wenn es momentan wegen Corona eingeschränkt ist. Beim Essen müssen wir uns nicht aus Kostengründen zügeln, sondern, weil wir sonst unseren Körper belasten würden. Wir dürfen unsere Meinung äußern und müssen nicht hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu unserem persönlichen Schutz leben.

Tipps für einen dankbaren Blick

Es gibt so viele Gründe, dankbar zu sein! Immer wieder auf das Nichtselbstverständliche zu schauen, hilft manches besser einzuordnen. Vielleicht ist unter den folgenden praktischen Ideen eine dabei, die Ihnen zusagt und hilft:

  1. Gestalten Sie eine Fotowand – real oder als Bildschirmschoner am Computer – mit dankbaren Erinnerungen an Personen, Orte, Erlebnisse – oder von Gegenständen.
  2. Schreiben Sie auf Zettel, wofür Sie dankbar sind. Führen Sie immer einen dieser Erinnerungszettel für einen Tag oder eine Woche mit sich und bewegen den Inhalt im Herzen.
  3. Richten Sie einen Dankes-Steinhaufen im Garten oder auf Ihrer Fensterbank auf: Für jeden Punkt, für den Sie dankbar sind, fügen Sie jeweils einen Stein nach dem anderen dazu.
  4. Legen Sie drei im Dunkeln leuchtende Steine an ihr Bett – und denken Sie dann darüber nach, für welche drei Dinge sie dankbar sind.
  5. Notieren Sie jeden Abend in einem Notizbüchlein drei oder mehr Punkte, für die Sie am Ende des Tages dankbar sind.
  6. Einmal las ich von der Idee, 10 Bohnen in die Tasche zu stecken. Immer, wenn ich für etwas danke, wandert eine Bohne von der einen auf die andere Seite.

Beeindruckt haben mich die Menschen in meinen Leben, die viel erleiden mussten, aber dankbar geblieben und nicht verbittert sind. Deshalb ist es mir sehr wichtig, dass vor allem meine Kinder und Enkelkinder mich als einen dankbaren Menschen in Erinnerung behalten. Das kann ich nicht von mir aus erreichen. Als ich diesen Artikel schrieb, stand ich kurz vor einer OP am Fuß – und ich musste bei mir erleben, wie Schmerzen mich mürbe, kraftlos und auch launischer gemacht haben. Hier hilft nur ein Lebensstil, der immer wieder die Augen von dem Notvollen abwendet und auf das sieht, was gut ist. Gott schenke mir, dass ich die Haltung bewahre und dankbar bleibe. Gott segne Sie und fülle Sie mit Dankbarkeit!

 

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Wo ist die Solidarität geblieben?

Bettina Wendland

Etwa eine Woche nach dem Lockdown im März hatten wir eine – zwangsweise virtuelle – Sitzung mit unserem freien Redaktionsteam. Wir wollten Dossier-Themen festlegen für 2021. Diese Überlegungen waren stark geprägt durch die aktuelle Situation. „Zusammenhalt“, „Nächstenliebe“, „Solidarität“ waren viel genannte Stichpunkte. Aber auch „Nähe“ oder „Umgang mit Krisen“.

Nun, ein halbes Jahr später, sind diese Themen immer noch aktuell. Aber sie fühlen sich ganz anders an. Vor allem die Solidarität, die wir in den ersten Wochen der Corona-Krise oft als so wohltuend erlebt haben, scheint uns abhandengekommen zu sein. Ein Blick in meinen Facebook-Newsfeed zeigt den Unterschied. Waren dort im März und April Videos von Balkonkonzerten zu sehen oder Hilfsaktionen für Menschen in Quarantäne, stoße ich mittlerweile immer öfter auf unschöne Diskussionen darüber, welchem Experten oder YouTuber nun zu trauen sei, ob die Corona-Maßnahmen sinnvoll oder nur „Verarschung“ sind oder ob der Mund-Nasen-Schutz ein Ausdruck von Nächstenliebe oder unterdrückter Meinungsfreiheit ist.

Und der Ton wird gefühlt immer schärfer. Reflexartig werden Beschimpfungen und Verachtung geäußert – von  beiden Seiten. Und ich habe den Eindruck, dass wir nicht nur unsere Solidarität verloren haben, sondern auch die Nächstenliebe und den Respekt voreinander. Ja, ich tappe selbst auch immer wieder in diese Falle. Weil ich nicht möchte, dass sich Falschaussagen und Verschwörungstheorien verbreiten, dass sie einfach so stehenbleiben, lasse ich mich auf Diskussionen ein – die schnell emotional werden.

Da wünsche ich mir manchmal fast den Lockdown zurück, als zumindest in meiner „Blase“ Zusammenhalt und Solidarität und die Sehnsucht nach Nähe die vorherrschenden Themen waren. Natürlich will ich nicht wirklich einen zweiten Lockdown. Aber diese Solidarität wieder zu erleben – das wünsche ich mir.

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Die Pandemie als Herzschrittmacher

Rüdiger Jope

Im Auftrag der EKD führte die Ev. Arbeitsstelle midi eine Ad-hoc-Studie über „Digitale Verkündigungsformate“ während der Corona-Krise durch. Ein Ergebnis: Die Gottesdienstbesucherzahlen schnellten um 278 % nach oben. Im Gespräch mit dem Soziologen Daniel Hörsch.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Sonntagmorgen zu Corona-Zeiten: Wo haben Sie Gottesdienste gefeiert und welches Gottesdienstformat haben Sie im Shutdown erlebt?

Zu Beginn habe ich die Radiogottesdienste im RBB eingeschaltet. Später bin ich dann auf die Fernsehgottesdienste im dritten Programm des RBB umgestiegen. Da habe ich sehr berührende und bewegende Gottesdienste aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Gethsemane-Kirche in Berlin miterlebt.

Für die Studie haben Sie bei 1.464 Gemeinden nachgehakt, wie deren Verkündigungsformate in der Krise aussahen. 729 haben auf digitale Angebote gesetzt. Sind das viele oder wenige?

Wir waren sehr erstaunt darüber, wie viele Gemeinden auf digitale Angebote gesetzt haben. Wenn man sich vor Augen führt, dass der Erhebungszeitraum der Studie nur zehn Tage betrifft, ist dies ein unglaublich hoher Wert.

Was waren die Favoriten bei den Formaten?

Mit weitem Abstand YouTube. Vor der Corona-Krise haben Kirchengemeinden vor allem auf das Einstellen von Textdokumenten gesetzt. Durch Covid-19 wurde zudem vermehrt zum Telefonhörer gegriffen, auf Kommunikationsformate wie Zoom, Instagram und Facebook gesetzt.

Würden Sie sagen, dass es durch die Corona-Krise einen Digitalisierungsschub gegeben hat?

Unbedingt. Das ist eines unserer Hauptergebnisse. 78 % haben bei der Umfrage angegeben, dass sie vor dem Lockdown keine digitalen Verkündigungsformate im Portfolio hatten. In etwa genauso viele, nämlich 72 %, gaben an, dass sie diese Angebote nach dem Lockdown weiterführen wollen.

Wie kann der Schub nach einer „neuen Normalität“ anhalten?

(lacht) Gute Frage. Jetzt liegen theologische Grundsatzfragen auf dem Tisch. Es braucht die Diskussion, etwa über die Abendmahlsfrage, über kürzere Gottesdienst- und Andachtsformate und auch über interaktive Beteiligungsformate im Offline-Gottesdienst. Die gefühlte Überlänge der analogen Angebote waberte schon als Thema vor der Krise unter der Oberfläche. In der Krise waren nun gerade die kurzen Gottesdienste und Andachten gefragt. Die Frage ist also: Gelingt es der Kirche, im Analogen das aufzugreifen, was im Digitalen offensichtlich gut funktioniert hat? Der Schub wird zudem vermutlich nur anhalten, wenn die Landeskirchen ausreichend Unterstützung, Trainings, Materialien u.a. für die Ortsgemeinden gut aufbereitet anbieten. Hier sind noch viele Fragen zu klären und zu beantworten.

Sie beziffern die Steigerung eines durchschnittlichen Gottesdienstbesuches in absoluten Zahlen um + 287 %. Bildet diese sagenhafte Zahl mehr Wunschdenken ab oder ist sie repräsentativ?

Als Sozialwissenschaftler erhebe ich empirisch zunächst nackte Zahlen. Die Zahlen, die vorliegen, sind absolute Zahlen. Wir haben abgefragt: Wie war die durchschnittliche Gottesdienstbesucherzahl an einem ganz normalen Sonntag vor der Krise? Diese Zahlen konnten wir anhand von Stichproben auf ihre Validität prüfen, da wurde nichts geschönt. Dann haben wir gefragt: Wie hoch war die Reichweite ihres digitalen Gottesdienstes an einem ganz normalen Sonntag während der Krise? Diese Zahlen haben wir dann in Relation zueinander gesetzt. Und ob uns das gefällt oder nicht: Es hat eine signifikante Steigerung beim Gottesdienstbesuch gegeben, der nicht von der Hand zu weisen ist.

Kann man diese doch unterschiedlichen Gottesdienstformate miteinander vergleichen? In dem einen ist man körperlich präsent, im anderen klickt man sich vielleicht nur für einen Moment rein?

(lacht) Das ist die Frage, die mir am häufigsten von kritischen Zeitgenossen gestellt wird. Richtig ist: Ich weiß ohne Kenntnis der Metadaten etwa von YouTube-Clips nicht, wie lange die Leute ein digitales Angebot wahrgenommen haben. Wir wissen auch nicht, wie viele Menschen sich hinter einer Klickzahl verbergen. Ich stelle aber in diesem Zusammenhang gerne eine Rückfrage: Wie lang ist die Aufmerksamkeitsspanne der Gottesdienstbesucher in der Kirchenbank? Legen wir da auch diesen Maßstab an? Wenn ich mich ganz ehrlich gebe als Gottesdienstbesucher, bin ich auch nicht 60 Minuten 100 % präsent. Wenn ein „Schuh draus werden soll“, müsste man fairerweise in beiden Formaten nachfragen: Wie lang war Ihre Aufmerksamkeitsspanne?

Unterm Strich fanden Sie heraus, dass sich durch den Gebrauch von YouTube & Co mehr Gottesdienstbesucher vor den Geräten versammeln. Bringen diese die gleiche Aufmerksamkeit mit wie die Besucher vor Ort?

Spannend ist, dass diese kritische Frage vornehmlich aus dem Kreis der Theologen gestellt wird. Plötzlich wird der Anspruch an die geistige Präsenz hoch angesetzt und kritisch hinterfragt, ob man das Wirken des Heiligen Geistes messen kann. Seltsam ist, dass man beim analogen Format diese Frage und diese Ansprüche selten gestellt hat.

In Bezug auf Interaktion haben Sie durch die Studie folgende Erkenntnisse gewonnen:

Rund ¼ der Gemeinden haben Live-Chats angeboten, etwa 1/3 das Einbringen von Gebetsanliegen. Das zeigt uns: Analoge Angebote wurden nicht nur – wie vielfach vorgeworfen –  1:1 ins Digitale übertragen, sondern Gemeinden haben Schritte in die Kultur der Digitalisierung gewagt. Ja, es ist noch Luft nach oben, aber es wird sichtbar: Gemeinden haben in der Krise und aus der Not heraus sehr mutig und beherzt gehandelt und sich den Fragen der Logiken der Digitalität gestellt.

Wenn digitale Formate mehr an Bedeutung gewinnen, was heißt dies für die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern, das geliebte Loblied auf die Parochie?

Die digitalen Gottesdienstformate haben vor allem dazu geführt, dass Leute reingeklickt haben, die sonst nicht im Gottesdienst sitzen, aber im Umfeld der Gemeinde, im Stadtteil, im Dorf leben. Sie wollten „ihre Pfarrerin, ihren Pfarrer“ live sehen. Wir haben die Beobachtung gemacht: In Zeiten des physical distancing haben Leute gerade darüber versucht, soziale Nähe herzustellen. Wir haben aber auch herausgefunden: Digitale Formate sorgen auch dafür, dass die Menschen sich global bewegen – auch gottesdienstlich. Wir haben es überschrieben mit der Feststellung: Fremdgehen leicht gemacht! Die Fragen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Pfarrerschaft liegen auf der Hand: Das sind Fragen nach der inhaltlichen Qualität des Angebots, dem geistlichen Schwerpunkt, der Zielgruppe, der Performance, dem Musikstil, der Aufnahmequalität, der dauerhaften Finanzierung, der Professionalität. Zur Frage der Ausbildung: Es bedarf bei Pfarrerinnen und Pfarrern nicht nur einer Medienkompetenz, sondern auch einer digitalen Kompetenz. Da sind unsere Ausbildungsstätten gefordert, nochmals eine Schippe draufzulegen, nicht nur intellektuell, sondern auch ganz praktisch.

Was bedeutet die Studie mit Blick auf den „missionarischen Herzschlag“ der Kirche?

Dass das Herz unserer Kirche während der Corona-Pandemie unglaublich gepumpt und gearbeitet hat, dass die Pandemie geradezu Herzschrittmacherfunktion hatte.

Wie können praktische Anreize für Kirchengemeinden aussehen, die zu einer höheren Nutzung von Onlineangeboten der Gemeinden führen? Welche Hilfestellungen sind denkbar und geplant?

Eine Überlegung von uns als midi ist, dass wir zusammen mit Partnern einen Leitfaden rausgeben zur Frage, wie man die Meta-Daten nutzt. Wie lese ich diese? Was kann ich daraus ablesen? Zum anderen sollten wir uns verstärkt dranmachen, eine übersichtliche, praktisch zu handhabende Webseite zu erstellen, die aufführt, was man zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung digitaler Verkündigungsformate benötigt. Erste Schritte hierzu hat etwa die Nordkirche unternommen, aber auch die EKD.

Was kann ein digitaler Gottesdienst nicht, was der analoge kann?

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Wenn flexibel auf organisiert trifft

Rüdiger Jope

Der Iraner Gholamreza Sadeghinejad liest das Johannesevangelium. Dabei begegnet ihm Jesus. Er konvertiert und muss fliehen. In Deutschland studiert er Theologie. Seit September 2018 ist Reza zuständig für die Beheimatung Geflüchteter in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern (ELKB).

Vor fünf Jahren sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Blick auf die Flüchtlingskrise den epochalen Satz „Wir schaffen das“. Würden Sie Ihr zustimmen?

Ich war froh, dass Angela Merkel damals Kanzlerin Deutschlands war. Sie hat mir als ehemaligem Flüchtling, der achtzehn Monate aus dem Iran unterwegs war, mit diesem epochalen Satz aus der Seele gesprochen. Ich finde, dass „wir“ politisch, gesellschaftlich und kirchlich gut unterwegs sind. Und ich bin sehr froh, dass sich unser Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm der Sache so engagiert angenommen hat und jetzt ein Schiff zur Rettung der Flüchtling auf dem Mittelmeer unterwegs ist.

Was hat Sie zum Flüchtling gemacht?

(holt tief Luft) Wollen Sie nur ein Kirchenmagazin über mich machen? Stoff hätte ich genug. (lacht) Über einen Arbeitskollegen, der auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft hatte, habe ich mir ein Johannesevangelium ausgeliehen. Ich las die Seiten, war wie gefesselt. Dabei hatte ich förmlich das Gefühl, dass mein Kopf in Flammen steht. Mir war plötzlich klar: Ich bin Christ. Ich habe mich daraufhin einer Untergrundgemeinde angeschlossen. 2009 ließ ich mich taufen. 2010 flog die Gemeinde auf, der Imam des Ortes erklärte sämtliche Christen für vogelfrei. Dies bedeutete: Jeder konnte dich töten ohne dafür belangt zu werden. Über die Türkei, Tansania, Kenia, Nairobi und Mombasa floh ich nach Europa.

Wie wird ein Vierzigjährige Iraner zum Ansprechpartner für evangelische Kirchengemeinden in ganz Bayern?

2012 kam ich nach Deutschland. Ich hatte den brennenden Wunsch Theologie zu studieren. Das Johanneum in Wuppertal räumte mir diese Möglichkeit ein. Bereits während dem Studium wurde ich von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayerns angefragt: Können Sie sich vorstellen, die über 1100 iranischen Christen in Bayern zu begleiten?

Sie sind seit 2018 Ansprechpartner für konvertierte Flüchtlinge. Was ist ihre Aufgabe?

Ich kümmere mich um Farsi sprechende Christen aus dem Iran und Afghanistan zwischen Aschaffenburg und Obersdorf. Ich bin deren Seelsorger und Ansprechpartner. Ich gestalte persische Gottesdienste. Ich bin bayernweit für Gottesdienste, Bibelstunden und Hauskreise unterwegs. Ich stehe Ehren- und Hauptamtlichen aus den Gemeinden als Ansprechpartner und Ratgeber zur Seite.

Iranische Christen werden Teil der evangelischen Kirche Bayerns. Alles Bestens? Was sind große Stolperfallen auf Seiten der Iraner, der Deutschen?

Manche Iraner kommen eigentlich nie pünktlich zum Gottesdienst. Wir passen von unserer Kultur gar nicht in die protestantische Kultur mit einem Gottesdienstbeginn um Punkt 10.00 Uhr. Iraner sind von ihrem Naturell her sehr flexibel und locker. Wenn dann diese Art auf die Deutschen trifft, die alles 100% vorbereiten, im Griff haben, organisieren…, dann knistert es schon mal in Gemeinden, weil Iraner einfach sehr „flexibel“ sind. (lacht) Auch kommunikativ gibt es große Unterschiede.

Zum Beispiel?

Wenn ein Iraner sagt „Du musst mir helfen!“ drückt er damit die Bitte und Frage aus „Kannst du mir helfen?“ Diese Art zu kommunizieren sorgt bei Helfenden schnell für Frust und Überforderung.

Was ist für einen Iraner gewöhnungsbedürftig bei dem Besuch eines herkömmlichen Gottesdienstes?

Die kühle, anonyme Distanziertheit, die es auch ohne den Coronaabstand in den meisten Kirchengemeinden vorherrscht. In kleinen Orten passiert es immer mal wieder, dass Geflüchtete sich in der Kirche hinsetzen und plötzlich eine Person kommt und sagt: Dies ist mein Platz. Ein großer Stolperstein ist in der Landeskirche auch die traditionelle Liturgie. Hier braucht es viel Geduld, den Willen, die Dinge gut und verständlich zu erklären, aber auch Mut zur Lücke, zum Auslassen oder zur Veränderung.

Iraner bringen ihre Kultur mit.  Welchen Reichtum bringen iranische Christen ein?

Gute Frage. Meine Überzeugung ist: Diese beiden Kulturen können sich gerade im Gottesdienst gegenseitig befruchten. Wir bringen einen einfachen Glauben, eine Freude an Jesus mit. Wenn Sie einen Iraner fragen, warum bist du Christ geworden, antwortet er: Weil ich meinen Frieden in Jesus gefunden habe. Stellen Sie diese Frage mal einem deutschen Pfarrer mit seiner durchreflektierten Theologie oder einem durchschnittlichen Gottesdienstbesucher. (lacht) Dieses Feuer und Flamme sein für Jesus kann deutsche Gemeinden ungemein bereichern, ihnen helfen mal aus dem verkopften Glauben rauszukommen.

Erleben Sie Gemeinden, die durch Iraner verändert werden?

Ja, unbedingt! Lesungen werden in Farsi gehalten, Lieder werden in Farsi gesungen. Teil der Liturgie wie „Christi du Lamm Gottes“ erklingen im Wechsel in Farsi und Deutsch. Ich erlebe viele Deutsche, die sich sehr über gemeinsame Bibelstunden freuen, deren Glauben beflügelt wird, von dieser kindlichen Glaubensfreude.

Mit dieser Projektstelle will ihre Landeskirche ein Zeichen setzen nach dem Motto: Das sind auch unsere Gemeindemitglieder, wir haben für sie Verantwortung und wir kümmern uns. Doch was passiert, wenn aus den Umsorgten, plötzlich Kümmerer, aktive Gemeindeglieder werden?

7 iranische Männer und Frauen sind inzwischen gewählte Mitglieder von Kirchenvorständen in Bayern. Ja, Iraner wollen sich beteiligen, nicht nur Empfänger, sondern auch Gebende sein. In manchen Gemeinden wird nach dem Gottesdienst persisch gekocht. Ohne Afghanen und Iraner sind manche Gemeindefeste gar nicht mehr durchführbar. Die sind früh da, packen mit an und gehen als Letzte nach Hause.

Immer wieder taucht der Vorwurf auf: Flüchtlinge lassen sich taufen, damit sie hier in Deutschland bleiben können. Was entgegnen Sie?

Das ist ein schwieriges Feld. Iraner sind auch Menschen wie Sie und ich. Kurz: Ja, mir begegnen auch Menschen, die den christlichen Glauben benutzen, um hier Asyl zu bekommen. Ich verstehe es menschlich natürlich, wenn jemand alles versucht, um hier zu bleiben. Trotzdem lasse ich mich ungern auf den Arm nehmen, wenn es um Jesus geht. Doch 95% der Flüchtlinge, mit denen ich zu tun habe, haben sich ihren Glauben etwas kosten lassen. Sie haben die Familie, ihren Job, ihre Heimat, die Freunde verlassen müssen, weil ihnen die Verhaftung oder gar der Tod drohte.

Was schätzen Sie in Deutschland? Was vermissen Sie?

Ich schätze die Religionsfreiheit. Das ist unglaublich kostbar. Auch die Demokratie, die Rechtsstattlichkeit halte ich für ein sehr kostbares Gut. Jeder darf sein wie er will. Diese Individualität, dies Freiheit findet sich in der islamischen Welt fast nirgendwo.

Sie sind zuständig für über 1000 iranische Flüchtlinge in Bayern. Was macht Sie getrost nach dem Motto: Ich schaffen das?

Weil ich Jesus an meiner Seite habe. Weil ich weiß, dass meine Landeskirche hinter mir steht, sie mich angestellt und mit großen Freiheiten ausgestattet hat. Weil die Verantwortlichen mir ein großes Vertrauen entgegenbringen, mich unterstützen, damit iranische Christen eine Heimat in unserer Kirche finden.

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Bewegende Gemeinde im 21. Jahrhundert bauen

Jörg Podworny

In diesen außergewöhnlichen Wochen und Monaten findet das Gemeindeleben vor allem in kleineren Zirkeln statt, in Hauskreisen, Arbeitsgruppen, Gebetsgemeinschaften, immer wieder Online-Treffen unterschiedlicher Größe oder „Präsenz“-Gottesdiensten, zu denen sich deutlich weniger Menschen versammeln als gewohnt. Viele Gemeindeaktivitäten, die sonst das ganze Jahr über stattfinden, werden erst allmählich wieder „hochgefahren“, mit vielen Ausnahmeregeln.

Immerhin: Die Nachrichten aus den Gemeinden berichten weiter auch von Wechseln: Pastorinnen und Pastoren gehen und kommen. Eine hochspannende und ungemein wichtige Phase, für beide „Seiten“: die Gemeinden und die (neuen) Hauptamtlichen. Jahre-, vielleicht jahrzehntelang waren die Gemeindemitglieder und ihre leitenden Personen im Pastorenamt miteinander unterwegs, aufeinander eingespielt, alle waren gut miteinander bekannt, eine Routine hatte sich eingespielt, die (hoffentlich) regelmäßig neu justiert und mit Blick auf die Zukunft weiterentwickelt wurde.

Und dann steht der Abschied vor der Tür. Auch wenn er lange angekündigt wurde: Irgendwann ist er dann doch sehr plötzlich Wirklichkeit. Und in der (vielleicht längeren) Wechselphase müssen wesentliche Fragen beantwortet werden: Wie sehen und verstehen wir uns als Gemeinde? Was ist unsere Leitvorstellung, wo sind wir und wo wollen wir hin? Und welche Erwartungen verbinden wir mit der neuen Person einer Pastorin oder eines Pastors? Umgekehrt stellen sich die Fragen genauso: Was sind meine Stärken und Schwächen als Pastorin oder Pastor? Wo schlägt mein Herz?  Wenn ich noch in einer anderen Gemeinde bin – höre ich in der Gemeindeanfrage auch Gottes Berufung? Und was möchte ich in und mit meiner neuen Gemeinde bewegen? Welche „Rolle“ kann und will ich „spielen“? Daraus erwächst dann die ganz entscheidende Frage: Wie finden (neue/r) Kandidat/in und (alte) Gemeinde so zusammen, dass „es passt“, am besten für viele gute Jahre? Der Arbeitskreis für Pastorenwechsel (AKPW) hat hier über seine vielen Jahre eine mal schön, mal knifflige, in jedem Fall verantwortungsvolle, herausfordernde und wertvolle Aufgabe gemeistert.

In wesentlichen Teilen spielt aber natürlich auch das geistliche Miteinander von Gemeinde, Pastorinnen und Pastoren mit hinein. Wie gut gelingt es, die jahrtausendealte, jederzeit aktuelle und wesentliche christliche Botschaft und das Gemeindeleben zeitgemäß im 21. Jahrhundert zu gestalten? Sind und bleiben Gemeinden immer auch offen für neue Impulse und Strategien, für neue Wege im Gemeindeleben? Und leben sie das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, gemeinsam mit ihrem Pastor oder Pastorin?

Aus der Redaktion wünschen wir Ihnen, dass Sie bewegende Gemeinde bauen können – gemeinsam mit altem Pastor oder neuer Pastorin.

 

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Ausgebremst

Rüdiger Jope

Heute Morgen bin ich wieder in den Verlag gejoggt. 7,6 km entlang des Ruhrtalradwegs. Sonnenstrahlen saugten Nebelschwaden auf. Eine Blindschleiche kreuzte meinen Weg. Aus einem Tümpel erklang ein Froschkonzert. Kanadische Graugänse schnatterten um die Wette. Zwei Graureiher waren auf Frühstückssuche. Und mittendrin ich. Dankbar. Atmend. Glücklich. Beweglich. Schmerzfrei.

Ein Jahr vorher bewältige ich denselben Weg. Doch seit ein paar Tagen quälen mich Schmerzen. Das linke Knie läuft nicht mehr rund. Ich sage mir von September bis April: Schmerz gehört zum Sportlerleben! Hey, du bist keine 25 mehr! Mach nicht den Affen! Beiß die Zähne zusammen! Das gibt sich! Morgen wird’s besser!

Nach acht Monaten laufe ich mir und dem Schmerz nicht mehr davon. Ein Arzt betastet mein Knie. Nach fünf Minuten diagnostiziert er einen Riss im Meniskus. Er fragt mich: „Wollen Sie aufhören mit Laufen? Dann brauchen wir nichts zu tun. Wollen Sie weiter joggen und Radfahren? Falls ja, dann rate ich Ihnen zu einer Reparatur.“ Drei Wochen später unterziehe ich mich einem kleinen ambulanten Eingriff. Ende Juni schnüre ich zum ersten Mal wieder vorsichtig die Laufschuhe. Zu meiner Verblüffung: Schmerzfrei. Ungebremst. Leicht.

Als Mann habe ich ein Dreifaches gelernt: 1. Unangenehmes anpacken! Es lohnt sich nicht, vermeidbare und behebbare Schmerzen für ein halbes Jahr auf die sprichwörtlich lange Bank zu schieben. Die Schmerzfreiheit hätte ich auch schon im Oktober letzten Jahres wiederhaben können. 2. Heilung suchen! Es ist wichtig, Risse im Körper, im Leben, im Miteinander, in Beziehungen nicht zu bagatellisieren, nicht kleinzureden, nicht auszublenden, sondern anzupacken, sich mutig heilenden und helfen Händen und Fachleuten auszusetzen, damit Mann (und Frau) Bewegungsfreiheit, Bewegungsfreude und Bewegungsenergie zurückerlangen. 3. Achtsam sein! In und um die persönliche Motor-Auszeit herum habe ich für Privilegien danken gelernt: ärztliche Versorgung, ausreichende Medikamente, eine sich liebevoll kümmernde Familie inklusive Drinks auf der Terrasse serviert vom Neunjährigen, einer Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, den WhatsApps und Anrufen von Freunden (DANKE Stefan und Ralph). Und ich habe begriffen: Genesung ist nicht selbstverständlich, nicht planbar, sondern ein einzigartiges Geschenk.

Das Buch „Beginne jeden Tag wie ein neues Leben“ von Tomas Sjödin hat mir stillgelegt im Strandstuhl aufgeholfen. Alle, die unter Rissen, Schmerzen, Wunden und Verletzungen leiden, ermutigt der Autor: „Leugne nicht das Dunkle, aber schätze die Kraft des Lichtes nicht zu gering.“ In diesem Sinne wünsche ich allen Männern einen hoffnungsvollen, heilenden und mutigen Herbst.

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