Viele Namen, ein Gott

Leonardo Iantorno

Die Bibel ist voll von ihm: Gott. Aber „Gott“ ist eigentlich kein Name, sondern in unserem Sprachgebrauch eine Art Berufsbezeichnung und vor allem unpersönlich. Die Bibel zeichnet jedoch ein ganz anderes, vielfältiges Bild des Gottes, an den Christen glauben. Er ist gerecht, allmächtig, gütig, helfend, treu u.v.m. Aber hat Gott auch einen Namen? Ja, er hat mehrere Namen, die ihn nicht nur identifizieren, sondern auch mehr über sein Wesen und seine Identität aussagen. Wir können Gott nicht fassen und Worte sind beim Versuch, das doch zu tun, nur begrenzt eine Hilfe. Trotzdem liegt es in der Natur des Menschen, Dinge, Personen und auch Gott zu benennen. Weil Gott aber größer ist, als wir es in Worte fassen können, finden wir in der Bibel viele unterschiedliche Gottesnamen.

ICH BIN DA?

Als Mose vor dem brennenden Dornbusch steht und Gott ihn dazu beruft, nach Ägypten zu ziehen, um Israel zu befreien, stellt er eine nachvollziehbare und logische Frage: „Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen?“ (2. Mose 3,13 b). Was soll Mose sagen, wenn ihn die Menschen fragen, wer ihn geschickt hat? Wer bist du, Gott? Und Gott antwortet ihm. Er nimmt ihn ernst und versteht, warum Mose diese Frage stellen muss: „Da antwortete Gott Mose: Ich bin der ‚Ich-bin-da‘. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der ‚Ich bin- da‘ hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3,14). Gott ist eben keine unbekannte Macht, er versteckt sich nicht und hüllt sich auch nicht in eine Wolke des Schweigens. Er ist da. Wörtlich bedeutet JHWE so viel wie „Ich werde sein, der ich sein werde“. Er ist der Ursprung des Lebens, er schenkt das Leben, war schon lange vor allem anderen und er wird immer sein. Wir glauben also nicht an einen identitätslosen Gott, sondern an den lebendigen und realen Gott, der sich zeigt, der lebt und uns begegnen will. Ob wir ihn immer spüren oder nicht, sein Name Jahwe ist ein Versprechen an uns, dass er mit uns sein will und wird. Mitten im Leben und nicht nur in Gottesdiensten oder wenn wir uns gerade korrekt verhalten. Gott ist da.

JESUS, DER GESALBTE

Zum Höhepunkt kommt Gottes Sehnsucht nach uns in Jesus, den die Bibel als den Messias oder Christus bezeichnet. Christus ist das griechische Wort für Messias und ein Ehrentitel. Es bedeutet „der Gesalbte“, in dem sich alle Verheißungen Gottes erfüllen werden und der der Retter für alle ist. Gesalbt werden in der Bibel auf der einen Seite Könige und Propheten, die eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen sollen. Auf der anderen Seite salbt man Kranke mit dem Wunsch, dass sie geheilt und wiederhergestellt werden. Gesalbt zu werden, ist ein Symbol des Heiligen Geistes, der auf und mit Jesus war. Gesalbt zu sein, heißt auch, mit Gottes Vollmacht ausgestattet zu werden. Jesus ist durch den Heiligen Geist der Bevollmächtigte Gottes und wir als Christen (Christus heißt ja auch „Gesalbter“) sind berufen, in dieser Bevollmächtigung durch den Heiligen Geist zu beten, zu reden und zu leben.

GOTT KENNENLERNEN

Wir glauben also nicht an einen unbekannten Gott, denn Gott selbst zeigt sich als der Ursprung des Lebens und als derjenige, der uns neue Hoffnung und eine Perspektive schenkt. Diesen Gott dürfen wir persönlich kennenlernen – immer mehr, immer besser – und er wird sich immer wieder neu zeigen. Gott ist vielseitig, überwältigend und er hat viele Namen und Charakterzüge, die wir entdecken und für uns in Anspruch nehmen dürfen. Wenn wir jemanden kennenlernen, sagen wir meistens zuerst unseren Namen, denn unsere Namen gehören zu uns und geben anderen die Möglichkeit, uns direkt anzusprechen. Das ist mit Gott nicht anders. Er hat Namen und wir dürfen ihn direkt ansprechen. Noch besser, er reagiert darauf, und wenn wir ihn anrufen, wird er sich uns zeigen und antworten. Ich darf Gott bei seinen Namen nennen und ihn z. B. als meinen Gott (Eli) anrufen, der für mich ist und mir nahe sein will. Weil Gott Namen hat, können wir ihn suchen, finden und anrufen.

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Alt, weiß, männlich

Judith Eggers

Woher kommt mein Gottesbild?

Voriges Jahr saß ich in einem Gottesdienst. Mitten in der Predigt zeigte der Prediger „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo an der Wand: ein Bild von Gott, mit weißem Bart, der seinen Arm Adam entgegenstreckt, der ihm nackt gegenüberliegt. Dabei sagte der Prediger: „Denken wir nicht alle beim Stichwort ‚Gott‘ an dieses Bild – einen älteren, weißen Mann mit Rauschebart?“ Um mich herum schüttelten einige die Köpfe. Ich dachte nur: „Nee, ich nicht. Das ist doch ein Klischee.“ Der Prediger sprach weiter: „Ob ihr die Frage gerade mit Ja oder Nein beantwortet habt – ich glaube, keiner von euch stellt sich Gott SO vor.“ Erneut wurde ein Bild an die Wand geworfen. Es war im Grund das gleiche wie vorher: rechts Gott, links ein Mensch, beide mit ausgestrecktem Arm. Es gab jedoch entscheidende Unterschiede: Gott war schwarz. Und eine Frau. Und sie reichte ihre Finger nicht dem weißen Adam – sondern Eva, die ebenfalls schwarz war. Ich stockte. Okay, Punkt für den Prediger. Als schwarze Frau, wie hier im Bild von Harmonia Rosales, hatte ich mir Gott wirklich nicht vorgestellt. Und das, obwohl Männlichkeit und Weiß-Sein keine Eigenschaften Gottes sind, von denen die Bibel explizit berichten würde. Rein intellektuell war mir das auch bewusst. Und dennoch: Die Vorstellung vom weißen Mann hatte sich hartnäckig gehalten. Woher kam dieses Bild?

EIN BILD ENTSTEHT

Dass wir uns Gott auf eine bestimmte Art und Weise vorstellen, ist normal. Tragisch wird es, wenn ein Bild entsteht, das schädigt, ausgrenzt oder zum einzig legitimen deklariert wird. Darum ist es wichtig, Gottesbilder zu hinterfragen, die uns begegnen, angefangen bei dem eigenen. Denn unser Gottesbild ist nichts, womit wir geboren werden: Es wird uns von Kindesbeinen an eingeprägt. Alles, was wir über Gott hören und sehen, spielt dabei eine Rolle, sowohl bei denen, die in einem christlichen Elternhaus aufwachsen, als auch bei denen, in deren Zuhause Gott nicht ausdrücklich thematisiert wird. Ein erster Faktor, der unser Gottesbild prägt, ist Sprache. Zum Beispiel ist „der Gott“ im Deutschen rein grammatikalisch ein maskulines Wort. Unsere Sprache kennt auch „die Göttin“, aber damit assoziieren wir eher Aphrodite oder Venus. Auch die Bibel spricht oft in Bildern von Gott, die traditionell eher mit Männern in Verbindung gebracht werden – Vater, Herr, Richter, König. Dass Gott in der Bibel durchaus auch mit weiblichen Bildern beschrieben wird (z. B. als Mutter in Jesaja 66,13) kommt in unseren Liedern, Predigten und theologischen Werken jedoch kaum vor. Auch wenn Strömungen wie feministische Theologie dem vermehrt entgegenwirken. Neben der Bibel hat uns auch die westeuropäische Kunstgeschichte geprägt, in der Jesus Christus fast immer mit hellbraunem Haar und blauen Augen gemalt wurde. Auch viele deutsche Kinderbibeln sind voll solcher blasser Jesusbilder. Dabei hat Jesus als Hebräer wahrscheinlich eher ausgesehen, wie die heute aus dem Nahen Osten stammenden Menschen. Die Bilder, die uns begegnen und prägen, sind also keineswegs selbstverständlich, sondern wiederum geprägt von Kultur, Sprache, Tradition, Geschlecht, Geschichte, … Eine große Rolle spielt das soziale Umfeld, zum Beispiel, wie offen die Eltern über ihren eigenen Glauben sprechen. Auch die eigene Kirchengemeinde prägt, sowohl in Aussagen über Gott als auch in Handlungen und unausgesprochenen Regeln: Wer darf etwas in der Gemeinde sagen? Wie wird mit Fehlern umgegangen? Wofür wird gebetet? Wie sehen die Menschen aus, die im Gottesdienst sitzen, wie reden sie, was haben sie an?

Und noch vieles mehr formt unser Gottesbild: einschneidende Erlebnisse, (christliche) Literatur, Filme und Serien, der Umgang mit der Bibel, den wir lernen usw. Aus all dem speist sich das bunte Mosaik eines Bildes, das sowohl die Prägungen enthält, die wir − bewusst oder unbewusst − übernommen oder abgelehnt haben, als auch die persönlichen Erlebnisse, die wir mit Gott verbinden.

PRÜFEN UND DAS GUTE BEHALTEN

Wie gehen wir mit dem Wissen um, dass unsere Erfahrungen unser Gottesbild geformt haben? Zuerst einmal sei gesagt, dass es dadurch nicht automatisch schädlich ist oder verworfen werden muss. Aber das Wissen um unsere Prägung zeigt, dass wir unser Gottesbild kritisch hinterfragen und prüfen sollten. Ein erster Schritt dabei ist zu reflektieren, welches Gottesbild wir haben. Dabei kann es helfen, Beobachtungen zu sammeln, zum Beispiel, verschiedene Bilder von Gott zu betrachten und zu fragen: Sieht so mein Gott aus? Oder aber, das eigene Denken und Handeln zu beobachten: Wie wähle ich meine Worte im Gebet? Welche Reaktionen Gottes male ich mir aus? Und bei alldem: Warum? Diese gesammelten Mosaiksteinchen ergeben nach und nach ein Bild, das nie ganz vollständig sein wird und auch Widersprüche enthält. Dann gilt es, sich dieses Bild anzusehen und zu fragen: Finde ich es angemessen? Passt dieses Bild mit dem zusammen, wie Gott in der Bibel beschrieben wird? Wie erleben ihn andere? Nicht zuletzt sollten wir dabei im Gespräch mit Gott bleiben und ihn bitten, diesen Prozess zu begleiten.

ES BLEIBT BEGRENZT

Vielleicht merkst du bei manchen Mosaiksteinchen, dass du ehrlich von ihnen überzeugt bist. Super – behalte sie! Es wird dich bereichern, dass du dir ihrer jetzt bewusst bist. Andere Steinchen wirst du als ungesunde Prägungen entlarven. Hier kann es hilfreich sein, Sätze zu finden, die diesen Bildern Wahrheiten entgegensetzen – zum Beispiel „Gott ist gerecht“, „Ich bin genug“. Und vielleicht bemerkst du Stellen, an denen du noch einiges über Gott lernen musst, weil dein Bild unausgeglichen ist – zu streng, zu milde, zu leistungsorientiert. Dann beschäftige dich mit Bibelstellen oder Bildern, die eine für dich unbequeme Seite Gottes darstellen, und frage: Was wäre, wenn auch das zu Gott gehörte? Bei alldem müssen wir uns klar sein, dass wir nie ein vollumfängliches Bild von Gott erreichen werden. Viel zu eingeschränkt ist unser Blick, viel zu gefärbt auch unsere reflektierte Wahrnehmung, viel zu groß und alle Sinne übersteigend dieser Gott, den wir zu greifen versuchen. Aber sich das einzugestehen, ist der beste Ausgangspunkt, um über Gott nachzudenken: in dem Wissen, dass wir nicht das ganze Bild von Gott haben. Dass vielleicht auch die Bilder zu ihm gehören, die andere von ihm malen. Und vielleicht auch noch ganz andere.

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Wegen Überfüllung geschlossen!

Tabea Gutmann

Bei der Geschwindigkeit, mit der wir mit Infos und verlockenden Angeboten bombardiert werden, kann einem schon mal schwindelig werden. „Höher, schneller, weiter“ ist das Mantra unserer Zeit. „Sei besser, schöner, reicher und klüger!“ Wen wundert es, wenn unsere Herzen immer öfter das Schild: „Wegen Überfüllung geschlossen“ tragen? Das Leben in Fülle – was soll das sein? Unsere Leben sind doch schon mehr als voll.

Hunger nach mehr

Der Hunger nach dem Leben in Fülle verwandelt sich häufig in ein Völlegefühl. Dann stößt uns dieses Leben regelrecht auf. Zu viel von allem. Zu vollgestopft. Gleichzeitig irgendwie zu wenig wirklich Nahrhaftes. Vielleicht haben wir aber auch einfach zu wenig Zeit, um alles zu verdauen. Wir sind heute so vielen Reizen ausgesetzt wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Unser Kopf, Herz und Körper sind im Angesicht der vielen Informationen und Aufgaben oft überfordert.  Dann lähmt uns dieses Leben. Wir brechen den Kontakt zu uns selbst ab und lassen uns vom grellen Licht der Bildschirme in den Bann ziehen.  Es hilft uns, um uns von uns selbst abzulenken. Fast wie ferngesteuert, scrollen wir durch die Nacht, noch mal geklickt, nur noch eine Folge, noch das eine Video – liegen wir mal wie-der viel zu spät wach, mit müden Augen off en, wird unsere Innenwelt immer grauer. Wir werden blind für das Wahre, Echte und Schöne des Lebens. Und anstatt uns zu sammeln – verstreuen wir uns. Treten im Kampf gegen den Lärm mit noch mehr Lärm an und übertönen damit oft das Rufen unserer Seele.

(K)eine Antwort

Konsum scheint uns eine Antwort zu geben auf unsere Ängste, Hoffnungen, Unsicherheiten und Freuden. Wir konsumieren, um unsere Gefühle in den Griff zu bekommen. Dinge können für uns einen spirituellen Wert erhalten.  Sie helfen uns dabei, Langeweile zu umgehen, Schmerzen zu betäuben und bescheren uns – wenn auch nur vorübergehend – ein Gefühl des Glücks und einen „Kick“. Schokolade wird zum verfügbaren Trostspender und das Smartphone zum treuen Begleiter.  Die sorgfältig entwickelten Marketingmaßnahmen machen es uns so einfach, uns aus uns selbst herauszuhalten, uns abzulenken vom Unwohlsein und den drängenden Fragen.  Auch wenn uns die Werbewelt etwas anderes erzählt: Wahre Lebenszufriedenheit kann durch keinen „Bestell-Button“ frei Haus geliefert werden.

Sehnsucht auf der Spur

Warum fühlen wir uns oft so leer, wenngleich unsere Leben so voll sind? Woher speist sich unsere Rastlosigkeit? Und warum geraten wir so leicht in die Spirale, immer mehr Dinge zu kaufen, die am Ende uns besitzen? Wenn wir hartnäckig und mutig genug sind, dem Unwohlsein und unseren Bedürfnissen ins Gesicht zu schauen, dann kommen wir dem, was uns wirklich fehlt, mehr und mehr auf die Spur. Wir bekommen die Chance mit den echten Schmerzen und Sehnsüchten unserer Seele in Berührung zu kommen, von ihnen zu lernen und an ihnen zu wachsen – anstatt sie mit dem nächsten Onlineshop, Lieferando, Instagram oder Facebook zu betäuben. Wir haben uns nicht ausgesucht, in welche Gesellschaft und in welches Umfeld wir hineingeboren sind. Doch wir sind dem Einfluss der grellen Lichter und Banner auch nicht machtlos ausgeliefert. Es ist möglich, einem anderen Geist zu folgen als dem hypnotischen „Kauf mich, besitz mich und du wirst glücklich“-Werbejingle.

Die reich Gottes-Logik

Gott gibt uns durch die Bibel Hinweise auf seine Sicht der Dinge und spricht uns Mut zu – zum Denken und Handeln nach einer Logik, die so ganz anders ist als die unnachgiebige Forderung nach Selbstverbesserung, Effizienz- und Erfolgssteigerung. Der alttestamentliche Prophet Micha spricht recht eindeutig über das, was das wirklich gute Leben möglich macht: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet, nämlich: Gerechtigkeit üben, Gemeinschaftssinn lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott“ (Micha 6,8)Das gute Leben nach der Reich Gottes-Logik berücksichtigt unsere Fähigkeit zum Mitleiden und Mitfühlen mit und in dieser Welt; denn wirklich gutes Leben funktioniert nicht auf Kosten unserer Mitmenschen und Umwelt. Wohlstand und die Zufriedenheit, die wirklich allen Menschen zugutekommen, produziert keine Gewinner und Verlierer oder eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Das gute Leben in der Bibel ruft uns auf zur Solidarität. Es lässt uns unseren Lebenswandel hinterfragen. Wo bezahlen andere Menschen einen hohen Preis für das Glücksgefühl, das ich mir durch dieses Schnäppchen kurzweilig verschaffe? Wie sehr mache ich mich #solidarisch mit denen, die unter Ausgrenzung und Unterdrückung leiden? Aus dieser Perspektive kommen wir unserer Verantwortung, Fürsorgepflicht und Berufung als Menschen auf die Spur. Von Gottes Liebe und Heilswillen bewegt, können wir uns auch mit gesellschaftlichen Zusammenhängen konfrontieren und in diese hineinwirken.

Globales gutes Leben

Der Prophet Micha spricht unsere Sehnsucht nach echter Verbindung und Gemeinschaft an. In einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, brauchen wir einander. Jede Handlung oder Nicht-Handlung hat Einfluss auf das, was uns umgibt. Wir können lernen, uns selbst als Teil von etwas wahrzunehmen, das so viel größer ist als unser einzelnes Leben – als Teil der Schöpfungsgemeinschaft. Diesem „Wir“ in allem Geschaffenen nachzuspüren, führt uns zu der Frage: Was ist das global gute Leben? Und wie kann es für alle wirksam werden? Wir sind in der Lage, uns in solche größeren Zusammenhänge hineinzudenken. Eine Fähigkeit, die diese Welt verändert hat und sie auch in Zukunft verändern kann. Und genau in dieser Fähigkeit liegt die einzigartige Würde und Berufung unseres Menschseins.

Die Hand am Schöpferherz

Das gute Leben im Reich Gottes tritt aber nicht mit dem Zeigefinger auf. Die Verantwortung, die uns als Menschen zukommt, wird uns nicht einfach übergestülpt. Ganz im Gegenteil, im Micha-Vers wird deutlich: Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Wir stehen selbst unter der Fürsorge und Leitung Gottes. Wir dürfen „aufmerksam mitgehen mit Gott“, die Hand aufs Schöpferherz legen und seinem Herz-schlag nachspüren. Gott hat den Druck von uns genommen, im „Höher-schneller-weiter-Spiel“ mithalten zu müssen. Wir können aussteigen aus dem Hamsterrad der unaufhörlichen Selbstoptimierung und spüren: Ich bin genug. Und ich habe genug. Es ist möglich, das System der Konsumgesellschaft mit allen seinen Glaubenssätzen zu durchbrechen. Dafür müssen wir ab und zu den Stecker ziehen und der Stille Raum geben. Das Handy öfter mal auf Flugmodus schalten und das Herz auf „Empfang“ stellen. Beim Spaziergang im Wald dem Rauschen der Blätter zuhören. In der Bahn die vorbeiziehende Landschaft beobachten und unseren Gedanken freien Lauf lassen, anstatt die Geschichten und Gedanken anderer am Display zu verfolgen. Unsere Gefühle spüren und anschauen lernen – ganz ohne Filter. Wir können dem guten Leben auf die Spur kommen. Dafür müssen wir uns Räume zurückerobern, um ehrlich, achtsam und verbunden durch diese Welt zu gehen.

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Peacefull

Leonardo Iantorno

Wir haben die Chance und den Auftrag, Friedensstifter in einer Welt zu sein, die oft von Ungerechtigkeit, Krieg und Misstrauen regiert wird. Wie Josef Frieden erlebt hat und was das mit unserer Realität zu tun haben könnte, davon schreibt Leonardo Iantorno.

Familiengeschichten in der Bibel sind oft dramatisch. So auch die Geschichte von Josef. Er ist einer von zwölf Brüdern und er ist Daddys kleiner Liebling. Er wird verwöhnt und bekommt ein prächtiges Gewand, das ihn selbst und seine ganze Familie täglich daran erinnert. Seine Brüder hassen Josef dafür und als er ihnen dann von einem Traum erzählt, in dem sie sich vor ihm verbeugen, platzt ihnen endgültig der Kragen. Zuerst wollen sie ihn ermorden, entscheiden sich dann aber dafür, ihn als Sklaven nach Ägypten zu verkaufen. Josef durchlebt in Ägypten eine Achterbahnfahrt. Er ist erst mal Sklave, macht dann Karriere als Verwalter, wird zum Opfer einer verschmähten Frau und landet schließlich im Gefängnis, bevor er zum Pharao an den Königshof kommt und zum wichtigsten Mann in Ägypten wird. Eine krasse Geschichte mit vielen spannenden Wendungen. Und plötzlich stehen mitten in einer großen Hungersnot seine Brüder vor ihm, um Getreide zu kaufen. Sie erkennen ihren Bruder nicht, Josef hingegen weiß sofort, wer sie sind. Er lässt sie erst mal zappeln, beschuldigt sie Spione zu sein und sperrt sie sogar ein paar Tage ein, bevor er sich dann endlich zu erkennen gibt.

Habt keine Angst!

Das Wiedersehen mit seinen Brüdern berührt Josef emotional. Mehr als einmal bricht er in Tränen aus. Zugegeben, Josef ist nicht von Anfang an auf Frieden aus. Doch dann überkommt ihn die Freude: „Er rief sie näher zu sich und wiederholte: ‚Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt! Erschreckt nicht und macht euch keine Vorwürfe deswegen. Gott hat mich vor euch her nach Ägypten gesandt, um viele Menschen am Leben zu erhalten.‘“ (1. Mose 45,4-5) Er setzt sich für seine Familie ein, damit sie nicht mehr Hunger leiden muss. Er versöhnt sich mit seinen Brüdern, die ihn verkauft hatten. Eine zerrissene Familie findet Frieden. Diese Geschichte zeigt uns, wie mächtig Frieden ist, wo wir ihn erleben und mit anderen teilen. Josef ist bereit, auf sein Recht zu verzichten und Friedensstifter zu sein. Damit ist Versöhnung überhaupt erst möglich und er gewinnt seine Familie zurück.

Schalom – Gottes Leidenschaft

Gott hat die Welt im friedvollen Miteinander geschaffen: Gott mit den Menschen, die Menschen mit Gott, die Schöpfung mit Gott, der Mensch mit der Schöpfung. Bis dieser Frieden gestört wird, nicht durch Krieg, sondern durch Misstrauen. Aus dem Paradies des Friedens wird ein Durcheinander aus gestörten Beziehungen, Streit, Neid, Mord und Totschlag. Aber Gott gibt nicht auf und setzt sich unermüdlich für Frieden ein. Dafür geht er weite Wege und schließlich schickt er uns mit Jesus den ultimativen Friedensbringer, den er Jahrhunderte vorher schon angekündigt hat. Jesus bekommt bereits im Alten Testament den ‚Spitznamen‘ Friedensfürst (Jesaja 9, 5), weil er Frieden bringen und das Chaos zwischen Gott und Menschen und auch unter den Menschen wieder in Ordnung bringen soll. Dieser Frieden ist dauerhaft und seine Herrschaft ist keine Schreckensherrschaft, sondern gerecht. Das hebräische Wort „Shalom“ meint dabei mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Es geht um inneren und äußeren Frieden, geklärte Beziehungen, Geborgenheit und erfülltes Leben. Frieden ist für Gott keine Nebensache, sondern das große Ziel. Er verspricht, dass er für uns kämpfen, sich um uns sorgen und uns führen wird. Danach schmeckt das Reich Gottes.

Rechthaber vs. Friedensstifter

Ein erschreckendes Beispiel für die zerstörerische Kraft von Unfrieden, war für mich die US-Präsidentenwahl im vergangenen Monat. Die abgrenzende, verurteilende und rechthaberische Art und Weise, wie die beiden Lager miteinander umgingen, hat ein ganzes Land aufgestachelt, Aggressionen und sogar Hass unter den Menschen geschürt. Es ging darum, zu gewinnen und den anderen klein zu halten. „Die Früchte, die vor Gott bestehen können, wachsen dort, wo Friedensstifter eine Saat des Friedens säen.“ (Jakobus 3,18) Rechthaberei macht unbarmherzig, verschließt das eigene Herz für andere, zerstört Beziehungen und macht einsam. Kurz gesagt: ein Rechthaber ist das Gegenteil eines Friedensstifters. Denn wo Eifersucht und Selbstsucht herrschen, kann sich das Böse ungehindert ausbreiten. Frieden bedeutet nicht, dass wir in einer Blase der falschen Freundlichkeit miteinander leben. Auf unnachahmliche Art und Weise strebt Jesus nach Frieden, ohne dabei langweilig oder gleichgeschaltet zu sein. Er legt sich nicht mit jemandem an, um einen Streit zu gewinnen oder sich selbst darzustellen. Seine Motivation ist es, die Welt mit Gott zu versöhnen und weil er sein Werk schließlich auch vollendet, sind wir vom Stress befreit, immer gewinnen und Recht haben zu müssen.

Dem Frieden nachjagen

Meine Familiengeschichte ist zum Glück nicht so dramatisch, wie die von Josef. Und trotzdem kenne ich Unfrieden nur zu gut. Wenn ich mit meiner Frau streite, will ich unbedingt Recht behalten, bin ich auch mal unbarmherzig und es erschreckt mich, wie gnadenlos ich manchmal sein kann. Mich zu überwinden und mich auf meine Frau und ihre Sichtweise einzulassen, fordert mich heraus, aber so kann Frieden entstehen. Streit, Unfrieden oder Krieg zerstören Beziehungen und niemand gewinnt, wo wir nur unseren eigenen Vorteil vor Augen haben. Frieden ist ein Gemeinschaftsprojekt. Paulus ermutigt dazu, dass wir uns mit aller Kraft für Frieden einsetzen sollen: „So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden.“ (Römer 12,18) oder wie es in der Jahreslosung von 2019 heißt: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15 b). Ich will den Frieden, den Jesus mir schenkt, nicht für mich behalten, sondern mit meinem Umfeld teilen. Ob ich ein Friedensstifter sein werde, ist immer auch (m)eine freie Entscheidung.

Zum Glück gibt’s den Himmel

Jürgen Werth

Er kann nicht mehr, und er will nicht mehr. Das körperliche Elend ist zu groß, die Aussicht auf Heilung zu klein. War‘s das?
Zum Glück gibt’s den Himmel. Ihr Kind, ihr geliebtes und erbetetes Kind, wird von tödlichen
Fieberkrämpfen geschüttelt. Es gibt keine Hoffnung mehr. Nicht für das Kind, nicht für sie.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Menschen gehen auf Menschen los. Reden nicht mehr miteinander. Hören nicht mehr aufeinander. Schießen nur noch. Erst mit Worten, dann mit Gewehren.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Die Pole schmelzen, die Wälder verdursten. Küsten werden überspült, während anderswo Felder verdorren.
Das Klima ist außer Rand und Band und lässt sich kaum noch bändigen.
Zum Glück gibt’s den Himmel.
Sinnlose Kriege allerorten. Überquellende Flüchtlingslager. Und eine unbeherrschbare Pandemie. Politiker im permanenten Krisenmodus. Die Welt wird zunehmend unregierbar.
Zum Glück gibt‘s den Himmel.
Eine Handvoll Reiche und eine Weltvoll Arme. Und immer mehr Geld in immer weniger Taschen.
Zum Glück gibt’s den Himmel.

Den Himmel. Die Wirklichkeit Gottes. Nicht nur für ein paar Privilegierte. Wer hinein will, darf hinein. Licht und Liebe ohne Ende und für alle. Wasser und Wärme, so viel man braucht. Glück und Gerechtigkeit auf ewig.
Nein, was wir erleben und erleiden, ist nicht alles, ist nicht das Letzte. Zum Glück. Es gibt mehr. Anderes. Und darum Hoffnung und Zuversicht gegen allen Augenschein. Und Mut und Tatkraft. Denn die Aussicht aufs Jenseits stärkt die Hände fürs Diesseits. Wer an den Himmel glaubt, dem kann die Erde nicht gleichgültig sein. Wie sie dem nicht gleichgültig war, der aus Liebe zur Erde den Himmel verlassen hat.
„Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten, und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“, dichtete Reinhold Schneider 1936. Allein den Betern. Und damit denen, die an eine Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeit glauben und die diese Wirklichkeit immer wieder neu in unsere Welt hineinbeten und hineinleben. Die an den „Vater unser im Himmel“ glauben. Die wissen, dass unsere Zeit in seine Ewigkeit mündet. Und die darum immer das Hier und Jetzt mit kritischer Distanz erleben und mit Paulus bekennen, „dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Röm 8,18).
Der himmlische Vater ist auch auf der Erde, aber ja. Teilt unsere Zeit. Ist mittendrin in allem Elend, in aller Zerrissenheit. Aber er geht nicht in der Erde auf und schon gar nicht in der Zeit. Und wir müssen es auch nicht.
Die Alten haben es noch gewusst und geglaubt. Einer wie Paul Gerhardt, der ein Lied singen konnte über „dieser Zeit Leiden“. „Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende. Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht’.“
Je älter ich werde, je spürbarer die Lebenskräfte schwinden, je chaotischer mir diese Welt erscheint, desto mehr sehne ich mich nach dem Himmel. Und ich danke Gott, dass er das Ziel meines Weges ist. Das Ziel der Welt und aller Zeit.
Auch hier und jetzt ist seine Wirklichkeit erfahrbar, in dieser Welt und in meinem Lebensalltag. Aber nur in Bruchstücken. Immer wieder fällt sein warmes Licht mitten in unsere Dunkelheiten. Aber nur vorübergehend. Wer die ganze Fülle Gottes, wer alle seine Wohltaten, wer seine grenzenlose Herrlichkeit auf diese Weltzeit begrenzt, glaubt zu kurz. Die Erde spiegelt ein paar Strahlen der himmlischen Herrlichkeit, ja. Und unser Leben tut es hoffentlich auch. Aber es gibt mehr, viel mehr. Darauf warten wir. Dahin sehnen wir uns. Darauf leben wir zu und darauf hoffen wir.

Zum Glück gibt’s den Himmel und nicht nur diese Erde. Vollkommenheit und nicht nur Zerstörung und Zerbruch. Gerechtigkeit und nicht nur die erbärmliche und zynische Arroganz der Emporkömmlinge gegenüber den Habenichtsen und Kannnichtsen dieser Welt. Es gibt die Ewigkeit und nicht nur diese verrinnende Zeit.
Ich bete es darum immer bewusster: „Unser Vater im Himmel. Dein Reich komme!“ Und ich bekenne es immer fröhlicher: Jesus ist „aufgefahren in den Himmel.“ Und ich weiß, dass ich hinterher fahre, wenn meine Zeit gekommen ist. Bis dahin pflanze ich fröhlich und gelassen meine Apfelbäumchen.

 

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Vom Ende der Gemütlichkeit

David Werner

Im vergangenen Dezember sieht sich David herausgefordert, seine festlich-familiäre Komfortzone zu verlassen. Er beschließt das Weihnachtswunder in diesem Jahr unter den Obdachlosen auf den Straßen Hannovers zu suchen. Dafür bekommt er eine neue Dankbarkeit geschenkt.

„Wenn Gott redet, ist die Gemütlichkeit zu Ende“. Als ich diese Worte von Peter Hahne, dem aus dem ZDF bekannten christlichen Fernsehmoderator und Buchautor, einige Wochen vor Weihnachten am Frühstückstisch höre, passiert erstmal nicht viel. Ich mache mich wie geplant auf den Weg zur Bahnhaltestelle, döse auf der 45-minütigen Fahrt durch die Dunkelheit immer wieder ein und bin doch nicht wirklich ausgeschlafen, als ich schließlich, so richtig hell ist es immer noch nicht, an meinem Arbeitsplatz ankomme.

Worte, die mich nicht mehr loslassen

Für gewöhnlich kann ich mir Bibelverse, Zitate oder andere Weisheiten eher schlecht merken. Auch bei der Kurzzeitbibelschule, die ich vor einigen Jahren besucht hatte, schafften es die meisten Verse, die es auswendig zu lernen galt, nur ins Kurzzeitgedächtnis. Dieses Mal ist es anders. Die Tage vergehen, Weihnachten rückt immer näher und Peter Hahnes provokant formulierter Vers geistert immer wieder durch meinen Kopf.

Zwar ziehe ich Ferienwohnungen dem Campingplatz vor und dusche auch nur dann mit kaltem Wasser, wenn die Warmwasseraufbereitung mal wieder nicht funktioniert. Trotzdem würde ich mich nicht als jemanden beschreiben, der sein Leben nach Komfort und Gemütlichkeit ausrichtet. Für Weihnachten im Kreis der Familie, den Spätgottesdienst an Heiligabend in der bekannten Kirche und ein bisschen Gemütlichkeit kann ich mich in diesem Jahr dennoch erwärmen.

Rückkehr in eine fremde Welt

Ein paar Wochen später, es sind nur noch wenige Tage bis zum Christfest, sitze ich in einem mit „Weihnachtstouristen“ gefüllten ICE und bin auf dem Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt. Aller Vorfreude auf ein gemütliches Weihnachten zu Hause zum Trotz habe ich mich bei „Christmas in the City“, einer sozial-missionarischen Einsatzwoche in Hannovers Drogenszene, angemeldet. Was mich bei der von „Neues Land“, einer christlichen Drogenarbeit mit mehreren Therapiehäusern, organisierten Aktion erwartet, weiß ich einerseits schon, da es nicht das erste Mal ist, dass ich an diesem besonderen Weihnachtsprogramm teilnehme. Andererseits ist es wieder ein Schritt in eine fremde Welt: Es erwarten mich Begegnungen mit Menschen, die vom Leben nichts mehr erwarten und sich aufgegeben haben. Menschen, die die Hoffnungslosigkeit, in der sie gefangen sind, nicht mehr verstecken (können).

Meine neue Dankbarkeit

Es dauert ein paar Tage bis ich die ersten Berührungsängste überwunden habe, ohne Scheu auf die Menschen zugehen kann und dann häufig „nur“ zuhöre. Ich höre viel von Kinder- und Jugendzeiten, die alles andere als behütet waren und werde dabei neu dankbar für meine Familie und die Zuneigung, die ich von meinen Eltern erfahren habe. Es geht um gescheiterte Therapien, bei manchem waren es Dutzende, mal sind es betrogene Arbeiter aus Osteuropa, die auf Hannovers Straßen gestrandet sind, und von dort nicht mehr wegkommen.

Bei allem Zerbruch und Getrieben sein, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man sich den Menschen zuwendet, nehme ich auch eine große Wertschätzung für unseren Dienst wahr. Ein ehrliches „Danke“ oder ein liebevolles Lächeln für einen Kaffee von einem vom Leben gezeichneten Mann, der ansonsten niemandem vertrauen kann, in der Obdachlosenunterkunft sogar sein Hab und Gut, zusammengepackt und verstaut in wenigen Gepäckstücken, mit auf die Toilette nimmt, sind in diesen Tagen unser Lohn.

Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige werden nicht nur in Hannover so gut es mit legalen Mitteln geht an den Rand der Gesellschaft geschoben. Die Substitutionsprogramme versorgen viele täglich auf Kosten der Beitragszahler mit der notwendigen Ration „Stoff“. Hilfe beim Ausweg gibt es kaum.

Jesus schenkt Freiheit

Je näher Heiligabend rückt, desto voller werden die Straßen. Reisende gehen eilenden Schrittes zum Bahnhof, um noch rechtzeitig daheim anzukommen.

Diejenigen, die kein Zuhause haben, ihre Nöte mit Alkohol und Drogen betäuben, haben wenig Vorfreude auf die Feiertage. Der Verlust von Angehörigen oder Weggefährten wiegt in diesen Tagen noch schwerer, die Einsamkeit verfolgt manchen wie ein treuer Begleiter.

Ich fühle mich in der Zwischenzeit angekommen, habe viele der 90 anderen Teilnehmenden von „Christmas in the City“ etwas besser kennengelernt und empfinde Freude daran, Zeit mit den Menschen auf der Straße zu verbringen. Besonders begeistern mich die Unterhaltungen mit anderen Mitarbeitenden, ehemaligen Drogenabhängigen, die bereits seit Jahren ein Leben in Freiheit führen, eine Therapie erfolgreich durchlaufen haben und nun auch mit Jesus durchs Leben gehen. Sie haben eine besondere Leidenschaft für ihre ehemaligen Weggefährten, die immer noch im Sumpf der Abhängigkeit feststecken und für die sich die Spirale fortwährend nach unten bewegt. Von Jahren auf der Straße, Gefängnisaufenthalten und der Zerstörung, die die illegalen Substanzen auch in ihrem Leben angerichtet haben, gezeichnet, verbreiten sie nicht nur in der Weihnachtszeit Hoffnung auf ein Leben in wirklicher Freiheit.

Heiligabend im SOS-Bistro

Als in den Kirchen der Stadt Tausende gerührte Kehlen „O du Fröhliche“ schmettern, wird die Menschenschlange vor dem „SOS-Bistro“, dem Hauptquartier von „Neues Land“ in Hannover, immer länger. Die Weihnachtsfeier im Rahmen von „Christmas in the City“ ist für viele zu einer festen Institution an Heiligabend geworden. Es ist der Platz, der diejenigen aufnimmt, die (nicht nur) an Heiligabend niemanden haben.

Im Innern geht es kurz vor dem Einlass geschäftig zu: Die Helfer in der Küche nehmen Stellung, um das Essen zu servieren, der Punsch wird portioniert und findet schnell nach Öffnung der Türen dankbare Abnehmer. Nicht nur ich frage mich mit kindlicher Spannung: „Sehen wir einige von denen wieder, die wir in den vergangenen Tagen kennengelernt und eingeladen haben?“

Es wird ein stimmungsvoller Abend. Die vielen Gäste fühlen sich sichtlich wohl und sind erleichtert, den Heiligen Abend nicht allein verbringen zu müssen. Nach der Weihnachtsgeschichte überreichen Kinder den gerührten Gästen schließlich die Geschenke, gespendet von christlichen Gemeinden aus der Umgebung. Ich ertappe mich, wie meine Augen im Laufe des Programms umherstreifen und die Besucher mustern. So mancher Anblick führt zu einem Schmunzeln, z.B. über einen Gast, der während seines Aufenthalts seine überdimensionierten Kopfhörer nicht abnimmt. Auf vielen der von Enttäuschungen und Tiefschlägen gezeichneten Gesichtern ist ein Lächeln zu sehen. Es ist Weihnachten geworden, mitten in Hannover und hoffentlich in vielen Herzen.

Was bleibt

„Ich muss hier raus, das ist mir zu viel Liebe“, höre ich eine junge Frau von ihren Gefühlen überwältigt sagen, bevor sie mit glasigen Augen den Raum verlässt. Es gab schon schlimmere Gründe, warum Menschen gegangen sind, denke ich mir.

Was bleibt nach acht Tagen „Christmas in the City“? Es sind wohl die vielen Begegnungen mit den Menschen in den dunklen Ecken Hannovers. Es ist die Hoffnung, dass sich der eine oder andere im neuen Jahr auf den Weg macht, seine Drogensucht hinter sich zu lassen und mit einer Therapie zu beginnen. Und es bleibt die Gewissheit, dass Jesus diese Menschen liebt! So sehr, dass er es vor über 2.000 Jahren Weihnachten hat werden lassen.

 

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Minimalismus? Nichts für mich!

Hella Thorn

Theoretisch findet Hella Thorn das „Weniger“ gut. Aber im echten Leben funktioniert es für sie nicht.

Ich möchte wirklich gern. Zumindest manchmal. Weniger Konsum. Weniger Gegenstände im Haus. Weniger Gedanken. Dafür mehr Freiheit. Mehr Bewusstheit. Mehr Konzentration.

Dann gucke ich, wenn die Kinder im Bett sind, auf YouTube Aufräum-Videos und studiere diverse Minimalismus-Blogs, schreibe mir Listen und Zettel, verkünde meinem Mann meine neuen Vorhaben: „Ab morgen verzichte ich auf XY.“ Oder: „Ab morgen mache ich jeden Tag dies oder das.“ Oder: „Ab morgen verändere ich dieses und jenes.“ Und dann stelle ich mir den Wecker eine Viertelstunde früher, um in Ruhe meine Gedanken auf die vor mir liegenden Aufgaben zu fokussieren. Oder ich miste die Kinderzimmer und mein Arbeitszimmer aus. Oder ich verzichte auf industriellen Zucker oder Plastikverpackungen. Drei Tage lang. Und dann passiert irgendetwas Unvorhergesehenes, wie der fiese Eckzahn des Kerlchens, der ihn – und uns – nachts nicht schlafen lässt und – schwupps – wird die Gedankenfokussierung im Kaffee ertränkt. Oder die Vierjährige entdeckt ihre Schnipselleidenschaft wieder neu und verteilt Schnipsel diverser Größen und Formen in allen Räumen unseres Hauses – auch in meinem frisch aufgeräumten Arbeitszimmer. Oder es kommt mir einfach nur mein Schweinehund entgegen, der sich schwanzwedelnd aufs nächste Snickers stürzt und vorbei ist es mit der Zucker- und Plastikabstinenz.

Begrenzte Auswahl

Minimalismus, also der Verzicht auf unnötigen Besitz und Konsum, auf zu viele Bekanntschaften, Termine, Ablenkungen und die teils radikale Hinwendung zur Einfachheit, Reduktion, ja Askese, findet immer mehr Anhänger. Nicht alle leben ihn so radikal wie der Berliner Joachim Klöckner, der nicht mehr als 50 Dinge besitzt. Aber die Sehnsucht, sich vom Unnötigen zu trennen, das Leben einfacher, entschleunigter und dadurch klarer zu machen, ist bei vielen Menschen groß.

Und es klingt auch verlockend: Wer weniger hat, hängt auch sein Herz an weniger Zeug, das dann nur rumsteht und verstaubt. Wer weniger in viele lockere Bekanntschaften investiert, hat mehr Energie und Zeit für echte Freundschaften. Wer weniger von Termin zu Termin hetzt, hat mehr Raum für Müßiggang. Und jeder, der schon einmal eine größere Reise unternommen hat, wird gemerkt haben: Es lebt sich nicht schlecht mit nur einer begrenzten Auswahl an Kleidungsstücken oder Gebrauchsgegenständen – und selbst von den eingepackten Sachen hat man meist noch nicht einmal alle benutzt.

Ich habe bei solchen Reisen gemerkt: Ja, ich kann damit auskommen. Aber ich freue mich nach dem Urlaub mit begrenzter Auswahl auch wieder sehr auf den Luxus, morgens vorm Kleiderschrank eine Auswahl treffen, mich spontan umentscheiden und mich auch mit vielen anderen netten Annehmlichkeiten umgeben zu können.

Schwäche für Brotdosen

Ähnlich erging es mir beim Versuch, unsere Küche zu minimalisieren. Wer braucht schon drei Suppenkellen, zwei Rührschüsseln oder Unmengen an Tupperdosen? Ähm ja, also ich. Ich benutze Suppenkellen nicht nur für Suppen, sondern auch für Pfannkuchen, um die Eier ins kochende Wasser zu legen oder um das Risotto auf die Teller zu bringen. Ehrlich gesagt, sind mir zwei Rührschüsseln auch mindestens eine zu wenig (eine kleinere bräuchten wir wirklich noch). Und auch bei den Tupperdosen stelle ich – trotz jeder Menge geerbter Dosen, Boxen und Schüsseln – immer wieder fest, dass die Größe und Form, die ich jetzt gerade brauche, nicht vorhanden ist. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine Schwäche für Brotdosen habe.

Ein Wochenende, an dem wir nichts vorhaben, löst bei mir mitnichten Gefühle der Entspannung aus. Es verursacht eher ein nervöses Zucken meiner Augenlider, weil ich nicht weiß, wie ich die Tage mit den Kindern gut und sinnvoll rumkriegen soll, ohne dass alle einen Koller kriegen. Ich freue mich über die festen Termine und einen vorgegebenen, ja, manchmal auch vollgepackten Alltag. Das empfindet mein persönlicher kleiner Kontrollfreak in mir als entspannend.

Aus dem Vollen schöpfen

Aber dann gibt es eben auch diese Tage, an denen ich beim Betreten des Wohnzimmers (oder auch jedes anderen Zimmers unseres Hauses) radikale Zerstörungswut bekomme und alles, was irgendwie rumsteht, in einen großen Container schmeißen möchte. Etwas mehr Leichtigkeit, etwas mehr Luft, und ich könnte auch inmitten von nicht enden wollendem Kindergeplapper wieder klar denken. So zumindest meine Vorstellung. Weniger Termine, dafür mehr Nachmittage im Garten, und die Kinder würden auf die fantastischsten Ideen kommen und sich kreative Spiele nur mit Stöcken und Steinen ausdenken. So zumindest meine Hoffnung. Und mich ärgert die Vorstellung, dass das Leben meiner Generation geprägt ist von einer alles umfassenden Konsumhaltung: Niemand will mehr etwas selbst machen, niemand will sich mehr engagieren, niemand will mehr verzichten. So zumindest der Vorwurf.

 

Und das mag auch stimmen. Denn auch ich mache abgesehen vom Essen wenig selbst. Auch ich überlege sehr genau, wann und wo ich mich in welchem Umfang engagieren möchte. Und auch ich möchte lieber aus dem Vollen schöpfen, obwohl Bescheidenheit grundsätzlich ein Wert ist, den ich gut finde.

Doch vermutlich passt dieses minimalistische Leben (gerade) nicht zu mir. Ich befinde mich mitten im Lebensabschnitt, der gerne als Rushhour des Lebens betitelt wird. Mein Leben ist voll. Mein Leben ist laut. Und ich mag mein Leben auch so. Mit Papierschnipseln, Geplapper, etlichen Tupperdosen, Playdates und Turnnachmittagen sowie spontanen Buchkäufen, obwohl ich gerade quasi nie zum Lesen von Büchern komme. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Vielleicht minimalistischere.

 

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Ich wünschte ich hätte mehr Zeit!

Melanie Carstens

Es gibt so viele sinnvolle Dinge, die man tun kann, um im Alltag nachhaltiger zu leben. Am liebsten würde ich sie alle tun. Aber ich schaffe es oft nicht. Neben meinem Job, meiner Familie, meinem Engagement in der Gemeinde und all den Extras, die in einem Vier-Personen-Haushalt zu regeln und organisieren sind, bleibt oft einfach keine Energie und keine Zeit mehr für allzu viel Selbstgemachtes. Außerdem gehöre ich zu der Gruppe von Menschen, die leider keinen grünen Daumen besitzen. Schon als Jugendliche habe ich lieber Sport gemacht und gelesen als meinen Eltern bei der Kartoffelernte zu helfen. Gartenarbeit und Landwirtschaft waren nie mein Ding. Und auch heute lebe ich lieber in der Stadt als auf dem Land.

Hoffnungsvolle Versuche

Immer mal wieder starte ich hoffnungsvolle Versuche. Letztes Jahr haben wir auf Wunsch meiner Tochter die geschenkten Tomatenpflanzen einer Freundin im Garten eingepflanzt. Doch obwohl wir sie gehegt, gepflegt, gegossen – und ihnen sogar kreative Namen gegeben haben – sind sie leider eingegangen.

Also alles vergeblich? Nein, keineswegs. Auch ohne selbst gezüchtetes Gemüse ist mir sehr wohl bewusst, dass unser westlicher Lebensstil des selbstverständlichen Konsums so nicht weitergehen kann. Der Preis, den unsere Umwelt und die Menschen in ärmeren Ländern für unseren Lebensstil bezahlen müssen, ist einfach zu hoch. So zu leben, ist nicht nachhaltig. Und vermutlich auch nicht in Gottes Sinne. Denn wenn ich mir ein gutes Leben nicht nur für mich und meine Kinder wünsche – sondern auch für die Menschen in wirtschaftlich schwächeren Ländern, dann muss sich etwas ändern. Bei uns. Bei mir. In meinem Alltag. Aber auch in der Wirtschaft und Politik.

Für Veränderungen einsetzen

Dafür braucht es engagierte Menschen, die sich in Politik und Gesellschaft konkret für diese Veränderungen einsetzen. Doch auch dieses Engagement mit vielen abendlichen Sitzungen und zusätzlichen Wochenendterminen schaffe ich momentan nicht. Dafür fehlt mir leider die Zeit. Vielleicht müsste ich meine Prioritäten ändern? Weniger Engagement in der Gemeinde – mehr Zeit in den Gremien im Stadtteil? Vielleicht ist das irgendwann dran. Momentan sehen meine Prioritäten anders aus. Weil ich glaube, dass unsere Kirchen und Gemeinden das Potenzial haben, „Hoffnung für unsere Welt“ zu sein, engagiere ich mich momentan an dieser Stelle. Um eine Gemeinde mitzugestalten, die einen unseren Mitmenschen zugewandten, gastfreundlichen, hilfsbereiten und einladenden Glauben lebt.

Kleine Schritte

Dennoch bleibt mein Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Dieser Wunsch motiviert mich, mein persönliches Verhalten im Alltag immer wieder zu überdenken. Und wenigstens kleine konkrete Schritte zu gehen. Zu einem Stromanbieter mit erneuerbarer Energie zu wechseln. Bewusst nachzudenken, wie viel Kleidung ich brauche und wo ich die kaufe. Ein Patenkind in Indien zu unterstützen, um diesem Mädchen die Chance auf ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich gehe kleine Schritte. Kleine Schritte in die richtige Richtung.

Nur die selbst gezüchteten Tomaten, die überlasse ich lieber anderen.

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„Danke, dass ich heute hier lebe“

Lutz Barth

„Aber das ist doch selbstverständlich!“ Dieser Satz begegnet mir immer wieder, wenn ich mich für etwas bedankt habe. Meine Antwort darauf lautet dann oft: „Sie nehmen mir damit aber die Gelegenheit, dankbar zu sein! Denn wenn ich alles als selbstverständlich ansähe, würde mir die Freude der Dankbarkeit genommen!“ Außerdem: Wer sagt mir, dass das Gute selbstverständlich ist?

Wir müssen nur ein wenig die Augen öffnen und uns das Naheliegende anschauen, dann sind wir umgeben von vielen Möglichkeiten, für die wir dankbar sein könnten. Aber so leicht, wie es sich jetzt anhört, ist es natürlich auch nicht. In manchen Situationen ist das Ungute wirklich so dramatisch oder schlimm, dass es völlig unser Denken einnimmt und wir logischerweise Probleme mit dem Danken haben.

Keine Gefühlssache

Es gibt ein Prinzip in der Bibel, das uns bewusst davor schützen will, durch unsere Gefühle überfordert zu werden. So heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Oder: „Liebet eure Feinde.“ Diese Aufforderungen haben mit Gefühlen erst einmal gar nichts zu tun. Ich muss den anderen nicht sympathisch finden. Ich soll ihn nur so behandeln wie einen guten Freund. Genauso muss ich auch nicht erst gute Gefühle haben, wenn ich dankbar sein will.

Ein ungewöhnlicher Gedanke – oder? Richtig irritiert kann man aber sein, wenn man Psalm 50,14a liest: „Opfere Gott Dank!“ Wie bitte, Opfer und Dank sollen zusammengehören? Braucht Gott meinen Dank? Natürlich braucht er ihn nicht und wenn Gott meinen Dank als Opfer beschreibt, dann deshalb, um uns auf die richtige Spur zu setzten. Gefühle bremsen uns und versperren die Sicht. Wenn ich gegen meine Gefühle doch danke, dann hilft mir das. Nämlich über das Negative hinwegzuschauen und meinen Blick auf das zu lenken, was es Gutes um mich herum gibt. Und den dahinter zu entdecken, dem ich das alles verdanke.

In manchen Situationen fällt es leicht, dankbar zu sein – ­zum Beispiel nach einer gelungenen Operation oder wenn man liebe Menschen wiedersehen kann, was wegen der Corona-Regeln lange nicht möglich war. In den letzten Monaten wurden viele Videos versendet und geteilt. Eines berührte mich besonders. Darin wurde das Leben eines um 1900 geborenen Menschen mit unserer Situation heute verglichen: Zwei Weltkriege, Währungsreform, Spanische Grippe mit Millionen von Toten und vieles mehr musste jemand erleben, der vor 120 Jahren geboren wurde. Ich wollte mit diesem Jahrgang nicht tauschen!

Nicht selbstverständlich

Wenn ich auf meine Frau und mich schaue, dann muss ich staunen und bin dankbar dafür, was heute alles möglich ist. Vor 50 Jahren hätte ich mit meinen Augen nicht mehr arbeiten können. Solche komplizierten Brillengläser, wie ich sie heute trage, gab es da noch nicht. Meine Frau säße mit quälenden Schmerzen im Rollstuhl, weil man für sie nicht diese Hüftprothesen hätte anfertigen können.

Einiges, was für uns heute selbstverständlich ist, war vor 50 Jahren für viele ein Luxus: Als Kinder gingen wir mit unseren Eltern zum Baden in eine öffentliche Badeanstalt, weil wir wie viele weder Dusche noch Badewanne hatten. Heute leben wir in einer Zeit und in einer Region, die sich von den meisten Ländern der Welt gravierend abhebt: sauberes Wasser aus der Leitung, eine medizinische Versorgung, die ihresgleichen sucht. Alle Kinder können kostenlos ein breites Bildungsangebot in Anspruch nehmen – auch wenn es momentan wegen Corona eingeschränkt ist. Beim Essen müssen wir uns nicht aus Kostengründen zügeln, sondern, weil wir sonst unseren Körper belasten würden. Wir dürfen unsere Meinung äußern und müssen nicht hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu unserem persönlichen Schutz leben.

Tipps für einen dankbaren Blick

Es gibt so viele Gründe, dankbar zu sein! Immer wieder auf das Nichtselbstverständliche zu schauen, hilft manches besser einzuordnen. Vielleicht ist unter den folgenden praktischen Ideen eine dabei, die Ihnen zusagt und hilft:

  1. Gestalten Sie eine Fotowand – real oder als Bildschirmschoner am Computer – mit dankbaren Erinnerungen an Personen, Orte, Erlebnisse – oder von Gegenständen.
  2. Schreiben Sie auf Zettel, wofür Sie dankbar sind. Führen Sie immer einen dieser Erinnerungszettel für einen Tag oder eine Woche mit sich und bewegen den Inhalt im Herzen.
  3. Richten Sie einen Dankes-Steinhaufen im Garten oder auf Ihrer Fensterbank auf: Für jeden Punkt, für den Sie dankbar sind, fügen Sie jeweils einen Stein nach dem anderen dazu.
  4. Legen Sie drei im Dunkeln leuchtende Steine an ihr Bett – und denken Sie dann darüber nach, für welche drei Dinge sie dankbar sind.
  5. Notieren Sie jeden Abend in einem Notizbüchlein drei oder mehr Punkte, für die Sie am Ende des Tages dankbar sind.
  6. Einmal las ich von der Idee, 10 Bohnen in die Tasche zu stecken. Immer, wenn ich für etwas danke, wandert eine Bohne von der einen auf die andere Seite.

Beeindruckt haben mich die Menschen in meinen Leben, die viel erleiden mussten, aber dankbar geblieben und nicht verbittert sind. Deshalb ist es mir sehr wichtig, dass vor allem meine Kinder und Enkelkinder mich als einen dankbaren Menschen in Erinnerung behalten. Das kann ich nicht von mir aus erreichen. Als ich diesen Artikel schrieb, stand ich kurz vor einer OP am Fuß – und ich musste bei mir erleben, wie Schmerzen mich mürbe, kraftlos und auch launischer gemacht haben. Hier hilft nur ein Lebensstil, der immer wieder die Augen von dem Notvollen abwendet und auf das sieht, was gut ist. Gott schenke mir, dass ich die Haltung bewahre und dankbar bleibe. Gott segne Sie und fülle Sie mit Dankbarkeit!

 

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Wo ist die Solidarität geblieben?

Bettina Wendland

Etwa eine Woche nach dem Lockdown im März hatten wir eine – zwangsweise virtuelle – Sitzung mit unserem freien Redaktionsteam. Wir wollten Dossier-Themen festlegen für 2021. Diese Überlegungen waren stark geprägt durch die aktuelle Situation. „Zusammenhalt“, „Nächstenliebe“, „Solidarität“ waren viel genannte Stichpunkte. Aber auch „Nähe“ oder „Umgang mit Krisen“.

Nun, ein halbes Jahr später, sind diese Themen immer noch aktuell. Aber sie fühlen sich ganz anders an. Vor allem die Solidarität, die wir in den ersten Wochen der Corona-Krise oft als so wohltuend erlebt haben, scheint uns abhandengekommen zu sein. Ein Blick in meinen Facebook-Newsfeed zeigt den Unterschied. Waren dort im März und April Videos von Balkonkonzerten zu sehen oder Hilfsaktionen für Menschen in Quarantäne, stoße ich mittlerweile immer öfter auf unschöne Diskussionen darüber, welchem Experten oder YouTuber nun zu trauen sei, ob die Corona-Maßnahmen sinnvoll oder nur „Verarschung“ sind oder ob der Mund-Nasen-Schutz ein Ausdruck von Nächstenliebe oder unterdrückter Meinungsfreiheit ist.

Und der Ton wird gefühlt immer schärfer. Reflexartig werden Beschimpfungen und Verachtung geäußert – von  beiden Seiten. Und ich habe den Eindruck, dass wir nicht nur unsere Solidarität verloren haben, sondern auch die Nächstenliebe und den Respekt voreinander. Ja, ich tappe selbst auch immer wieder in diese Falle. Weil ich nicht möchte, dass sich Falschaussagen und Verschwörungstheorien verbreiten, dass sie einfach so stehenbleiben, lasse ich mich auf Diskussionen ein – die schnell emotional werden.

Da wünsche ich mir manchmal fast den Lockdown zurück, als zumindest in meiner „Blase“ Zusammenhalt und Solidarität und die Sehnsucht nach Nähe die vorherrschenden Themen waren. Natürlich will ich nicht wirklich einen zweiten Lockdown. Aber diese Solidarität wieder zu erleben – das wünsche ich mir.

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