Beiträge

Bethlehem im Ruhrgebiet

Ingrid Jope

 

Weihnachten erlebt: Wenn Kinder zur Krippe kommen

Wenige Tage nach Heiligabend lud ein strahlender Winterhimmel zu einem ausgiebigen Spaziergang ein. Der Himmel zeigte sein schönstes Blau bei klirrender Kälte. Um möglichst viel heißbegehrte Wintersonne zu spüren, suchten wir anhand einer Wanderkarte einen unbekannten Weg, der uns auf einem Höhenzug entlangführte. Mein Mann und ich spazierten auf dem Asphalt. Unsere beiden Kinder schlugen sich durchs Dickicht. Da steckte unser vierjähriger Sohn – noch ganz unter dem Eindruck des Weihnachtsmusicals in unserer Kirchgemeinde – seine große Schwester mit der Idee an: „Komm, wir sind Hirten und wandern nach Bethlehem!“ Gesagt, getan. Beide stapften mit Stöcken in der Hand und rotwangigen Gesichtern über Stock und Stein, zwischen Bäumen und Büschen entlang. Es war ein beschwerlicher Weg durchs Gelände, aber die Kinder hatten übereifrig ihren Spaß und wiederholten immer wieder: „Wir sind Hirten! Wir wandern nach Bethlehem!“ Schließlich überquerte der Wanderweg einen Hof, offensichtlich eine Schreinerei. Da ruft unsere Tochter plötzlich: „Da, der Stall!“ Und tatsächlich stand am Wegesrand eine lebensgroße Krippenszene aus einfachen Holzfiguren als Weihnachtsdekoration. Die Kinder rannten begeistert darauf zu. Fast andächtig beugten sie sich über die Krippe und schenkten dem „Jesuskind“ ihre Wanderstöcke. Auch wir Eltern waren überrascht von diesem schönen Zufall und berührt davon, wie aus dem kindlichen Spiel plötzlich Ernst wurde. Ja, das Erlebnis wurde uns zu einem eindrücklichen Bild: Jesus, der Sohn Gottes, ist nicht nur an den Feiertagen im Glanz des Weihnachtsbaumes zu finden. Sondern er ist da, wenn wir uns auf unserem Lebensweg vorwärts mühen. Manchmal verlaufen unsere Tage wie ein Spaziergang im strahlenden Sonnenschein: Wir haben vieles, wofür wir danken können. Wir haben Menschen um uns, mit denen wir unser Glück teilen. Aber nicht selten kämpfen wir uns Schritt für Schritt nach vorne. Wir stolpern über Wurzeln, verletzen uns an Dornen und setzen nur mühsam einen Fuß vor den anderen, kurz davor, aufzugeben. Wir werden von Sorgen niedergedrückt und zweifeln, weil wir manches nicht verstehen. Und gerade auf diesem mühsamen Weg durchs Dickicht unseres Lebens will Jesus uns begegnen. Er will uns zeigen, wie sehr Gott uns liebt. Er will uns umarmen und trösten, wenn wir uns an den Leidenspunkten unseres persönlichen Weges reiben. Er will uns befreien, wo Schuldgefühle uns die Luft abschnüren, und uns vergeben, wo wir tatsächlich schuldig geworden sind. Dafür ist Gott Mensch geworden. Er will uns seinen Frieden schenken – mitten in den Fragen und Widersprüchlichkeiten unseres Daseins. Das ist der tiefe Sinn von Weihnachten, der bis in die dunkelsten Winkel unseres Lebens leuchtet: Gott ist da. Wenn wir ihm unser Herz öffnen, wird unser ganzer Lebensweg eine Weihnachtswanderung.

 

Denn uns wurde ein Kind geboren,

uns wurde ein Sohn geschenkt.

Auf seinen Schultern ruht die Herrschaft.

Er heißt: wunderbarer Ratgeber, starker Gott, ewiger Vater, Friedensfürst. (Jesaja 9,5)

 

 

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Wenn Gott mir die eigenen Grenzen zeigt

Veronika Smoor

 

Sich Ziele zu setzen, hilft bei der Fokussierung. Doch was, wenn die gesteckten Ansprüche zu hoch sind? Die Bloggerin Veronika Smoor hatte sich zu viel vorgenommen.

Nachweihnachtszeit 2006. Ich sage den Feiertagspfunden den Kampf an, ziehe meine alten Joggingtreter an und laufe eine Runde durch den stillen Wald. Mein Kopfkino dreht seine eigenen Runden, während ich Meter um Meter zurücklege: Ich sehe mich in den Hochhausschluchten New Yorks joggen, mit tausenden anderen Läufern. Der New York Marathon! Genau das will ich sein: eine erfolgreiche Läuferin, Teilnehmerin an der Mutter aller Marathons. Ich kann alles sein, wenn ich nur genug Willenskraft und Selbstdisziplin aufbringe. 2007 – hier kommt mein besseres, trainiertes, schlankes, cooles Ich!

Mehr Lähmung als Motivation

Kaum bin ich wieder zu Hause, stürme ich ins Wohnzimmer und verkünde der um den Plätzchenteller versammelten Familie, dass ich den New York Marathon laufen werde. Sie trauen mir viel zu. Und doch lachen sie mich ein bisschen aus. Sollen sie ruhig. Sie werden schon sehen.

Am nächsten Tag fahre ich in die Stadt. Mein neues Ich benötigt neue Laufschuhe. Ein paar Mal gehe ich dann sogar joggen. Anfangs mit großer Motivation. Dann mit jedem Mal ein bisschen halbherziger. Ich kaue auf dem Bild, das ich von mir selbst geschaffen habe, entschlossen herum. Aber mit der Zeit lähmt es mich mehr, als dass es mich beflügelt. Das Jahr 2007 verstreicht. Ich bin zwar auf Reisen, aber New York ist nicht dabei. Gut, dann wird eben 2008 mein großes Jahr. Ich brauche einfach noch ein bisschen Zeit, um mich in Topform zu bringen. Dann werde ich schwanger, und statt Lauftraining steht Geburtsvorbereitung auf dem Plan.

Unnötig viel Energie

Hand aufs Herz. Ich bin keine Marathon-Läuferin. Das habe ich spätestens bei einem Fünf-Kilometer-Lauf vor zwei Jahren gemerkt. Ich wurde bereits auf den ersten 500 Metern von einer Seniorin mit Walkingstöcken überrundet. Das war für mich mehr der Walk of Shame als ein Triumphzug.

„Gott hat mein Wesen mit Grenzen ausgestattet, die mich nicht einengen, sondern befreien.“

Ich hatte ein Bild von meinem Selbst gemalt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Unnötig viel Energie hat es gefressen, mich in eine falsche Richtung gelenkt, an mir selbst verzweifeln lassen. Als Kind der Selbstverwirklichungsgeneration war mir meine eigene Identität zu wenig, ich wollte mich neu erschaffen. Aber oft sind unsere Wunschbilder nichts anderes als eine Flucht: Ich wäre gerne anders, als ich tatsächlich bin. Hinter meinem Wunsch, Marathon zu laufen, versteckte sich die Sehnsucht nach einem anderen Körper. Nach Gesehenwerden. Nach Außergewöhnlichkeit.

Selbstgeschaffene Sackgasse

Bis vor kurzem war ich überzeugt, ich sei eine extrovertierte Frau, die alles auf die Reihe bekommt. Entsprechend war mein Verhalten: immer laut, immer der Mittelpunkt, immer eine Meinung, immer rennen, erledigen, kontrollieren. Die Tatsache, dass ich mich die ganze Zeit über ausgebrannt, gereizt und müde fühlte, schob ich zur Seite. Bis es nicht mehr ging und ich mich einer Therapeutin anvertraute. Die half mir, mein verzerrtes Selbstbild zurechtzurücken: „Sie sind halt eher auf der introvertierten, sensiblen Seite angesiedelt.“

Diese Therapeutin hat mich an die Hand genommen, mit sanfter Gewalt in eine andere Richtung gedreht und aus meiner selbst geschaffenen Sackgasse herausgeführt. Mir wurde weit und frei ums Herz, weil ich endlich die Wahrheit über mich erkannte. Mir wurde klar, dass ich meine Seele jahrelang regelrecht vergewaltigt hatte, nur um meinem Selbstbild zu entsprechen. Ich konnte loslassen. Endlich. Um das zu sein, was ich tatsächlich bin. Manchmal extrovertiert (ja, ich kann eine Party durchaus rocken!). Aber eben auch ganz oft auf der stilleren Seite des Lebens. Auch hinter diesem falschen Selbstbild versteckte sich eine Sehnsucht: relevant zu sein. Und eine Angst: Kontrollverlust.

Befreiende Grenzen

Falsche Selbstbilder können krank machen. Uns an dem Leben, das Gott uns geschenkt hat, vorbeileben lassen. Ein Freund von mir – im Herzen eine Künstlerseele – hatte jahrelang das Bild von sich als Geschäftsmann. Er hatte sich in ein Bild gepresst, das ihm nicht entsprach. Nach vielen Jahren in der Geschäftswelt ist er ausgebrannt, weil er ignoriert hat, was er tatsächlich ist: eine sensible Seele mit der Sehnsucht nach Schönheit, nicht nach geschäftlichen Erfolgen.

Meine Therapeutin und der Fünf-Kilometer-Lauf haben mir meine Grenzen aufgezeigt. Und mich damit ein Stück weit in meine Identität geführt. Gott hat mein Wesen mit Grenzen ausgestattet, die mich nicht einengen, sondern befreien. Die mir Form und Halt geben. Ich muss nicht das Leben jeder Party sein. Ich muss nicht der multitaskende Powermensch sein. Ich muss nicht die sehnigstraffe Marathonläuferin sein.

Heilende Massage

Um unsere eigene Identität herauszuschälen, müssen wir immer wieder Inventur betreiben. Uns die Frage stellen: Welche falschen Sehnsüchte treiben mich? Was bin ich? Und was bin ich nicht? Vielleicht spüren wir, dass Gott schon lange Zeit seinen Daumen auf einer Stelle hat, die uns eigentlich wehtut. Wir winden uns unter seinem sanften Druck, wollen ausweichen und festhalten. Weil wir eben gern Erfolg, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Kontrolle haben. Sein Druck ist eine heilende Massage, die uns vom Schmerz befreien will. Ich erlebe immer wieder: Wenn ich ihm nachgebe, falsche Bilder loslasse, dann erfahre ich niemals Verlust, sondern immer Befreiung. Dann erst kann ich Frieden mit meinem Ich, mit meinem Schöpfer finden. Dann fühle ich mich endlich nicht mehr wie ein zerquetschtes Puzzleteil, das man gewaltsam in ein fremdes Puzzle zwängt.

Nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, ziehe ich meine alten, ausgetretenen Laufschuhe an. Ich will eine Runde durch den Wald laufen. Einfach aus Freude daran, dass ich es kann. Und nicht, weil ich einen Marathon laufen muss.

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Die Autorin Veronika Smoor textet in ihrem Blog unter www.veronikasmoor.com.

Erziehe dich selbst

Dr. Ulrich Wendel

 

Manoachs Frau weiß, was man von Gott erwarten kann

Vielen Menschen in der Bibel begegnen uns nach einem altbekannten Muster: Den Namen des Mannes erfahren wir, den der Frau nicht. So ist das oft in der altorientalischen Kultur. Wer namenlos bleibt, ist offenbar nicht so wichtig.

Immer wieder aber bricht die Bibel dieses Schema auf. So ist es auch bei Manoachs Frau. Ja, auch hier wissen wir nur, wie ihr Mann heißt, und ihren eigenen Namen kennen wir nicht. Doch wie Gott dieser Frau begegnet, ist bemerkenswert. In Richter 13 erfahren wir davon.

Das Ehepaar lebt in Zora im Hügelland Judäas. Wie viele andere Frauen kann auch Manoachs Frau zunächst keine Kinder bekommen – bis ein Bote Gottes ihr einen Sohn ankündigt. Und zwar wird es ein besonderer Sohn sein, ein Gottgeweihter, ein „Nasiräer“ (wie der biblische Ausdruck lautet). Solche Männer oder Frauen lebten eine Zeitlang enthaltsam im Blick auf Alkohol und unreine Speise, und auch die Mutter – so der Bote – soll diese Vorschriften während der Schwangerschaft einhalten.

Der Vater will es wissen

Wie reagiert man, wenn Gottes Bote einen anspricht? Die Frau läuft zuerst zu ihrem Mann und berichtet ihm alles. Manoach geht sofort ins Gebet. Und zwar will er von Gott wissen: Wenn sie nun einen so besonderen Sohn bekommen sollten – wie sollen sie mit ihm umgehen? Was ist zu beachten? Gott möge den Boten noch einmal schicken, damit der Auskunft erteilt. Manoachs Gebet wird erhört. Der Engel Gottes kommt wenig später tatsächlich – aber nicht zu Manoach, der gebetet hat, sondern wieder zu seiner Frau. Ja, offenbar bewusst nur zu ihr, denn er sucht sie auf, als sie allein auf dem Feld ist. Gott geht hier recht einseitig vor. Obwohl Manoach sich als treuer Glaubender erweist, der seine Anliegen spontan ins Gebet bringt, übergeht Gott ihn und wendet sich allein an seine Frau – sie ist Gottes erste Adresse, sie will er in dieser Angelegenheit als Gesprächspartnerin haben. Dass die Frau für uns namenlos bleibt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gott sie sehr wohl im Blick hat.

Sie reagiert bei dieser zweiten Engels-Begegnung genauso wie bei der ersten: Sie läuft zu ihrem Mann und informiert ihn. Der geht sofort los, um mit dem Boten Gottes zu reden. Das ist die Gelegenheit für Manoach, seine Frage zu wiederholen, die ihn beschäftigt: Wie sollen sie mit dem Jungen umgehen, wenn er zur Welt gekommen ist? „Was soll sein Verhalten sein?“, will er wissen (Richter 13,12). Manoach ist ein werdender Vater, der Interesse an seinem künftigen Sohn hat. Er kümmert sich um Erziehungsfragen und empfindet Verantwortung für den Weg des Kindes. Man könnte meinen, Gott würde einem solchen Interesse gern entgegenkommen und den so erziehungs-begierigen Vater ausführlich in seine Aufgabe einweisen. Doch die Antwort des Boten ist recht ernüchternd: Er wiederholt bloß das, was er bereits zu vor der werdenden Mutter gesagt hat. Mehr muss man nicht wissen. Das könnte eine wichtige Lebenslektion sein, über die besondere Situation von Manoach hinaus: Manchmal bestürmt man Gott mit Fragen, die er längst beantwortet hat, und anstatt auf eine neue Antwort zu warten, sollte man sich hinsetzen und überlegen, wie man das befolgt, was man bisher schon gehört hat.

Erziehungstipps? Fehlanzeige!

Aber was ist es genau, das Manoachs Frau gehört hat? Die Antwort des Gottesboten hat – bei genauer Betrachtung – eine Überraschung bereit. Manoach will etwas über Erziehung erfahren. Ihm geht es darum zu wissen, was der Junge in seinem Leben tun und lassen soll – zu diesem Verhalten, so scheint er zu denken, will er ihn dann anleiten. Doch Gottes Auskunft sagt nichts darüber, wie der Junge sich verhalten soll, sondern nur, wie die Mutter leben soll! Und zwar wie sie ihr eigenes Leben leben soll, nicht, wie sie als Mutter sein soll. Während der Schwangerschaft soll sie sich so ernähren, wie es ein gottgeweihter Mensch tut – das ist alles. Vielleicht will Gott sie damit herausfordern, dass sie auf ihre eigene Beziehung zu ihm Wert legt, dass sie sich also eine Zeitlang ihm weiht, so wie es dann für ihren Sohn später lebenslang gelten soll. Jedenfalls erfahren Manoach und seine Frau nichts über Kindererziehung für Nasiräer, sondern über den Umgang mit sich selbst. „Erziehe dich selbst“ scheint – zugespitzt gesagt – Gottes Antwort auf die Erziehungsfragen der Eltern zu sein.

Nein, wir müssen nicht sterben.

Nach dieser Begegnung bleibt Manoach nur noch, dem Gast alle gebührende Gastfreundschaft zu erweisen, so wie es im alten Orient unantastbare Sitte ist. Er will ihn mit einem leckeren Ziegenbock bewirten und er fragt nach dem Namen des Mannes – Manoach hat noch nicht erkannt, dass es ein Engel ist. Doch der Mann lehnt beides ab, die Bewirtung und dass er seinen Namen nennt. Er hat aber einen Gegenvorschlag: Wenn Manoach da gerade schon einen Ziegenbock parat hat, könnte er ihn als Brandopfer für Gott bringen. So macht Manoach es denn auch – und erlebt plötzlich einen heiligen Moment: Als die Flamme vom Altar auflodert, fährt der Engel in diesem Feuer nach oben zum Himmel! Jetzt wird Manoach klar, mit wem er es her die ganze Zeit zu tun hatte – eben mit einem Engel des Herrn! Und er reagiert panisch. „Wir müssen sterben! Wir haben ja Gott gesehen!“ Doch seine Frau behält die Nerven – ja mehr noch: Sie legt geistliche Einsicht und Weisheit an den Tag. Wenn Gott sie hätte töten wollen, dann hätte er ja wohl das Opfer nicht von ihnen angenommen und hätte vorher nicht mit ihnen geredet. Manoachs Frau scheint Gottes Absichten besser zu begreifen als er – so wie Gott ja zuvor sie und nicht ihren Mann als Gesprächspartnerin ausgewählt hat. Manoach erschrickt vor dem Gesetz Gottes („Wer Gott sieht, muss sterben“; siehe 2. Mose 33,20) und befürchtet den Tod, doch die Frau erfasst etwas vom Evangelium und erwartet das Leben.

Der Sohn, der dann zur Welt kommt, ist Simson – einer der Richter und Befreier Israels. Er hat sich in der Bibel einen Namen gemacht, bis hinein ins Neue Testament (Hebräer 11,32). Seine Mutter bliebt namenlos, doch wir lernen sie als Frau kennen, mit der Gott redet, der Gott aufträgt, auf ihr eigenes Leben zu achten, und die ein Gespür dafür hat, was man von Gott erwarten kann.

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Inspirierter beten

Lydia Rieß

 

Wie die Bibel das Gespräch mit Gott belebt

„Herr, lehre uns beten.“ Diese Bitte tragen die Jünger an Jesus heran (Lukas 11,1). Beten – ist das nicht etwas, das man einfach macht? Anscheinend nicht. Denn Jesus geht auf diese Bitte ein und gibt den Jüngern ein Beispiel: das Vaterunser. Ein Gebet, das bis heute die Christenheit verbindet. Und eines, das wir direkt und sehr wörtlich aus der Bibel übernommen haben. Beten ist also etwas, das ich lernen kann. Und auch etwas, bei dem ich mich an Vorbildern orientieren darf.

Die Praxis des Bibelbetens greift genau diesen Gedanken auf. Wie das Vaterunser zeigt, ist es an sich nichts Ungewöhnliches, direkt mit Versen aus der Bibel zu beten. Manchmal erweist es sich als sehr wertvoll, wenn ich Worte verwende, die bereits seit Jahrtausenden festgeschrieben sind. Gerade das Gebet mit den Texten der Bibel führt mich zurück zum Ursprung: zu Gott selbst, zu seinem Wort und zu den Erfahrungen, die Menschen in den vergangenen Jahrtausenden mit ihm gemacht haben. Die Worte der Schrift helfen mir dabei, Gott wieder näher zu kommen und ihn besser kennenzulernen. Eine gute Voraussetzung für ein gelingendes und tiefes Gespräch.

Die Reise zurück zu den Wurzeln kann ein eingeschlafenes Gebetsleben erneuern, aber auch neue Impulse in eine bereits lebendige Praxis hineinbringen. Sie kann mir helfen, den Blick von meinen eigenen, festgefahrenen Problemen wegzulenken und hin zu Gott zu öffnen. Die Personen der Bibel hatten ähnliche Lebensthemen und -fragen wie wir heute. Ihre Worte können mir dabei helfen, diese Themen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und mit ihnen gemeinsam in Gottes Richtung zu schauen.

Es gibt verschiedene Ansätze des Bibel-Gebets. Einen Rat findet man bei allen: Wer die Bibel betet, sollte sie laut beten. Das hilft mir, stärker bei der Sache zu bleiben und mich besser in die „Gesprächssituation“ mit Gott einzufinden. Schon der Philosoph Wittgenstein wusste: Sprache schafft Wirklichkeit. Das, was ich laut ausspreche, ist für mich realer als das, was ich nur denke. Ich gebe meinen Worten mehr Gewicht und mache sie auch für mich selbst realer, greifbarer und konkreter.

Aber nicht nur das laute Sprechen ist von Bedeutung, sondern auch das, was ich sage. Bei den verschiedenen Varianten des Bibel-Betens geht es nicht darum, einfach laut aus der Heiligen Schrift vorzulesen und das dann Gebet zu nennen. Vielmehr soll die Bibel hier eine Stütze sein: zum einen, um Worte zu finden für das, worum ich beten möchte; zum anderen, um mich bewusst auf die Suche nach Gott zu machen.

Das Themen-Gebet

Beim Themen-Gebet stelle ich einzelne Passagen bzw. Verse der Bibel zu einem Gebet zusammen, um gezielt für bestimmte Themengebiete, Lebensbereiche oder auch Personen zu beten. Die Passagen kann ich mithilfe einer Konkordanz oder der Suchfunktion einer Online-Bibel nach Stichworten finden. Aus diesen Passagen erstelle ich mir in leichter Abwandlung Gebete – die Bibel wird hier also eher paraphrasiert. Ein Beispiel für ein Gebet für Angehörige und geliebte Menschen:

Gott, du bist ein Gott, der uns sieht (1. Mose 16,13). Herr, erlöse die, die ich liebe, von den Mächten der Finsternis (Kolosser 1,13) und hilf ihnen, die Rüstung des Lichts anzulegen (Römer 13,12). Hilf ihnen, in ihrem täglichen Leben den Herrn Jesus Christus „anzuziehen“ (Römer 13,14) und der Maßlosigkeit und den Versuchungen des Lebens zu widerstehen (Römer 13,13) …

Solch ein Gebet kann ich mir entweder selbst zusammenstellen oder auch von anderen übernehmen. Ich kann mir sogar ein kleines „Gebetsbuch“ mit verschiedenen Themen erstellen (auf Englisch gibt es Anregungen z. B. hier: http://www.prayingscriptures.com/praying-in-victory.shtml). Ich kann diese Gebete immer wieder neu beten, erweitern, Passagen austauschen und auch wieder herausnehmen: gerade so, wie es die Situation, die Person oder meine eigene Haltung erfordern. Durch die Kombination aus direkten Bibelworten und meiner eigenen, persönlichen Auswahl habe ich ein Gebet, das Gottes Nähe sucht und sehr direkt nach seinem Willen fragt, aber doch auch „mein“ Gebet ist.

Biblische Gebete beten

Sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament finden sich zahlreiche schriftlich festgehaltene Gebete. Die bekanntesten sind natürlich die Psalmen, die allein deshalb schon hochspannend sind, weil sie die ganze Bandbreite an menschlichen Emotionen und Lebensthemen abdecken – von Todesangst über Einsamkeit, Klage und Fragen des Glaubens bis hin zu Jubel und Begeisterung. Aber auch an anderen Stellen gibt es solche Gebete in sehr verschiedenen Formen: als Dank- und Lobgesänge, als Buß- und Bekenntnistexte, als Bitten und Fragen, voll von tiefer Verzweiflung oder übersprudelnder Freude.

Da ist das Gebet von Hanna, als sie Gott für den erbetenen Sohn Samuel lobt (1.Samuel 2,1-10). Oder das Siegeslied Deboras (Richter 5) und das Lied Mirjams und Israels, nachdem sie das Schilfmeer durchquert hatten (2. Mose 15). Das Buch Hiob ist stellenweise ein einziges Klagegebet, gekrönt am Ende durch ein Glaubensbekenntnis direkt an Gott. Im Neuen Testament finden sich der Lobgesang Marias (Lukas 1,46-55) und der Lobgesang des Zacharias (Lukas 1,67-79); Paulus hat verschiedene tiefgehende Gebete (z. B. Römer 16,25-37; Epheser 3,14-21; 2. Thessalonicher 2,16-17), und auch die Offenbarung des Johannes ist voll von Gebeten. Diese biblischen Gebete können uns zu „Lehrern werden, die uns beibringen, wie wir mit Gott kommunizieren können“, so beschreibt es Philip Collins, Professor für Christian Ministries an der Taylor University in Upland, Indiana.

Obwohl diese Gebete bereits in sich geschlossen und fertig sind, ist es ratsam, nicht blind drauflos zu beten, sondern bewusst Texte auszusuchen: solche, die zu meiner Situation passen und die mir Worte geben, die ich guten Gewissens zu meinen eigenen machen kann. Außerdem ist es stellenweise klug, Verse auszulassen (so macht es für das persönliche Gebet eher wenig Sinn, über „Schamgar, den Sohn Anats, zu den Zeiten Jaëls“ zu beten wie in Richter 5,6). Indem ich ein solch „fremdgeschriebenes“ Gebet bete, nehme ich die Perspektive der Person ein, die es ursprünglich betete – als Dankende, als Bittender, als Zweiflerin oder Trauernder.

Verheißungen beten

„Wenn wir Gottes Verheißungen laut beten, fangen wir an, Gottes Pläne und Ansichten zu verstehen. Wir bringen unsere Sehnsucht in Einklang mit der seinen“, so Debbie Przybylski, Gründerin eines internationalen Gebetsdienstes. Die Bibel ist voll von Verheißungen, die nicht nur Israel und den Menschen damals, sondern auch uns heute noch gelten. Sie sind in vielfacher Hinsicht ein passendes Gebetsthema: als Bekenntnis und Dank für Lebensbereiche, in denen ich bereits erlebe, wie sich diese Verheißungen erfüllen. Zur eigenen Erbauung und zum Trost, indem ich mich selbst daran erinnere, dass Gott es gut mit mir meint. Als Buße und Bitte um Vergebung, wo ich diesen Verheißungen nicht traue und selbst nach Kontrolle über mein Lebensglück strebe. Und im Ringen mit Gott, wenn ich sein Wirken und seinen Segen in meinem Leben nicht wahrnehmen kann. Verheißungen kann ich mit Hilfe einer Konkordanz oder der Wortsuche einer Online-Bibel finden. Hier hilft auch eine ganzheitliche Sicht: Auch Verheißungen des Alten Testaments kann ich mit dem Wissen beten, dass viele davon in Jesus Christus erfüllt, bestätigt oder auch in ein neues Licht gestellt worden sind.

Als Beispiel sei hier Hesekiel 36,26 angeführt: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Einen solchen Vers kann ich sehr vielfältig beten. Als Dank: „Danke, dass du mich erneuern willst mit deinem Geist. Danke, dass du mein steinernes, totes Herz lebendig machen willst.“ Als Bitte: „Erfülle mich neu mit deinem Geist! Nimm mein steinernes Herz weg und gib mir ein fleischernes!“ Als Buße: „Ich habe mein Herz dir und den Menschen gegenüber verhärtet. Ich habe ein steinernes Herz. Vergib mir und schenke mir ein Herz aus Fleisch.“

Die Ermutigungs-Tabelle

Ähnlich wie das Gebet mit Verheißungen ist diese Variante von Andreas Kusch*. Diese Gebetsform eignet sich vor allem in Zeiten von Not, Trauer und Schmerz. Es geht um einen Perspektivwechsel: „Wir schauen nicht auf das Dunkel, sondern auf den, der das Dunkel wenden kann. Die Zusagen und Verheißungen Gottes dürfen wir den Gedanken der Hoffnungslosigkeit und Gottverlassenheit entgegenstellen“, so beschreibt es Kusch. Diese Gebetsform sieht zunächst etwas „technisch“ aus, hilft aber gerade durch das systematische Vorgehen, im Gebet konkret zu werden.

Dabei ist Vorbereitung erforderlich, und zwar in Form einer Tabelle. In der ersten, durchgehenden Spalte formuliere ich die Situation, die mich gerade belastet. Die zweite Spalte wird in Zeilen unterteilt. In diese Zeilen trage ich die Gefühle ein, die für mich mit der Situation einhergehen (Schwäche, Angst, Enttäuschung, Hilflosigkeit …). In der dritten Spalte notiere ich parallel zu den Gefühlen die negativen Gedanken, die diese Gefühle immer wieder in mir auslösen (z. B. Schwäche: „Ich kann nicht mehr.“ Enttäuschung: „Warum lässt Gott das zu? Warum hilft er mir nicht?“ etc.). In der vierten Spalte nun trage ich Bibelverse ein, die mich in diesen Momenten ermutigen, z. B.: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9b). Nun „durchbete“ ich diese Tabelle. Angefangen bei der Situation über die Gefühle und Gedanken bis hin zu Gottes Verheißung, auf die ich mich stütze und die ich im Glauben annehme. Dies kann, in Bezug auf die Bibelstelle, auch in abgewandelter Form geschehen: „Gott, ich danke dir, dass deine Kraft in meiner Schwäche mächtig ist.“ Auf diese Weise wird die Tabelle zu einem Rettungsseil, das mich immer wieder daran erinnert, dass Gott in meiner Situation gegenwärtig ist und in sie hineinspricht.

Personalisiertes Bibelbeten

Auch manche Passagen der Bibel eignen sich dazu, um sie zu beten – allerdings umgewandelt zu einem persönlichen Gebet. Jesaja 43 als Dankgebet kann dann so klingen: „Danke, dass ich mich nicht fürchten muss. Danke, dass du mich bei meinem Namen rufst und erlöst und dass ich dein bin!“ Oder als Bitte: „Wenn ich durchs Wasser gehe, lass mich wissen, dass du bei mir bist. Lass nicht zu, dass die reißenden Ströme mich untergehen lassen.“ Für andere kann ich ebenfalls auf diese Weise beten, indem ich ihre Namen in den Bibeltext einfüge: „Auch wenn Paul gerade durchs Feuer gehen muss, lass ihn unversehrt bleiben. Schütze Klara und bewahre sie davor, dass die Flammen sie anrühren. Lass sie wissen, dass du ihr Gott und Retter bist.“ Solche personalisierten Bibelgebete helfen nicht nur dabei, Worte zu finden, die man manchmal einfach nicht hat. Sie führen mir auch vor Augen, dass Menschen bereits vor tausenden von Jahren dieselben Sehnsüchte, Schmerzen und Hoffnungen hatten. Und dass sie bei Gott damit an der richtigen Adresse waren.

Meditation

In Psalm 1 findet sich die indirekte Aufforderung, über das Wort Gottes „nachzusinnen Tag und Nacht.“ Das hebräische Wort für „nachsinnen“ bedeutet hier wörtlich: murmeln. Als jemand, der Gott nachfolgt, soll ich sein Wort vor mich hinmurmeln, immer und immer wieder wiederholen – es also quasi meditieren. Der Begriff „Meditation“ ist in unserem Verständnis manchmal vorbelastet. Man denkt allzu schnell an fernöstliche Esoterik und die mystische Suche nach sich selbst. Ursprünglich bedeutet Meditation aber einfach, sich von allem anderen gedanklich freizumachen und sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Das Ziel dabei ist, zur Ruhe zu kommen, sich zu entspannen, vor allem aber, dieser einen Sache seine vollständige Aufmerksamkeit zu widmen und sie ganz und gar aufzunehmen.

Die Bibel zu meditieren, oder anders: sie meditierend und betend zu lesen, bringt mich dazu, mehr zu tun als nur zu lesen. Indem ich einen Bibeltext bewusst lese, wiederhole und ihn betend vor Gott bringe, ihn quasi mit ihm gemeinsam lese, lasse ich ihn näher an mich heran, nehme ich ihn auf und lasse zu, dass er etwas mit mir macht. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass ich jeden beliebigen Bibeltext auf diese Weise beten kann, nicht nur solche, die sich bereits vom Wortlaut her als Gebet eignen, ganz ähnlich wie beim personalisierten Bibelgebet.

Die Bibel singen

Heutzutage finde ich unzählige christliche Lieder, die auf biblischen Passagen beruhen, teilweise sogar sehr wörtlich. Hier sei beispielhaft wieder das Vaterunser angeführt, das bereits vielfach vertont wurde. Auch in diesem Bereich finde ich eine Bandbreite an Themen: Bekenntnis, Lobpreis, aber auch Klage und Bitte. Solche Lieder kann ich ganz bewusst als Gebet singen.

Und natürlich kann ich auch Bibeltexte ganz direkt singen. Dazu kann ich mir eine eigene Melodie ausdenken oder ihn ganz „kindlich“ und spontan vor mich hinsingen. Das mag erstmal befremdlich klingen. Aber Gesang bietet einen ganz neuen Zugang zu einem Text, lässt Emotionen mit einfließen, bringt eine persönliche Note mit hinein. Hilfreich ist hier vielleicht der Gedanke, dass manche Texte der Bibel auch ursprünglich Lieder waren. Nicht nur die Psalmen, sondern z. B. das bereits genannte Siegeslied Deboras oder das Lied Mirjams, nachdem das Volk Israel durch das Schilfmeer gezogen war (2. Mose 15).

Ein paar Gedanken zum Schluss

Die meisten dieser Ansätze kann ich sowohl allein als auch in einer Gebetsgemeinschaft ausprobieren. Hier stellt sich dann die Frage, was für ein Typ Beter ich bin: Profitiere ich vom gemeinschaftlichen Gebet? Oder kann ich mich besser auf Gott einlassen, wenn ich alleine bin? Im Setting der Gruppe kann das Bibel-Beten sehr hilfreich sein, besonders für diejenigen, die einen gewissen „Performance-Druck“ spüren und nicht gut frei formulieren können, wenn andere zuhören. Das Allein-Beten kann hingegen dabei helfen, sich tiefer auf diese Ansätze einzulassen und in der Gestaltung ganz frei und ungehemmt zu sein.

Hier dürfen wir uns auf einen Weg des Lernens einlassen. Ganz nach der Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten.“

 

*aus dem Buch: Andreas Kusch: Gott, du Liebhaber des Lebens, Trier, Paulinus, 2013

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Sich vorwärts beten

Wie Beten den Beter verändert

Ulrich Wendel

MIT GEPÄCK ZUR BURG …

Ein gewundener Waldweg. Ich gehe bergauf und genieße die Natur. Wichtiger aber noch ist mir das Alleinsein und die Stille. Gestartet bin ich in einem geistlichen Einkehrhaus in Hessen, in dem ich für 24 Stunden mein Quartier aufgeschlagen habe. Der Rhythmus von Alleinsein, liturgischem Tageszeitengebet mit anderen, Spaziergängen und Gebet in der hauseigenen Kirche prägt

diese Zeit. Für meinen Spaziergang habe ich zwei Ziele. Zum einen möchte ich die nahe gelegene Burg Greifenstein erreichen, die ich sonst meist nur von der Autobahn aus entfernt liegen sehe. Zum anderen will ich eine Sorge mit Gott durchsprechen. In meiner Gemeinde stehen Wahlen zur Leitung bevor. Ich weiß nicht, wie sie ausgehen werden, und habe verschiedene Szenarien durchgespielt. Eine bestimmte Personenkonstellation erscheint mir gar nicht unwahrscheinlich – aber ich kann mir momentan nicht vorstellen, wie wir konstruktiv zusammenarbeiten würden. Ich befürchte, dass wir unterschiedliche Prioritäten bei der nötigen Erneuerung der Gemeinde haben könnten. All das habe ich im Gepäck auf meinem Weg hinauf zur Burg. Was soll ich beten? Dass Gott den Ausgang der Wahl steuert? Dass manche Personen sich nicht zur Verfügung stellen? Ich bete besonders für einen bestimmten Menschen – und für mich selbst: wie ich ihn sehe und ob meine Sicht wirklich die richtige ist. Vor allem ist eine meiner Gebetsrichtungen: Wenn es denn so kommt, dass ich mit diesem Menschen zusammenarbeiten werde, dann soll es ein unbelasteter Anfang sein. Ich möchte meine Sorgen und Vorbehalte nicht in diese Zusammenarbeit hineintragen. Nach einer Kurve tauchen die beiden markanten Türme der Burg auf, deren Anblick ich schon gespannt erwartet habe. Ich freue mich daran, die Burg zu betreten und ein wenig zu erkunden. Dann folgt der Rückweg zu meinem Einkehrhaus. Und auf einmal spüre ich, dass ich „durch“ bin mit meiner Sorge: Sie liegt hinter mir, ich habe sie unterwegs verloren. Ich kann Gott zutrauen, dass er die Arbeit in meiner Gemeinde weiter fördert und voranbringt – egal in welcher Personenkonstellation. Ganz klar: Mein Gebet hat nicht den Menschen verändert, über den ich mir Sorgen gemacht habe, sondern es hat mich selbst verändert.

 

DER FUßBALLER UND DER BISCHOF

Im Sommer 2014 wurde ein Wort populär, das vorher kaum zum Alltagswortschatz gehörte: die Eistonne. Das Achtelfinalspiel der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien verlief ziemlich schwach. Letztendlich gewannen die Deutschen gegen Algerien zwar nach Verlängerung, aber es war eine Zitterpartie – und Algerien ist nicht gerade als Fußballnation bekannt. Unmittelbar nach dem Spiel wurde der Innenverteidiger Per Mertesacker vor laufender Kamera interviewt. Die Fragen gingen dem erschöpften und entnervten Spieler offenkundig gegen den Strich. „Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel?“, blaffte er den Reporter schweißgebadet an. „Ich verstehe nicht, was Sie wollen. Wir haben es uns hundertzwanzig Minuten schwer gemacht und gekämpft bis zum Ende. Ich leg mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne und dann sehen wir weiter.“ Das Video dieser Interview-Sequenz erzielte seitdem Hunderttausende von Aufrufen im Internet. Die Eistonne schien wirklich dringend nötig zu sein: Nicht nur um den geschundenen Körper herunterzukühlen, sondern auch den flammenden Zorn über die Reporterfragen. Zu jeder anderen Gelegenheit wäre der Gedanke an ein Bad in der Eistonne abschreckend – und der Versuch, jemanden hineinzusetzen, würde laut kreischend enden. Aber es gibt Momente, da ist die Eistonne der einzig richtige Ort. Gehen wir von der WM 2014 ein paar Jahrhunderte zurück. Den französischen Bischof Franz von Sales, 1665 heiliggesprochen, stellt man sich kaum so aufbrausend vor wie einen schwitzenden Fußballspieler vor dem Mikrofon eines Sportreporters. Dieser Bischof war für viele Gläubige ein geistlicher Begleiter. In seinem Buch „Philothea“ hat er seine Weisungen gesammelt. Über das Gebet sagt er da: „Das Gebet ist die segensreiche Quelle, deren belebende Wasser die Pflänzchen unserer guten Wünsche zum Grünen und Blühen bringen, jeden Makel von unserer Seele hinwegspülen und das von Leidenschaft erhitzte Herz abkühlen.“

Abkühlen! Wer betet, hat also einen Weg beschritten, Abstand von seinen Leidenschaften zu nehmen. Abstand vom Zorn zum Beispiel und von all dem, was ihn zerreibt. Abstand von meiner Sorge um die Leitungskreiswahl. Das Gebet ist wie eine nötige Eistonne. Der Fußballer und der Bischof empfehlen ganz übereinstimmend Abkühlung, und was Leidenschaften wie Angst, Sorge oder Zorn angeht, weiß der Bischof, wo sie zu finden ist: im Gebet. Wer betet, wird verändert. Viele Menschen in der Bibel haben das erlebt. Zum Beispiel Asaf.

 

VON GEGEN-BITTE ZUR FÜR-BITTE

Es ist eine sehr gute Erfahrung, wenn Gegen-Bitte zu Für-Bitte wird – wenn man also anders aus dem Gebet herauskommt als man hineingegangen ist. Das hat Asaf erlebt. Sein Beten hat ihn umgeformt. Von Asaf stammt der 83. Psalm. Er ist ein Hilferuf angesichts vieler Feinde. Zu Beginn seines Gebets schildert Asaf, was diese Feinde Übles vorhaben – „Kommt, wir wollen das Volk Israel vernichten!“ (5) – und wie viele es sind. Die ethnischen Bezeichnungen, die Asaf aufzählt, lassen das Bild eines internationalen Aufmarsches entstehen, der sich rings um Israel zusammenzieht (6-9). Nach der Lagebeschreibung trägt Asaf Gott seine Bitten vor. Und die sind sehr eindeutig: Er will, dass die Feinde Israels umkommen. Er denkt dabei an die Geschichte seines Volkes, wie wir sie heute noch im Alten Testament nachlesen können. Asaf zählt die großen Gegner der Vergangenheit auf und erinnert sich, wie sie mit Gottes Hilfe besiegt wurden. „Ihre Leichen verrotteten auf der Erde“ (11). Dass Gott so etwas auch in der aktuellen Bedrohung tut, darum bittet Asaf: „Mein Gott, blase sie fort wie Staub, verwehe sie wie Spreu im Wind!“ (14). Das ist kein hochmütiges Gebet, aus Nationalstolz geboren, der das eigene Volk für überlegen hält, das eigene Imperium ausdehnen will und deshalb alle störenden Völker ringsum wegfegen möchte. Es ist vielmehr die Bitte eines kleinen, meist schutzlosen Volkes, das die meiste Zeit seiner Geschichte unter fremder Herrschaft stand und sehr oft mit Vernichtung rechnen musste. Asaf betet nicht von oben herab, sondern mit dem Rücken

zur Wand. Dennoch würden nur wenige heute solche Vernichtungsgebete gern mitbeten. Sie klingen einerseits verständlich, andererseits aber doch weit entfernt von dem, was Jesus über Feindesliebe sagte. Doch es wäre unsererseits hochmütig, wenn wir diesem Beter Israels das Recht bestreiten wollten, so zu beten, während wir selbst auf dem warmen Sofa sitzen. Mit diesen Bitten aber ist Asafs Gebet noch nicht zu Ende. Die Worte fließen weiter aus ihm heraus. Und im letzten Drittel des Gebets ändert sich langsam der Inhalt seiner Bitten. Ein neues Gebetsanliegen formt sich. Nach wie vor möchte Asaf, dass Gott an den Feinden handelt, aber nun nicht mehr so, dass sie dabei umkommen. Vielmehr sollen sie vor Gott erschrecken und vor den anderen lächerlich dastehen. Ihre Pläne sollen scheitern. Und das alles soll einem bestimmten Zweck dienen: „[…] dass sie anfangen, Herr, nach deinem Namen zu fragen. […]. Was sie auch tun, es soll ihnen misslingen, bis sie erkennen, dass du allein Herr genannt wirst, der Herrscher über die ganze Erde“ (17-19). Tote können nicht mehr nach Gott fragen. Leichen können Gott nicht erkennen. Die Gebetsziele von Asaf, die er zum Schluss nennt, setzen also voraus, dass die Feinde am Leben bleiben – dass Gott sie jetzt doch nicht umkommen lässt! Mit den Feinden soll etwas passieren. Sie sollen nach außen hin keine Gefahr mehr sein und zugleich sollen sie im Inneren verändert werden. Wenn sie dann wirklich Gott als Herrn erkennen und „nach seinem Namen fragen“, dann sind sie sogar dem Volk Gottes ein Stück ähnlich geworden. Dann stehen sie nicht mehr nur dem Beter Asaf gegenüber, sondern an seiner Seite – denn auch Asaf ist ja jemand, der nach Gott fragt und ihn als Herrscher der Welt bekennt. Das Gebet von Asaf hat sich verändert. Asaf hat sich vorwärtsgebetet. Er ist woanders angekommen, als er anfangs vorhatte. Aus der Gegen-Bitte ist eine Für- Bitte geworden. Das Muster von Gewalt und Vergeltung ist aufgebrochen. Am Ende steht nicht die Rache, sondern – wenn man so will – die „Bekehrung“ der Feinde. Mit diesem Psalm kann man nicht das gesamte Problem der sogenannten Rachepsalmen erklären. Es bleiben immer noch genug Psalmen in der Bibel, in denen die Bitte um Vergeltung tatsächlich das letzte Wort hat und das angestrebte Ziel ist. Aber im Gesamtbild der biblischen Rachepsalmen ist dieser 83. Psalm ein wichtiger Mosaikstein. Auch das gibt es, dass der Beter, während er betet, auf andere Gedanken kommt. Das Beten hat den Beter verändert.

 

LINIENBUS UND HEIßLUFTBALLON

Wer eine Gebetserfahrung macht, wie wir sie bei Asaf beobachten konnten, der hat eine besondere Art des Betens kennengelernt: das Heißluftballon-Gebet. Die meisten unserer Gebete gehören einem anderen Typus an, nämlich dem Linienbus-Gebet. So wie ein Bus eine Haltestelle nach der anderen anfährt, so steuern viele unserer Gebete ein Anliegen nach dem anderen an. Wir tragen es Gott vor, wir sagen, was wir brauchen, und danach geht es weiter zum nächsten Anliegen. So machen wir die Runde und haben am Ende alle Dinge angesprochen, bei denen wir Gottes Hilfe benötigen. Diese Art zu beten ist völlig okay, sie ist sinnvoll und entspricht unserem Verhältnis zu Gott: Er ist der Vater und der überreiche Herr; wir sind seine Kinder, die auf ihn angewiesen sind. Wenn Gottes Wort uns auffordert: „In allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6), dann ist unser Gebet eben auch vollgepackt mit vielerlei Bitten. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Paulus so viele verschiedene Worte für das Beten (Gebet, Flehen, Danksagung, Anliegen) verwendet. Dem entspricht eine Fülle verschiedener Bitten. Indem ich mit ihnen zu Gott komme (anstatt allein darüber nachzugrübeln und diese Sorgen bei mir zu behalten), ehre ich Gott, denn ich bekenne: Er ist der Geber guter Gaben, von ihm erwarte ich viel. Doch es wäre schade, wenn das Linienbus-Gebet der einzige Gebetstypus wäre, den wir praktizieren. Eine notwendige Ergänzung ist das Heißluftballon-Gebet. Eine Ballonfahrt startet an einem festgelegten Punkt. Die ungefähre Richtung der Reise kann man zuvor abschätzen, nämlich entsprechend der vorherrschenden Windrichtung. Aber wohin es dann wirklich geht und an welchem Fleck man schließlich landen wird, das ist ziemlich offen. Unter anderem darin liegt ja der Reiz einer Ballonfahrt. Es kann sein, dass der Wind zwischenzeitlich dreht. Es kann sein, dass die Richtung in höheren Luftschichten eine andere ist – oder dass zumindest die Windgeschwindigkeit ganz anders ist als in Bodennahe. Also darf man gespannt sein, wo man zur Landung ansetzen wird. Ganz ähnlich können manche unserer Gebetszeiten sein. Man hat anfangs im Kopf, was man vor Gott ansprechen mochte. Doch dann nimmt das Gebet seine eigene Richtung. Wir werden in Gegenden getragen, die wir so vielleicht noch gar nicht kannten – oder in durchaus wohlbekannte Gegenden, die wir für heute aber gar nicht im Blick hatten. Die Winde – oder besser gesagt: die Führungen von Gottes Geist – setzen uns dort ab, wo wir aus Gottes Sicht hingelangen sollten. Und von dort aus kehren wir dann in den Alltag zurück. Wir haben dafür einen neuen Ausgangspunkt bekommen. Das Heißluftballon-Gebet hat uns verändert. Wir wurden geformt, wie Asaf in Psalm 83 während seines Gebets geformt wurde. Ich erlebe das nicht nur beim stillen oder laut ausgesprochenen Gebet, sondern auch, wenn ich morgens vor dem Frühstück mein Gebet im Notizbuch aufschreibe. Plötzlich steht etwas da, von dem ich eben noch nicht wusste, dass ich es beten und schreiben wollte.

 

DER VERÄNDERUNG EINE CHANCE GEBEN

Meine Erfahrung ist: Beten in einem oft rasanten Alltag fallt nicht leicht. Fokussierte Zeiten müssen meist erkämpft werden oder zumindest bewusst geplant. Mir stehen zu oft die Gebetshindernisse vor Augen: Was wäre nicht alles erforderlich, um mehr Gebet in meinen Wochenablauf zu platzieren! Und wenn es gelingt, ist ja noch nicht ausgemacht, welche Qualität dann diese Zeiten haben, wie fokussiert ich also wirklich sein werde. Deshalb tut es mir gut, meinen Blick auf die überraschenden Möglichkeiten des Gebets zu lenken. Es ermutigt mich, wenn ich mir klarmache, was alles mit mir geschehen kann, wenn ich bete. So zu bleiben, wie ich bin, ist selten das, was ich brauche. Viel häufiger brauche ich Veränderung: eine neue Perspektive, eine neue Einstellung, eine neue Kraft, die von mir ausgeht. Wie gebe ich dieser Veränderung eine Chance? Ganz klar – indem ich bete …

 

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Dr. Ulrich Wendel ist Chefredakteur des Magazins Faszination Bibel, Programmleiter für Bibel und Theologie bei SCM R.Brockhaus und Herausgeber verschiedener Bibelausgaben. Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem Buch „Alltagsbeter. Beten – auch wenn das Leben laut ist“, das bei SCM R.Brockhaus erschienen ist.

Wie groß bist du!

Agnes Wedell

Gott kann man nicht nur im Gottesdienst oder beim Bibellesen begegnen, sondern zum Beispiel auch während eines Spaziergangs in der Natur, meint Agnes Wedell.

Jedes Jahr bin ich neu davon fasziniert: Auf scheinbar toten Zweigen entstehen zunächst pockenartige „Ausbuchtungen“, die sich nach und nach zu Knospen erweitern, irgendwann aufbrechen und dann filigran gefaltete Blättchen ans Tageslicht bringen. Diese sind zunächst durchscheinend und winzig. Man ahnt kaum, dass sie irgendwann ein dichtes Blätterdach bilden werden.

Ich liebe den Frühling: das zarte, erwachende Grün, Blüten in den verschiedensten Farben und Formen, mal dezent duftend, mal betörend. Dazu Vogelzwitschern und Bienensummen. Wobei ich letzteres in diesem Jahr noch vermisse. Dafür konnte ich schon einige Meisen und Eichhörnchen bei ihrer emsigen Betriebsamkeit beobachten.

Wenn ich dieses Wunder Jahr für Jahr erlebe, entsteht in mir ganz von selbst ein ehrfürchtiges Staunen über den, der das alles geschaffen hat, am Leben erhält und immer wieder neu ins Leben ruft. Also Anbetung – die meistens ganz ohne Worte auskommt. Ähnlich empfinde ich, wenn ich ein neu geborenes Kind sehe, die winzigen, aber schon perfekt geformten Fingerchen bewundere, staunend feststelle, dass dieser kleine Mensch von Anfang an eine ganz eigene Persönlichkeit ist. „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.“ Dieses Zitat wird Martin Luther zugesprochen, vielleicht stammt es auch von einem Unbekannten. Treffend ist es auf jeden Fall.

ALLEIN DAS WORT

Gott in der Natur begegnen – das stößt bei einigen Christen auf Misstrauen. Sie sehen die Gefahr, in Baum und Blume ein unbestimmtes göttliches Wesen zu verehren, statt das eigene Leben dem Gott anzuvertrauen, der sich in der Bibel offenbart. Deren Wert hat der schon erwähnte Martin Luther betont – und die Heilige Schrift durch seine Übersetzung ins Deutsche auch für Laien zugänglich gemacht. Seitdem gilt: Nicht Reliquien und Rituale (und schon gar nicht Naturbeobachtungen) sollen im Mittelpunkt des christlichen Glaubens stehen, sondern die biblische Botschaft von Gott, dem Vater, der die Menschen liebt, sie erlöst und ihnen Richtlinien für ein gelingendes Leben gibt. Die „Wortverkündigung“ hat deshalb im evangelischen Gottesdienst einen wichtigen Stellenwert, vor allem in reformierten Landes- und Freikirchen. Was gut und richtig ist.

Aber wie bei allen guten Dingen kann man auch hier übertreiben – beziehungsweise einseitig werden. Dann steht das Wort nicht nur im Mittelpunkt, sondern es ist (abgesehen von geistigen Liedern und der christlichen Gemeinschaft) das Einzige, das zählt. Alles andere – Bilder, kunstvolle Musik, liturgische Texte, Schauspiel und vieles mehr – gelten dann als überflüssig oder sogar schädlich. Ich freue mich, dass es hier in den vergangenen Jahrzehnten ein Umdenken gegeben hat. Dass man den Reichtum der verschiedenen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens inzwischen wieder mehr schätzt.

Ganz verschwunden ist das Misstrauen gegenüber diesen Formen aber noch nicht, fürchte ich. Ich habe jedenfalls oft Sätze wie diesen gehört: „Das ist ja alles gut und schön, aber kommen wir endlich zur Hauptsache!“ Aber ist es wirklich so selbstverständlich, dass diese Hauptsache immer und für jeden aus Worten bestehen muss?

GÖTTLICHE VIELFALT

Damit kein Missverständnis entsteht: Worte sind mir sehr wichtig. Sonst wäre ich sicher nicht Journalistin geworden. Ich höre gerne Predigten und Vorträge, besonders, wenn sie Gedanken enthalten, die für mich neu sind oder bekannte Wissensschnipsel in einen Zusammenhang setzen. Es macht mir Spaß, allein oder zusammen mit anderen über praktische, biblisch-theologische oder auch mehr oder weniger philosophische Fragen nachzudenken. Manchmal enden diese Gedanken aber in einer Sackgasse oder sie laufen im Kreis. In dieser Situation hilft es mir erst einmal nicht weiter, noch mehr Worte und Gedanken zu hören – und seien sie auch noch so wertvoll. Eine Blume oder eine Schneeflocke kann mir dann mehr „sagen“ als zehn Predigten.

Eine meiner Freundinnen blickt in den Sternenhimmel und spürt dabei Gottes Größe und Allmacht. Zu einer anderen spricht Gottes Wort besonders intensiv, wenn sie sich mit Pinsel, Farbe, Aufklebern, Schere und Papier mit einem Bibelvers auseinandersetzt. Ille Ochs, die wir im Titelporträt dieser Ausgabe vorstellen, bringt ihre Bitten, ihre Fragen und ihre Anbetung im Tanz vor Gott. Liebhaber klassischer Musik erkennen in der vollkommenen Schönheit der Bach’schen Fugen einen Abglanz von Gottes Genialität.

Was der oder die andere als Offenbarung Gottes sieht, spricht mich manchmal kaum oder gar nicht an. Das macht auch nichts. Wir glauben an einen Gott, der seine unfassbare Kreativität auf dieser Erde so verschwenderisch wirken lässt, dass jeder von uns nur einen winzigen Bruchteil davon erkennen kann. Jammerschade wäre es aber, wenn wir „unser Bruchteil“ übersehen.

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Das schwarze Schaf

Lydia Rieß

Biblische Verheißung und Realität – Wo beide weit auseinanderklaffen, gerät die Hoffnung unter Druck. Lydia Rieß arbeitet sich durch den Schmerz hindurch zum Licht.

Seit einer Weile sitze ich schon an meinem Schreibtisch und versuche, eine Predigt für Sonntag zu schreiben. Mein Text ist Psalm 23, dieser Psalm, der seit Jahrhunderten Menschen so große Hoffnung gibt. Ich fühle mich gerade eher von ihm verspottet. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ich spüre den Mangel deutlich. Meine Mutter hat kürzlich die Diagnose Brustkrebs bekommen – etwas, woran die Mutter einer Freundin vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Jetzt kämpft sie sich durch die Chemo. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Ich bin alles andere als satt und erfrischt. Gerade erlebe ich, wie alle um mich herum heiraten. Ich muss dagegen die Zurückweisung eines Mannes verarbeiten, der mir sehr wichtig war. Es ist nicht nur die zweite innerhalb weniger Monate und die was-weiß-ich-wievielte in den letzten Jahren. Diesmal habe ich dadurch auch eine wertvolle Freundschaft verloren. Meine Schuld. Ich hätte besser damit umgehen müssen.

„Du bereitest vor mir einen Tisch.“ Der randvolle Becher enthält gerade nur ein paar Tropfen. Das Studium fordert mehr, als ich geben kann. Und wozu? Der Beruf, auf den mich alle zu drängen scheinen, passt immer weniger zu mir. Mein Traumjob ist unerreichbar. Mehr noch, ich erlebe, wie jemand anderes da erfolgreich ist, wo ich ständig nur scheitere. Wie Menschen, die mir Unterstützung zugesagt haben, mich im Stich lassen. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Eine Erkrankung, die vor einigen Jahren eine unangenehme OP nach sich zog, hat sich wieder bei mir zurückgemeldet. Noch ein Krankenhausaufenthalt? Hatte ich davon nicht schon genug? Ich bin ein Blatt im Wind, heimatlos und ohne Sicherheiten. Den guten Hirten kann ich momentan nicht sehen. Und trotzdem soll ich nächsten Sonntag von ihm predigen. Soll erzählen, wie sehr Gott uns liebt und versorgt. Eine Liebe und Fürsorge, die ich nicht erlebe. Viel zu lange schon.

Bin ich das schwarze Schaf, das zurückgelassen wurde?

UNVOLLSTÄNDIG

In der Gemeinde treten mir bei Liedern oft Tränen in die Augen. Nicht vor Rührung. Sondern weil sie von Dingen erzählen, die ich infrage stelle. Ich kann sie nicht mitsingen, ohne mich wie eine Heuchlerin zu fühlen. Ich kann Gott gerade nicht „Vater“ nennen. Mir fällt es schwer zu beten. Und wenn ich doch bete, dann ist „Warum?“ eine sehr häufige Frage. Ich will wissen, was das alles soll. Warum manche Dinge sich einfach nicht verändern. Ob es Bedeutung hat. Es sind diese Momente, in denen Glaube und Leben nicht mehr zusammenzupassen scheinen. In denen der Glaube eher den Gott preist, den man sich wünscht, als den, den man erlebt. Ich wünsche mir das eine Bibelwort, das die Sonne wieder aufgehen lässt. Die eine Antwort, die die Wolken beiseiteschiebt. Das eine Erlebnis, das den Nebel auflöst und mich erkennen lässt, dass Gott die ganze Zeit über da war. Gerade in diesen Zeiten wünsche ich mir am meisten, Gottes Liebe zu spüren. Stattdessen spüre ich gerade dort am tiefsten die Sehnsucht nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Sinn und Wert und erahne, dass sie in diesem Leben niemals ganz erfüllt werden wird. Ich spüre meine eigene Unvollständigkeit.

KEINE ERKLÄRUNG

Meine Bachelorarbeit wenig später schreibe ich über das Buch Hiob. Hiob erlebt Leid – mehr noch, sein ganzes Leben zerbricht. Es bleibt nichts mehr übrig. Von Zukunftsperspektiven ganz zu schweigen. Vorher erlebte er, wie Gott ihn segnet und ihm nicht nur alles gibt, was er zum Leben braucht, sondern noch viel mehr darüber hinaus. Es ist leicht, Gott in solchen Phasen zu vertrauen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Und dann bricht alles zusammen. Ohne Erklärung. Manche Theologen sagen, die Szenen im Himmel, in denen Gott mit dem Satan um Hiobs Glauben „wettet“, seien später hinzugefügt worden. Von Leuten, denen dieses „Warum?“ einfach zu groß war und die wenigstens den Ansatz einer Antwort geben wollten. Denn Hiob erhält keine. Etwa vierzig Kapitel lang sitzt er vor Gott, klagt, fragt und darf sich von seinen Freunden auch noch Vorwürfe darüber anhören, dass doch alles seine eigene Schuld ist. Erst ganz am Ende meldet sich Gott selbst zu Wort. Seine Worte sind harsch – und gleichzeitig leuchten sie ein, so unangenehm sie auch sind. Gott erklärt Hiob, dass er kein Recht auf eine Antwort hat. Kein Recht auf eine Erklärung seines Leides. Weil Gott der Schöpfer aller Dinge ist, Herr über die ganze Welt und damit der Einzige, der einen Überblick über alle Geschehnisse und Zusammenhänge hat – und Hiob nicht. Irgendwie verstehe ich es. Gott kann mir nicht die Gesamtzusammenhänge der Welt erklären. Und wenn ich anerkenne, dass Gott größer ist als ich, muss ich auch anerkennen, dass es Dinge gibt, die ich nicht verstehen kann. Trotzdem ist es, milde ausgedrückt, eine sehr unbefriedigende Antwort, wenn man gerade seinen gesamten Besitz, alle Kinder, die gesellschaftliche Stellung und die eigene Gesundheit verloren hat.

GOTT – FREUND ODER FEIND?

Denn das Leben tut trotzdem weh. Kann ich hier noch nachfolgen? Soll ich die Phasen, in denen das Leben schwer ist, einfach aussitzen und mich „in Gottes Hände fallen lassen“? Hoffen, dass Gott mich irgendwie hindurchträgt, meinen Glauben bewahrt und mich schon wieder anspricht, wenn die Zeit „erfüllt“ ist? In jedem Leben gibt es Dinge, die begleiten uns von Anfang bis Ende, ohne jemals besser zu werden, ohne jemals für uns Sinn zu machen. Soll ich sie ignorieren? Gott dort ausklammern?

Nein. Gerade dort nehme ich Gott mit hinein. Auch hier kann ich von Hiob lernen. Auch er hat Wunden, die bleiben. Am Ende bekommt er von Gott zwar alles zurück und hat sogar wieder Kinder – aber die verstorbenen bleiben tot. Mit ihrem Verlust muss er leben, ohne eine Antwort auf seine Klage. In meiner Seelsorgeausbildung habe ich gelernt, dass Klage etwas Gutes ist. Weil sie bedeutet, dass ich mit Gott im Gespräch bleibe. In der Klage darf ich ehrlich sein vor Gott, wie ich es auch vor einem guten Freund wäre. Hier kann ich meine Fragen formulieren, meine Gedanken ordnen und Erwartungen aussprechen. Ich habe Gott sogar schon angeschrien. Und erlebt, dass er das aushält. Klage ist wichtig für meine Beziehung zu Gott. Denn da, wo ich Gott anschweige, erkläre ich ihn zum Feind. In dem Moment, wenn ich ihn doch am meisten als Freund brauche. Es ist ein Gedanke, der mir in meinen dunkelsten Stunden nicht hilft, denn irgendwen muss ich doch verantwortlich machen. Aber: Was nützt es mir, Gott und dem Leben zu grollen? Was ändert sich dadurch? Und kann ich Gott wirklich nur dann vertrauen, wenn ich ihn nachvollziehen kann? Was ist das für ein Gott, auf den ich nicht hoffen kann, solange ich ihn nicht verstehe?

MIT GOTT IM TAL

Ich erlebe, wie Gott mit mir im Gespräch bleibt. Nicht täglich, aber manchmal. Keine Antworten auf meine Fragen. Sondern das, was ich in dem Moment brauche: „Ich bin da. Ich sehe dich. Dein Leben hat Wert. Auch da, wo du dir verzweifelt wünschst, es würde anders verlaufen.“ Einen Vers habe ich bei meiner Predigtvorbereitung noch ausgelassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal …“ Erst beim zweiten Lesen erkenne ich: Es ist keine Bitte, vor dem finsteren Tal bewahrt zu werden. Es ist die Bitte an Gott, dort mitzugehen. Sich mit mir gemeinsam durchzukämpfen zu meiner unerfüllten Hoffnung. Ich erinnere mich an etwas, das ich zu oft vergesse: Gott weiß, wie sich Leid anfühlt. Nicht nur am Kreuz hat Jesus gelitten. Sein Leben lang hat er Ablehnung, Mangel und Spott erlebt. Und auch Einsamkeit. Wie oft haben seine engsten Freunde ihn nicht verstanden? Seine eigenen Eltern? Jesus war Mensch. Diese Dinge haben ihn getroffen, wie sie jeden von uns treffen würden. Und glaube ich wirklich, es lässt Gott unberührt, wenn Menschen sich von ihm abwenden, nur weil er Gott ist und alles weiß und kann? Wenn seine Liebe echt ist, enthält sie auch echten Schmerz. Dort, wo Gott mir die finsteren Täler meines Lebens zumutet, aus welchen Gründen auch immer, tut er es nicht von hoch oben herab. Sondern als jemand, der da bereits durchgegangen ist. Als jemand, der möchte, dass ich am anderen Ende heil rauskomme.

GEBROCHEN GLAUBEN

Mal wieder sitze ich an einer Predigt. Ich habe weitere Zurückweisungen erlebt. Weitere Stolpersteine und Rückschläge in meinem beruflichen Werdegang. Meine Mutter hat den Krebs besiegt – vorerst – aber jetzt ist es mein Vater, der zwei Gehirntumore hat. Ich selbst brauchte keine OP. Das kann aber noch kommen. Trotzdem stelle ich mich am Sonntag auf die Kanzel und erzähle von Vertrauen. Von Jesus, der im Sturm auf den Wellen läuft und uns die Hand entgegenstreckt. Und von begründeter Hoffnung. Warum? Weil Gott derselbe bleibt. In den guten und in den schlechten Zeiten. Gerade in solchen Phasen ist Glaube für mich auch eine Entscheidung. Halte ich fest an der Hoffnung, wenn die Stürme der Welt gerade lauter erscheinen als seine Stimme? Glaube ich den Verheißungen, die gültig bleiben, dass ich gerettet, gesegnet und geliebt bin, auch wenn ich konkrete Situationen eher als Fluch empfinde? Noch immer erlebe ich, dass ich Lieder nicht mitsingen kann. Und dann lasse ich es. Erzähle Gott, warum ich es nicht kann. Ich bete darum, dass diese Dinge für mich wahr werden. Ich danke für die vielen kleinen Bereiche, in denen sie es schon sind. Und manche sprechen dann doch: „I will praise you in this storm.“ An manchen Tagen kann ich das. Von ganzem Herzen. Mein Glaube bleibt etwas Gebrochenes. Und das ist in Ordnung, weil es mir nicht die Hoffnung raubt. Denn Gott geht mit. Auch durch das finstere Tal.

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Esther, die Königin

Esther Häde

Geschichten rund um Namen sind spannend. Letztens bat mich ein kleiner Junge: „Esther, komm mal.“ Brav ging ich zu dem Jungen hin und er flüsterte mir einen Namen ins Ohr.  Einen Namen für den Fall, dass mein Mann und ich irgendwann mal einen Sohn bekommen sollten. Dieser Moment war sehr rührend. Ob er sich lange darüber Gedanken gemacht hatte oder ob es eine spontane Eingebung war, ich weiß es nicht. Von meinen Eltern weiß ich, dass sie sich schon lange bevor ich das Licht der Welt erblickte, Gedanken über einen passenden Namen für mich gemacht haben. Nur passte er letztendlich doch nicht mehr so gut.

Nachdem die Ärztin einige Blicke auf das Ultraschallbild geworfen hatte, stand für sie und meine Eltern fest: Es wird ein Junge! Aufgrund der damaligen Faktenlage beschlossen meine Eltern, ihren Sohn Volker zu nennen. Kurz vor meiner Geburt stellte sich heraus, dass ein anderer Name hermusste. Kein Junge, sondern ein Mädchen kündigte sich an. Meine überraschten Eltern beschlossen kurzerhand ihre zweite Tochter Esther zu nennen. Als meine Mutter später mit ihrem Onkel telefonierte und meinen Namen bekannt gab, waren seine Worte: Eine Königin…

Tatsächlich war meine Namensträgerin aus der Bibel eine Königin: Eine hübsche, mutige und gottesfürchtige Frau. Als König Ahasveros auf der Suche nach einer neuen Frau und Königin war, trat Esther eines Tages vor ihn und erwarb sich seine Gunst. In der Bibel wird berichtet, dass der König sie mehr liebte als alle anderen Frauen.

So weit so märchenhaft. Doch Esther hütete ein Geheimnis – sie war Jüdin. Ihr Onkel Mordechai, der sie nach dem Tod ihrer Eltern in sein Haus genommen und sie wie seine eigene Tochter aufgezogen hatte, hatte ihr befohlen, über ihre Herkunft zu schweigen. Als der Palastbeamte Haman mit Erlaubnis des Königs beschloss, das Volk der Juden zu vernichten und Mordechai davon erfuhr, bat er Esther um Hilfe. Besonnen und voller Zuversicht trat sie beim König für die Juden ein und rettete mit Gottes Hilfe ihr Volk.

Das Leben mit Gott steckt voller Überraschungen und spannender Wendungen – das zeigt die Geschichte der Königin Esther unmissverständlich. Mich begeistert, dass diese Geschichte zeigt, wie Gott auch in unserem Leben wirkt. Oft können wir den Sinn von etwas nicht direkt erkennen oder denken, dass eine Situation ausweglos ist: Dabei hat Gott einen perfekten Überblick über das Geschehen und als unser Schöpfer und Herr weiß er, wie er unser Leben zum Guten führt.

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„Viele wollen nicht im Kreis sitzen und Tee trinken“

Marietta Steinhöfel

Im Frühjahr 2017 hat die Kirche im Pott in Bochum ihr Hauskreis-Konzept komplett umgestellt: Gruppen können ab sofort ihr Hobby zum Thema machen und sind zwölf Wochen lang zusammen unterwegs, um geistlich zu wachsen. Pastor Renke Bohlen und Bereichsleiter Markus Bräuer erklären das Modell.

 

Im März 2017 habt ihr als Kirche das „Trimester“ gestartet.  Zwölf Wochen lang sind Gruppen zu einem bestimmten Thema oder Hobby unterwegs. Es gibt zum Beispiel eine Longboard- und eine Playstation-Gruppen.

Markus Bräuer: (lacht) Playstationspielen ist voll okay! Aber drei Sachen sollten in Familygroups – so nennen wir unsere Kleingruppen – immer vorkommen: Gemeinschaft, Gebet und geistliches Wachstum.

Wie kann man beim Zocken oder beim Longboarden geistlich wachsen?

Markus Bräuer: Natürlich ist es beim Zocken oder Longboarden direkt nicht möglich geistlich zu wachsen. Allerdings können bei diesen Aktivitäten Beziehungen aufgebaut und gepflegt werden. Mit diesen festeren und tieferen Beziehungen wird es dann auch leichter sein, sich geistlich zu öffnen und zu stützen. Wir geben unseren Leitern auch mit, dass sie mindestens einmal pro Treffen mit der Gruppe zusammen beten.

Wenn ich es recht verstanden habe, kann jeder die Leitung einer solchen Gruppe übernehmen.

Renke Bohlen: Ja, genau. Wir geben ganz viel Vertrauen in die Kirche hinein. Wir hoffen, dass Leute sagen: „Ich habe momentan Bock an diesem Thema zu arbeiten und vielleicht gibt es andere, die sich mir anschließen möchten!”

Das klingt herausfordernd für Leute, die so etwas noch nie gemacht haben. Gibt es eine Form der Begleitung?

Markus Bräuer: Ja, auf jeden Fall! Vor dem Trimester gibt es immer eine Schulung, wo wir Tipps geben und unsere Werte erklären. Wir haben mit jedem Leiter, der vorher noch nicht geleitet hat, ein persönliches Gespräch. Und während des Trimesters gibt es für jeden Family-Group-Leiter einen Coach, der sich regelmäßig bei ihm meldet, für ihn da ist und für ihn betet. Wir sprechen aber auch Leute von uns aus an, bei denen wir uns das gut vorstellen können, dass sie eine Gruppe leiten könnten.

Renke Bohlen: Das war sogar der Großteil der Leute! Die, die wir angesprochen haben, waren auch direkt begeistert und haben mitgemacht. Und das finde ich, ist das Schöne daran, dass man Menschen hilft und sie ermutigt etwas zu tun, das sie sich vorher vielleicht nie zugetraut hätten.

Wo seid ihr erstmalig auf das Konzept gestoßen?

Renke Bohlen: Bei einer Konferenz in Nürnberg hat der Leiter der Church of the Highland, erzählt, dass sein Vater, der nie in einen Hauskreis gegangen ist, eine Motorradgruppe aufgemacht hat. Dort hat der Vater seine besten Kumpels kennengelernt und sie haben sich auch noch geistlich stärken können. Da dachte der Sohn: Boah, das will ich auch! Und das dachte ich mir auch. Ich kenne so viele unterschiedliche Menschen in unserer Kirche, die nicht im Kreis sitzen und Tee trinken wollen. Das ist für die nichts. Da wünsche ich mir, dass wir Gruppen bilden, auf die die Leute echt Bock haben – zum Beispiel eine Motorrad oder Angel-Gruppe. Wir sammeln uns dabei um ein gemeinsames Interesse – das ist aber nicht der Kern! –, sondern, dass wir uns geistlich fördern und füreinander da sind!

Was hat dich an dem Konzept im Vergleich zu vielleicht eher klassischen Hauskreisen angesprochen, die über einen langen Zeitraum hinweg laufen?

Renke Bohlen: Ich muss sagen, am Anfang war ich extrem skeptisch. Ich bin jahrelang leidenschaftlicher Jugendpastor gewesen und habe Kleingruppen begleitet, wo über drei, vier Jahren enge Verbindungen untereinander entstanden sind. Ich habe das geliebt! Das war auch mein Traum für die Kirche im Pott anfangs. Aber ich musste einsehen, dass eine Jugendgruppe in der Kleinstadt nicht mit einer Gesellschaft im Ballungsgebiet wie dem Ruhrgebiet zu vergleichen ist. Die Interessen der Menschen hier sind extrem verschieden und die Gruppen sind sehr dynamisch. Bei zwölf Wochen hat man nichts zu verlieren. Die Leute können es einfach ausprobieren. Auch wenn man nicht weiß, wo man in einem halben Jahr vielleicht wohnen wird, kann starten. Und man bekommt die Möglichkeit, Verantwortung und Mitarbeit auszutesten.

Können in einem kurzen Zeitraum überhaupt  enge Verbindungen entstehen?

Renke Bohlen: Wenn die Leute Bock haben nach den drei Monate zusammen weiterzumachen, können sie das natürlich tun! Wir ermuntern dazu, die Pausen zwischen den Trimester zu nutzen, aber in diesem Zeitraum wird es dann keine Begleitung unsererseits geben.

Und wie war die Resonanz der Gemeinde?

Markus Bräuer: Ich würde sagen, es ist sehr gut gelaufen. Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen, haben von geistlichem Wachstum und Glaubenswundern gehört. Viele Gruppen haben auch gesagt, sie machen den Sommer über weiter. Es haben sich insgesamt dreihundert Leute angemeldet – als Leiter oder Teilnehmer. Im alten System mit den fortlaufenden Familygroups hatten wir weniger. Da waren etwa zweihundertvierzig registriert, von denen viele aber gar nicht mehr gekommen sind. Daran haben wir gemerkt, dass es einen Unterschied macht, dass die Leute sich aktiv für eine Gruppe entscheiden, anmelden oder sogar gründen mussten. Zuvor war es so, dass die Leute der Gruppe in ihrer Nähe zugewiesen wurden.

Was macht ihr beim nächsten Trimester anders?

Markus Bräuer: Wir möchten die Coaches noch besser begleiten. Wir haben beim Start relativ geringe Rahmenbedingungen für die Leitenden gesetzt und ihnen Freiheit gelassen, ihr Amt selbst auszugestalten. Hier haben sich die Leitenden gewünscht, genauer zu wissen, was von ihnen erwartet wird oder wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können. Dazu haben wir im Sommer über unser Material weiter ausgearbeitet.

Was versprecht ihr euch langfristig von der Umstellung?

Renke Bohlen: Dass Freundschaften entstehen und Menschen geistlich zusammenwachsen. Ich kann als Pastor nicht mehr alle in der Kirche kennen, aber ich möchte, dass jeder von jemandem gekannt wird. Mein Wunsch ist, dass sich Gruppen auf lange Sicht zusammentun und sagen: Wir hatten so eine gute Zeit zusammen, wir bleiben zusammen! Und vor allem, dass sie geistliche Erlebnisse haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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„Freuet euch im Herrn allezeit!“

Annegret Prause

Was passiert, wenn man die Paulus-Worte aus Philipper 4,4 „Freut euch im Herren allezeit! Wiederum will ich sagen: Freut euch!“ als handfeste Aufforderung versteht? Annegret Prause will es herausfinden und wagt ein kleines Experiment: Freude – eine ganze Woche.

 

Montagmorgen. Mein kleines Experiment beginnt unter verschärften Bedingungen: Es gießt wie aus Eimern, ich habe schlecht geschlafen, bin müde und alles andere als euphorisch. „Jetzt müsstest du anfangen, dich zu freuen …“, denke ich mir. Schwierig.
Der Weg ins Büro ist lang, und ich nutze die Zeit im Auto, um über Freude nachzudenken. „Freut euch im Herrn allezeit!“ – „Allezeit“ wie in immer und den ganzen Tag? Wie soll ich das bloß hinbekommen? Ich komme zu keinem Ergebnis, stelle jedoch einen kleinen Nebeneffekt fest: Wenn ich über Freude nachdenke und mich mit dem Herrn darüber unterhalte, ist der Drang, sich über andere Autofahrer aufzuregen (die zu schnell, zu langsam und sowieso total komisch fahren) deutlich geringer. Ich komme ziemlich entspannt an …

Der Tag ist voll mit Dingen und Aufgaben, die meine gesamte Aufmerksamkeit fordern. Erst auf dem Heimweg fällt mir auf, dass ich mich währenddessen überhaupt nicht gefragt habe, ob ich mich jetzt gerade freue oder nicht. Ich habe gearbeitet, ich habe Dinge erledigt, ich habe Alltag erlebt. Das meiste davon freudetechnisch eher unauffällig.

Spät abends kann ich meinen Autoschlüssel nicht finden. Wo ich auch nachschaue, er ist nicht da. „Nimm den Regenschirm“, schießt es mir durch den Kopf. Ich ziehe den Regenschirm aus dem Schirmständer, öffne ihn – und heraus fällt mein Schlüssel. Ich bin ja eher ein stiller Freuer, lasse mich aber dazu hinreißen, ein bisschen vor Freude zu hüpfen. Nur wegen des Experiments natürlich. Eins zu Null für die Freude.

 

Freude als Widerstand

Der nächste Tag beginnt wieder mit Regen und Müdigkeit. Ich versuche, stimmungsmäßig dagegenzuhalten und singe im Auto laut „Summer in the city“ mit – während ich im Regen übers Land fahre. Trotzdem schwant mir schon an Tag zwei, dass das mit dem „sich allezeit Freuen“ anders gemeint sein muss. Es setzt mich unter Druck, und Druck und Freude vertragen sich nicht so gut.

Ich möchte dem Vers theologisch auf den Grund gehen und frage bei den Bibel-Kollegen nach, was Paulus sich hier gedacht haben könnte. Wir stellen fest, dass es wohl weniger um Dauer-Euphorie geht, als darum, sich freuen zu können, auch wenn die Umstände das nicht unbedingt nahelegen. „Freude als Widerstand“ nehme ich mir mit. Sich freuen, um zu zeigen, dass die Umstände hier nicht das letzte Wort haben, sondern Gott.

Soweit die Theorie. Ich sammle in den nächsten Tagen Freude-Momente und schreibe sie auf, denn ich habe festgestellt, dass ich in dieser Hinsicht ziemlich vergesslich bin. Ein spontaner (regenfreier) Abendspaziergang, Zeit mit Lieblingsmenschen, ein abgeschlossenes Projekt, Momente der Muße, Dankbarkeit für mein Zuhause. Aufschreiben und erinnern macht mich dankbar. Dankbarkeit macht mich fröhlich. Nicht als Dauerzustand, aber immer wieder. „Läuft“, denke ich mir.

 

Der Praxistest

Aber dann kommt im Laufe der Woche ein ziemlich großes Paket Alltagssorgen vorbei. Von der Sorte, die sich nicht so leicht weglächeln lässt. Und ja, ich sorge mich. Mit meiner Guerilla-Taktik der „Freude als Widerstand“ ist es in der Praxis nicht so weit her. Ich gebe einen ziemlich erbärmlichen Widerstandskämpfer ab. An solchen Tagen kann ich mich nur entscheiden, welchen Erlebnissen und Dingen ich erlaube, in den Vordergrund zu treten. Wird der Tag im Rückblick freudebunt, weil eigentlich immer auch gute Dinge passieren, oder wird er sorgengrau? An manchen Tagen fällt die Antwort leicht, an manchen ist die Antwort ein trotziges „Mir doch egal, ich entscheide mich für die Freude“. Es gibt aber auch Tage, und ich bin dankbar, dass es wenige sind, da siegt das Grau. Wie wird dieser Sorgentag im Rückblick aussehen? Ich bin unentschlossen.

 

Freude. Einfach so

Sonntag. Gottesdienst. Ein völlig normaler, aufgrund der Ferienzeit übersichtlich besuchter Gottesdienst. Und mittendrin ist da plötzlich: Freude. Einfach so. Weil Gott da ist. Keine „Ich hüpfe vor Euphorie durchs Zimmer“-Freude, sondern Freude wie die Wärme eines Kachelofens. Und eine weitere Erkenntnis: „Freude im Herrn“ ist ein Geschenk, für das ich nichts machen kann/muss. Freude ist ein Teil Gottes, von der ich mich einhüllen lassen kann, wenn ich ihm begegne. Ich muss mir eigentlich nur die Zeit nehmen, um Zeit mit ihm zu verbringen. So einfach ist das. Und so schwer.

Was bleibt von dieser Woche? Staunen, dass Freude für Gott ein ziemliches Thema ist. Der Gedanke „Freude ist eine Form des Widerstandes“, der mich weiter begleitet. Und die Erkenntnis, dass es sich deutlich leichter freuen lässt, wenn man sich damit nicht so unter Druck setzt.

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