Beiträge

Als Afrikaner in der Gemeindeleitung

Dr. Ulrich Wendel

Serie: Unbekannte Personen der Bibel

Luziusʼ Weg von Kyrene nach Antiochia

Beten, auf Gott hören und andere Christen unterrichten: Das waren die Aufgaben von Luzius, als er in der Gemeinde von Antiochia lebte. Diese Stadt am Orontes heißt heute Antakya und liegt im südlichen Zipfel der Türkei. In neutestamentlicher Zeit gehörte sie zur römischen Provinz Syrien. Die Gemeinde in Antiochia war eine der wichtigsten des Urchristentums. Luzius gehörte dort zu einem fünfköpfigen Team von urchristlichen Propheten und Lehrern (Apostelgeschichte 13,1), trug also große Verantwortung, die er mit anderen teilen konnte.

Nordafrikaner in Jerusalem

Wo kam Luzius her und wie kam er nach Antiochia? Seine Heimat war Kyrene. Diese Stadt lag unweit der nordafrikanischen Mittelmeerküste, im heutigen Libyen. Luzius war also Afrikaner – aus einer Region, die berberisch und arabisch geprägt war. Er war vermutlich aber nicht unmittelbar von Nordafrika nach Antiochia übergesiedelt. Denn wir wissen von der dortigen Gemeinde, dass sie entstand, als kyrenische Christen aus Jerusalem fliehen mussten und nach Antiochia kamen (Apostelgeschichte 11,20). Die Annahme liegt auf der Hand, dass Luzius einer von ihnen gewesen ist. Sein Aufenthalt als Afrikaner zuvor in Jerusalem war nichts Ungewöhnliches. Es gibt verschiedene Hinweise auf Juden aus Kyrene, die in Jerusalem lebten. Einer davon ist Simon von Kyrene, der das Kreuz von Jesus nach Golgatha trug (Markus 15,21). Während des Wochenfestes, das dann zum Pfingstfest wurde, weil Gott seinen Geist ausgoss, waren auch Pilger aus Kyrene in der Heiligen Stadt (Apostelgeschichte 2,10). Doch nicht nur Festtagsbesucher, sondern auch dauerhaft angesiedelte kyrenische Juden gab es dort, sodass man sich sogar in einer eigenen „Synagoge der Kyrenäer“ traf (Apostelgeschichte 6,9).

Luzius könnte also einer dieser Kyrener gewesen sein, der während der Pfingstpredigt von Petrus oder etwas später zum Glauben an Christus kam. Eine andere Möglichkeit wäre, dass er in seiner Heimatstadt Christ wurde. Manche nehmen an, dass in Kyrene schon früh eine Gemeinde entstanden war. Der Missionsforscher Eckhard Schnabel weist darauf hin, dass viele Juden zwischen Jerusalem und Kyrene und zwischen Antiochia und Kyrene hin- und herreisten. Frühe christliche Missionare könnten auf diesen Wegen ebenfalls rasch nach Nordafrika gekommen sein. Wenn sie es waren, die Luzius zum Glauben führten, dann wäre er nicht schon mit der Vertreibungswelle aus Jerusalem nach Antiochien gekommen – sie geschah um 31/32 n. Chr., als wohl noch keine Gemeinde in Kyrene existierte –, sondern erst später.

Propheten und Lehrer in Antiochia

Wie auch immer: Um das Jahr 45 n. Chr. treffen wir ihn jedenfalls als einen aus der Gruppe der Propheten und Lehrer in der Gemeinde am Orontes an. Hier war er an einem Gottesdienst beteiligt, der zur ersten Missionsreise von Saulus führte. Und wie das genau vor sich ging, darauf lohnt es sich einen näheren Blick zu werfen.

Barnabas und Saulus wurden von der Gemeinde als Missionare ausgesandt, nachdem der Heilige Geist eine Berufung ausgesprochen hatte. Dieses Reden des Geistes ereignete sich, als die erwähnten fünf Propheten und Lehrer (vielleicht zusammen mit der ganzen Gemeinde) fasteten und beteten. Die späteren Reisemissionare Barnabas und Saulus gehörten selbst zu dieser Fünfergruppe, waren also prophetisch und didaktisch begabt. Die übrigen drei waren eben jener Luzius aus Kyrene, dann ein Mann namens Manaën und schließlich Simeon mit dem Beinamen Niger. Es ergibt sich ein bemerkenswertes Bild. Saulus stammte aus Tarsus in Kilikien, an der Südküste Kleinasiens (der heutigen Türkei). Barnabas kam gebürtig aus Zypern. Manaën war als Jugendlicher mit dem späteren Herrscher Herodes Antipas aufgezogen worden, sicherlich in Jerusalem. Von Luzius kennen wir ja seine Herkunft aus Nordafrika. Und der Fünfte in der Gruppe war höchstwahrscheinlich ebenfalls ein Afrikaner – sein Beiname „Niger“ heißt übersetzt: der Schwarze.

Wo „schwarzes Leben zählte“

Der Kreis der verantwortlichen Propheten und Lehrer war also multikulturell zusammengesetzt und bestand zu zwei Fünfteln aus Afrikanern. Nachdem der Zypriot Barnabas und der Kilikier Paulus auf Reisen geschickt worden waren, waren die Afrikaner – zumindest eine Zeitlang, wir wissen ja nichts, darüber, ob und wie der Kreis dann ergänzt wurde – in der Mehrheit. Mindestens einer dieser beiden Afrikaner war durch seine schwarze Haut unübersehbar als solcher erkennbar. Ob sich auch Luzius durch seine Hautfarbe abhob, ist schwer zu sagen. Der Teint von Libyern und Syrern (wo Antiochia lag) war vielleicht nicht so unterschiedlich wie von – sagen wir – weißen Amerikanern und Afroamerikanern. Doch allen war bewusst, dass auch Luzius aus Afrika kam: Sein Beiname war unmissverständlich.

Unseren westlich geprägten Kulturen muss gerade in diesem Jahr neu bewusst gemacht werden, dass „schwarzes Leben zählt“ (Black Lives Matter, so das Motto einer ursprünglich US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung). Auch unter Christen ist es nicht überall selbstverständlich, Schwarzen ohne Vorbehalte zu begegnen. Luzius aus Kyrene zeigt uns, wie integrativ christliche Gemeinden sein können und sollen. Schon in Jerusalem gehörten ja „Männer aus Kyrene“ fraglos dazu. Und aus Antiochien am Orontes ist uns überliefert, dass Dunkelhäutige (oder People of Color, wie man heute sagen würde) die Gemeinde selbstverständlich prägten und erhebliche Verantwortung in ihr trugen.

Vorhut von Gottes neuer Welt

Luzius und die anderen, die seinen Dienst begrüßten, unterstützten und daraus Nutzen zogen – sie waren eine Vorhut. Die Vorhut der großen Menge „aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen“, die in der Vollendung Gott auf seinem Thron anbeten werden (Offenbarung 7,9). Und wenn der neue Himmel und die neue Erde Realität sind, heißt es: Gott „wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein“ (Offenbarung 21,3) – ethnische Vielfalt also auch dann noch! Das ist Gottes Zukunft. Luzius und seine Mitchristen lebten bereits ein Stück davon.

 

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Passionszeit anders

Astrid Eichler

Ich empfinde die Situation mit all ihren Einschränkungen und Herausforderungen als unsagbar vielschichtig und komplex – so viele Facetten unseres Lebens und Christseins sind angesprochen. Ist uns das bewusst? Entdecken wir die Chancen, die in dieser Zeit stecken? Die Botschaft, die uns erreichen könnte? Drei Punkte möchte ich herausgreifen:

Es war ja mitten in der Passionszeit, als Corona alles zu bestimmen begann. Oft überlegen wir uns zum Beginn der Passionszeit (manchmal etwas mühsam …) wie wir fasten könnten. Jetzt war uns ein Fasten auferlegt. Diese Zeit ermöglichte Konzentration. Haben wir das ausgehalten oder versuchten wir möglichst viel von dem, was wir sonst haben, auch jetzt zu haben? Was fehlte uns so sehr, dass wir es nicht aushalten konnten? Könnte es sein, dass diese Zeit uns unsere wahren (= falschen) Götter zeigte? Luther hat mal gesagt: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott.“ Es könnte sein, dass wir da ein paar entdeckten. Sind wir bereit, uns von ihnen zu lösen?

Das christliche Leben ist weitgehend in Veranstaltungen organisiert. Die fielen jetzt aus. Und nun? Fällt damit unser christliches Leben in sich zusammen? Auch hier die Frage: Versuchen wir alles so weit wie möglich aufrechtzuerhalten, den ganzen (frommen) Betrieb? Ich weiß nicht, ob es hunderte gestreamte Gottesdienste sein müssen, jede Gemeinde sich da reinhängt und stolz ist, dass sie es hingekriegt hat. Könnten wir nicht ganz alte Kostbarkeiten wiederentdecken? Selbst in der Bibel lesen, zu zweit oder zu dritt austauschen und füreinander beten? Vielleicht könnten da Beziehungen ganz anders in die Tiefe wachsen? Anbieter für Telefon- oder Videokonferenzen (auch kostenlose …) lassen sich leicht im Internet finden. Da braucht es keinen Aufwand.

Das Wichtigste scheint mir aber die Botschaft zu sein, die in diesen Wochen immer wieder in mir aufklang. Ein Lied, dass wir schon in meiner Kindheit gesungen haben: „Gott hält die ganze Welt in der Hand.“ Das ist eine doppelt wichtige Nachricht. Eine schlechte Nachricht für den selbstbestimmten Menschen, der in uns allen meint: Wir haben das Leben im Griff. Wir wissen, wie es geht. Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand. Was für eine Lektion, wenn wir merken, wie wenig wir die Welt und unser Leben im Griff haben. Es ist geradezu eine Beleidigung für den postmodernen Menschen.

Und zugleich ist es eine gute Nachricht für den verunsicherten, ängstlichen Menschen, der in uns allen fragt: Wie soll das weitergehen? Was wird werden? Jetzt und danach? Lernen wir diese Lektion „Gott hält die ganze Welt in der Hand“ und kehren wir um, tun wir Buße für allen Hochmut und Rebellion gegen Gott und nehmen wir Zuflucht bei ihm, in seiner Treue, seinem Beistand: „Wenn ich auch gehe durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück …“ (Ps.23).

Ich hoffe sehr, dass wir die Passionszeit anders erlebt haben als sonst. Konfrontiert mit Krankheit und Tod mussten wir Ohnmacht erleben, wie wir sie in unserer postmodernen Welt nicht mehr kennen. Aber dann konnten wir mittendrin auch anders Ostern feiern. Ganz neu konfrontiert mit einem Virus, der eine todbringende Macht in sich trägt, können wir jubeln über den, der zu uns sagt (Mt 28,18-20): Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie … Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.

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Q&A zum Bibellesen

Jasmin Neubauer

Auf ihrem Insta-Account „liebezurbibel“ beschäftigt sich Jasmin mit Gottes Wort. Im Gespräch gibt sie Tipps für die tägliche Lektüre.

Wieso sollten wir überhaupt in der Bibel lesen? Viele Christen kennen doch die Kernbotschaft des Evangeliums.
Je mehr ich in der Bibel lese, umso mehr merke ich auch, wie damit ein Erkenntnisprozess einhergeht. Gott offenbart mir in seinem Wort Schritt für Schritt, wer er ist. Für mich ist es auch nicht nur ein bestimmter Teil, der wichtig ist, sondern die komplette Schrift ist von Gott inspiriert. Und das hat eine große Kraft, in mein Leben zu sprechen und es komplett auf den Kopf zu stellen. Gottes Wort lebt. Es zeigt mir, wer ich bin, wer Gott ist und wie ich ein erfülltes Leben im Heiligen Geist führen kann. Es hat das Potenzial, Dinge, die ich vorher nie verstanden habe, plötzlich mit anderen Augen zu betrachten oder dass Verletzungen aus der Vergangenheit heil werden.

Wie bereitest du dich auf das Bibellesen vor?
Ich bitte den Heiligen Geist darum, dass er mir die Weisheit und die Erkenntnis schenkt, Gottes Wort zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Bete, dass Gott spricht, und er wird sprechen!

Was tust du, um nicht abgelenkt zu werden?
Ich versuche, mein Handy auf stumm zu schalten und wegzulegen, wenn ich Bibel lese. Ein stiller Ort, an dem ich ungestört sein kann, hilft auch. Es ist nicht im Interesse des Teufels, dass ich in Gottes Wort lese, weil er sich der Macht bewusst ist, die in diesem Buch steckt. Ich bin überzeugt, dass er zum Beispiel Ablenkungen nutzt, um uns davon abzuhalten, die Bibel aufzuschlagen.

Was hilft dir dabei, das Gelesene zu verinnerlichen?
Fragen, Anmerkungen und meine Gedanken schreibe ich immer auf. Ein Notizbuch hilft dabei, das Gelesene festzuhalten und zu verstehen – hier halte ich auch meine Stille Zeit mit Gott fest. Ich empfehle außerdem aufzuzeichnen, welche Bücher der Bibel man schon gelesen hat, um einen besseren Überblick zu haben.

Nutzt du ein bestimmtes System, mit dem du Bibelstellen markierst?
Mir persönlich helfen Farben dabei, Themen in der Bibel zu kategorisieren. Für verschiedene Themen benutze ich unterschiedliche Farben, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich arbeite zum Beispiel mit den Kategorien: Gottes Charakter, Sünde, Vergebung, Ermahnung, Ermutigung, Lebensstil usw.

Was heißt es für dich, dass wir uns von der Bibel „ernähren“ sollen?
Gottes Wort ist nicht nur ein Buch. Es sind Worte, die unser Leben verändern. Wenn wir auf die Worte der Schrift verzichten, werden wir geistlich hungern. Gottes Wort wird uns sättigen und füllen. Ich glaube, dass alles andere in meinem Leben mich mit einem Hunger zurücklassen wird, der sich nie richtig stillen lässt. Die Bibel hilft mir, diese Leerstelle zu füllen. Sie bereitet mich auf die Stürme meines Lebens vor und weist mir den richtigen Weg – auch, wenn es so scheint, als würde es keinen Weg mehr geben. Gott ist gut, sein Wort ist ein Geschenk an uns.

Manchmal kann die Lektüre ganz schön frustrierend sein, weil man die Zusammenhänge nicht versteht. Hast du da einen Tipp?
Es ist normal, nicht alle Zusammenhänge sofort zu verstehen, aber wir dürfen Gott im Gebet darum bitten, uns die Dinge zu erklären. Manchmal kann es auch hilfreich sein, sich eine Studienbibel dazu zu nehmen oder mit anderen Christen gemeinsam die Bibel zu studieren

 

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Das umgekehrte Prinzip

Melanie Pongratz

Leiten und dienen, widerspricht sich das nicht? Von wegen – Jesus lebt uns vor.

„Jesus aber wusste, dass der Vater ihm Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und wieder zu Gott ging. Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte.“ (Johannes 13,3-5) So ist er – unser Jesus. König der Könige. Gottes Sohn. Boss des Universums. Krassester Typ. Und da kniet er im Staub, schnappt sich die dreckigen Füße seiner Jünger, wäscht sie und will ihnen damit etwas sehr Wichtiges klarmachen: Leiter sind Diener.

Dieses Konzept klingt erst mal widersprüchlich. Wie kann ich, als Leiter, gleichzeitig Diener sein? Werde ich dann nicht schlicht und ergreifend ausgenutzt? An der Nase rumgeführt? Verliere ich so nicht meine Autorität?

Kein Widerspruch

Dienende Leiterschaft ist eine Haltung, die mittlerweile in der Unternehmenskultur weltweit zu einem Erfolgskonzept für Führungskräfte geworden ist. Bekannt als Servant Leadership, finden sich allerhand Studien, Blogbeiträge und Bücher zu einem Thema, das für uns Christen eigentlich schon ein alter Hut ist.

Laut Hans Lutz Merkle, dem früheren Vorsitzenden der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, sind Dienen und Führen auch keine Gegensätze. In seinen Augen geht die Eignung zum Leiten aus der Bereitschaft zum Dienen hervor. Wissenschaftlich hat es ein Forschungsteam der Uni Istanbul untermauert. Die Ergebnisse von Studien mit insgesamt 148.501 Personen zum Zusammenhang von Leiterschaft und Jobzufriedenheit zeigen: Die größte Zufriedenheit herrscht beim Führungsstil der dienenden Leiterschaft. Und während Jesus jetzt vor meinem geistigen Auge in seinen Bart schmunzelt „War doch klar! Hab’ ich euch doch auch schon vorgemacht!“, sollten wir uns mal genauer anschauen, was das denn nun für Auswirkungen auf unser Handeln hat.

Das Beste rausholen

Der ehemalige CEO von Motorola, B. Galvin, definiert diese Art von Leiterschaft so: „Wir messen die Effektivität eines wahren Leiters nicht anhand seiner Führung, die er ausübt, sondern anhand der Führungsfähigkeiten, die er in anderen hervorruft; nicht anhand seiner Macht über andere, sondern anhand der Macht, die er in anderen freisetzt; nicht anhand der Ziele, die er setzt, und der Richtung, die er vorgibt, sondern anhand der Pläne, die andere mit seiner Hilfe für sich selbst erarbeiten; nicht anhand seiner getroffenen Entscheidungen oder durchgezogenen Events, sondern anhand des Wachstums an Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und persönlicher Zufriedenheit seiner Mitarbeiter.“

Dienende Leiterschaft ist also darauf bedacht, den anderen zu ehren und voranzubringen, das Beste aus ihm rauszuholen, damit er sein volles Potenzial entfalten kann. Heißt: Ich weiß, ich mache meinen Job als Leiter richtig, wenn mein Mitarbeiter, Mentee oder Trainee, ein noch viel geilerer Leiter wird. Als ich das erste Gespräch mit meiner Mentorin hatte, meinte sie: „Ich will all mein Wissen und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, an dich weitergeben und mich so investieren, dass du voll an mir vorbeiziehst und noch krasser wirst, als ich es je sein könnte!“ – Was für ein Privileg und eine Riesenehre, sowas gesagt zu bekommen. Und als Leiterin ein starkes Statement, das von Demut und einem dienenden Herzen zeugt. Denn dieses Herz weiß, wo es steht und welche Identität es hat.

Feste Identität

So auch bei Jesus. Jesus wusste, wer er war, zu wem er gehörte und wohin er ging. Aus dieser Identität heraus war es gar kein Problem, sich auf den Boden vor seine Jünger zu knien und allen die Füße zu waschen. Tatsächlich steht vor der Fußwaschung folgendes: „Jesus wusste, dass für ihn die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hatte, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe.“ (Johannes 13,1)

Dienende Leiterschaft als vollkommener Liebesbeweis. Eigentlich schon Grund genug. Aber Jesus führt seine Erklärung noch etwas mehr aus: „Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Denkt daran: Ein Diener ist nicht größer als sein Herr, und ein Bote ist nicht größer als der, der ihn sendet.“ (Johannes 13,14-16)

Ernten, was man sät

Auf Leiterschaft bezogen heißt das also: Was ein Leiter pflanzt, wächst auch in seinen Mitarbeitern weiter. Was ich vorlebe, übernehmen auch die Leute, die ich anleite. Ich kann zwar lehren, was ich weiß, aber ich reproduziere dann ja doch das, was ich bin. Wenn ich also das Potenzial aus anderen raushole, so werden auch sie das tun. Wenn ich mich so investiere, dass andere durch den Cocktail meines Wissens und meiner Erfahrungen, gemixt mit ihren Gaben und Talenten, weit an mir vorbeiziehen, dann werden sie sich genauso in andere investieren. Wenn ich vorlebe, wie man ganz natürlich und ohne Fremdschäm-Attacken vom Glauben und dem Evangelium erzählt, dann werden sie das Gleiche tun. Und so werden die Menschen um sie herum nicht nur zu Jesu Nachfolgern, die brav ihr Christsein perfektionieren, sondern zu echten Jüngern, die den Auftrag Jesu ernst nehmen und sich weiter in ihr Umfeld investieren.

Dienende Leiterschaft ist also definitiv etwas, das die Welt braucht. Nicht nur von CEOs, Pastoren und Ältesten, sondern von uns allen. Denn, dass wir alle Leiter sind und Menschen beeinflussen, ob wir wollen oder nicht, das haben wir schon in der ersten Ausgabe dieser Kolumne festgenagelt. Also, auf die Füße, fertig, los!

 

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„Jesus ist auferstanden! Andere Erklärungen tragen nicht“

Agnes Wedell

Mit dem auferstandenen Jesus kann man heute rechnen: Davon ist Alexander Garth überzeugt – und er nennt gute Gründe, den biblischen Berichten zu glauben.

Herr Garth, warum ist es Ihnen wichtig zu zeigen, dass der christliche Glaube der Vernunft nicht widerspricht? Reicht es nicht, auf die eigene Erfahrung zu bauen?

Mit Vernunft verbindet man Logik und Überprüfbarkeit. Aber die Auferstehung ist in diesem Sinne weder logisch noch überprüfbar. Auch Erfahrung ist kein Kriterium für Wahrheit – diese Welt ist voller religiöser Spinner! Aber an die Berichte der Bibel von der Auferstehung sollte man schon vernünftig herangehen. Die Bibel ist für mich ein Glaubensbuch, das uns von Gott gegeben ist, aber auch ein historisches Dokument. Als solches kann man es untersuchen und dabei sehr interessante Dinge herausfinden. Zum Beispiel, wenn es um die Auferstehung geht.

Was genau haben Sie untersucht?

Ich habe mich gefragt: Könnte Jesus wirklich auferstanden sein? Was sagen die biblischen Berichte dazu? Sind auch andere Deutungen möglich? Dann bin ich diese Deutungen durchgegangen und habe festgestellt: Sie sind alle nicht stimmig! Man landet immer wieder bei der Frage: Was ist denn nun wirklich passiert? Historisch sicher können wir nur eines sagen: Es gibt die, wie ich das ausdrücke, „vermaledeite Lücke“.

Was verstehen Sie darunter?

Am Karfreitag waren die Jünger durch den Tod von Jesus zutiefst frustriert. Sie hatten alles auf eine Karte gesetzt, und diese Karte hatte sich als Lusche erwiesen. Ihr Herr und Meister, an den sie geglaubt haben, von dem sie gedacht haben, dass mit ihm eine strahlende Zukunft beginnt, ist einen grausamen Verbrechertod gestorben. Deshalb haben sie sich in ihr altes Leben verkrümelt. Sie hatten vor, im Grau der Geschichte zu verschwinden.

Und dann, drei Tage später, findet man die gleichen Jünger, wie sie positiv und todesmutig bezeugen, dass Jesus Christus lebt. Da muss man sich doch fragen: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Dabei bin ich immer wieder auf die Auferstehung gestoßen: Es muss etwas von Gott her passiert sein, denn alle anderen Erklärungsversuche tragen nicht, sie erweisen sich als reines Fantasieprodukt.

Welche Erklärungsversuche gibt es denn?

Die älteste Hypothese lautet: Die Jünger konnten sich mit dem Tod ihres Meisters nicht abfinden. Sie wollten den Behörden eins auswischen und gleichzeitig groß rauskommen. Deshalb sagten sie: Wir inszenieren eine Auferstehung! Wie macht man das? Indem man die Leiche klaut und versteckt. In der religiös aufgeheizten Stimmung der damaligen Zeit würde es bestimmt Leute geben, die dann an die Auferstehung glauben.

Das klingt erst mal ganz plausibel. Es macht aber gar keinen Sinn, weil die Jünger bereit sind, für die Überzeugung, dass Jesus lebt, in den Tod zu gehen. Für eine Lüge riskiert man nicht sein Leben! Es dauerte auch nicht lange, da gab es den ersten Toten unter den Christen: Stephanus ist gesteinigt worden wegen der Botschaft von der Auferstehung Jesu.

Welche anderen Erklärungen führen in eine Sackgasse?

Am leichtesten zu widerlegen ist die Scheintodhypothese: Jesus war gar nicht wirklich tot. In der Kühle des Grabes kam er wieder zu sich, rappelte sich auf und erschien dann seinen Freunden. Man übersieht dabei drei Fakten: 1. Jesus ist bereits vor der Kreuzigung halb tot geprügelt worden. Diese „Geißelung“ war so schlimm, dass viele Verurteilte sie nicht überlebten. 2. Jesus sind bei der Kreuzigung die Fersenknöchel zerstört worden. Danach rappelt man sich nicht wieder auf. 3. Man hat Jesus mit einem Speer von der Seite in die Herzkammer gestochen – um sicherzugehen, dass er wirklich tot ist. Denn über den Sabbat durfte man keine Leiche hängenlassen, und der begann um 18.00 Uhr. Bei diesem Speerstich sind getrennt Wasser und Blut herausgetreten. Das zeigt, dass der Tod vor mindestens einer Stunde eingetreten war. Aus diesen drei Fakten kann man sehen, dass die Scheintodhypothese reinste Fantasie ist.

Sie beziehen sich auf die Berichte in den Evangelien. Die wurden aber von Anhängern Jesu geschrieben, sind also nicht objektiv.

Alle Berichte aus dieser Zeit sind gefärbt. Aber keine andere Person ist so gut bezeugt wie Jesus Christus. Es gibt von ihm die meisten Handschriften – und viele von ihnen sind sehr früh entstanden. Die frühesten Zeugnisse, die wir über das Leben von Alexander dem Großen haben, sind erst 500 Jahre später aufgeschrieben worden. Und bei Cäsar sieht es nicht viel besser aus.

Die vielen Handschriften sind also ein sicherer Beweis, dass Jesus auferstanden ist?

Nein, man kann die Auferstehung Jesu natürlich nicht beweisen. Es ist ein göttliches Faktum, das sich unserer Beweisbarkeit entzieht. Aber es gibt vernünftige Hinweise dafür. Außerdem bezeugen nicht nur die Evangelien, dass Jesus auferstanden ist. Die interessanteste Schrift dazu stammt von einem ehemaligen Gegner von Jesus Christus, nämlich von dem Pharisäer Saulus, den wir auch als Paulus kennen. In seinem ersten Brief an die Korinther zitiert er ein altes Glaubensbekenntnis.

Im Kapitel 15, Vers 3 bis 8 steht, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, dass er begraben wurde und am dritten Tag auferstand. Und dass er von Kephas, den übrigen Jüngern und schließlich von mehr als 500 Nachfolgern gleichzeitig gesehen wurde, von denen die meisten heute noch leben. Es gab als dieser Brief verfasst wurde also noch viele Leute, die bezeugen konnten, dass sie eine Begegnung mit dem Auferstanden hatten. Paulus sagt, dass er mit diesem Glaubensbekenntnis weitergibt, was er selbst empfangen hat. Es ist damit das älteste Zeugnis von der Auferstehung.

Wann ist es entstanden?

Entweder wurde Paulus dieser Text bei seinem eigenen Taufunterricht weitergegeben, also bald nachdem er gläubig wurde. Das wäre etwa zwei Jahre nach der Auferstehung Jesu. Oder er hat ihn bei seinem ersten Besuch in Jerusalem empfangen, etwa drei Jahre später.

Interessant ist auch, dass Paulus von „Kephas“ spricht. Das ist die aramäische Form von Petrus. Also kommt dieses alte Glaubensbekenntnis noch ganz aus dem aramäischen Sprachraum, in dem das Christentum ursprünglich zu Hause war. Das zeigt auch das hohe Alter.

Es gibt also gute Gründe zu glauben, dass Jesus auferstanden ist. Aber wieso ist das überhaupt so wichtig?

Jesus wäre, wenn er nicht auferstanden wäre, als einer der vielen, die sich für den Messias hielten, aber gescheitert sind, im Nebel der Geschichte verschwunden. Alles, was wir sonst über Jesus zu sagen haben – seine Geburt im Stall, seine Predigten, seine Heilungswunder, seine Partys mit Zöllnern und anderen fragwürdigen Leuten – das alles wissen wir nur, weil durch die Auferstehung klar wird: Das ist der von Gott Gesandte. Er hat der Welt die Freundschaft mit Gott gebracht. Was er sagt und tut ist wichtig. Die Auferstehung ist sozusagen die Unterschrift Gottes unter dem Leben von Jesus.

Vielen Dank, Herr Garth, für dieses Gespräch!

Gott kann mit unseren Zweifeln umgehen

Erika Weiss im Gespräch mit Elke Werner über die Jahreslosung 2020

Jahreslosungen sind oft trostreiche Zusprüche oder konkrete Aufforderungen. Bei der Jahreslosung 2020 ist das anders. Was war Ihre spontane Reaktion, als Sie die Jahreslosung zum ersten Mal hörten?

Ich war zuerst total überrascht! In dem Satz sind Aussage und Bitte enthalten. „Ich glaube“ – das ist die Aussage und „hilf meinem Unglauben“ – das spricht ja von dem Gegenteil. Dieser Zwiespalt ist sehr interessant. Der erklärt sich eigentlich nur durch die Geschichte, aus der die Jahreslosung stammt.

Was genau hat Sie da angesprochen?

Dazu muss man sich die Rahmengeschichte näher anschauen. Der Vater, dessen Sohn von einem Dämon besessen ist, geht voller Hoffnung zu Jesus. Doch der ist nicht da, er ist auf dem Berg der Verklärung. Die Jünger versuchen alles, was sie von Jesus gelernt haben – nichts funktioniert. Die Jünger beten und nichts passiert. Da wächst natürlich der Zweifel bei allen, ob Jesus wirklich helfen kann. Trotzdem geht der Vater auf Jesus zu und bittet um Hilfe. Somit knüpft er wieder an seinen Glauben an, auch wenn sein Unglaube durch den Frust gewachsen ist. Diese Spannung hat mich total angesprochen.

Wie erging es Ihnen, darüber ein Buch zu schreiben?

Ich persönlich bin keine Zweiflerin. Ich gehe fröhlich im Glauben auf Dinge zu. Wie geht es Menschen, die zweifeln?

Ich arbeite seit Jahren in der Seelsorge und sprach mit zweifelnden Menschen. In diese Empfindungen musste ich mich erstmal einfühlen. Ich las viele Geschichten in der Bibel über Menschen, die auch zweifelten. Da merkte ich, Zweifel gehören zum Glauben dazu. Es ist sogar ein Zeichen von Glauben, wenn man diese Spannung aushält: Ich glaube und trotzdem gibt es da noch Zweifel und Unglauben in meinem Leben.

Um den Vers richtig zu verstehen, müsste man ja zunächst klären, was „glauben“ heißt …

Das Wort „glauben“ wird bei uns im Deutschen sehr unterschiedlich genutzt. Wir sagen zum Beispiel: „Ich glaube, dass es morgen regnet.“ Oder in der Zeit der Abitur-Prüfungen habe ich gesehen, dass Eltern auf große Plakate schreiben „Wir glauben an dich!“, um die Abiturienten zu ermutigen. Das ist ein anderer Glaube als der an Gott.

Das griechische Wort pistis bedeutet „Vertrauen und Treue“ und hat nochmal eine andere Bedeutung als das lateinische Wort credo, welches „Herz schenken“ bedeutet. In verschiedenen Sprachen sucht man nach Möglichkeiten, das Phänomen „Ich mache mich bei Gott fest“ auszudrücken. Das hebräische Wort aman bedeutet „sich fest gründen“. Diese drei Arten, das Wort zu übersetzen, zeigen, welche Spannbreite da drin liegt.

Mögen Sie einen dieser drei Begriffe besonders gerne?

Der Begriff credo hat mich besonders angesprochen: Ich schenke Gott mein Herz. Ich möchte mein Leben, mein Innerstes Gott anvertrauen und sehe, ich brauche ein neues, lebendiges Herz, in dem Gott zu Hause ist. Mein persönlicher Glaube stützt sich auch viel auf Fakten und Tatsachen, z. B. archäologische Funde. Der Begriff pistis gefällt mir auch sehr. Kann ich in bestimmten Lebenssituationen Gott vertrauen, gerade wenn es hart wird; halte ich fest? Oder gehe ich eigene Wege? Der Glaube hat verschiedene Gesichter und Phasen in meinem Leben: Mal stehe ich auf festem Grund und habe das Gefühl, mein Herz ist ganz nah bei Gott. Und mal ist es ganz weit weg. Ich möchte mich auf die verschiedenen Phasen einlassen, dabei an Gott festhalten und ihm vertrauen, denn er ist an der Beziehung zu mir interessiert und hält an mir fest.

Unglaube entsteht ja auch, wenn wir uns zu viele Gedanken machen: ständig hinterfragen und zweifeln …

Ich glaube, es ist gar nicht schlecht zu hinterfragen. Im Gegenteil: Die Gefahr für den Glauben ist eher, wenn wir alles für wahr halten. Dieses Fragen und Hinterfragen zeigt, dass ich mehr wissen und erkennen will, dass ich tiefer gehen möchte. Wir brauchen einen begründeten und keinen übernommenen Glauben. Das heißt, Forschen und Dranbleiben gehört für mich zum Glauben dazu. Denn so kann ich noch mehr von Christus erkennen.

Wie können wir konstruktiv mit unserem Unglauben bzw. unseren Zweifeln umgehen?

Wir können es so wie der Vater in der biblischen Geschichte machen: Zu Jesus gehen, trotz unseres Unglaubens, und ihn um Hilfe bitten. Mit ihm über unsere Zweifel sprechen, damit kann er umgehen. Schon in den Psalmen lesen wir, wie ehrlich Menschen beteten. Im Zweifeln und auch Verzweifeln haben sie alles an Gott gerichtet und erlebten, dass Gott antwortet und da ist. So wie es in Hebräer 10,35 heißt: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“

Sie bringen in Ihrem Buch viele Beispiele über Glaubenshelden, die durch schwere Zeiten gehen mussten. Wer ist ihr Glaubensvorbild?

Ganz viele Menschen. Ich liebe Biographien über Frauen. All diese Menschen gingen durch schwere Zeiten, da ist keiner dabei, der nur von strahlendem Sonnenschein umgeben war. Ich sage manchmal: „Nur beladene Schiffe haben Tiefgang“. Das ist ein Spruch, der sich in meinem Leben bewahrheitet hat. Da wo Gott uns Lasten auflegt, wird auch unser Tiefgang im Glauben gefördert. Der Glaube an den lebendigen Gott braucht diesen Tiefgang. Bei vielen Menschen sehe ich, dass sie gerade durch diese schweren Zeiten gereift und im Glauben gewachsen sind.

Wir brauchen ein festes Fundament, um zu glauben. Was gibt Ihnen Halt im Leben?

Jesu Tod und Auferstehung sind mein Fundament. Ich weiß, meine Schuld ist vergeben. Gott nimmt mich an und liebt mich, auch wenn es mir manchmal schwerfällt, mich selber zu lieben. Zu ihm kann ich kommen, so wie ich bin.

Als ich schwer an Krebs erkrankte, konnte ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen oder verreisen. Ich konnte gar nicht mehr tun. Aber ich habe erlebt, dass Gott da war. Ich spürte seinen Trost. Gott ist allezeit bei mir: Das ist mein Fundament.

Wie haben Sie Gott in Krisen erlebt?

Ich habe ihn nicht so emotional erlebt mit einem Kribbeln im Bauch oder einem Gefühl, sondern als eine Kraftquelle. Eine Quelle, die mir innerlich Kraft gegeben hat. Sobald ich zu Gott schrie, auch manchmal voller Panik, wenn die nächste Chemo anstand oder ich Angst vor dem Tod hatte, durfte ich Gott als Kraftquelle erleben. Ich merkte, wie ich innerlich ruhig und getröstet wurde. Ich konnte wieder durchatmen. Ich persönlich darf erleben, wann immer ich zu Gott rufe: Er ist da.

Wie läuft der Prozess von Unglauben zu Glauben ab, geschieht es nacheinander oder nebeneinander?

Ich glaube, dass es um eine Umorientierung im Glauben geht: Wohin lenke ich meine Aufmerksamkeit, wenn es um den Sinn im Leben geht? Danach suchen wir alle. Ob wir ihn in Menschen oder Religionen suchen, diese Suche beschäftigt alle Menschen. Die Frage ist nur: Wie lenke ich meinen Glauben hin zum lebendigen Gott? Und dazu brauche ich die Bibel, wo Gott sich zeigt. Der Schritt vom Glauben an irgendetwas hin zum Glauben an den lebendigen Gott beginnt damit, dass ich ihn kennenlernen will und das kann ich, wenn ich die Bibel lese.

Was würden Sie jemandem raten, dem es schwerfällt zu glauben?

Ich würde ihm raten, im Kontakt mit anderen Christen zu sein. Menschen sind in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens an unterschiedlichen Punkten mit Gott unterwegs. Wenn ich dann miterlebe, wie sie Gott erleben, kann ich mich davon ermutigen lassen. Denn wenn die das erleben, dann kann und will ich das auch erleben.

Auch die Jünger zweifelten und waren nicht von Anfang an die Glaubenshelden. Aber trotzdem hielten sie an Jesus fest. Daraus können wir lernen: Wir sollten bei Jesus bleiben, auch wenn wir vielleicht nicht selber großartige Erfahrungen gemacht haben. Bei Jesus bleiben, das heißt auch, bei seinen Leuten bleiben. Denn bei und in denen lebt Jesus.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Dieses Interview erschien im Magazin LebensLauf. Jetzt kostenlos testen: www.lebenslauf-magazin.net

Das Bibel Projekt

Liesa Dieckhoff

Neuer Zugang zu alten Schätzen

Ist die Bibel in gedruckter Form noch zeitgemäße Verkündigung? Müsste jetzt nicht alles digital werden? Nein, meint Philipp Kruse. Er hat mit dem Bibel Projekt eine Kombination aus digitalen und analogen Inhalten nach Deutschland gebracht. Animierte Videos und übersichtliche Poster sollen das Buch der Bücher neu anschlussfähig machen.

Philipp, wie bist du mit dem Bibel Projekt in Kontakt gekommen?

Als Jugendpastor habe ich nach einem Tool gesucht, um meine Jugendlichen besser mit biblischen Inhalten zu schulen. Vor drei Jahren bin ich dann in Amerika während einer Schulung auf das original amerikanische Bibelprojekt gestoßen. Und da dachte ich, das ist so cool, das muss es auch in Deutschland geben.

Und dann habt ihr die Videos einfach aus dem Englischen übersetzen lassen?b

Das amerikanische Projekt war damals noch gar nicht so groß, aber schon am Durchstarten. Als ich nachgehört habe, ob sie sich sowas vorstellen könnten, meinten sie: Mach einfach mal, du bist der erste, der gefragt hat. Mittlerweile haben sie Anfragen aus der ganzen Welt.

Warum ist das Interesse auf einmal so groß?

Ich glaube, gerade Jugendlichen fällt es oft schwer, die Zusammenhänge der Bibel zu verstehen. Für viele sind das einfach Geschichten, die aneinandergereiht sind. Aber das große Ganze zu sehen, die eine Geschichte, die Gott mit uns Menschen schreibt und darin seinen Platz zu finden, ist eine echte Herausforderung. Genau dort wollen wir ansetzen und aufzeigen: Wie hängt das Alles zusammen? Was ist der rote Faden der Bibel? Und was hat das mit meinem Leben zu tun?

Trotz dieser großen Perspektive kommt man um konkrete Auslegungen nicht herum. Wer legt die theologische Deutung der Videos fest?

Das große theologische Konzept kommt von Tim Becky. Er war Professor für Theologie in Portland, Oregon. Den Videos liegt eine Mischung aus evangelikaler und reformierter Theologie zugrunde – und das unterstützen wir von Herzen. Die Freiheit, Kleinigkeiten zu ändern, haben wir natürlich. Zum Beispiel müssen wir sprachlich oft Anpassungen vornehmen. Aber das große Konzept brechen wir nicht auf.

Wieso ist euch dieses Medium ein besonderes Anliegen?

Ich glaube, weil es digital und analog nicht gegeneinander ausspielt, sondern auf eine coole Art und Weise miteinander verbindet. Ich werde oft zu Diskussionen eingeladen und gefragt: Muss jetzt alles digital werden? Liegt die Zukunft in digitaler Jugendarbeit? Aber ich glaube nicht, dass die Frage nach analog oder digital entscheidend ist, sondern ob es ästhetisch schön ist, ob es sinnvoll und gut gemacht ist und ob es eine gewisse Tiefe hat. Sinnvoll ist oft eine Kombination aus beidem. Ein gutes Beispiel dafür sind die Micro-Influencer, die es gerade im Bereich Bible-Lettering gibt. Die verkaufen auch alle ihre Karten und Poster, Tagebücher und T-Shirts und generieren damit eine beeindruckende Reichweite.

Wie können Gemeinden oder Privatpersonen die Videos für sich nutzen?

Vor allem Hauskreise nutzen unser Material, bestellen sich die Poster und diskutieren darüber. Seit ein paar Monaten läuft auch das Zusatzmaterial an. Damit wird das Bibel Projekt runtergebrochen in die einzelnen Facetten von theologischer Ausbildung, Jugendarbeit, Religionsunterricht, und so weiter. Es soll zum Beispiel noch eine Toolbox für Jugendarbeit entstehen, so eine Art Schuhkarton, wo Gruppenstunden-Entwürfe zu unseren Videos drin sind. Wir wissen auch, dass viele Studierende mit unserem Material lernen – zum Teil sogar von Dozierenden, die es im Unterricht einsetzten.

Und ihr finanziert die Übersetzungen über Spenden?

Genau, wir geben alles kostenlos raus und finanzieren uns allein über Spenden. Wir haben vor, bis Januar die Read-Scripture-Serie zu beenden. Aber natürlich ist deshalb das Bibelprojekt nicht zu Ende! Es gibt mittlerweile schon acht Serien und es kommen noch mehr. Wir haben Material für die nächsten fünf Jahre.

Und wie priorisiert ihr dann, was ihr als nächstes herausgebt?

Die Landeskirche Württemberg ist vor eineinhalb Jahren als Partner bei uns eingestiegen. Gemeinsam haben wir eine Prioritätenliste erstellt: Welche Bücher sollten wir zügig vorliegen haben, weil sie am meisten gelesen und gebraucht werden? Das sind zum Beispiel die Evangelien, alle Paulusbriefe oder die kleinen Propheten.

Wie viel Aufwand investiert ihr in ein Video?

Wir brauchen mindestens vierzehn Tage für ein Video, und das mit sieben Hauptamtlichen. Das war auch die Herausforderung: Den Prozess so zu optimieren, dass wir relativ schnell sind. Aber dafür braucht es eben mehrere Menschen, die das beruflich machen und das Know-how mitbringen. Die Animationen sind komplex und sehr zeitintensiv.

Lohnt sich der Aufwand?

Absolut. Wir sind anfangs fast überrannt worden und konnten die Anfragen zeitweise kaum kanalisieren. Manchmal haben wir schon ein schlechtes Gewissen, weil wir so schnell gar nicht auf alles reagieren können.

Welche Kanäle für digitale Bibelvermittlung wollt ihr künftig noch nutzen?

Zukunftsmusik ist definitiv Virtual Reality. Das heißt, du gehst zum Beispiel mit einer VR-Brille durch den Tempel in Jerusalem und bekommst alles erklärt. Da sind die Amerikaner schon dran. Wir müssen dann sehen, wie wir das nach Deutschland holen können. Hierzulande fehlt oft das Verständnis für den erhöhten Kostenaufwand solcher Technologien.

Gibt es auch kritische Stimmen auf Grund des Mediums?

Es gibt auch Leute, die meinen, wir würden durch unsere Videos Leute vom klassischen Bibellesen ablenken. Aber wir wollen das Bibellesen ja nicht ersetzen, sondern vielmehr ergänzen. Wir wollen die Bibel wieder anschlussfähig für die junge Generation machen, die sich häufig schwertut, einen Einstieg zu finden. Wir wollen Tür und Tor öffnen und damit das Bibellesen aktiv fördern.

Habt ihr auch erlebt, dass Leute über eure Videos zurück zur Buchversion gefunden haben?

Absolut. Viele bedanken sich bei uns. Sie hätten endlich etwas verstanden und dadurch wieder mehr Freude am Bibellesen.

 

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Erziehe dich selbst

Dr. Ulrich Wendel

Manoachs Frau weiß, was man von Gott erwarten kann

Vielen Menschen in der Bibel begegnen uns nach einem altbekannten Muster: Den Namen des Mannes erfahren wir, den der Frau nicht. So ist das oft in der altorientalischen Kultur. Wer namenlos bleibt, ist offenbar nicht so wichtig.

Immer wieder aber bricht die Bibel dieses Schema auf. So ist es auch bei Manoachs Frau. Ja, auch hier wissen wir nur, wie ihr Mann heißt, und ihren eigenen Namen kennen wir nicht. Doch wie Gott dieser Frau begegnet, ist bemerkenswert. In Richter 13 erfahren wir davon.

Das Ehepaar lebt in Zora im Hügelland Judäas. Wie viele andere Frauen kann auch Manoachs Frau zunächst keine Kinder bekommen – bis ein Bote Gottes ihr einen Sohn ankündigt. Und zwar wird es ein besonderer Sohn sein, ein Gottgeweihter, ein „Nasiräer“ (wie der biblische Ausdruck lautet). Solche Männer oder Frauen lebten eine Zeitlang enthaltsam im Blick auf Alkohol und unreine Speise, und auch die Mutter – so der Bote – soll diese Vorschriften während der Schwangerschaft einhalten.

Der Vater will es wissen

Wie reagiert man, wenn Gottes Bote einen anspricht? Die Frau läuft zuerst zu ihrem Mann und berichtet ihm alles. Manoach geht sofort ins Gebet. Und zwar will er von Gott wissen: Wenn sie nun einen so besonderen Sohn bekommen sollten – wie sollen sie mit ihm umgehen? Was ist zu beachten? Gott möge den Boten noch einmal schicken, damit der Auskunft erteilt. Manoachs Gebet wird erhört. Der Engel Gottes kommt wenig später tatsächlich – aber nicht zu Manoach, der gebetet hat, sondern wieder zu seiner Frau. Ja, offenbar bewusst nur zu ihr, denn er sucht sie auf, als sie allein auf dem Feld ist. Gott geht hier recht einseitig vor. Obwohl Manoach sich als treuer Glaubender erweist, der seine Anliegen spontan ins Gebet bringt, übergeht Gott ihn und wendet sich allein an seine Frau – sie ist Gottes erste Adresse, sie will er in dieser Angelegenheit als Gesprächspartnerin haben. Dass die Frau für uns namenlos bleibt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gott sie sehr wohl im Blick hat.

Sie reagiert bei dieser zweiten Engels-Begegnung genauso wie bei der ersten: Sie läuft zu ihrem Mann und informiert ihn. Der geht sofort los, um mit dem Boten Gottes zu reden. Das ist die Gelegenheit für Manoach, seine Frage zu wiederholen, die ihn beschäftigt: Wie sollen sie mit dem Jungen umgehen, wenn er zur Welt gekommen ist? „Was soll sein Verhalten sein?“, will er wissen (Richter 13,12). Manoach ist ein werdender Vater, der Interesse an seinem künftigen Sohn hat. Er kümmert sich um Erziehungsfragen und empfindet Verantwortung für den Weg des Kindes. Man könnte meinen, Gott würde einem solchen Interesse gern entgegenkommen und den so erziehungs-begierigen Vater ausführlich in seine Aufgabe einweisen. Doch die Antwort des Boten ist recht ernüchternd: Er wiederholt bloß das, was er bereits zu vor der werdenden Mutter gesagt hat. Mehr muss man nicht wissen. Das könnte eine wichtige Lebenslektion sein, über die besondere Situation von Manoach hinaus: Manchmal bestürmt man Gott mit Fragen, die er längst beantwortet hat, und anstatt auf eine neue Antwort zu warten, sollte man sich hinsetzen und überlegen, wie man das befolgt, was man bisher schon gehört hat.

Erziehungstipps? Fehlanzeige!

Aber was ist es genau, das Manoachs Frau gehört hat? Die Antwort des Gottesboten hat – bei genauer Betrachtung – eine Überraschung bereit. Manoach will etwas über Erziehung erfahren. Ihm geht es darum zu wissen, was der Junge in seinem Leben tun und lassen soll – zu diesem Verhalten, so scheint er zu denken, will er ihn dann anleiten. Doch Gottes Auskunft sagt nichts darüber, wie der Junge sich verhalten soll, sondern nur, wie die Mutter leben soll! Und zwar wie sie ihr eigenes Leben leben soll, nicht, wie sie als Mutter sein soll. Während der Schwangerschaft soll sie sich so ernähren, wie es ein gottgeweihter Mensch tut – das ist alles. Vielleicht will Gott sie damit herausfordern, dass sie auf ihre eigene Beziehung zu ihm Wert legt, dass sie sich also eine Zeitlang ihm weiht, so wie es dann für ihren Sohn später lebenslang gelten soll. Jedenfalls erfahren Manoach und seine Frau nichts über Kindererziehung für Nasiräer, sondern über den Umgang mit sich selbst. „Erziehe dich selbst“ scheint – zugespitzt gesagt – Gottes Antwort auf die Erziehungsfragen der Eltern zu sein.

Nein, wir müssen nicht sterben.

Nach dieser Begegnung bleibt Manoach nur noch, dem Gast alle gebührende Gastfreundschaft zu erweisen, so wie es im alten Orient unantastbare Sitte ist. Er will ihn mit einem leckeren Ziegenbock bewirten und er fragt nach dem Namen des Mannes – Manoach hat noch nicht erkannt, dass es ein Engel ist. Doch der Mann lehnt beides ab, die Bewirtung und dass er seinen Namen nennt. Er hat aber einen Gegenvorschlag: Wenn Manoach da gerade schon einen Ziegenbock parat hat, könnte er ihn als Brandopfer für Gott bringen. So macht Manoach es denn auch – und erlebt plötzlich einen heiligen Moment: Als die Flamme vom Altar auflodert, fährt der Engel in diesem Feuer nach oben zum Himmel! Jetzt wird Manoach klar, mit wem er es her die ganze Zeit zu tun hatte – eben mit einem Engel des Herrn! Und er reagiert panisch. „Wir müssen sterben! Wir haben ja Gott gesehen!“ Doch seine Frau behält die Nerven – ja mehr noch: Sie legt geistliche Einsicht und Weisheit an den Tag. Wenn Gott sie hätte töten wollen, dann hätte er ja wohl das Opfer nicht von ihnen angenommen und hätte vorher nicht mit ihnen geredet. Manoachs Frau scheint Gottes Absichten besser zu begreifen als er – so wie Gott ja zuvor sie und nicht ihren Mann als Gesprächspartnerin ausgewählt hat. Manoach erschrickt vor dem Gesetz Gottes („Wer Gott sieht, muss sterben“; siehe 2. Mose 33,20) und befürchtet den Tod, doch die Frau erfasst etwas vom Evangelium und erwartet das Leben.

Der Sohn, der dann zur Welt kommt, ist Simson – einer der Richter und Befreier Israels. Er hat sich in der Bibel einen Namen gemacht, bis hinein ins Neue Testament (Hebräer 11,32). Seine Mutter bliebt namenlos, doch wir lernen sie als Frau kennen, mit der Gott redet, der Gott aufträgt, auf ihr eigenes Leben zu achten, und die ein Gespür dafür hat, was man von Gott erwarten kann.

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Inspirierter beten

Lydia Rieß

 

Wie die Bibel das Gespräch mit Gott belebt

„Herr, lehre uns beten.“ Diese Bitte tragen die Jünger an Jesus heran (Lukas 11,1). Beten – ist das nicht etwas, das man einfach macht? Anscheinend nicht. Denn Jesus geht auf diese Bitte ein und gibt den Jüngern ein Beispiel: das Vaterunser. Ein Gebet, das bis heute die Christenheit verbindet. Und eines, das wir direkt und sehr wörtlich aus der Bibel übernommen haben. Beten ist also etwas, das ich lernen kann. Und auch etwas, bei dem ich mich an Vorbildern orientieren darf.

Die Praxis des Bibelbetens greift genau diesen Gedanken auf. Wie das Vaterunser zeigt, ist es an sich nichts Ungewöhnliches, direkt mit Versen aus der Bibel zu beten. Manchmal erweist es sich als sehr wertvoll, wenn ich Worte verwende, die bereits seit Jahrtausenden festgeschrieben sind. Gerade das Gebet mit den Texten der Bibel führt mich zurück zum Ursprung: zu Gott selbst, zu seinem Wort und zu den Erfahrungen, die Menschen in den vergangenen Jahrtausenden mit ihm gemacht haben. Die Worte der Schrift helfen mir dabei, Gott wieder näher zu kommen und ihn besser kennenzulernen. Eine gute Voraussetzung für ein gelingendes und tiefes Gespräch.

Die Reise zurück zu den Wurzeln kann ein eingeschlafenes Gebetsleben erneuern, aber auch neue Impulse in eine bereits lebendige Praxis hineinbringen. Sie kann mir helfen, den Blick von meinen eigenen, festgefahrenen Problemen wegzulenken und hin zu Gott zu öffnen. Die Personen der Bibel hatten ähnliche Lebensthemen und -fragen wie wir heute. Ihre Worte können mir dabei helfen, diese Themen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und mit ihnen gemeinsam in Gottes Richtung zu schauen.

Es gibt verschiedene Ansätze des Bibel-Gebets. Einen Rat findet man bei allen: Wer die Bibel betet, sollte sie laut beten. Das hilft mir, stärker bei der Sache zu bleiben und mich besser in die „Gesprächssituation“ mit Gott einzufinden. Schon der Philosoph Wittgenstein wusste: Sprache schafft Wirklichkeit. Das, was ich laut ausspreche, ist für mich realer als das, was ich nur denke. Ich gebe meinen Worten mehr Gewicht und mache sie auch für mich selbst realer, greifbarer und konkreter.

Aber nicht nur das laute Sprechen ist von Bedeutung, sondern auch das, was ich sage. Bei den verschiedenen Varianten des Bibel-Betens geht es nicht darum, einfach laut aus der Heiligen Schrift vorzulesen und das dann Gebet zu nennen. Vielmehr soll die Bibel hier eine Stütze sein: zum einen, um Worte zu finden für das, worum ich beten möchte; zum anderen, um mich bewusst auf die Suche nach Gott zu machen.

Das Themen-Gebet

Beim Themen-Gebet stelle ich einzelne Passagen bzw. Verse der Bibel zu einem Gebet zusammen, um gezielt für bestimmte Themengebiete, Lebensbereiche oder auch Personen zu beten. Die Passagen kann ich mithilfe einer Konkordanz oder der Suchfunktion einer Online-Bibel nach Stichworten finden. Aus diesen Passagen erstelle ich mir in leichter Abwandlung Gebete – die Bibel wird hier also eher paraphrasiert. Ein Beispiel für ein Gebet für Angehörige und geliebte Menschen:

Gott, du bist ein Gott, der uns sieht (1. Mose 16,13). Herr, erlöse die, die ich liebe, von den Mächten der Finsternis (Kolosser 1,13) und hilf ihnen, die Rüstung des Lichts anzulegen (Römer 13,12). Hilf ihnen, in ihrem täglichen Leben den Herrn Jesus Christus „anzuziehen“ (Römer 13,14) und der Maßlosigkeit und den Versuchungen des Lebens zu widerstehen (Römer 13,13) …

Solch ein Gebet kann ich mir entweder selbst zusammenstellen oder auch von anderen übernehmen. Ich kann mir sogar ein kleines „Gebetsbuch“ mit verschiedenen Themen erstellen (auf Englisch gibt es Anregungen z. B. hier: http://www.prayingscriptures.com/praying-in-victory.shtml). Ich kann diese Gebete immer wieder neu beten, erweitern, Passagen austauschen und auch wieder herausnehmen: gerade so, wie es die Situation, die Person oder meine eigene Haltung erfordern. Durch die Kombination aus direkten Bibelworten und meiner eigenen, persönlichen Auswahl habe ich ein Gebet, das Gottes Nähe sucht und sehr direkt nach seinem Willen fragt, aber doch auch „mein“ Gebet ist.

Biblische Gebete beten

Sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament finden sich zahlreiche schriftlich festgehaltene Gebete. Die bekanntesten sind natürlich die Psalmen, die allein deshalb schon hochspannend sind, weil sie die ganze Bandbreite an menschlichen Emotionen und Lebensthemen abdecken – von Todesangst über Einsamkeit, Klage und Fragen des Glaubens bis hin zu Jubel und Begeisterung. Aber auch an anderen Stellen gibt es solche Gebete in sehr verschiedenen Formen: als Dank- und Lobgesänge, als Buß- und Bekenntnistexte, als Bitten und Fragen, voll von tiefer Verzweiflung oder übersprudelnder Freude.

Da ist das Gebet von Hanna, als sie Gott für den erbetenen Sohn Samuel lobt (1.Samuel 2,1-10). Oder das Siegeslied Deboras (Richter 5) und das Lied Mirjams und Israels, nachdem sie das Schilfmeer durchquert hatten (2. Mose 15). Das Buch Hiob ist stellenweise ein einziges Klagegebet, gekrönt am Ende durch ein Glaubensbekenntnis direkt an Gott. Im Neuen Testament finden sich der Lobgesang Marias (Lukas 1,46-55) und der Lobgesang des Zacharias (Lukas 1,67-79); Paulus hat verschiedene tiefgehende Gebete (z. B. Römer 16,25-37; Epheser 3,14-21; 2. Thessalonicher 2,16-17), und auch die Offenbarung des Johannes ist voll von Gebeten. Diese biblischen Gebete können uns zu „Lehrern werden, die uns beibringen, wie wir mit Gott kommunizieren können“, so beschreibt es Philip Collins, Professor für Christian Ministries an der Taylor University in Upland, Indiana.

Obwohl diese Gebete bereits in sich geschlossen und fertig sind, ist es ratsam, nicht blind drauflos zu beten, sondern bewusst Texte auszusuchen: solche, die zu meiner Situation passen und die mir Worte geben, die ich guten Gewissens zu meinen eigenen machen kann. Außerdem ist es stellenweise klug, Verse auszulassen (so macht es für das persönliche Gebet eher wenig Sinn, über „Schamgar, den Sohn Anats, zu den Zeiten Jaëls“ zu beten wie in Richter 5,6). Indem ich ein solch „fremdgeschriebenes“ Gebet bete, nehme ich die Perspektive der Person ein, die es ursprünglich betete – als Dankende, als Bittender, als Zweiflerin oder Trauernder.

Verheißungen beten

„Wenn wir Gottes Verheißungen laut beten, fangen wir an, Gottes Pläne und Ansichten zu verstehen. Wir bringen unsere Sehnsucht in Einklang mit der seinen“, so Debbie Przybylski, Gründerin eines internationalen Gebetsdienstes. Die Bibel ist voll von Verheißungen, die nicht nur Israel und den Menschen damals, sondern auch uns heute noch gelten. Sie sind in vielfacher Hinsicht ein passendes Gebetsthema: als Bekenntnis und Dank für Lebensbereiche, in denen ich bereits erlebe, wie sich diese Verheißungen erfüllen. Zur eigenen Erbauung und zum Trost, indem ich mich selbst daran erinnere, dass Gott es gut mit mir meint. Als Buße und Bitte um Vergebung, wo ich diesen Verheißungen nicht traue und selbst nach Kontrolle über mein Lebensglück strebe. Und im Ringen mit Gott, wenn ich sein Wirken und seinen Segen in meinem Leben nicht wahrnehmen kann. Verheißungen kann ich mit Hilfe einer Konkordanz oder der Wortsuche einer Online-Bibel finden. Hier hilft auch eine ganzheitliche Sicht: Auch Verheißungen des Alten Testaments kann ich mit dem Wissen beten, dass viele davon in Jesus Christus erfüllt, bestätigt oder auch in ein neues Licht gestellt worden sind.

Als Beispiel sei hier Hesekiel 36,26 angeführt: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

Einen solchen Vers kann ich sehr vielfältig beten. Als Dank: „Danke, dass du mich erneuern willst mit deinem Geist. Danke, dass du mein steinernes, totes Herz lebendig machen willst.“ Als Bitte: „Erfülle mich neu mit deinem Geist! Nimm mein steinernes Herz weg und gib mir ein fleischernes!“ Als Buße: „Ich habe mein Herz dir und den Menschen gegenüber verhärtet. Ich habe ein steinernes Herz. Vergib mir und schenke mir ein Herz aus Fleisch.“

Die Ermutigungs-Tabelle

Ähnlich wie das Gebet mit Verheißungen ist diese Variante von Andreas Kusch*. Diese Gebetsform eignet sich vor allem in Zeiten von Not, Trauer und Schmerz. Es geht um einen Perspektivwechsel: „Wir schauen nicht auf das Dunkel, sondern auf den, der das Dunkel wenden kann. Die Zusagen und Verheißungen Gottes dürfen wir den Gedanken der Hoffnungslosigkeit und Gottverlassenheit entgegenstellen“, so beschreibt es Kusch. Diese Gebetsform sieht zunächst etwas „technisch“ aus, hilft aber gerade durch das systematische Vorgehen, im Gebet konkret zu werden.

Dabei ist Vorbereitung erforderlich, und zwar in Form einer Tabelle. In der ersten, durchgehenden Spalte formuliere ich die Situation, die mich gerade belastet. Die zweite Spalte wird in Zeilen unterteilt. In diese Zeilen trage ich die Gefühle ein, die für mich mit der Situation einhergehen (Schwäche, Angst, Enttäuschung, Hilflosigkeit …). In der dritten Spalte notiere ich parallel zu den Gefühlen die negativen Gedanken, die diese Gefühle immer wieder in mir auslösen (z. B. Schwäche: „Ich kann nicht mehr.“ Enttäuschung: „Warum lässt Gott das zu? Warum hilft er mir nicht?“ etc.). In der vierten Spalte nun trage ich Bibelverse ein, die mich in diesen Momenten ermutigen, z. B.: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Korinther 12,9b). Nun „durchbete“ ich diese Tabelle. Angefangen bei der Situation über die Gefühle und Gedanken bis hin zu Gottes Verheißung, auf die ich mich stütze und die ich im Glauben annehme. Dies kann, in Bezug auf die Bibelstelle, auch in abgewandelter Form geschehen: „Gott, ich danke dir, dass deine Kraft in meiner Schwäche mächtig ist.“ Auf diese Weise wird die Tabelle zu einem Rettungsseil, das mich immer wieder daran erinnert, dass Gott in meiner Situation gegenwärtig ist und in sie hineinspricht.

Personalisiertes Bibelbeten

Auch manche Passagen der Bibel eignen sich dazu, um sie zu beten – allerdings umgewandelt zu einem persönlichen Gebet. Jesaja 43 als Dankgebet kann dann so klingen: „Danke, dass ich mich nicht fürchten muss. Danke, dass du mich bei meinem Namen rufst und erlöst und dass ich dein bin!“ Oder als Bitte: „Wenn ich durchs Wasser gehe, lass mich wissen, dass du bei mir bist. Lass nicht zu, dass die reißenden Ströme mich untergehen lassen.“ Für andere kann ich ebenfalls auf diese Weise beten, indem ich ihre Namen in den Bibeltext einfüge: „Auch wenn Paul gerade durchs Feuer gehen muss, lass ihn unversehrt bleiben. Schütze Klara und bewahre sie davor, dass die Flammen sie anrühren. Lass sie wissen, dass du ihr Gott und Retter bist.“ Solche personalisierten Bibelgebete helfen nicht nur dabei, Worte zu finden, die man manchmal einfach nicht hat. Sie führen mir auch vor Augen, dass Menschen bereits vor tausenden von Jahren dieselben Sehnsüchte, Schmerzen und Hoffnungen hatten. Und dass sie bei Gott damit an der richtigen Adresse waren.

Meditation

In Psalm 1 findet sich die indirekte Aufforderung, über das Wort Gottes „nachzusinnen Tag und Nacht.“ Das hebräische Wort für „nachsinnen“ bedeutet hier wörtlich: murmeln. Als jemand, der Gott nachfolgt, soll ich sein Wort vor mich hinmurmeln, immer und immer wieder wiederholen – es also quasi meditieren. Der Begriff „Meditation“ ist in unserem Verständnis manchmal vorbelastet. Man denkt allzu schnell an fernöstliche Esoterik und die mystische Suche nach sich selbst. Ursprünglich bedeutet Meditation aber einfach, sich von allem anderen gedanklich freizumachen und sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Das Ziel dabei ist, zur Ruhe zu kommen, sich zu entspannen, vor allem aber, dieser einen Sache seine vollständige Aufmerksamkeit zu widmen und sie ganz und gar aufzunehmen.

Die Bibel zu meditieren, oder anders: sie meditierend und betend zu lesen, bringt mich dazu, mehr zu tun als nur zu lesen. Indem ich einen Bibeltext bewusst lese, wiederhole und ihn betend vor Gott bringe, ihn quasi mit ihm gemeinsam lese, lasse ich ihn näher an mich heran, nehme ich ihn auf und lasse zu, dass er etwas mit mir macht. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass ich jeden beliebigen Bibeltext auf diese Weise beten kann, nicht nur solche, die sich bereits vom Wortlaut her als Gebet eignen, ganz ähnlich wie beim personalisierten Bibelgebet.

Die Bibel singen

Heutzutage finde ich unzählige christliche Lieder, die auf biblischen Passagen beruhen, teilweise sogar sehr wörtlich. Hier sei beispielhaft wieder das Vaterunser angeführt, das bereits vielfach vertont wurde. Auch in diesem Bereich finde ich eine Bandbreite an Themen: Bekenntnis, Lobpreis, aber auch Klage und Bitte. Solche Lieder kann ich ganz bewusst als Gebet singen.

Und natürlich kann ich auch Bibeltexte ganz direkt singen. Dazu kann ich mir eine eigene Melodie ausdenken oder ihn ganz „kindlich“ und spontan vor mich hinsingen. Das mag erstmal befremdlich klingen. Aber Gesang bietet einen ganz neuen Zugang zu einem Text, lässt Emotionen mit einfließen, bringt eine persönliche Note mit hinein. Hilfreich ist hier vielleicht der Gedanke, dass manche Texte der Bibel auch ursprünglich Lieder waren. Nicht nur die Psalmen, sondern z. B. das bereits genannte Siegeslied Deboras oder das Lied Mirjams, nachdem das Volk Israel durch das Schilfmeer gezogen war (2. Mose 15).

Ein paar Gedanken zum Schluss

Die meisten dieser Ansätze kann ich sowohl allein als auch in einer Gebetsgemeinschaft ausprobieren. Hier stellt sich dann die Frage, was für ein Typ Beter ich bin: Profitiere ich vom gemeinschaftlichen Gebet? Oder kann ich mich besser auf Gott einlassen, wenn ich alleine bin? Im Setting der Gruppe kann das Bibel-Beten sehr hilfreich sein, besonders für diejenigen, die einen gewissen „Performance-Druck“ spüren und nicht gut frei formulieren können, wenn andere zuhören. Das Allein-Beten kann hingegen dabei helfen, sich tiefer auf diese Ansätze einzulassen und in der Gestaltung ganz frei und ungehemmt zu sein.

Hier dürfen wir uns auf einen Weg des Lernens einlassen. Ganz nach der Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten.“

 

*aus dem Buch: Andreas Kusch: Gott, du Liebhaber des Lebens, Trier, Paulinus, 2013

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Vom Problemkind zum Retter

Rüdiger Jope

Mose und die Wandlung in seinem Leben

Bei biografischen Filmen fiebere ich manchmal noch bis zum Abspann im Kinosessel mit den Helden mit. In 4. Mose 12,3 blendet uns die Bibel auch eine letzte Szene ein. Dort werden Mose heftige Vorwürfe gemacht. Und wie reagiert er? „Mose schwieg dazu. Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Wow, was für eine charakterliche Veränderung im Gegensatz zu seiner impulsiven Tat etwa vierzig Jahrefrüher …

ZWISCHEN TATORT UND ROSAMUNDE PILCHER

Mose – was war das für ein Mensch? Was steckte hinter dem geistlichen Leiter, dem Mann Gottes, dem willensstarken Menschen, dem Siegertypen? Moses Leben steht bereits kurz nach dem Start vor dem Absturz (2. Mose 2 ff.). Zu den Wildgänsen in der Turbine seines Lebens wird der Befehl des Pharaos: Bringt alle Jungen um! Die Mutter hält den Jungen vermutlich im Verbund mit den Hebammen versteckt. Doch irgendwann lässt sich das Plappern, Krabbeln und Leben dieses lebendigen Kerls nicht mehr verbergen. Der Mutter wird es zu heiß. „Lieber Ehemann, wir müssen eine Lösung finden.“ Die Reaktion des Vaters? Fehlanzeige! In der Präsentation des Stammbaumes in Kapitel 1 sind die Männer noch dicke da, aber wenn es schwierig wird, dann heißt es damals wie heute: Kümmere du dich um die Plagen, ich gehe Pyramiden bauen. Der Mann ist abwesend. Die Mutter muss die unbequeme Entscheidung allein

treffen. Zur Babyklappe wird ein Korb aus Schilfrohr. Dieser wird im Nil abgesetzt. Der Mutter zerreißt es das Herz. Sie kann das Elend nicht mit ansehen und lässt die Schwester als Babysitterin da … Zufällig ist es ein heißer Tag. Die Königstochter hat Lust auf eine Abkühlung. Im Schilf entdeckt sie die seltsame Brüllkiste. Ihre Dienerinnen machen sich nass. Das Körbchen wird geöffnet. Der weinende, nach Luft ringende Säugling lässt in der gelangweilten Prinzessin einen Funken von Menschlichkeit aufglimmen: „Ach, wie süß!“ In einer Art sozialromantischen Anwandlung oder einem spätpubertären Anfall „Jetzt-zeige-

ich-dem-alten-Herrn-im-Palast-mal, dass-ich-anders-bin!“, lässt sie das Ausländerkind am Leben. Sie adoptiert ihn. Die Windelwechselzeit, die schlaflosen Nächte etc. delegiert sie an die zufällig vorbeilaufende Schwester des Mose. Moses Lebensstart hat von allem etwas: Tatort und Rosamunde Pilcher. Ungewollt! Vaterlos! Versteckt! Ausgesetzt! Todesangst! Am Absaufen! Nach Luft schnappend! Jeder im Palast sah sofort: Das ist kein Kind der Königin. Das ist ein Adoptivkind! Noch dazu ein ausländisches.

DAS TRAUMA BEKOMMT EINEN NAMEN

Moses Start ins Leben würde man heute als frühkindliches Traumata bezeichnen. Augenfällig wird das Trauma besonders im Namen: Das Kind hat keinen, zumindest ist er uns nicht überliefert. Als das Kind aus dem Gröbsten raus ist und von seiner Mutter im Palast abgeliefert wird, bekommt er einen ägyptischen Namen verpasst: Mose – der aus dem Wasser Gezogene (2. Mose 2,10). Was für ein Makel! Mose war sicher alles andere als begeistert, wenn es hieß: „Aus-dem-Wasser-gezogen – bitte reinkommen zum Essen“ oder „Vor an die Tafel“. Der Name ist ein Makel. Das ist kein Adels- und Schönheitsprädikat. Mit diesem Namen wird der Junge jedes Mal an seine ungewollte Herkunft erinnert. Dieser Name prägt Moses Sein. Ja, die inneren Wunden, die uns zugefügt wurden, die Makel, die über unserem Leben ausgesprochen wurden, können wehtun und schmerzen. Doch an Mose wird deutlich: Die Verletzung trägt auch den Kern eines großartigen Retters in sich. Gott hat nämlich die Größe, sich für seine Rettungspläne die herauszugreifen, die offensichtlich einen Sprung in der Schüssel haben, die erniedrigt wurden, die sich zerrissen und unheil vorkommen. Die Heils- und Heilungsgeschichte Gottes kann aus dem „Aus-dem-Wasser-Gezogenen“ einen „Aus-dem-Wasser-Zieher“ machen!

DIE CHANCE DES ERSCHRECKENS

Irgendwann macht es bei dem jungen Mann Klick. Er erkennt: Ich bin zwar als Ägypter erzogen, aber von der Hautfarbe, vom Denken und vom Sein bin ich ein Hebräer! Er identifiziert sich schließlich mehr mit den Unterdrückten als mit den Unterdrückern. Auf einer Baustelle kommt es zum Knall. Sein Kindheitstrauma, sein Frust, seine Zerrissenheit brechen sich in einem unreifen Konfliktverhalten Bahn. Mose tickt aus. Er erschlägt einen Ägypter. Damit kegelt er sich auf zweifache Weise ins Abseits: Er verliert seinen Status als Adoptivsohn, und die, für die er glaubte zu kämpfen, entgegnen dem Rächer der Entrechteten: „Bist du unser Aufseher und Richter? Willst du mich jetzt auch umbringen wie gestern den Ägypter?“ (2. Mose 2,14)

Mose stürzt ab. In der Gunst der Ägypter und der Hebräer. Er wollte das Gute, doch heraus kam das Schlechte. Er erschrickt und er muss fliehen. Er rastet schließlich an einem Brunnen. Im Alten Orient der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Die Aus- und Reifungszeit bedeutet nicht, abzutauchen ins Abseits, sondern sich gerade in den Alltäglichkeiten, im Normalen neu zu bewähren. Jetzt gilt es, selber Wasser zu schöpfen, anderen das Wasser zu reichen. Dort im Vollzug des Alltags reift der Charakter nach. Hier am Brunnen tritt er wieder als Beschützer der Unterdrückten auf. Aber diesmal ganz anders. Nicht mehr sein Ego, sein Bedürfnis, seine unverarbeitete Geschichte steht im Vordergrund, sondern der andere, die anderen. Die Konfliktbewältigung geht diesmal ohne einen Toten vonstatten. Im Gegenteil: Mose fliegen die Herzen zu. Es scheint, als wäre Gott im Geheimen bereits dabei, Moses Wesen und Temperament für dessen Lebensaufgabe, die Befreiung seines Volkes aus der Sklaverei, vorzubereiten.

VOM HERAUSGEZOGENEN ZUM HERAUSZIEHER

Mose arbeitet an sich und lässt an sich arbeiten. In der Mitte und Hitze des Lebens reift er zum Retter. Der Spottname „Der aus dem Wasser Gezogene“ wandelt sich hin zum „Der andere aus dem Wasser zieht“. Gott verwandelt die Defizite in Stärken. Nun heißt es über ihn: „Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Mose wird ein anderer – nicht von heute auf morgen, sondern in 40 Jahren. In der Gestalt des Mose fordert Gott bis heute Männer heraus: Lass dich auf einen Umgestaltungs- und Erneuerungsprozess ein,denn irgendwo erschallt ein „Wehklagen“ (2. Mose 2,24) auf dieser Welt, in das Gott dich als seinen Helden senden möchte.

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