Lass dich nicht gehen!

Tobias Hambuch

 

Flavio Simonetti ist Fitness-Blogger. Sein Fokus liegt auf Gewicht, Bizepsgröße und Massephasen – manchmal regeneriert er auch. Doch zu viel Leerlauf kann er sich nicht erlauben, denn er ist auf neue Klicks angewiesen. Und das Streben nach Reichweite ist nicht sein einziger Kampf.

Ein recht unscheinbarer Raum. Darin eine gemütlich aussehende graue Couch, ein Tisch mit Sitzschalen-Stühlen. Ein paar Regale. Eine Büro-Ecke. Flipchart. Kartons. Und ein großes rotes Poster vor einer Sperrholzwand. Darauf prankt der Mann, der hier bis zu dreimal in der Woche ein neues Video dreht, und es dann bei YouTube mit seinen fast 250.000 Abonnenten teilt: Flavio Simonetti. Betritt er die Bildfläche, gibt es klare Ansagen zu hören wie »Achte auf deinen Körperfettanteil, dein Krafttraining und deine Ernährung – sie haben Auswirkungen auf deinen Testosteron-Wert!« oder „Diese Kohlenhydrate sind die besten Quellen für deinen Muskelaufbau!“ Manchmal ist auch Christian mit dabei. Der war sogar schon mal Deutscher Meister im Natural-Bodybuilding – also im Muskelmasseaufbau ohne Doping. Dann stehen zwei Typen vor der Kamera, deren Oberarme Eindruck hinterlassen und deren Shirts dem Platzen nahe scheinen. Und reden über Einfach- und Mehrfachzucker. Warum das alles? Und warum dreht sich hier eigentlich alles nur um den Körper? Wen bedient Flavio eigentlich?

Neue Formate, neue Follower?

„Die, die seit Jahren ins Fitnessstudio rennen. Die, die sich abquälen und irgendwann frustriert merken: Es hat sich nichts getan.“ Sie hat Flavio im Blick. Weil er ihnen Erfolgserlebnisse schenken will, die er am eigenen Körper erleben durfte. Er will ihr Motivator sein. Und das hat er zu seinem Geschäft gemacht. Der Deutsch-Italiener hat die Trainings-App „Coach Carter“ entwickelt, das Fitnessprogramm „Muskelakademie“ erarbeitet und eine eigene Bekleidungsmarke am Start: „Natural Athlet“. Gleichzeitig will er seine eigene Fitness auf einem hohen Level halten. Und hat mit zwei kleinen Kindern zudem ein prall gefülltes Familien-Leben. Sein Aufruf: »Hol das Beste aus dir raus.« Dazu will er niemanden zwingen. Aber für ihn steckt dahinter auch die biblische Aufforderung, den „Tempel des Heiligen Geistes“ zu pflegen und den eigenen Körper wertzuschätzen. Flavio ist Christ. Auf seinem Insta-Account ist vor allem anderen „God First“ zu lesen. Und doch sagt er: „Meine erste Frage ist: Wie kann ich für das Publikum attraktiv bleiben? Da kann ich nicht jedes Mal über Gott reden. Die Reichweite würde zusammenfallen. Ich will für die Welt interessant bleiben.“

Der „Retter der Dünnen“

Flavios Beruf ist ein Kampf um Klicks. Nur die sichern ihm und seinen Mitarbeitern eine stabile Finanzlage. Das macht auch Druck. „Da muss ich manchmal aufpassen, dass mich das nicht auffrisst. Ich kämpfe immer wieder mit mir selbst und frage mich: Ist dieses Format noch interessant? Was kann ich neu machen? Wie bleibe ich authentisch? Und wenn du dann was startest, über das du dir lang Gedanken gemacht hast, und es trotzdem nicht ankommt, ist das total frustrierend. Dann sehne ich mich manchmal danach, Zahnarzt zu sein und immer wieder den gleichen Prozess wiederholen zu können.“
Für mehr Reichweite polarisiert der Blogger auch gerne. Er nennt sich „Retter der Dünnen“ oder startet eine „Lauch-Challenge“ mit Jungs, die mehr Muskeln haben wollen. Natürlich kommt da auch Kritik ins Haus. Wie er als Christ einen so starken Fokus auf den Körper legen könne?

Weniger Körperkult, mehr Selbstannahme

Flavio setzt zwar provokante Titel, aber entscheidend ist für ihn, dass er jeden einzelnen Teilnehmer seiner Programme wertschätzt, geduldig begleitet und motiviert. Einst ging er als Jugendlicher selbst ins Fitnessstudio, um sich besser zu fühlen. Stärker. Entschlossener. Geliebter. „Zwischen 15 und 24 Jahren war ich auf der Suche. Ich wollte herausfinden, was ich überhaupt kann. Frauen, Geld und Fitness dominierten mein Leben.“ Deshalb versteht er die Leute, die Sport und Muskeln gebrauchen, um sich Selbstvertrauen zu holen. „Auch ich habe damals nicht an mich geglaubt und wusste nicht, wer ich bin. Ich kenne die große Challenge, zu trainieren, ohne mich darüber zu definieren. Das ist ein Kampf. Ich will Gott an die erste Stelle setzen. Nur bei ihm finde ich wirklich Identität.“

Berufen

Jungen Menschen zuzusprechen, dass sie aus einem Grund hier sind und nicht einfach so vor sich hin leben sollten – das sieht Flavio als Teil seiner Berufung an. Und er erreicht diese Menschen auf seine eigene Art und Weise. Dahinter steckt seine Geschichte. Flavio hätte den Begriff „Berufung“ lange nicht in den Mund genommen, lenkte sich ab, wurde immer unzufriedener, fühlte sich leer. Mit 24 Jahren nahm er an einem illegalen Autorennen teil, das frontal vor einem Baum endete. Ein vorbeifahrender Autofahrer war sich sicher: Der ist tot! Doch Flavio lebte und wusste: Es muss sich was ändern. In der Rückschau meint er: „Ich brauchte diese Neujustierung. Da war die bohrende Frage, auf die ich endlich eine Antwort finden wollte: Was will ich wirklich? Ich habe plötzlich gespürt, dass Gott mein Leben lenkt und ich nicht mehr an ihm vorbeileben will. Bislang hatte ich alles auf eigene Faust erkundet und war damit nicht weit gekommen.“ Dieser biographische Wendepunkt scheint kaum übertragbar. Wie können dann andere Menschen ihre Berufung finden? Flavio macht klar: „Auch ich bin immer wieder auf der Suche, muss prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, brauche Leute, die mir ins Leben reinreden.“ Er gibt den Tipp: Manchmal sind wir viel zu abgelenkt und brauchen einfach mal Ruhe, Zeiten fern vom Handy, fern vom Unterhalten-Werden, offline. Um dort die eigene Kreativität und Leidenschaft zu entdecken. Zu erkennen, wie man tickt. „Dann besteht auch eine geringere Gefahr, nur von anderen zu kopieren.“ Aber kann Berufung nicht auch manchmal wie eine verheißungsvolle Illusion wirken? Flavio hat genug Rückschläge erlebt und meint: „Gott kann auch da wirken und uns schleifen, wo wir uns im Beruf gerade durchschleppen und keinen Spaß haben.“

Der Bequemlichkeit den Kampf ansagen

Vor einigen Tagen ist er aus Italien zurückgekehrt. Pizza, Pasta und Eis standen auf der Speisekarte, Flavio hat ganze sechs Wochen nicht trainiert. Mit schlechtem Gewissen? „Nein, im Urlaub habe ich das Ziel, zu genießen. Tief im Innern könnte ich jetzt auch ohne Training weiterleben. Aber jetzt beginnt wieder der Kampf mit mir selbst. Ich merke, dass ich nicht auf jedes meiner Gefühle hören sollte. Denn ich habe auch oft keine Lust auf Beten oder keinen Bock auf Bibellesen. Aber davon will ich mich nicht leiten lassen.“
Heute schauen tausende Menschen seine Videos an. Und Flavio will ihnen die Bereitschaft vermitteln, an sich zu arbeiten – „an den Dingen, die andere davon abhalten, dich als Vorbild zu sehen. Am Ende geht es nicht darum, gut dazustehen, sondern deine Talente wachzurufen und dadurch auf Gott zu zeigen, der sie dir gegeben hat.“ Flavio wünscht sich Menschen, die über sich hinauswachsen. Und das muss überhaupt nichts mit dem eigenen Körper zu tun haben. „Auch eine schüchterne Person, die vor einer großen Gruppe von Leuten redet, wächst über sich hinaus.“

 

 

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Vom Problemkind zum Retter

Rüdiger Jope

Mose und die Wandlung in seinem Leben

Bei biografischen Filmen fiebere ich manchmal noch bis zum Abspann im Kinosessel mit den Helden mit. In 4. Mose 12,3 blendet uns die Bibel auch eine letzte Szene ein. Dort werden Mose heftige Vorwürfe gemacht. Und wie reagiert er? „Mose schwieg dazu. Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Wow, was für eine charakterliche Veränderung im Gegensatz zu seiner impulsiven Tat etwa vierzig Jahrefrüher …

ZWISCHEN TATORT UND ROSAMUNDE PILCHER

Mose – was war das für ein Mensch? Was steckte hinter dem geistlichen Leiter, dem Mann Gottes, dem willensstarken Menschen, dem Siegertypen? Moses Leben steht bereits kurz nach dem Start vor dem Absturz (2. Mose 2 ff.). Zu den Wildgänsen in der Turbine seines Lebens wird der Befehl des Pharaos: Bringt alle Jungen um! Die Mutter hält den Jungen vermutlich im Verbund mit den Hebammen versteckt. Doch irgendwann lässt sich das Plappern, Krabbeln und Leben dieses lebendigen Kerls nicht mehr verbergen. Der Mutter wird es zu heiß. „Lieber Ehemann, wir müssen eine Lösung finden.“ Die Reaktion des Vaters? Fehlanzeige! In der Präsentation des Stammbaumes in Kapitel 1 sind die Männer noch dicke da, aber wenn es schwierig wird, dann heißt es damals wie heute: Kümmere du dich um die Plagen, ich gehe Pyramiden bauen. Der Mann ist abwesend. Die Mutter muss die unbequeme Entscheidung allein

treffen. Zur Babyklappe wird ein Korb aus Schilfrohr. Dieser wird im Nil abgesetzt. Der Mutter zerreißt es das Herz. Sie kann das Elend nicht mit ansehen und lässt die Schwester als Babysitterin da … Zufällig ist es ein heißer Tag. Die Königstochter hat Lust auf eine Abkühlung. Im Schilf entdeckt sie die seltsame Brüllkiste. Ihre Dienerinnen machen sich nass. Das Körbchen wird geöffnet. Der weinende, nach Luft ringende Säugling lässt in der gelangweilten Prinzessin einen Funken von Menschlichkeit aufglimmen: „Ach, wie süß!“ In einer Art sozialromantischen Anwandlung oder einem spätpubertären Anfall „Jetzt-zeige-

ich-dem-alten-Herrn-im-Palast-mal, dass-ich-anders-bin!“, lässt sie das Ausländerkind am Leben. Sie adoptiert ihn. Die Windelwechselzeit, die schlaflosen Nächte etc. delegiert sie an die zufällig vorbeilaufende Schwester des Mose. Moses Lebensstart hat von allem etwas: Tatort und Rosamunde Pilcher. Ungewollt! Vaterlos! Versteckt! Ausgesetzt! Todesangst! Am Absaufen! Nach Luft schnappend! Jeder im Palast sah sofort: Das ist kein Kind der Königin. Das ist ein Adoptivkind! Noch dazu ein ausländisches.

DAS TRAUMA BEKOMMT EINEN NAMEN

Moses Start ins Leben würde man heute als frühkindliches Traumata bezeichnen. Augenfällig wird das Trauma besonders im Namen: Das Kind hat keinen, zumindest ist er uns nicht überliefert. Als das Kind aus dem Gröbsten raus ist und von seiner Mutter im Palast abgeliefert wird, bekommt er einen ägyptischen Namen verpasst: Mose – der aus dem Wasser Gezogene (2. Mose 2,10). Was für ein Makel! Mose war sicher alles andere als begeistert, wenn es hieß: „Aus-dem-Wasser-gezogen – bitte reinkommen zum Essen“ oder „Vor an die Tafel“. Der Name ist ein Makel. Das ist kein Adels- und Schönheitsprädikat. Mit diesem Namen wird der Junge jedes Mal an seine ungewollte Herkunft erinnert. Dieser Name prägt Moses Sein. Ja, die inneren Wunden, die uns zugefügt wurden, die Makel, die über unserem Leben ausgesprochen wurden, können wehtun und schmerzen. Doch an Mose wird deutlich: Die Verletzung trägt auch den Kern eines großartigen Retters in sich. Gott hat nämlich die Größe, sich für seine Rettungspläne die herauszugreifen, die offensichtlich einen Sprung in der Schüssel haben, die erniedrigt wurden, die sich zerrissen und unheil vorkommen. Die Heils- und Heilungsgeschichte Gottes kann aus dem „Aus-dem-Wasser-Gezogenen“ einen „Aus-dem-Wasser-Zieher“ machen!

DIE CHANCE DES ERSCHRECKENS

Irgendwann macht es bei dem jungen Mann Klick. Er erkennt: Ich bin zwar als Ägypter erzogen, aber von der Hautfarbe, vom Denken und vom Sein bin ich ein Hebräer! Er identifiziert sich schließlich mehr mit den Unterdrückten als mit den Unterdrückern. Auf einer Baustelle kommt es zum Knall. Sein Kindheitstrauma, sein Frust, seine Zerrissenheit brechen sich in einem unreifen Konfliktverhalten Bahn. Mose tickt aus. Er erschlägt einen Ägypter. Damit kegelt er sich auf zweifache Weise ins Abseits: Er verliert seinen Status als Adoptivsohn, und die, für die er glaubte zu kämpfen, entgegnen dem Rächer der Entrechteten: „Bist du unser Aufseher und Richter? Willst du mich jetzt auch umbringen wie gestern den Ägypter?“ (2. Mose 2,14)

Mose stürzt ab. In der Gunst der Ägypter und der Hebräer. Er wollte das Gute, doch heraus kam das Schlechte. Er erschrickt und er muss fliehen. Er rastet schließlich an einem Brunnen. Im Alten Orient der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Die Aus- und Reifungszeit bedeutet nicht, abzutauchen ins Abseits, sondern sich gerade in den Alltäglichkeiten, im Normalen neu zu bewähren. Jetzt gilt es, selber Wasser zu schöpfen, anderen das Wasser zu reichen. Dort im Vollzug des Alltags reift der Charakter nach. Hier am Brunnen tritt er wieder als Beschützer der Unterdrückten auf. Aber diesmal ganz anders. Nicht mehr sein Ego, sein Bedürfnis, seine unverarbeitete Geschichte steht im Vordergrund, sondern der andere, die anderen. Die Konfliktbewältigung geht diesmal ohne einen Toten vonstatten. Im Gegenteil: Mose fliegen die Herzen zu. Es scheint, als wäre Gott im Geheimen bereits dabei, Moses Wesen und Temperament für dessen Lebensaufgabe, die Befreiung seines Volkes aus der Sklaverei, vorzubereiten.

VOM HERAUSGEZOGENEN ZUM HERAUSZIEHER

Mose arbeitet an sich und lässt an sich arbeiten. In der Mitte und Hitze des Lebens reift er zum Retter. Der Spottname „Der aus dem Wasser Gezogene“ wandelt sich hin zum „Der andere aus dem Wasser zieht“. Gott verwandelt die Defizite in Stärken. Nun heißt es über ihn: „Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Mose wird ein anderer – nicht von heute auf morgen, sondern in 40 Jahren. In der Gestalt des Mose fordert Gott bis heute Männer heraus: Lass dich auf einen Umgestaltungs- und Erneuerungsprozess ein,denn irgendwo erschallt ein „Wehklagen“ (2. Mose 2,24) auf dieser Welt, in das Gott dich als seinen Helden senden möchte.

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Esther, die Königin

Esther Häde

Geschichten rund um Namen sind spannend. Letztens bat mich ein kleiner Junge: „Esther, komm mal.“ Brav ging ich zu dem Jungen hin und er flüsterte mir einen Namen ins Ohr.  Einen Namen für den Fall, dass mein Mann und ich irgendwann mal einen Sohn bekommen sollten. Dieser Moment war sehr rührend. Ob er sich lange darüber Gedanken gemacht hatte oder ob es eine spontane Eingebung war, ich weiß es nicht. Von meinen Eltern weiß ich, dass sie sich schon lange bevor ich das Licht der Welt erblickte, Gedanken über einen passenden Namen für mich gemacht haben. Nur passte er letztendlich doch nicht mehr so gut.

Nachdem die Ärztin einige Blicke auf das Ultraschallbild geworfen hatte, stand für sie und meine Eltern fest: Es wird ein Junge! Aufgrund der damaligen Faktenlage beschlossen meine Eltern, ihren Sohn Volker zu nennen. Kurz vor meiner Geburt stellte sich heraus, dass ein anderer Name hermusste. Kein Junge, sondern ein Mädchen kündigte sich an. Meine überraschten Eltern beschlossen kurzerhand ihre zweite Tochter Esther zu nennen. Als meine Mutter später mit ihrem Onkel telefonierte und meinen Namen bekannt gab, waren seine Worte: Eine Königin…

Tatsächlich war meine Namensträgerin aus der Bibel eine Königin: Eine hübsche, mutige und gottesfürchtige Frau. Als König Ahasveros auf der Suche nach einer neuen Frau und Königin war, trat Esther eines Tages vor ihn und erwarb sich seine Gunst. In der Bibel wird berichtet, dass der König sie mehr liebte als alle anderen Frauen.

So weit so märchenhaft. Doch Esther hütete ein Geheimnis – sie war Jüdin. Ihr Onkel Mordechai, der sie nach dem Tod ihrer Eltern in sein Haus genommen und sie wie seine eigene Tochter aufgezogen hatte, hatte ihr befohlen, über ihre Herkunft zu schweigen. Als der Palastbeamte Haman mit Erlaubnis des Königs beschloss, das Volk der Juden zu vernichten und Mordechai davon erfuhr, bat er Esther um Hilfe. Besonnen und voller Zuversicht trat sie beim König für die Juden ein und rettete mit Gottes Hilfe ihr Volk.

Das Leben mit Gott steckt voller Überraschungen und spannender Wendungen – das zeigt die Geschichte der Königin Esther unmissverständlich. Mich begeistert, dass diese Geschichte zeigt, wie Gott auch in unserem Leben wirkt. Oft können wir den Sinn von etwas nicht direkt erkennen oder denken, dass eine Situation ausweglos ist: Dabei hat Gott einen perfekten Überblick über das Geschehen und als unser Schöpfer und Herr weiß er, wie er unser Leben zum Guten führt.

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Jonathan, ein Geschenk Gottes

Jonathan Bauer

Jonathan. Dieser Name ist meinen Verwandten und Freunden wohl etwas zu lang. Deshalb überrascht es vielleicht auch nicht, wenn ich von ihnen kaum so genannt werde. Denn für einen so langen Namen haben sich diese eine ebenso lange Liste an Spitznamen überlegt: Joni, Jonny, Johny, John sind da nur ein kleiner Vorgeschmack auf die ganze Bandbreite. Wenn ich als Kind doch mal bei meinem vollen Namen genannt wurde, dann häufig von meinen Eltern – und auch nicht selten nur aus dem folgenen Grund: Ich hatte mal wieder etwas angestellt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich mag meinen Namen. Er ist eine Ableitung aus dem Hebräischen: Jeho-nathan. „Jeho“ ist eine Kurzform des Namens Jahwe, mit dem sich Gott im Alten Testament immer wieder dem Volk Israels vorstellt. „Nathan“ bedeutet „hat gegeben“. Jonathan bedeutet dann also: „Jahwe hat gegeben“ oder „Geschenk Jahwes“. Ich bin ein Geschenk. Daran erinnert mich mein Name immer wieder. Aber für wen war ich ein Geschenk? Für meine Eltern? Meine Freunde? Meine Mitmenschen?

Auch die Bibel kennt einen Menschen mit dem Namen Jonathan, der ein Geschenk für einen besonderen Mann war: David, als dieser noch nicht König von Israel war. Jonathan war der Sohn des Königs Saul. Zwischen Jonathan und David entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Denn Jonathan rettete David mehrmals vor seinem Vater, der David aus Eifersucht und Angst um sein Königreich umbringen wollte. Als Jonathan schließlich bei einer Schlacht gegen die Philister starb, weinte David sehr um seinen verlorenen Freund, weil er ihn so sehr geliebt hatte. Eine krasse Geschichte. Jonathan war ein wirklich großes Geschenk für David. Ohne ihn wäre David wohl nie König geworden. Und doch zeigt es mir, dass auch ich ein Geschenk sein kann für meine Mitmenschen. Vielleicht nicht unbedingt, indem ich sie vor dem Tod rette, aber indem ich ihnen mit Liebe und Akzeptanz im Lichte Jesu gegenübertrete. Jeder Mensch ist ein Geschenk, auf einzigartige Weise erschaffen. Mein Name erinnert mich daran. Jeden Tag. Lasst uns ein Geschenk sein – für unsere Familienmitglieder, Freunde und alle anderen Menschen.

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Andreas, der Abschlepper

Andreas Klotz

Als Kind habe ich mich „selbstverständlich“ für meinen Namen interessiert und mir gewünscht, dass damit ein besonderer Sinn oder eine außergewöhnliche Persönlichkeit verbunden wäre. Durch Nachfrage bei meinen Eltern und Namensgebern konnte ich in Erfahrung bringen, dass sie diesen Namen einfach nur schön gefunden haben, dass die Bedeutung von Andreas „der Männliche“ wäre und dass auch in der Bibel ein Andreas vorkommt.

Die Beschäftigung mit diesem Namensvetter im Jüngerteam von Jesus führte für meinen damaligen Geschmack aber zu einem enttäuschenden Ergebnis: Andreas wird kaum erwähnt und steht im Schatten seines deutlich berühmteren Bruders Simon Petrus (Markus 1, 16).

Erst später habe ich in den wenigen biblischen Notizen zu Andreas etwas entdeckt, das für mich ein wichtiger Impuls geworden ist: Andreas war gerne behilflich, wenn Menschen zu Jesus wollten. Er war aber nicht nur unterstützend tätig (Johannes 12, 22), sondern als Abschlepper hat er Menschen auch proaktiv eingeladen. Ein Beispiel dafür ist, wie er seinen leiblichen Bruder Simon zu Jesus führte (Johannes 1, 41-42). Einen wichtigeren Dienst können wir anderen Menschen, auch den direkten Familienangehörigen, nicht tun.

Selbst wenn sein Bruder Simon der einzige Mensch gewesen sein sollte, den Andreas für Jesus gewonnen hat, dann war das eine große Sache. Denn Simon wurde zu einer Schlüsselperson, die anschließend als Apostel Petrus eine bewegte und wirkungsvolle Segensgeschichte entfalten sollte. So kann ein einziger missionarischer Vermittlungsdienst eine großartige Kettenreaktion zur Folge haben. Das finde ich sehr verheißungsvoll.

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Rahel, die Wertvolle

Rahel Täubert

„Wie heißt du…?“ Diesen Satz höre ich seit meiner Kindheit immer wieder. „Karin?“ „RaCHel“? „Ra-eeel?“ „Räischtel?“. Es wird normal, das Buchstabieren. „R-A-H-E-L. Ohne C.“ Ein seltener Name. In der Schule hieß keiner so.

„Woher kommt der Name? Aus der Bibel?“ Hundert Punkte, wenn das einer weiß! In der Schweiz ist der Name verbreiteter. Ja, meine Mutter kommt aus der Schweiz, und mein Vater ist Pastor … Dass er in Deutschland so selten geworden ist, hat viel mit der Vertreibung und Ermordung der deutschen Juden zu tun. Ein tragischer Aspekt meines Namens.

„Bist du Jüdin? Oder irgendwie religiös?“ Solche Fragen sind oft ein Türöffner, um über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Vorsichtig, denn in meiner Berufswelt gibt es kaum bekennende Christen.

Auch Kinder können mit dem Namen oft nichts verbinden. „RA- HELL – wie ein heller Rabe!“, sage ich dann. Als Eselsbrücke. Das hilft. Meistens. Aber wenn man sich den Namen erst einmal gemerkt hat, vergisst man ihn nicht mehr. Und man weiß sofort, wen man damit verbinden muss. Sabine, Susanne, Tanja – davon gibt es viele. Man braucht zusätzliche Attribute, um sie auseinander zu halten. „Die Susanne mit den kurzen braunen Haaren.“ Eins zu null für mich.

Die Bibel berichtet von Rahel, der schönen Aramäerin, für die Jakob sieben Jahre arbeiten musste. Am Ende wurde er betrogen. Sein Schwiegervater Laban schmuggelte ihm in der Hochzeitsnacht die ältere Schwester Lea unter. Um doch noch Rahel zur Frau zu bekommen, musste Jakob weitere sieben Jahre schuften. Jakob, der Betrüger, wurde selbst betrogen. (1. Mose 29)

„Das (Mutter)schaf“ bedeutet der Name im Hebräischen. Man kann ihn auch mit „Das Wertvollste der Familie“ übersetzen. Unser Name macht etwas mit uns. Weil wir ihn täglich hören. Es hat Einfluss auf unsere Entwicklung, ob wir ihn lieben oder nicht. Was er bedeutet, wie man ihn ausspricht, wie er klingt.

Die Schreibweise meines Namens in unterschiedlichen Sprachen habe ich vor Jahren im Deutschen Bibelmuseum erforscht. Ich habe entdeckt: Mein Name ist international. Das ist ein großer Vorteil, wenn ich reise. Englisch: Rachel. Italienisch: Rachele. Französisch: Rachél. Spanisch: Raquel. Arabisch/Persisch: Rahil.

Spitznamen oder Abkürzungen gibt ‚s für mich übrigens nicht. Gab es noch nie. Gut so. Ich fühle mich geehrt, einen außergewöhnlichen Namen zu tragen. Dass ich ihn immer wieder erklären muss, daran habe ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt. Irgendwie.

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David, der Geliebte

David Neufeld

Ich bin ein Trendsetter: „Der Name David wurde seit 1970 immer häufiger vergeben“, las ich irgendwo. Tatsächlich wurde ich 1970 geboren. Er „gehörte aber bisher erst einmal, im Jahr 2004, zu den zehn beliebtesten Jungennamen in Deutschland.“ Also doch nicht …

David also. Mein Vater war Prediger, und dass alle fünf Söhne meiner Eltern biblische Namen tragen, ist ganz bestimmt kein Zufall: Emanuel, Andreas, David, Johannes und Markus. Sehnsüchtig haben meine Eltern auf ein Töchterlein gehofft, aber das ist eine andere Geschichte.

Weil mein Name nicht ganz so verbreitet ist, zucke ich immer noch leicht zusammen, wenn eine Mutter im Supermarkt streng ihren „David“ ruft. Einen biblischen Namen zu tragen, in Verbindung gebracht zu werden mit dem legendären Hirten und König, dem Kämpfer und Dichter aus dem Alten Testament, habe ich eigentlich immer als positiv erlebt.

Es war mir eher Ansporn und Ermutigung, als dass es mich genervt hätte. So wie David möchte ich gerne sein – und bin fasziniert von der Bandbreite seiner Persönlichkeit: Lieder schreiben und vor Gott tanzen, mutig kämpfen, leidenschaftlich leben – mit den Schattenseiten, die das eben auch mit sich bringt. Ich bin froh, wie ehrlich diese Vielschichtigkeit in der Bibel zum Ausdruck kommt.

Was mich am stärksten anspricht und mir Mut macht, ist vielleicht dies: Wie König David darf ich mich Gott mit allem anvertrauen. Ich bin gerade in diesen Monaten dabei, die Bibel mal wieder ganz am Stück zu lesen. Vieles ist mir dabei neu aufgefallen, hatte ich nie zuvor wahrgenommen oder längst vergessen. Oder früher ganz anders aufgenommen. Nun stecke ich bei den Psalmen und ich bin froh, dass ich nicht mehr auf Tempo lese, sondern mir endlich die Zeit nehme, um manche Verse oder ganze Psalmen wieder und wieder zu lesen. Mir auf der Zunge zergehen zu lassen. Klar, die sind nicht alle von David, aber in seinen Zeilen wird seine Vertrauensbeziehung zu seinem Gott deutlich. Wie er sich Gott zumutet mit seinem Lob, erfüllt von Dankbarkeit. Wie er Gott genauso seine Furcht bringt, Verzweiflung und sogar seinen Hass. Verdichtete Lebens- und Glaubenserfahrung. Darin kann ich eintauchen. Und mir manches Wort zu Eigen machen.

David bedeutet „der Geliebte“, „Liebling Gottes“. Gibt es einen schöneren „Schirm“, um darunter aufzuwachsen? Ich bin Gott dankbar, dass ich vor wenigen Jahren nochmal ganz deutlich erfahren durfte, dass ich von ihm gemeint und geliebt bin. Hinter diese Erfahrung möchte ich nicht mehr zurück.

Und so bin ich meinen Eltern also dankbar für die „Empfehlung“, für die Wegweisung, die sie mir durch die Wahl meines Namens mit auf den Weg gegeben haben. Das habt Ihr gut gemacht!

 

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Maria, die Widerspenstige

Maria Lang

Ich wurde nach meiner Großmutter benannt, die eine wichtige Bezugsperson für mich war. Gemeinsam feierten wir am 12. September unseren Namenstag. Allerdings wurde mir sehr bald bewusst, dass mein Name unglaublich altmodisch war. In der Schule wurde ich oft mit „heilige Maria“ gehänselt. Die Bandbreite meiner Spitznamen war schier unglaublich. „Mitzi“, „Miezi“ und „Miaz“ fand ich am Schrecklichsten. Gleich danach kam „Mariah“, wie mich mein Englischlehrer nannte. „Marilli“ rief mich meine Tante liebevoll, was für mich aber eher nach „Marille“ (= Aprikose auf österreichisch) klang.

Ich muss zugeben, dass ich mir während meiner Kindheit und Jugendzeit einen anderen Namen wünschte, einen besonderen. Warum konnte ich nicht so wie die anderen Jacqueline, Yvonne oder Silke heißen? Wenn schon ein biblischer Name, dann hätte ich Judith oder Esther vorgezogen. Das waren wenigstens mutige, starke Frauen. Von Maria hatte ich die Vorstellung, sie sei ein kleinlautes, angepasstes Mauerblümchen, das zu allem „Ja“ sagte. Die Bedeutung „die Widerspenstige“ war mir unerklärlich. Wogegen hatte sie sich denn aufgelehnt? Nett und fromm war sie und das wollte ich als Jugendliche definitiv NICHT sein. Ich war eine Rebellin und forderte das Leben ordentlich heraus. Meine Abenteuerlust führte mich rund um den halben Globus und fast überall begegnete mir „Mary“ in religiösem Kontext. Kirchen waren nach ihr benannt. Sonst gab’s für mich nichts Spannendes zu entdecken.

Ich lernte, mit diesem Namen zu leben, ohne besonders stolz darauf zu sein. Witzig war manchmal, dass ich als „Maria Lang“ auf meine Schriftstellertätigkeit angesprochen wurde. Schließlich gibt es eine schwedische Krimiautorin mit diesem Namen, wobei ich eindeutig die Unbekanntere von uns beiden bin.

Eine deutliche Veränderung hat meine Israelreise gebracht, die ich vor kurzem unternahm. Viele Menschen, die ich kennenlernte, äußerten sich sehr positiv über meinen Namen. „Zufällig“ entdeckte ich in Jerusalem den Geburtsort Marias ganz in der Nähe des Löwentors. Als mir dann noch ganz praktisch bewusst wurde, wie weit Nazareth von Betlehem entfernt liegt und dass Maria den etwa 14-tägigen Fußmarsch hochschwanger zurückgelegt hat, stieg meine Achtung deutlich. Von wegen Mauerblümchen; diese Frau stand mit beiden Beinen im Leben! Bald darauf die Flucht nach Ägypten. Keine Sache für schwache Nerven …

„Shalom, Maria, du bist voll der Gnade …“ langsam begreife ich, dass dieser Name tatsächlich ein ganz Besonderer ist. Seine Bedeutung „die Widerspenstige“ könnte man auslegen als: „Die, die sich nicht unterkriegen lässt.“ So eine Person war Maria ganz sicher. Ich bin dankbar, so heißen zu dürfen.

Und noch etwas: Meine Oma ist vor kurzem gestorben. Im dankbaren Andenken an sie trage ich „unseren“ Namen nun mit ganz besonderer Freude.

 

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Judith, die Bekennerin

Judith Herm

„Judith“ kann man auch einfach mit „Frau aus Judäa“ übersetzen. Dass mein Name biblisch ist, scheint nicht überraschend, wenn man diese Bedeutung kennt. Mir war diese Herkunft allerdings einige Jahre nicht bewusst. Meine Eltern hatten den Namen gewählt, weil sie ihn schön fanden. Und da ich in einer evangelischen Freikirche aufwuchs, brauchte es meine katholische Oma, die mir als Kind erklärte: „Judit ist ein Buch in den Apokryphen.“

Das fand ich spannend! Ein eigenes Buch in der (katholischen) Bibel, das meinen Namen trug! Die Geschichte, die dort von meiner Namenspatin erzählt wird, gefiel mir zunächst allerdings weniger. Eine Frau, die dem Feldherrn Holofernes den Kopf abschlägt? Hätte es nicht etwas Netteres sein können? Nach und nach freundete ich mich jedoch mit der Geschichte an und erzählte sie sogar gerne, wenn man auf meinen Namen zu sprechen kam. Langweilig war sie wenigstens nicht – manchmal konnte man damit sogar ein bisschen schocken.

Viele andere Judiths kannte ich nicht in meinem Alter, wenn überhaupt las oder hörte ich von erwachsenen Frauen mit diesem Namen. Ich weiß noch, wie in unserer Lokalzeitung über die Autorin Judith Hermann berichtet wurde und ich mir einen Spaß daraus machte, die Überschrift auszuschneiden, den letzten Teil des Nachnamens entfernte und stolz meiner Grundschullehrerin den Artikel zeigte – sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es dort gar nicht um mich ging.

Eine weitere berühmte Judith begegnete mir später im Radio: Judith Holofernes, die Sängerin der Band „Wir sind Helden“. Diese Kombination aus Vor- und Nachnamen irritierte mich ziemlich. Wieso wollte jemand in seinem Namen Mörderin und Opfer vereinen? Lange zweifelte ich sowohl an der Allgemeinbildung als auch am Geschmack der Eltern dieser Frau – bis ich herausfand, dass „Holofernes“ ein Künstlername ist. Welche Botschaft die Sängerin damit vermitteln will, ist mir allerdings bis heute unklar – hoffentlich nicht, dass sie für ihre Musik über Leichen geht.

Da ich kaum andere Judiths in meinem Alter kannte, erschien mir der Name oft altmodisch und brav. Das verstärkte sich, als amerikanische Freunde mich darüber aufklärten, dass bei ihnen Judith ein typischer Großmutter-Name sei. Na toll! Die fanden auch die deutsche Aussprache des Namens belustigend, klang es für sie doch wie „you did“ (du machtest). Von anderen hörte ich das Wortspiel: „Judith, you did it, and you did it jut.“ (Judith, du machtest es, und du machtest es gut.) Nun gut.

Mittlerweile habe ich mich mit meinem Namen gut angefreundet. Die kopflose Geschichte dahinter kennen allerdings immer noch nicht viele in meiner Generation. Da habe ich noch einige Aufklärungsarbeit zu leisten – hoffentlich mit ein paar erheiternden Schockmomenten.

 

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Samuel, von Gott erhört

Samuel Moser

Samuel Moser konnte als Kind wenig mit seinem biblischen Namen anfangen. Das hat sich gründlich geändert.

 

Als meine Mutter mich zur Welt brachte, war sie bereits 32 Jahre alt. Bedingt durch einen schweren Unfall in der frühen Kindheit, war sie körperlich behindert. Weil sie so lange warten mussten, haben meine Eltern den Namen ihres Ältesten bewusst ausgewählt, und zwar in Anlehnung an die alttestamentliche Geschichte der Hanna. Diese bat Gott lange um ein Kind – und nannte ihren Erstgeborenen dann Samuel, „Ich bin von Gott erhört“. Für meine Eltern war ich offensichtlich ebenfalls ein vom Herrn Erbetener. Ob damit auch ein Gelübde, wie bei Hanna, verbunden war, weiß ich nicht.

Seit mehr als 80 Jahren lebe ich nun mit meinem Vornamen Samuel – und bejahe ihn zunehmend. Im Berner-Land, in dem ich aufwuchs, nannte man mich schon früh Sämi, auch meine Mutter rief mich bei diesem Namen. Ich hatte meine Mühe damit, denn das war auch ein häufiger Name für Berner Sennen-Hunde. Ansonsten war der Name Samuel damals eher selten; ich kann mich nicht erinnern, dass in den Schulen, die ich besuchte, außer mir noch jemand Samuel hieß. Auch stand ich immer unter dem Eindruck, der biblische Name würde mich zum „Frömmler“ stempeln. Wenn ich gelegentlich auf die mächtige Gestalt des biblischen Samuel angesprochen wurde, war mir das unangenehm. Diese Schuhe waren viel zu groß für mich.

Als ich meine Gattin Eve, mit der ich nun mehr als 56 Jahre verheiratet bin, kennenlernte, nannte sie mich schlicht Sam. Das gefiel mir. Eve und Sam, das passte. Von jetzt an stellte ich mich meist mit diesem Vornamen vor und wurde hinfort auch so angesprochen. In der Schweiz kennt man mich bis heute meist unter diesem Namen. Als ich vermehrt mit ausländischen Freunden zu tun hatte, nannten sie mich fast ausnahmslos Samuel. Auch meine Bücher und Beiträge in Zeitschriften erschienen unter diesem Namen. Und ich begann, mich damit anzufreunden. Wie beim Wein, das Alter macht milder. Heute ist mir der Name Samuel kostbar – nicht zuletzt wegen seiner biblischen Hintergrundgeschichte.

 

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