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Sich vorwärts beten

Wie Beten den Beter verändert

Ulrich Wendel

MIT GEPÄCK ZUR BURG …

Ein gewundener Waldweg. Ich gehe bergauf und genieße die Natur. Wichtiger aber noch ist mir das Alleinsein und die Stille. Gestartet bin ich in einem geistlichen Einkehrhaus in Hessen, in dem ich für 24 Stunden mein Quartier aufgeschlagen habe. Der Rhythmus von Alleinsein, liturgischem Tageszeitengebet mit anderen, Spaziergängen und Gebet in der hauseigenen Kirche prägt

diese Zeit. Für meinen Spaziergang habe ich zwei Ziele. Zum einen möchte ich die nahe gelegene Burg Greifenstein erreichen, die ich sonst meist nur von der Autobahn aus entfernt liegen sehe. Zum anderen will ich eine Sorge mit Gott durchsprechen. In meiner Gemeinde stehen Wahlen zur Leitung bevor. Ich weiß nicht, wie sie ausgehen werden, und habe verschiedene Szenarien durchgespielt. Eine bestimmte Personenkonstellation erscheint mir gar nicht unwahrscheinlich – aber ich kann mir momentan nicht vorstellen, wie wir konstruktiv zusammenarbeiten würden. Ich befürchte, dass wir unterschiedliche Prioritäten bei der nötigen Erneuerung der Gemeinde haben könnten. All das habe ich im Gepäck auf meinem Weg hinauf zur Burg. Was soll ich beten? Dass Gott den Ausgang der Wahl steuert? Dass manche Personen sich nicht zur Verfügung stellen? Ich bete besonders für einen bestimmten Menschen – und für mich selbst: wie ich ihn sehe und ob meine Sicht wirklich die richtige ist. Vor allem ist eine meiner Gebetsrichtungen: Wenn es denn so kommt, dass ich mit diesem Menschen zusammenarbeiten werde, dann soll es ein unbelasteter Anfang sein. Ich möchte meine Sorgen und Vorbehalte nicht in diese Zusammenarbeit hineintragen. Nach einer Kurve tauchen die beiden markanten Türme der Burg auf, deren Anblick ich schon gespannt erwartet habe. Ich freue mich daran, die Burg zu betreten und ein wenig zu erkunden. Dann folgt der Rückweg zu meinem Einkehrhaus. Und auf einmal spüre ich, dass ich „durch“ bin mit meiner Sorge: Sie liegt hinter mir, ich habe sie unterwegs verloren. Ich kann Gott zutrauen, dass er die Arbeit in meiner Gemeinde weiter fördert und voranbringt – egal in welcher Personenkonstellation. Ganz klar: Mein Gebet hat nicht den Menschen verändert, über den ich mir Sorgen gemacht habe, sondern es hat mich selbst verändert.

 

DER FUßBALLER UND DER BISCHOF

Im Sommer 2014 wurde ein Wort populär, das vorher kaum zum Alltagswortschatz gehörte: die Eistonne. Das Achtelfinalspiel der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien verlief ziemlich schwach. Letztendlich gewannen die Deutschen gegen Algerien zwar nach Verlängerung, aber es war eine Zitterpartie – und Algerien ist nicht gerade als Fußballnation bekannt. Unmittelbar nach dem Spiel wurde der Innenverteidiger Per Mertesacker vor laufender Kamera interviewt. Die Fragen gingen dem erschöpften und entnervten Spieler offenkundig gegen den Strich. „Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel?“, blaffte er den Reporter schweißgebadet an. „Ich verstehe nicht, was Sie wollen. Wir haben es uns hundertzwanzig Minuten schwer gemacht und gekämpft bis zum Ende. Ich leg mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne und dann sehen wir weiter.“ Das Video dieser Interview-Sequenz erzielte seitdem Hunderttausende von Aufrufen im Internet. Die Eistonne schien wirklich dringend nötig zu sein: Nicht nur um den geschundenen Körper herunterzukühlen, sondern auch den flammenden Zorn über die Reporterfragen. Zu jeder anderen Gelegenheit wäre der Gedanke an ein Bad in der Eistonne abschreckend – und der Versuch, jemanden hineinzusetzen, würde laut kreischend enden. Aber es gibt Momente, da ist die Eistonne der einzig richtige Ort. Gehen wir von der WM 2014 ein paar Jahrhunderte zurück. Den französischen Bischof Franz von Sales, 1665 heiliggesprochen, stellt man sich kaum so aufbrausend vor wie einen schwitzenden Fußballspieler vor dem Mikrofon eines Sportreporters. Dieser Bischof war für viele Gläubige ein geistlicher Begleiter. In seinem Buch „Philothea“ hat er seine Weisungen gesammelt. Über das Gebet sagt er da: „Das Gebet ist die segensreiche Quelle, deren belebende Wasser die Pflänzchen unserer guten Wünsche zum Grünen und Blühen bringen, jeden Makel von unserer Seele hinwegspülen und das von Leidenschaft erhitzte Herz abkühlen.“

Abkühlen! Wer betet, hat also einen Weg beschritten, Abstand von seinen Leidenschaften zu nehmen. Abstand vom Zorn zum Beispiel und von all dem, was ihn zerreibt. Abstand von meiner Sorge um die Leitungskreiswahl. Das Gebet ist wie eine nötige Eistonne. Der Fußballer und der Bischof empfehlen ganz übereinstimmend Abkühlung, und was Leidenschaften wie Angst, Sorge oder Zorn angeht, weiß der Bischof, wo sie zu finden ist: im Gebet. Wer betet, wird verändert. Viele Menschen in der Bibel haben das erlebt. Zum Beispiel Asaf.

 

VON GEGEN-BITTE ZUR FÜR-BITTE

Es ist eine sehr gute Erfahrung, wenn Gegen-Bitte zu Für-Bitte wird – wenn man also anders aus dem Gebet herauskommt als man hineingegangen ist. Das hat Asaf erlebt. Sein Beten hat ihn umgeformt. Von Asaf stammt der 83. Psalm. Er ist ein Hilferuf angesichts vieler Feinde. Zu Beginn seines Gebets schildert Asaf, was diese Feinde Übles vorhaben – „Kommt, wir wollen das Volk Israel vernichten!“ (5) – und wie viele es sind. Die ethnischen Bezeichnungen, die Asaf aufzählt, lassen das Bild eines internationalen Aufmarsches entstehen, der sich rings um Israel zusammenzieht (6-9). Nach der Lagebeschreibung trägt Asaf Gott seine Bitten vor. Und die sind sehr eindeutig: Er will, dass die Feinde Israels umkommen. Er denkt dabei an die Geschichte seines Volkes, wie wir sie heute noch im Alten Testament nachlesen können. Asaf zählt die großen Gegner der Vergangenheit auf und erinnert sich, wie sie mit Gottes Hilfe besiegt wurden. „Ihre Leichen verrotteten auf der Erde“ (11). Dass Gott so etwas auch in der aktuellen Bedrohung tut, darum bittet Asaf: „Mein Gott, blase sie fort wie Staub, verwehe sie wie Spreu im Wind!“ (14). Das ist kein hochmütiges Gebet, aus Nationalstolz geboren, der das eigene Volk für überlegen hält, das eigene Imperium ausdehnen will und deshalb alle störenden Völker ringsum wegfegen möchte. Es ist vielmehr die Bitte eines kleinen, meist schutzlosen Volkes, das die meiste Zeit seiner Geschichte unter fremder Herrschaft stand und sehr oft mit Vernichtung rechnen musste. Asaf betet nicht von oben herab, sondern mit dem Rücken

zur Wand. Dennoch würden nur wenige heute solche Vernichtungsgebete gern mitbeten. Sie klingen einerseits verständlich, andererseits aber doch weit entfernt von dem, was Jesus über Feindesliebe sagte. Doch es wäre unsererseits hochmütig, wenn wir diesem Beter Israels das Recht bestreiten wollten, so zu beten, während wir selbst auf dem warmen Sofa sitzen. Mit diesen Bitten aber ist Asafs Gebet noch nicht zu Ende. Die Worte fließen weiter aus ihm heraus. Und im letzten Drittel des Gebets ändert sich langsam der Inhalt seiner Bitten. Ein neues Gebetsanliegen formt sich. Nach wie vor möchte Asaf, dass Gott an den Feinden handelt, aber nun nicht mehr so, dass sie dabei umkommen. Vielmehr sollen sie vor Gott erschrecken und vor den anderen lächerlich dastehen. Ihre Pläne sollen scheitern. Und das alles soll einem bestimmten Zweck dienen: „[…] dass sie anfangen, Herr, nach deinem Namen zu fragen. […]. Was sie auch tun, es soll ihnen misslingen, bis sie erkennen, dass du allein Herr genannt wirst, der Herrscher über die ganze Erde“ (17-19). Tote können nicht mehr nach Gott fragen. Leichen können Gott nicht erkennen. Die Gebetsziele von Asaf, die er zum Schluss nennt, setzen also voraus, dass die Feinde am Leben bleiben – dass Gott sie jetzt doch nicht umkommen lässt! Mit den Feinden soll etwas passieren. Sie sollen nach außen hin keine Gefahr mehr sein und zugleich sollen sie im Inneren verändert werden. Wenn sie dann wirklich Gott als Herrn erkennen und „nach seinem Namen fragen“, dann sind sie sogar dem Volk Gottes ein Stück ähnlich geworden. Dann stehen sie nicht mehr nur dem Beter Asaf gegenüber, sondern an seiner Seite – denn auch Asaf ist ja jemand, der nach Gott fragt und ihn als Herrscher der Welt bekennt. Das Gebet von Asaf hat sich verändert. Asaf hat sich vorwärtsgebetet. Er ist woanders angekommen, als er anfangs vorhatte. Aus der Gegen-Bitte ist eine Für- Bitte geworden. Das Muster von Gewalt und Vergeltung ist aufgebrochen. Am Ende steht nicht die Rache, sondern – wenn man so will – die „Bekehrung“ der Feinde. Mit diesem Psalm kann man nicht das gesamte Problem der sogenannten Rachepsalmen erklären. Es bleiben immer noch genug Psalmen in der Bibel, in denen die Bitte um Vergeltung tatsächlich das letzte Wort hat und das angestrebte Ziel ist. Aber im Gesamtbild der biblischen Rachepsalmen ist dieser 83. Psalm ein wichtiger Mosaikstein. Auch das gibt es, dass der Beter, während er betet, auf andere Gedanken kommt. Das Beten hat den Beter verändert.

 

LINIENBUS UND HEIßLUFTBALLON

Wer eine Gebetserfahrung macht, wie wir sie bei Asaf beobachten konnten, der hat eine besondere Art des Betens kennengelernt: das Heißluftballon-Gebet. Die meisten unserer Gebete gehören einem anderen Typus an, nämlich dem Linienbus-Gebet. So wie ein Bus eine Haltestelle nach der anderen anfährt, so steuern viele unserer Gebete ein Anliegen nach dem anderen an. Wir tragen es Gott vor, wir sagen, was wir brauchen, und danach geht es weiter zum nächsten Anliegen. So machen wir die Runde und haben am Ende alle Dinge angesprochen, bei denen wir Gottes Hilfe benötigen. Diese Art zu beten ist völlig okay, sie ist sinnvoll und entspricht unserem Verhältnis zu Gott: Er ist der Vater und der überreiche Herr; wir sind seine Kinder, die auf ihn angewiesen sind. Wenn Gottes Wort uns auffordert: „In allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6), dann ist unser Gebet eben auch vollgepackt mit vielerlei Bitten. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Paulus so viele verschiedene Worte für das Beten (Gebet, Flehen, Danksagung, Anliegen) verwendet. Dem entspricht eine Fülle verschiedener Bitten. Indem ich mit ihnen zu Gott komme (anstatt allein darüber nachzugrübeln und diese Sorgen bei mir zu behalten), ehre ich Gott, denn ich bekenne: Er ist der Geber guter Gaben, von ihm erwarte ich viel. Doch es wäre schade, wenn das Linienbus-Gebet der einzige Gebetstypus wäre, den wir praktizieren. Eine notwendige Ergänzung ist das Heißluftballon-Gebet. Eine Ballonfahrt startet an einem festgelegten Punkt. Die ungefähre Richtung der Reise kann man zuvor abschätzen, nämlich entsprechend der vorherrschenden Windrichtung. Aber wohin es dann wirklich geht und an welchem Fleck man schließlich landen wird, das ist ziemlich offen. Unter anderem darin liegt ja der Reiz einer Ballonfahrt. Es kann sein, dass der Wind zwischenzeitlich dreht. Es kann sein, dass die Richtung in höheren Luftschichten eine andere ist – oder dass zumindest die Windgeschwindigkeit ganz anders ist als in Bodennahe. Also darf man gespannt sein, wo man zur Landung ansetzen wird. Ganz ähnlich können manche unserer Gebetszeiten sein. Man hat anfangs im Kopf, was man vor Gott ansprechen mochte. Doch dann nimmt das Gebet seine eigene Richtung. Wir werden in Gegenden getragen, die wir so vielleicht noch gar nicht kannten – oder in durchaus wohlbekannte Gegenden, die wir für heute aber gar nicht im Blick hatten. Die Winde – oder besser gesagt: die Führungen von Gottes Geist – setzen uns dort ab, wo wir aus Gottes Sicht hingelangen sollten. Und von dort aus kehren wir dann in den Alltag zurück. Wir haben dafür einen neuen Ausgangspunkt bekommen. Das Heißluftballon-Gebet hat uns verändert. Wir wurden geformt, wie Asaf in Psalm 83 während seines Gebets geformt wurde. Ich erlebe das nicht nur beim stillen oder laut ausgesprochenen Gebet, sondern auch, wenn ich morgens vor dem Frühstück mein Gebet im Notizbuch aufschreibe. Plötzlich steht etwas da, von dem ich eben noch nicht wusste, dass ich es beten und schreiben wollte.

 

DER VERÄNDERUNG EINE CHANCE GEBEN

Meine Erfahrung ist: Beten in einem oft rasanten Alltag fallt nicht leicht. Fokussierte Zeiten müssen meist erkämpft werden oder zumindest bewusst geplant. Mir stehen zu oft die Gebetshindernisse vor Augen: Was wäre nicht alles erforderlich, um mehr Gebet in meinen Wochenablauf zu platzieren! Und wenn es gelingt, ist ja noch nicht ausgemacht, welche Qualität dann diese Zeiten haben, wie fokussiert ich also wirklich sein werde. Deshalb tut es mir gut, meinen Blick auf die überraschenden Möglichkeiten des Gebets zu lenken. Es ermutigt mich, wenn ich mir klarmache, was alles mit mir geschehen kann, wenn ich bete. So zu bleiben, wie ich bin, ist selten das, was ich brauche. Viel häufiger brauche ich Veränderung: eine neue Perspektive, eine neue Einstellung, eine neue Kraft, die von mir ausgeht. Wie gebe ich dieser Veränderung eine Chance? Ganz klar – indem ich bete …

 

Dieser Artikel erschien in AUFATMEN. Jetzt kostenlos testen: www.aufatmen.de
Dr. Ulrich Wendel ist Chefredakteur des Magazins Faszination Bibel, Programmleiter für Bibel und Theologie bei SCM R.Brockhaus und Herausgeber verschiedener Bibelausgaben. Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem Buch „Alltagsbeter. Beten – auch wenn das Leben laut ist“, das bei SCM R.Brockhaus erschienen ist.

Haifischfüttern

Rüdiger Jope

Ein Outdoor-Erlebnis mit Jesus.

Die Sonnenstrahlen brachen sich auf dem Atlantik. Ein Fischerboot sollte mich mit fünfzehn anderen raus auf hohe See zum Haifischangeln bringen. Das Boot legte ab. Nach etwa einer Stunde schaukelte unsere Nussschale inmitten von Wellen so hoch wie Zweifamilienhäuser. Ein kleiner Junge, der mit seinem Opa dieses Abenteuer gebucht hatte, machte den Anfang. Aus einem fröhlichen Haifischangeln wurde ein nicht enden wollendes Haifischfüttern. Ich robbte fast fünf Stunden von meinem Sitzplatz über die Planken an die Reling, um immer wieder meinem längst leeren Magen Entlastung zu verschaffen. Nie habe ich mich mehr nach festem Boden unter den Füßen gesehnt.

In den Turbulenzen des Lebens

Die Jünger Jesu sind unterwegs auf dem See Genezareth (Matthäus 14,22-33). Jesus hat sie dazu gedrängt! (V. 22) Für einige von ihnen ist es ihre Heimat, ihr Handwerkszeug. Und gerade in dem Gewohnten passiert es. Es wird für die Jünger sprichwörtlich eine finstere Nacht. Sie erleben ihr persönliches Haifischangelerlebnis. Sie geraten in einen Sturm. Die Wellen werden höher und höher. Klatschnass und verzweifelt klammern sie sich an die Reling. Die Verzweiflung der erfahrenen Schiffer ist buchstäblich. Sie sind mit ihrem Fischerlatein am Ende. Ruhe, Land unter den Füßen ist ihr sehnlichster Wunsch.

So ist das Leben. Man muss nicht unbedingt auf einem Schiff gewesen sein. Man muss nicht in tückische Fallwinde aus dem Gebirge geraten, um ähnliche Turbulenzen zu kennen. Da strahlt gerade noch die Sonne über dem Job, der Familie, der Gesundheit, den Eltern … Plötzlich tobt ein Sturm. Der betriebliche Standort wird geschlossen. Der Sohn wird mit Drogen erwischt. Das Röntgenbild zeigt einen Schatten. Der Vater wird zum Pflegefall.

So ist das Leben. Plötzlich bricht ganz unabänderlich die Seekrankheit des Lebens herein. Plötzlich steckt man in Stürmen, in Finsternis, in der einem Hören und Sehen vergeht. Man werkelt, wurschtelt und stemmt sich vehement mit allen Kräften gegen die hohen Wellen im Lebensschiff.

Haifischfüttern gehört zum Glauben

Etwa sechs Stunden kämpfen die Jünger, um festzustellen: Wir packen das nicht! Wir sind mit unserem Fischerlatein am Ende. Sie erfahren: Als Christ zu leben, heißt nicht nur, an tollen Speisungsprogrammen (Matthäus 14,13ff) teilzuhaben, sich auf Bergen der Verklärung zu sonnen (Matthäus 17,1ff) oder auf Hochzeiten Wein zu genießen (Johannes 2,1ff). Im Unterwegssein mit Jesus kann es passieren, dass unerwartete Stürme und Schwierigkeiten über einen hereinbrechen, dass Gott schweigt und Jesus nicht da zu sein scheint. Die Niederlage, das Schwanken, das Verzweifeln an den Stürmen, sich selbst und seiner Ohnmacht ist die christliche Outdoor- und Tiefenerfahrung des Lebens. Und genau in dieser Situation gilt: Glaube riskieren trotz Wellen. In den Wellen und Bergtälern reift der Glaube. Und dieser Reifungsprozess geschieht gerade auch in der Nichtverfügbarkeit Jesu, und indem das Schweigen Gottes über Stunden, Tage und vielleicht auch Jahre ausgehalten wird.

Inmitten der männlichen Hilflosigkeiten erscheint plötzlich Jesus. Er kommt ihnen um vier Uhr morgens auf den Wellen entgegen. Die Jünger erkennen ihn erst mal nicht. Sie schreien: „Hilfe, ein Gespenst!“ Doch Jesus blickt seine Jünger an und ruft ihnen zu: „Fürchtet euch nicht. Ich bin es: euer guter Hirte. Macht euch locker!“ (V. 27)

Das Komische ist jedoch: Das erbetene Wunder bleibt erst mal aus. Jesus reagiert anders als gewünscht und erwartet. „Für die Jünger heißt die entscheidende Frage: ‚Wie werde ich den Sturm los?’ Für Jesus dagegen heißt die Frage: ‚Wie gelangt ein Mensch mitten im Sturm zum Frieden?‘“ (Klaus Douglass in „Expedition zum Anfang“)

Vertrauen bewährt sich in den Stürmen

Jesus ärgert sich über die Panik seiner Jünger. Er ärgert sich darüber, dass ihre innere Einstellung mehr von der Angst statt dem Vertrauen geprägt ist. Jesus ist der Ruhepol. Er ist die Gelassenheit im Sturm. Und seine Gegenwart sollte auch uns ruhig machen. Nicht im Sinne einer Untätigkeit, sondern im Sinne der inneren Gelassenheit.

Noch stürmt es. Und inmitten von Wind und Wellen nimmt einer dieses Jesuswort „Habt keine Angst“ für bare Münze. Petrus kriegt sich am schnellsten wieder ein. Er brüllt Jesus impulsiv entgegen: „Darf ich auf dem Wasser zu dir kommen?“ Das gab mehr als ein Gemurmel im Boot. „Der hat ein Rad ab!“ „Dem hat der Sturm die Gehirnzellen durcheinandergewirbelt!“ „Der will sich doch bloß wieder wichtigmachen!“ „Das hat doch noch nie funktioniert!“ „Jesus, still erst mal den Sturm, dann können wir über das Jüngerschafts-Bonusprogramm nachdenken!“ Während sie sich noch rumärgern, befiehlt Jesus dem Petrus: „Komm!“ (V. 29)

Raus in die Wellen, Männer

Und Petrus? Vorsichtig stellt er einen Fuß aufs Wasser, zieht den zweiten nach. Lässt beide Hände vom Boot los. Unglaublich! Er steht! Er dreht sich. Er hüpft. Er ballt die Fäuste. Wow! Er macht die Erfahrung: Das Wasser trägt! Er geht Schritte auf Jesus zu. Aber plötzlich dämmert ihm, was er da tut. Er sieht die Wellen. Und sein Glaube wird kleiner. Er verlässt ihn. Die Angst hat ihn wieder und er beginnt, unterzugehen.

Hat Petrus versagt? Ja, das hat er. Er hat mit seinem Glauben Schiffbruch erlitten. Er schafft es nicht, auf Jesus zu sehen. Aber: In dem Boot sitzen elf viel größere Versager. Sie versagen unauffällig und in der Stille. Sie stellen nicht die kecke Frage: „Herr, wenn du willst, werden wir auf dich zukommen?“ Ihr Scheitern bleibt unbemerkt, kann daher nicht kritisiert werden. Nur Petrus erlebt wieder mal die Schmach des öffentlichen Versagens – aber nur Petrus erlebt auch: Wasser trägt! Nur Petrus erfährt auf eindrückliche Weise: Wenn man zu versinken droht – ist Jesus da! Petrus erlebt die rettenden, zupackenden Arme Jesu, wie sonst keiner der elf Boothocker.

Eine Entscheidung für ein Leben in der Nachfolge Jesu ist eine Entscheidung dafür, immer wieder mit der Angst konfrontiert zu werden. Die Angst wird uns einreden: Bleib im Boot! Lass bloß die Finger von den Dingen, die du nicht übersehen kannst. Ein Jünger zu sein, bedeutet, ein Lernender zu sein, sich dafür zu entscheiden, dass man wachsen will. Wachsen bedeutet, vollkommen neuen Boden, hohe Wellen zu betreten. Und jedes Mal, wenn wir dies tun, ist auch Angst dabei.

Angst gehört dazu

Nachfolge ist immer eine Entscheidung zwischen Gemütlichkeit und Angst, zwischen Wasserwandler oder Boothocker sein. Wer zum Aussteiger wird, wird Angst haben, wird sich nass machen, aber das ist nicht das Entscheidende. Denn Jesus ist in der Lage, Männer (und Frauen) zu retten, die zu versinken drohen. Petrus‘ Ruf nach Rettung und seine Einsicht, dass Jesus die Situation im Griff hat, reichen aus. Wenn wir aus dem Boot aussteigen, kann Erstaunliches passieren. Bei Petrus wird mitten im Versinken die rettende Hand Jesu offenbar (V. 31). Durch den mutigen Schritt von Petrus lernen alle anderen Jesus ganz neu kennen. Sie erleben eine bis dahin unbekannte Dimension des Glaubens.

„Die Hoffnung weiß, dass große Dinge ungetan bleiben, wenn wir großen Anfechtungen aus dem Weg gehen, und da Wachstum damit gehindert wird“, schreibt Brennan Manning. Welche Wachstums- und damit Wasserschritte sind von dir gefragt? Jesus sucht Männer, die sich aufs Boot begeben, die aus dem Boot aussteigen, die kleine und große Dinge in ihrem Leben anpacken, die sich nasse Füße holen, die Wasserläufer und Wellenbewältiger werden. Angst und Scheitern gehören zum Jünger- und Mannsein dazu. Das Versagen ist mit eingepreist, gerade darin wird uns Jesus die Hand reichen. Er wird uns herausziehen, mitten im Versinken in seine Arme schließen und festhalten.

Am Ende steht ein Wunder: Wind und Meer kommen zur Ruhe. Doch das entscheidende Wunder besteht nicht darin, dass Wind und Wellen Jesus gehorchen, sondern dass Jesus mit ins Boot steigt (V. 32) und wir inmitten der Haifischangelerlebnisse des Lebens seine Gegenwart mit einem Staunen erkennen.

10 Zitate für das Leben

Sarah Lang

1. „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ (Franz Kafka)

2. „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ (Pearl S. Buck)

3. „Aber die auf den Herrn hoffen, gewinnen neue Kraft; sie heben die Schwingen empor, wie ein Adler, sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.“ (Jesaja 40,31)

4. „Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“ (Jim Elliot)

5. „Das Wetter und meine Laune haben wenig miteinander zu tun. Ich trage meinen Nebel und meinen Sonnenschein in meinem Inneren.“ (Blaise Pascal)

6. „Man kann nicht hoffen, die Welt zum Besseren zu wenden, wenn sich der Einzelne nicht zum Besseren wendet. Dazu sollte jeder von uns an seiner eigenen Vollkommung arbeiten und sich dessen bewusst werden, dass er die persönliche Verantwortung trägt, was in dieser Welt geschieht, und dass es die direkte Pflicht eines jeden ist, sich dort nützlich zu machen, wo er sich am nützlichsten machen kann.“ (Marie Curie)

7. „In die ersten Augenblicke des Tages gehören nicht eigene Pläne und Sorgen, auch nicht der Übereifer der Arbeit, sondern Gottes befreiende Gnade, Gottes segnende Nähe.“ (Dietrich Bonhoeffer)

8. „Vergebung ist keine einmalige Sache. Vergebung ist ein Lebensstil.“ (Martin Luther King)

9. „Ergreife den Schild des Glaubens und halte Gottes schöne, strahlende Gerechtigkeit in deinem Herzen liebend umfangen.“ (Hildegard von Bingen)

10. „Kommt alle her zu mir, die ihr müde seid und schwere Lasten tragt. Ich will euch Ruhe schenken.“ (Jesus im Matthäus-Evangelium 11,28)

 

Diese 10 Zitate erschienen im Magazin LebensLauf. Jetzt kostenlos testen: www.lebenslauf-magazin.net

Dürfen Profis Schwächen zeigen?

Christof Klenk

Christof Klenk sucht nach einer guten Fehlerkultur in Familien.

Ab und zu scheint mal etwas durch, und die perfekte Fassade im Leistungssport wird durchlässig: wenn Per Mertesacker sagt, dass der Druck bei der WM 2006 so groß war, dass er froh über das Ausscheiden gegen Italien gewesen ist; oder wenn Andre Agassi in seiner Biografie über Schmerzen, Drogen und Einsamkeit schreibt; oder wenn ein Schiedsrichter durch einen falschen Abseitspfiff eine Mannschaft um den bestimmt sicheren Sieg gebracht hat. Dann gibt es regelmäßig einen Aufschrei. Denn eigentlich sind wir überzeugt, dass Sportler Maschinen sein müssen, die perfekt funktionieren. Kriegen sie nicht eine Unmenge Geld dafür? Den Menschen hinter der makellosen Außendarstellung möchten wir lieber nicht sehen, denn das würde unser Bild zerstören.

Doch mal Hand aufs Herz: Würden Sie Ihren Job als Eltern tausendfach besser machen, wenn man Ihnen Millionen dafür zahlte? Ich nicht. Wenn doch, dann müsste ich mich fragen lassen, warum da noch so viel Luft nach oben ist.

Kann man nicht vergleichen? Das sind ja Profis? Nun, mein Eindruck ist, dass die Leistungssportler die Helden unserer Gesellschaft sind. Kinder vergleichen sich permanent mit ihnen. Und die Kommentare von Müttern und Vätern am Fußballplatz lassen nur den Schluss zu, dass sie das auch tun. Gleichzeitig scheinen sich die Werte und Ideale unseres Miteinanders in der Bundesliga und anderen Wettbewerben zu verdichten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir in unseren Familien eine andere Fehlerkultur dagegen setzen. Wer keine Fehler machen darf, wird vieles lieber gar nicht erst anpacken. Ganz einfach ausgedrückt: Wenn die Vierjährige beim Eingießen die Milch verschüttet, darf sie es wieder probieren. Dazu sind Familien da.

Klingt banal? Kinder bringen in unserem durchgetakteten Alltag immer wieder Sand ins Getriebe. Alles, was länger dauert, kann unglaublich stören. Doch wenn Fehler Teil des Lernprozesses sind, dann ist es eigentlich absurd, sich darüber aufzuregen. Dass ich gut darauf reagiere, ist wichtiger, als dass alles reibungslos funktioniert. Ich muss mir das immer wieder bewusst machen.

Dieser Kommentar erschien in der Zeitschrift Family. Jetzt kostenlos testen: www.family.de

 

Nein!

Bettina Wendland

Nur vier Buchstaben … Warum fällt es vielen trotzdem so schwer, dieses kleine Wort „Nein“ auszusprechen? Und warum ist das überhaupt so wichtig? 

Kerstin lebt mit ihrem Mann Christoph und ihren zwei Kindern mit im Haus ihrer Schwiegereltern. Wenn Kerstin von ihrem Teilzeitjob nach Hause kommt, kann es schon mal passieren, dass ihre Schwiegermutter am Herd steht und sagt: „Ich hab schon mal für Christoph und die Kinder was gekocht. Du kommst ja immer so spät nach Hause, da müssen die Armen ja hungern.“ Kerstin ärgert sich jedes Mal darüber, aber Christoph meint, sie solle doch dankbar sein, dass seine Mutter ihr die Arbeit abnimmt.

Tobias ist in der Firma sehr beliebt. Er ist bekannt für seine Hilfsbereitschaft. Wenn ein neuer Kollege anfängt, wird er jedes Mal gefragt, ob er sich nicht um dessen Einarbeitung kümmern könne. Die arbeitsintensive Betreuung der Praktikanten ist auch meist seine Sache. Und immer wieder kommen Kollegen auf ihn zu und bitten ihn um Hilfe. Tobias möchte es sich mit ihnen nicht verderben.

Ein Schulfest steht an. Jana gehört zu denen, die jedes Mal auf der Kuchen-Liste stehen. Dieses Mal hätte sie eigentlich gar keine Zeit, weil sie in der Woche vor dem Schulfest ihre Wohnung renovieren wollen. Aber es sind erst drei Kuchen auf der Liste. Und schließlich regt sie sich ja auch immer über die auf, die sich drücken. Also trägt sie sich wieder ein.

Drei Geschichten von vielen. In allen drei Situationen wäre es sinnvoll, Nein zu sagen. Aber Kerstin, Tobias und Jana fällt das Nein-Sagen schwer. Vielen Menschen geht es so wie ihnen. Dabei ist Nein-Sagen eine unentbehrliche Fähigkeit.

Nein sagen bedeutet: Grenzen setzen

Ohne Grenzen können wir nicht leben. Wer schlecht „Nein“ sagen kann, dem fällt es oft schwer, Grenzen zu setzen. Sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Sicherheit ist groß. Damit verbunden ist die Angst, ausgegrenzt zu werden, wenn er oder sie Grenzen setzt. Dabei braucht jede Beziehung Grenzen. Beziehungen leben von einem ausgewogenen Verhältnis von Nähe und Distanz, von Freiheit und Geborgenheit.

Kerstins Schwiegermutter überschreitet eine Grenze, wenn sie ungefragt für die Familie kocht. Aber das kann man ihr nicht vorwerfen, denn sie ist sich dieser Grenze offensichtlich nicht bewusst. Es ist Kerstins Aufgabe, diese Grenze zu setzen – und sie bei Bedarf auch zu verteidigen. Aber vielleicht muss Kerstin sich auch erst einmal bewusst machen, warum es ihr so gegen den Strich geht, dass ihre Schwiegermutter die Familie bekocht. Um Grenzen auszuloten, muss ich mich damit auseinandersetzen, wer ich bin, was ich will und was mir wichtig ist. Und das dann auch meinem Umfeld deutlich kommunizieren.

Nein sagen bedeutet: ehrlich sein

Wer schlecht Nein sagen kann, möchte es anderen gern recht machen. Und betrügt dabei oft sich und andere. Dabei ist es so wichtig, ehrlich zu sich zu sein, sich zu fragen: Was will ich? Und auch: Was kann ich? Arbeite ich im Kindergottesdienstteam mit, weil ich die Arbeit mit Kindern liebe und eine Begabung dafür habe? Oder mache ich es, weil es sonst keiner macht? Weil meine Kinder sonst nicht betreut sind? Weil andere es von mir erwarten?

Echte Gemeinschaft ist nur möglich, wenn ich ehrlich bin und dem anderen meine Bedürfnisse, meine Wünsche, meine Vorstellungen mitteile. Klar und deutlich! Dazu gibt es auch einen hilfreichen Vers in der Bibel. Im Jakobusbrief heißt es: „Wenn ihr Ja sagt, dann muss man sich darauf verlassen können, wenn ihr Nein sagt, dann steht auch dazu.“ (Jakobus 5,12). Wer ehrlich ist und verlässlich sein Ja oder Nein äußert, wird auf Dauer eher akzeptiert als jemand, der immer nur Ja sagt, es aber nicht wirklich meint.

Nein sagen bedeutet: Ja sagen

Jeder von uns muss täglich Entscheidungen treffen für oder gegen etwas: Wenn ich die rote Hose kaufe, muss ich die blaue liegen lassen, wenn ich mich am Nachmittag zum Schwimmen verabrede, kann ich nicht Eisessen gehen … Wir müssen auch immer wieder Prioritäten setzen. Das ist notwendig, sonst bekommen wir unser Leben nicht auf die Reihe und verlieren uns total. Wer zu allen oder vielen Anfragen Ja sagt, kann nichts davon richtig machen. Wer zu viele Aufgaben übernimmt, wird keine gut und erst recht nicht gern erledigen. Deshalb ist es besser, Nein zu sagen, als etwas schlecht oder halbherzig zu tun. Dann hat man auch wieder Kapazitäten und Möglichkeiten, bei einer anderen Anfrage aus vollem Herzen Ja zu sagen.

Natürlich sind Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und Selbstlosigkeit grundsätzlich gute Eigenschaften. Und leider machen es sich manche Menschen zu einfach mit dem Nein-Sagen. In allen Gemeinden, Vereinen und Schulen ärgert man sich über diese Menschen, die Angebote gern wahrnehmen, deren Engagement aber zu wünschen übrig lässt. Und manche reagieren darauf mit einem Übermaß an Engagement und Pflichtbewusstsein. Das muss aber in einem gesunden Rahmen bleiben. Ein entschiedenes Nein heute ermöglicht mir ein freudiges Ja morgen. Ein Nein zum Kuchenbacken ermöglicht mir ein Ja zu einem wichtigen Gespräch. Ein Nein zum zweiten Ehrenamt ermöglicht mir ein Ja zu vollem Einsatz beim ersten.

Nein sagen bedeutet: Bedürfnisse, Fähigkeiten und Begrenzungen ernst nehmen

Menschen, die schlecht „Nein“ sagen können, haben manchmal ein eher geringes Selbstwertgefühl. Sie haben Angst, von den anderen nicht gemocht oder akzeptiert zu werden, wenn sie ein „Nein“ äußern. Andere haben eher ein überhöhtes Selbstwertgefühl. Sie meinen, unersetzlich zu sein und es am besten selbst machen zu können.

Weder das eine noch das andere ist wahr. Kein Mensch wird geliebt, weil er niemals Nein sagt. Und kein Mensch ist unersetzlich. Wir müssen den Menschen in unserem Umfeld nicht beweisen, wie toll wir sind. Beziehungen, die darauf aufgebaut sind, stehen auf tönernen Füßen. Andere können diese Aufgabe auch erledigen. Ja, sie werden es anders machen. Sie werden es vielleicht auch schlechter machen. Aber sie und ich – wir können beide an dieser Situation wachsen.

Nein sagen lernen

Was mache ich nun, wenn es mir schwer fällt, Nein zu sagen? Kann man Nein-Sagen lernen? Ich denke, ein erster Schritt ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Nachzudenken, warum ich an dieser Stelle Ja gesagt habe, obwohl ich es eigentlich nicht wollte. Ging es mir um Anerkennung? Hatte ich Angst, mein Gegenüber zu enttäuschen? Habe ich die Sorge, dass der andere mich nicht mehr mag, wenn ich Nein sage? Oder denke ich, dass alles zusammenbricht, wenn ich mich an dieser Stelle zurückhalte?

Schon indem ich über die Ursachen und Zusammenhänge nachdenke, wird manches deutlich. Es ist wichtig, dass ich mir darüber klar werde: Was will ich? Was sind meine Ziele? Dabei geht es sowohl um die ganz großen Linien, als auch um die kleinen, alltäglichen Dinge.

Wichtig ist, sich klar zu machen: Die anderen mögen mich auch, wenn ich anderer Meinung bin, wenn ich etwas anders oder nicht mache. Wenn ich mein Nein klar und ehrlich begründe, kann das mein Gegenüber in der Regel nachvollziehen oder zumindest akzeptieren. Hilfreich ist es auch, sich vor Augen zu führen: Mein Wert liegt darin, dass der ewige Gott mich liebt. Ich muss mir nichts „verdienen“ – nicht vor Gott und nicht vor Menschen.

Und ein ganz praktischer Tipp: Wer Nein sagen lernen möchte, sollte sich Verbündete suchen. Ein offenes Gespräch mit dem Partner, der Partnerin oder einem Freund, einer Freundin kann helfen. Mein Gegenüber kann mir spiegeln, wie er oder sie meinen Umgang mit dem Ja und dem Nein empfindet. Und ich kann um Rat fragen: „Ich habe hier eine Anfrage vom Sportverein. Wie soll ich reagieren?“ Nicht zuletzt kann ich in einem solchen Vertrauensverhältnis das Nein-Sagen üben. Vielleicht in ganz kleinen Schritten. Vielleicht auch, indem ich ein anstehendes Gespräch mit dem Chef, dem Vereinsvorsitzenden oder der Schwiegermutter vorher durchspiele und überlege: Wie kann ich auf Einwände reagieren? Wie kann ich klar bleiben?

Nein-Sagen kann man lernen. Es sind ja nur vier Buchstaben …

 

Dieses Interview erschien in der Zeitschrift FamilyNEXT. Jetzt kostenlos testen: www.family-next.de

 

„Freuet euch im Herrn allezeit!“

Annegret Prause

Was passiert, wenn man die Paulus-Worte aus Philipper 4,4 „Freut euch im Herren allezeit! Wiederum will ich sagen: Freut euch!“ als handfeste Aufforderung versteht? Annegret Prause will es herausfinden und wagt ein kleines Experiment: Freude – eine ganze Woche.

 

Montagmorgen. Mein kleines Experiment beginnt unter verschärften Bedingungen: Es gießt wie aus Eimern, ich habe schlecht geschlafen, bin müde und alles andere als euphorisch. „Jetzt müsstest du anfangen, dich zu freuen …“, denke ich mir. Schwierig.
Der Weg ins Büro ist lang, und ich nutze die Zeit im Auto, um über Freude nachzudenken. „Freut euch im Herrn allezeit!“ – „Allezeit“ wie in immer und den ganzen Tag? Wie soll ich das bloß hinbekommen? Ich komme zu keinem Ergebnis, stelle jedoch einen kleinen Nebeneffekt fest: Wenn ich über Freude nachdenke und mich mit dem Herrn darüber unterhalte, ist der Drang, sich über andere Autofahrer aufzuregen (die zu schnell, zu langsam und sowieso total komisch fahren) deutlich geringer. Ich komme ziemlich entspannt an …

Der Tag ist voll mit Dingen und Aufgaben, die meine gesamte Aufmerksamkeit fordern. Erst auf dem Heimweg fällt mir auf, dass ich mich währenddessen überhaupt nicht gefragt habe, ob ich mich jetzt gerade freue oder nicht. Ich habe gearbeitet, ich habe Dinge erledigt, ich habe Alltag erlebt. Das meiste davon freudetechnisch eher unauffällig.

Spät abends kann ich meinen Autoschlüssel nicht finden. Wo ich auch nachschaue, er ist nicht da. „Nimm den Regenschirm“, schießt es mir durch den Kopf. Ich ziehe den Regenschirm aus dem Schirmständer, öffne ihn – und heraus fällt mein Schlüssel. Ich bin ja eher ein stiller Freuer, lasse mich aber dazu hinreißen, ein bisschen vor Freude zu hüpfen. Nur wegen des Experiments natürlich. Eins zu Null für die Freude.

 

Freude als Widerstand

Der nächste Tag beginnt wieder mit Regen und Müdigkeit. Ich versuche, stimmungsmäßig dagegenzuhalten und singe im Auto laut „Summer in the city“ mit – während ich im Regen übers Land fahre. Trotzdem schwant mir schon an Tag zwei, dass das mit dem „sich allezeit Freuen“ anders gemeint sein muss. Es setzt mich unter Druck, und Druck und Freude vertragen sich nicht so gut.

Ich möchte dem Vers theologisch auf den Grund gehen und frage bei den Bibel-Kollegen nach, was Paulus sich hier gedacht haben könnte. Wir stellen fest, dass es wohl weniger um Dauer-Euphorie geht, als darum, sich freuen zu können, auch wenn die Umstände das nicht unbedingt nahelegen. „Freude als Widerstand“ nehme ich mir mit. Sich freuen, um zu zeigen, dass die Umstände hier nicht das letzte Wort haben, sondern Gott.

Soweit die Theorie. Ich sammle in den nächsten Tagen Freude-Momente und schreibe sie auf, denn ich habe festgestellt, dass ich in dieser Hinsicht ziemlich vergesslich bin. Ein spontaner (regenfreier) Abendspaziergang, Zeit mit Lieblingsmenschen, ein abgeschlossenes Projekt, Momente der Muße, Dankbarkeit für mein Zuhause. Aufschreiben und erinnern macht mich dankbar. Dankbarkeit macht mich fröhlich. Nicht als Dauerzustand, aber immer wieder. „Läuft“, denke ich mir.

 

Der Praxistest

Aber dann kommt im Laufe der Woche ein ziemlich großes Paket Alltagssorgen vorbei. Von der Sorte, die sich nicht so leicht weglächeln lässt. Und ja, ich sorge mich. Mit meiner Guerilla-Taktik der „Freude als Widerstand“ ist es in der Praxis nicht so weit her. Ich gebe einen ziemlich erbärmlichen Widerstandskämpfer ab. An solchen Tagen kann ich mich nur entscheiden, welchen Erlebnissen und Dingen ich erlaube, in den Vordergrund zu treten. Wird der Tag im Rückblick freudebunt, weil eigentlich immer auch gute Dinge passieren, oder wird er sorgengrau? An manchen Tagen fällt die Antwort leicht, an manchen ist die Antwort ein trotziges „Mir doch egal, ich entscheide mich für die Freude“. Es gibt aber auch Tage, und ich bin dankbar, dass es wenige sind, da siegt das Grau. Wie wird dieser Sorgentag im Rückblick aussehen? Ich bin unentschlossen.

 

Freude. Einfach so

Sonntag. Gottesdienst. Ein völlig normaler, aufgrund der Ferienzeit übersichtlich besuchter Gottesdienst. Und mittendrin ist da plötzlich: Freude. Einfach so. Weil Gott da ist. Keine „Ich hüpfe vor Euphorie durchs Zimmer“-Freude, sondern Freude wie die Wärme eines Kachelofens. Und eine weitere Erkenntnis: „Freude im Herrn“ ist ein Geschenk, für das ich nichts machen kann/muss. Freude ist ein Teil Gottes, von der ich mich einhüllen lassen kann, wenn ich ihm begegne. Ich muss mir eigentlich nur die Zeit nehmen, um Zeit mit ihm zu verbringen. So einfach ist das. Und so schwer.

Was bleibt von dieser Woche? Staunen, dass Freude für Gott ein ziemliches Thema ist. Der Gedanke „Freude ist eine Form des Widerstandes“, der mich weiter begleitet. Und die Erkenntnis, dass es sich deutlich leichter freuen lässt, wenn man sich damit nicht so unter Druck setzt.

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Hilferuf eines Angefochtenen

Von Levian Scheidthauer

Eine Auslegung von Psalm 13

HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? 

Es ist ein Markenzeichen der Psalmen, dass sie uns die labilen Stimmungslagen großer Glaubenshelden auf dem Silbertablett servieren. „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?“ Ist das nicht allzu menschlich? Wie oft fühlen wir uns in unserem Scheitern von Gott verlassen. In der Stunde der großen Niederlagen, wenn es einsam um einen wird. Solange es läuft, feiern wir seinen Segen, aber unser Scheitern erleben wir auf uns selbst zurückgeworfen. Gott, bist du nur der Gott der Siegertypen? David macht aus diesem Gefühl keinen Hehl, auch wenn er es – wie sich zeigen wird – besser weiß.

 

Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?

Da versinkt einer in einer Mischung aus Angst und Selbstmitleid. Nicht aus Selbstzweifeln, sondern aus Gottverlassenheit. Die Angst versperrt uns den klaren Blick auf die Dinge, zerstört auch das stabilste Lebensgefühl. Mit Angst ist alles bitter. Ohne Gott ist alles bitter. Und David leidet wie ein Schlosshund.

Aber David bleibt nicht bei seinen eigenen Gefühlen. Seine Klage wird persönlicher. Das Gefühl, Gott sei irgendwie abwesend in einer Phase, in der David Gottes Beistand mehr denn je brauchen könne, hinterfragt Gottes Gameplan. Gott, bist du wirklich auf der Seite der Unterdrückten? Bist du bereit, dich bei Ungerechtigkeit auf meine Seite zu schlagen? Oder brauche ich auf seine Unterstützung nicht zu hoffen, wenn ich angefeindet werde?

 

Schaue doch und erhöre mich, HERR, mein Gott! Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe, dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden, und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke. 

Endlich wandelt sich der Tonfall. David überwindet die Distanz, die aus den ersten Versen heraus spricht. Statt weiter mit Gott über dessen Schweigen zu hadern, beginnt er zu flehen. Es geht um Leben und Tod – wie viel Selbstmitleid kann sich David da noch leisten? David vertraut sich Gott neu an. In seiner Ohnmacht lässt er sich retten.

 

Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; / mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.

„Ich traue aber darauf“ – David besinnt sich auf seinen Gott, den er in der Vergangenheit als gnädig und hilfsbereit erfahren hat. Er wankt, aber fällt nicht. Natürlich registriert er seine Gefühle, bleibt aber nicht bei ihnen stehen, sondern konfrontiert sie mit der Wahrheit über Gottes Wesen. David muss die Wahrheit nicht spüren, um sich auf sie stellen. Gott, der Gnädige und Hilfsbereite, wird „wohl an mir“ tun – auch wenn ich seine Hand in diesem Augenblick nicht spüre. Deshalb endet sein Psalm auch nicht im Moll, sondern im Lobpreis: ein Vorgriff auf Gottes Treue, die David schon heute feiern kann, weil er sie glaubensgewiss morgen erleben wird.

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Aus der Gnade herausfallen?

Von Dr. Ulrich Wendel

Falsch verstandene Bibelverse erklärt

„Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen (Galater 5,4).“

„Man kann auch aus der Gnade herausfallen!“ Ich habe die besorgte Stimme desjenigen noch im Ohr, der mir das sagte. Erst viel später entdeckte ich, dass er sich auf diesen Vers aus der Bibel bezog. Alle, die ich über diesen Bibelvers sprechen hörte, waren im Glauben eher unsichere Menschen, denen der Zweifel näher lag als die Gewissheit. Diese Verunsicherung hat offenbar ihren biblischen Grund: Wenn man aus der Gnade herausfallen kann, dann scheint es ja noch keine ausgemachte Sache zu sein, dass Gott einen errettet und angenommen hat.

Was aber hat Paulus gemeint, als er den Galatern diesen Satz über das Gesetz und die Gnade schrieb?

Zunächst müsste man exakter übersetzen. Das Wort „aus“ steht nicht im Grundtext. In diesem Falle hat dann auch das Verb eine andere Bedeutung; es heißt: „etwas verlieren“. Unter bestimmten Voraussetzungen können Glaubende also das Geschenk Gottes – die Gnade – wieder verlieren. Welche Voraussetzungen sind das?

Paulus richtet sich im Galaterbrief an Christen, die zum Glauben gekommen sind, aber dann nachträglich noch eigene Leistungen hinzufügen wollen, um bei Gott anerkannt zu sein. Das bloße Glauben reicht ihnen nicht aus, es scheint ihnen nicht verlässlich genug zu sein. Sie halten zusätzlich noch Vorschriften ein, die Gott seinem Volk, den Juden gegeben hatte. Dabei waren die Christen aus Galatien mehrheitlich gar keine Juden.

Wer so etwas tut und zu Gottes Gnade sicherheitshalber noch eigene Leistung hinzufügen will, der ergänzt die Gnade nicht, sondern verliert sie. Das ist es, was Paulus warnend sagen will. Denn Gnade kann man nur ganz oder gar nicht annehmen.

Paulus wendet sich also nicht an unsichere, angefochtene Glaubende, sondern im Gegenteil: an allzu sichere Christen. Er meint niemanden, der in seinem Glauben auf schwankendem Boden steht, sondern er meint Leute, die ihren Glauben durch eine Extrakonstruktion stabilisieren wollen. Die laufen Gefahr, die Gnade zu verlieren.

Für unsichere oder zweifelnde Christen gilt eher das Pauluswort aus dem Philipperbrief (1,6): „Ich bin ganz sicher, dass Gott, der sein gutes Werk in euch angefangen hat, damit weitermachen und es vollenden wird bis zu dem Tag, an dem Christus Jesus wiederkommt.“

 

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Was bringt’s?

von Pascal Görtz

Glaube und Vertrauen – wie sich beide gegenseitig bedingen, zeigt eine biblische Episode

Es gibt Verse in der Bibel, die erstaunen einen auch noch nach dem 50. Mal lesen. Weil sie einem ermöglichen, Mäuschen zu spielen, wie die Jünger zweifelnd und stolpernd wichtige Fortschritte im Glauben machen. Da ist zum Beispiel die Episode, in der ein reicher, in vielerlei Hinsicht vorbildlicher Jüngling zu Jesus kommt und dieser ihm barsch die Grenzen seines Gottvertrauens aufzeigt. Die Szene muss ordentlich Eindruck bei den Aposteln hinterlassen haben. Es scheint, als seien sie mit dem armen Jung gleich mit abgebügelt worden. Von jetzt auf gleich wissen auch sie nicht mehr so genau, was sie von der Zukunft erwarten dürfen. Wenn der es nicht ins Reich Gottes packt, wer denn dann? Am Ende des kurzen Dialogs muss Petrus doch mal allen Mut zusammennehmen und so ganz offen fragen: „Wir haben alles aufgegeben, um dir nachzufolgen. Was werden wir dafür bekommen?“

Paulus‘ Frage könnte auch unsere sein: Was werden wir dafür bekommen, dass wir unsere Wochenenden zwischen 16 und 30 in muffigen Gemeinderäumen statt in der weiten Welt zugebracht haben, um Lobpreisbands auszuleuchten? Dass wir unsere Karrieren aufgegeben haben, ehe sie richtig ins Laufen kamen, weil wir dem missionarischen Herz nach Nepal gefolgt sind? Hat sich das gelohnt, alles auf eine Karte zu setzen?

 

Glaube – Vertrauen, das Werke fordert

In Momenten wie diesem merkt auch der Letzte, dass der Glaube mehr ist als das bloße Fürwahrhalten philosophischer Optionen. Er braucht den Vertrauensschritt, die Tat, fordert den Glaubenden mit Haut und Haaren heraus. Der Glaube betrifft das große Bild, nicht nur den philosophischen Zweikanalton.

Drastisch fasst das der Verfasser des Jakobus-Briefes in Worte, wenn er schreibt: „Ohne Taten ist der Glaube tot.“ (Jakobus 2,26). Was für eine radikale Zuspitzung! Kaum haben sich die ersten Christen von der Werkgerechtigkeit verabschiedet, da werden sie auch schon wieder von der Bedeutung der Tat eingeholt. Weil sich gelebter Glaube konsequenterweise in Taten äußert. Sie sind einerseits Resultat des Glaubens, aber auch sein Katalysator: Menschen, die gelernt haben, aus dem Boot auszusteigen und im übertragenden Sinne „auf dem Wasser zu gehen“, erleben Gottes Gegenwart als belastbares Fundament ihres Glaubens. Wer Gotteserfahrungen machen will, muss sich auf Wagnisse einlassen. Insofern fordern wir unseren Glauben durch unser Handeln tagtäglich heraus, indem wir Gott unser Vertrauen vorschießen. Mal bedeutet es, eine Sache anzupacken, wann anders, auf Gottes Moment zu warten oder uns auf neue Wege einzulassen.

Der Glaube ist nichts, was wir besitzen könnten. Er will in jedem Augenblick durch Vertrauen erworben werden. Denn unser Glaube ist nie letzte Gewissheit, sondern „Glaubensgewissheit“. Dazwischen passt eine gute Portion Vertrauen, ohne die es nicht geht. Zurück auf Anfang: Lohnt sich das Ganze? Wir haben alles aufgegeben. Was werden wir dafür bekommen? „Ich versichere euch: jeder, der um meines Namens willen sein Haus, seine Geschwister, seine Eltern, seine Kinder oder seinen Besitz aufgegeben hat, wird hundertmal so viel wiederbekommen und das ewige Leben erlangen. Doch viele, die heute wichtig erscheinen, werden dann die Geringsten sein, und die, die hier ganz unbedeutend sind, werden dort die Größten sein.“ (Matthäus 19, 29)

Der Rest ist Vertrauen.

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Mit Gott auf der Rennstrecke

von Rüdiger Jope

Was kommt dabei heraus, wenn ein visionäres Team 100 Jahre Motorsport, ein abgehalftertes Hotel, Flüchtlinge und ehemalige Straffällige zusammenbringt? Eine Kirchengemeinde!

Wolkenloser Himmel. Langgezogene Kurven. Schattenspendende Bäume. Verkleidete Leitplanken. Dröhnend zieht eine Maschine an meiner heruntergelassenen Seitenscheibe vorbei. Sie signalisiert meiner Nase und meinen Ohren: Du bist auf der richtigen Spur Richtung Glemseck. Bis in die 60er-Jahre hinein trugen auf der legendären Solitude-Rennstrecke in der Nähe von Stuttgart zwei- und vierrädrige Legenden des Motorsports ihre PS-starken Fights um Lorbeerkränze und glänzende Pokale aus. Vor dem Hotel Glemseck parke ich. Auf mich wartet Tobias Merckle, der Gründer, Taktgeber und Vorstand von „Seehaus e.V.“. Mit leuchtenden Augen führt er mich durch die in die Jahre gekommenen Räume, die eine vergilbte, rauchgeschwängerte, aber reiche Motorsportvergangenheit atmen. „Eigentlich träumte ich schon 13 Jahre davon, hier an diesem Ort Motorradfahrer, Oldtimerfahrer und Motorsportbegeisterte in ihrem Umfeld mit dem Glauben in Berührung zu bringen“, so der Visionär.

Traditionen pflegen, Neues entwickeln

Als er sich Anfang 2016 auf die Suche nach weiteren Räumen für den „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ macht, wird ihm dieses abgelebte Kleinod angeboten. Merckle ist in seinem Element: „Als ich dann in diesen Räumen stand, wusste ich: Mitarbeiterwohnungen sind hier fehl am Platz. Die über 100 Jahre alte Geschichte gehört unter neuen Vorzeichen fortgeschrieben.“ Auf einem Laptop bekomme ich die Zukunft präsentiert: Ein hippes Motorsporthotel. Detailverliebte Innenausstattung mit Fotos, Originalfahrzeugen und Oldtimern. Zudem sollen im Glemseck Flüchtlinge in der Gastronomie ausgebildet werden, um ihnen so einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Motorsportbegeisterung mit Mehrwert zum Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Helfen und Glauben.

Gerade Letzteres ist Merckles Leidenschaft. Ehemaligen Straffälligen eine Gemeinde als Zuhause anzubieten. Alle wohlgemeinten Versuche scheiterten. Die meisten Jugendlichen fanden nach der Zeit im Seehaus keine Beheimatung in einer normalen Gemeinde. „Die Lebenswelten, die Erfahrung, die Gesprächsthemen, die Interessen sind einfach ganz andere“, bilanziert der Gründer etwas ernüchtert. Doch Merckle hat das Unternehmer-Gen. Wo ein Problem ist, sucht er nach einer Lösung. Mit einer kleinen Gruppe von Mitstreitern setzt er sich mit Verantwortungsträgern aus der evangelischen Landeskirche Württemberg zusammen. Sie fragen: „Könnte Glemseck nicht eine ‚personale Gemeinde‘ werden für ein Milieu, welches die klassische Kirchengemeinde nicht erreicht?“ Sie kann. Seit Anfang Mai 2016 ist die „Gemeinde am Glemseck“ Teil der Gesamtkirchengemeinde Leonberg und der evangelischen Landeskirche Württemberg.

Beziehung statt Programm

Glemseck will dort mit dem Glauben hin, wo die Leute sind. Die Motorradfahrer und Motorsportbegeisterten sind da ein zusätzliches Pfund. Merckle gibt eine Begebenheit aus einem Motorradgottesdienst zum Besten. Auf dem WC ist die Pfarrerin dabei, sich ihren Talar überzustreifen. Nebendran schlüpfte eine Motorradfahrerin in ein Hasenkostüm. Der Pastorin rutschte ein schmunzelndes „sieht aber komisch aus“ raus. Ihr Gegenüber konterte lachend: „Ebenso!“

Knapp achtzig „komische“ Leute treffen sich inzwischen in dieser ökumenischen Mitmachgemeinde. Sie wird zum Zuhause für Suchende, Zweifler, Interessierte, Neugierige und Flüchtende. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Thema Gemeinschaft. Lebensberichtsabende und gemeinsames Essen sind ein zentrales Element. „Menschen kommen vor allem wegen der Beziehungen, die Gottesdienste nehmen sie so mit“, ergänzt Merckle. Auf dem Rückweg zum Auto bückt sich der Visionär nach dem achtlos weggeworfenen Müll. Ich erlebe: Hier ist sich einer nicht zu schade, kleine und große Müllberge des Lebens beiseite zu räumen, damit Menschen sich mit Gott auf die Rennstrecke ihres Lebens begeben.

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