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„Wir sind Bürger des Himmels“

Franziska Klein

Wir fahren in der gleißenden Augustsonne durch urige Orte, über gewundene Straßen und unzählige Hügel bis hin zu einem Dorf, das uns wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten vorkommt. Die ärmlichen Hausfassaden und ungeteerten Wege sind mir fremd, während sie bei meinem Vater Erinnerungen Farbe verleihen. Einen engen Pfad den Hügel rauf erreichen wir ein eisernes Tor, auf dem in alter deutscher Schrift „Ort der Ruhe“ steht. Kurze Zeit später stehe ich mit meinen Eltern und Geschwistern an dem Familiengrab, in dem meine Urgroßeltern begraben wurden. Ein seltsames Gefühl. Ich stehe auf einem deutschen Friedhof in einem abgelegenen Dorf in Rumänien, 1.400 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ich in Deutschland aufgewachsen bin. Auf diesem mir fremden Fleckchen Erde ist meine Großmutter aufgewachsen und mein Vater nennt es seine alte Heimat. Dieser seltsamen Mischung aus vertrauten und unbekannten Gefühlen begegne ich mit Neugierde, aber auch mit Befremden. Dieser Ort hat mit mir zu tun, ist eng verbunden mit meiner Familiengeschichte, aber Heimat kann ich ihn nicht nennen.

Meine Heimat, das Schwabenland:
Geboren und aufgewachsen bin ich im Schwabenland. Aufgrund meiner siebenbürgisch-sächsischen Prägung hatte mein Deutsch einen markanten Akzent, sodass ich bis in die Mitte meiner 20er hinein gefragt wurde, wo ich denn ursprünglich her käme. Die Leute waren mit meinem eingeübten Satz zufrieden: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern sind Spätaussiedler aus Rumänien. Als Kind und auch noch als Jugendliche war mir die Herkunft und Andersartigkeit meiner Eltern stellenweise peinlich. Ich wollte einfach dazugehören und in meiner schwäbischen Grundschule nicht auffallen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind manchmal „Ausländerin“ spielte. Ich verkleidete mich und sprach eine erfundene Sprache, obwohl ich nur Deutsch konnte. Ich war ein kleines, blondes Mädchen, dessen auffälliger Akzent eine bleibende Erinnerung war, dass das Schwabenland sich nie vollständig wie Heimat anfühlen würde.

Auf der Suche nach einem Gefühl:
Nach dem Abitur zog es meine Schulkollegen und mich die Ferne. Raus aus der kleinstädtischen Provinz, zuerst weit weg ins Ausland und dann zum Studium in eine Universitätsstadt. Beim
Ersti-Frühstück der Geschichtswissenschaftler lerne ich zum ersten Mal, dass zwischen Baden und Schwaben Vorurteile bestehen. Ich, 19 Jahre im Schwabenland gewohnt, hatte noch nie davon gehört. In Heidelberg komme ich zwar aus dem Schwabenland, aber finde in der bunten, internationalen Studentenschaft schnell meinen Platz. Die Wahlheimat für ein paar Jahre – ein absoluter Glücksgriff . Heimat, so entdecke ich in diesen Jahren, ist für mich kein Ort, sondern mehr ein Gefühl. Ein Gefühl von Angekommen sein. Trotz mehrerer Umzüge ins Ausland und innerhalb Deutschlands lebe ich mich immer schnell ein, finde neue Freunde und mache den neuen Ort zu meinem Zuhause. Irgendwann sage ich den Satz: Heimat ist, wo meine Bücher stehen.
Sobald ich länger als zwei Wochen an einem Ort bin, verschaffe ich mir einen Überblick über die Stadtkarte, stelle persönliche Gegenstände auf und sortiere meine Bücher griff bereit. Ich schaffe mir mein Zuhause, meinen temporären Heimathafen. Momentan stehen meine Bücher in meiner neuen Wahlheimat Frankfurt am Main. Nach anderthalb Jahren fühle ich mich in der Stadt angekommen. Und wenn sich die Skyline am Horizont emporhebt, spüre ich ein Kribbeln im Bauch. Es ist eine Mischung aus Verwurzelung und einer Leichtigkeit, die mein Heimatgefühl beschreibt. Es ist nicht statisch, sondern wandelbar und lässt sich mitnehmen.

Zurückkehren:
Viele meiner Schulkameraden hat es nach Jahren des Weltenbummelns wieder zurück in das Schwabenland gezogen. Das Fernweh junger Jahre ist gestillt und die Sehnsucht zu „settlen“ irgendwann stärker. Das Bedürfnis nach Sicherheit hat den Drang nach Freiheit übertrumpft. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre und die schwäbische Alb in der Ferne auftaucht, fällt mir mittlerweile auch auf, was für ein idyllisches Fleckchen das doch ist. Im warmen Herbstlicht erinnert es mich hier ein bisschen an das Auenland. Doch die Stadt meiner Kindheit hat sich baulich komplett verändert, ich kenne die Straßennamen und Buslinien nicht und mein Jugendzimmer im Haus meiner Eltern existiert nicht mehr. Ein wohliges Gefühl überkommt mich dennoch, wenn mich im Hausflur unzählige Schuhe empfangen und meine Mama nebenher drei Kuchen backt, weil im Laufe eines Samstagnachmittags jede Menge Gäste vorbeischauen. Mein Zuhause-Gefühl bei meinen Eltern entspricht dieser Atmosphäre. Die Gastfreundschaft meiner Eltern und das Ein- und Ausgehen vieler Menschen, die ankommen und für einen Moment ihr
Leben teilen. Hier bin ich aufgewachsen, hier komme ich gern auf einen Besuch vorbei. Doch meine Heimfahrt trete ich Sonntagabend Richtung Frankfurt an.

Für Immer:
Mein Heimatbegriff ist lose – mehr ein Sicherheitsgefühl als eine Herkunftsregion. Es ist das Gefühl, dass ich an einem Ort angekommen bin – auch wenn die Empfindung mehr mit mir, den Menschen in meiner Umgebung und auch mit meinem Glauben an Gott zu tun hat. Ich fand es lange Zeit seltsam und weltabgewandt, wenn fromme Menschen ausdrückten, dass ihre wahre Heimat im Himmel sei. Aber wenn ich heute darüber nachdenke, was Heimat für mich bedeutet, passt das eigentlich ganz gut. Wenn es in Philipper 3,20 heißt „Wir sind Bürger des Himmels“ drückt das ein Gefühl aus, das kein Mensch mir geben oder nehmen kann. Ich bin bei Gott angekommen und angenommen. Meine Heimat bei ihm zu verorten, bedeutet Sicherheit und Gastfreundschaft in dieser Welt zu genießen, ganz gleich, woher ich komme. Bei Gott Heimat zu finden, bedeutet, dass ich einen Platz habe, Rechte zugesprochen bekomme und ein Versprechen, das für immer gilt.

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Hygge: Das liegt im Trend

Jörg Podworny

Je hektischer, herausfordernder der Alltag, desto größer das Bedürfnis nach Formen des Rückzugs. Die Seele auch mal baumeln lassen dürfen. Nicht alles machen müssen. Der „Hygge“-Lebensstil ist Ausdruck einer neuen, sozialen und persönlich gestalteten Form von Geborgenheit. Das Junge-Erwachsenen-Online-Magazin „bento“ und der Zukunftsreport 2017 des Zukunftsinstituts von Matthias Horx haben den Trend unter die Lupe genommen. Ein trendiger Überblick:

Lehnen Sie sich zurück! In den nächsten Minuten geht um wohlige Gemütlichkeit! Folgt man dem „World Happiness Report“, ist Skandinavien für viele Menschen ein Sehnsuchtsort. Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Norwegen und Dänemark. Woher kommt das gute Lebensgefühl?

Ein Grund ist der Zustand der Gesellschaft in Nordeuropa, sagt der Glücks-Report: Die Gehälter sind in Ordnung, soziale Unterstützung und Absicherung sind stabil, die Lebenserwartung ist hoch. Viele Nordeuropäer fühlen sich frei. Und dann haben die Menschen im Norden Europas auch ihre eigenen Lebens-Arten entwickelt. Beispiel „Ikea“. Der große, „hippe“ Wohn- und Lifestyletrend geht heute von Dänemark aus um die Welt: „Hygge“ – das dänische Wort wird etwa „hügge“ gesprochen und bedeutet so viel wie „gemütlich“, „angenehm“. Damit verbunden ist eine Einstellung, der es ganz viel darum geht, ein heimeliges Umfeld zu schaffen und Kleinigkeiten wertschätzen zu lernen.

Das lässt sich auch gut verkaufen. Bücher, Bildbände, die Sehnsucht wecken, dänisches Gebäck, skandinavische Möbel – was „hygge“ ist und wohltuend wirkt, geht gut. Wer wollte das nicht auch mal, zumindest vorübergehend: Selbst backen, gemütlich auf dem Sofa Filme schauen, Abende mit Freunden planen und als gute Gastgeber willkommen heißen, einen Pullover stricken, selber malen, vorzugsweise mit Pastellfarben  … ?

Dazu gelten bestimmte Regeln: Bitte kein vollgestopftes, wild gestapeltes Bücherregal, sondern eins, in dem die Bücher nach Größe sortiert sind, vielleicht auch noch nach Farbe! Und auch keine Wand mit vielen ungleichen Bilderrahmen – stattdessen nur ein Bild, das aber mit beruhigendem Motiv.

Wird über Politik diskutiert, wenn es laut und anstrengend wird, sich Wut äußert, auch wenn es kalte frosttreibende Tage gibt oder Stress: Dann gilt es all das als „unhyggelig“ möglichst zu vermeiden.

Sicher, das gab es so ähnlich früher schon. Wer hätte nicht aus zurückliegenden Jahrhunderten das Bild der „guten Stube“ vor Augen, in die man sich ungestört zurückzieht, untermalt von ein wenig Hausmusik? Mit „Hygge“ hat das Ganze nun einen Namen bekommen, eine „Dachmarke“, wollte man es marketingtechnisch ausdrücken. Das Glück ist eine bewusste Entscheidung.

Rückzug von einer komplizierten Außenwelt

Klar darf ich als „Hygge“-Freund auch klagen, wenn es berechtigten Grund zur Klage gibt. Wenn der Jahresvertrag nicht verlängert wird zum Beispiel, wenn sich eine private Baustelle auftut, wenn im politischen Kosmos lärmende rechte Parteien nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft stehen, wenn Staatsführer sich wie gefährlich tobende kleine Kinder gebärden, dann ist ein Zufluchtsort im Privaten – abseits dieser feindseligen Außenwelt – nur allzu verlockend. Und dieser Ort, so sagt es der „Hygge“-Stil, liegt ganz nah: das Zuhause, die schutzgebenden eigenen vier Wände. Und Trost spenden dann nicht Discounter-Schokolade und Chips, sondern eigene Zimtkekse mit gesundem Vollkornmehl; auch kein Krimi aus der Wühlkiste, sondern ein edler Bildband über Wälder.

Was früher „gute Stube“ hieß, ist heute das heimische Wohnzimmer mit trendigem norwegischem Sofa; die Hausmusik wird ersetzt durch das Netflix-Abo, manchmal auch noch handgemacht beim intimen Wohnzimmer-Konzert. Und mit den Freunden, die auf den Social-Media-Kanälen, bei Instagram oder mitunter auch eigenen Blogs versammelt sind, kann man die #hygge-Momente teilen.

Das hat sicher auch kritische Aspekte. Für ein politisches Engagement bleibt den „Hyggeligen“ oft kaum mehr Zeit: Sie verwenden ihre Energie darauf, das Glück in bewusst einfachen Aktivitäten zu finden. Wobei das Politikengagement oft auch bei denen unterentwickelt ist, die das große Rad drehen.

„Hygge“ reagiert auf die Sehnsucht nach Einfachheit, nach Geborgenheit in einer komplizierten Welt mit ihrem hochgradig verdichteten Alltag, den hunderterlei Anforderungen. Für jedermann und jedefrau ist das nicht machbar. Man muss auch die Möglichkeit haben und es sich leisten können, wenig zu haben.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift lebenslust. Jetzt kostenlos testen: www.lebenslust-magazin.net