Das schwarze Schaf

Lydia Rieß

Biblische Verheißung und Realität – Wo beide weit auseinanderklaffen, gerät die Hoffnung unter Druck. Lydia Rieß arbeitet sich durch den Schmerz hindurch zum Licht.

Seit einer Weile sitze ich schon an meinem Schreibtisch und versuche, eine Predigt für Sonntag zu schreiben. Mein Text ist Psalm 23, dieser Psalm, der seit Jahrhunderten Menschen so große Hoffnung gibt. Ich fühle mich gerade eher von ihm verspottet. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ich spüre den Mangel deutlich. Meine Mutter hat kürzlich die Diagnose Brustkrebs bekommen – etwas, woran die Mutter einer Freundin vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Jetzt kämpft sie sich durch die Chemo. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Ich bin alles andere als satt und erfrischt. Gerade erlebe ich, wie alle um mich herum heiraten. Ich muss dagegen die Zurückweisung eines Mannes verarbeiten, der mir sehr wichtig war. Es ist nicht nur die zweite innerhalb weniger Monate und die was-weiß-ich-wievielte in den letzten Jahren. Diesmal habe ich dadurch auch eine wertvolle Freundschaft verloren. Meine Schuld. Ich hätte besser damit umgehen müssen.

„Du bereitest vor mir einen Tisch.“ Der randvolle Becher enthält gerade nur ein paar Tropfen. Das Studium fordert mehr, als ich geben kann. Und wozu? Der Beruf, auf den mich alle zu drängen scheinen, passt immer weniger zu mir. Mein Traumjob ist unerreichbar. Mehr noch, ich erlebe, wie jemand anderes da erfolgreich ist, wo ich ständig nur scheitere. Wie Menschen, die mir Unterstützung zugesagt haben, mich im Stich lassen. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Eine Erkrankung, die vor einigen Jahren eine unangenehme OP nach sich zog, hat sich wieder bei mir zurückgemeldet. Noch ein Krankenhausaufenthalt? Hatte ich davon nicht schon genug? Ich bin ein Blatt im Wind, heimatlos und ohne Sicherheiten. Den guten Hirten kann ich momentan nicht sehen. Und trotzdem soll ich nächsten Sonntag von ihm predigen. Soll erzählen, wie sehr Gott uns liebt und versorgt. Eine Liebe und Fürsorge, die ich nicht erlebe. Viel zu lange schon.

Bin ich das schwarze Schaf, das zurückgelassen wurde?

UNVOLLSTÄNDIG

In der Gemeinde treten mir bei Liedern oft Tränen in die Augen. Nicht vor Rührung. Sondern weil sie von Dingen erzählen, die ich infrage stelle. Ich kann sie nicht mitsingen, ohne mich wie eine Heuchlerin zu fühlen. Ich kann Gott gerade nicht „Vater“ nennen. Mir fällt es schwer zu beten. Und wenn ich doch bete, dann ist „Warum?“ eine sehr häufige Frage. Ich will wissen, was das alles soll. Warum manche Dinge sich einfach nicht verändern. Ob es Bedeutung hat. Es sind diese Momente, in denen Glaube und Leben nicht mehr zusammenzupassen scheinen. In denen der Glaube eher den Gott preist, den man sich wünscht, als den, den man erlebt. Ich wünsche mir das eine Bibelwort, das die Sonne wieder aufgehen lässt. Die eine Antwort, die die Wolken beiseiteschiebt. Das eine Erlebnis, das den Nebel auflöst und mich erkennen lässt, dass Gott die ganze Zeit über da war. Gerade in diesen Zeiten wünsche ich mir am meisten, Gottes Liebe zu spüren. Stattdessen spüre ich gerade dort am tiefsten die Sehnsucht nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Sinn und Wert und erahne, dass sie in diesem Leben niemals ganz erfüllt werden wird. Ich spüre meine eigene Unvollständigkeit.

KEINE ERKLÄRUNG

Meine Bachelorarbeit wenig später schreibe ich über das Buch Hiob. Hiob erlebt Leid – mehr noch, sein ganzes Leben zerbricht. Es bleibt nichts mehr übrig. Von Zukunftsperspektiven ganz zu schweigen. Vorher erlebte er, wie Gott ihn segnet und ihm nicht nur alles gibt, was er zum Leben braucht, sondern noch viel mehr darüber hinaus. Es ist leicht, Gott in solchen Phasen zu vertrauen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Und dann bricht alles zusammen. Ohne Erklärung. Manche Theologen sagen, die Szenen im Himmel, in denen Gott mit dem Satan um Hiobs Glauben „wettet“, seien später hinzugefügt worden. Von Leuten, denen dieses „Warum?“ einfach zu groß war und die wenigstens den Ansatz einer Antwort geben wollten. Denn Hiob erhält keine. Etwa vierzig Kapitel lang sitzt er vor Gott, klagt, fragt und darf sich von seinen Freunden auch noch Vorwürfe darüber anhören, dass doch alles seine eigene Schuld ist. Erst ganz am Ende meldet sich Gott selbst zu Wort. Seine Worte sind harsch – und gleichzeitig leuchten sie ein, so unangenehm sie auch sind. Gott erklärt Hiob, dass er kein Recht auf eine Antwort hat. Kein Recht auf eine Erklärung seines Leides. Weil Gott der Schöpfer aller Dinge ist, Herr über die ganze Welt und damit der Einzige, der einen Überblick über alle Geschehnisse und Zusammenhänge hat – und Hiob nicht. Irgendwie verstehe ich es. Gott kann mir nicht die Gesamtzusammenhänge der Welt erklären. Und wenn ich anerkenne, dass Gott größer ist als ich, muss ich auch anerkennen, dass es Dinge gibt, die ich nicht verstehen kann. Trotzdem ist es, milde ausgedrückt, eine sehr unbefriedigende Antwort, wenn man gerade seinen gesamten Besitz, alle Kinder, die gesellschaftliche Stellung und die eigene Gesundheit verloren hat.

GOTT – FREUND ODER FEIND?

Denn das Leben tut trotzdem weh. Kann ich hier noch nachfolgen? Soll ich die Phasen, in denen das Leben schwer ist, einfach aussitzen und mich „in Gottes Hände fallen lassen“? Hoffen, dass Gott mich irgendwie hindurchträgt, meinen Glauben bewahrt und mich schon wieder anspricht, wenn die Zeit „erfüllt“ ist? In jedem Leben gibt es Dinge, die begleiten uns von Anfang bis Ende, ohne jemals besser zu werden, ohne jemals für uns Sinn zu machen. Soll ich sie ignorieren? Gott dort ausklammern?

Nein. Gerade dort nehme ich Gott mit hinein. Auch hier kann ich von Hiob lernen. Auch er hat Wunden, die bleiben. Am Ende bekommt er von Gott zwar alles zurück und hat sogar wieder Kinder – aber die verstorbenen bleiben tot. Mit ihrem Verlust muss er leben, ohne eine Antwort auf seine Klage. In meiner Seelsorgeausbildung habe ich gelernt, dass Klage etwas Gutes ist. Weil sie bedeutet, dass ich mit Gott im Gespräch bleibe. In der Klage darf ich ehrlich sein vor Gott, wie ich es auch vor einem guten Freund wäre. Hier kann ich meine Fragen formulieren, meine Gedanken ordnen und Erwartungen aussprechen. Ich habe Gott sogar schon angeschrien. Und erlebt, dass er das aushält. Klage ist wichtig für meine Beziehung zu Gott. Denn da, wo ich Gott anschweige, erkläre ich ihn zum Feind. In dem Moment, wenn ich ihn doch am meisten als Freund brauche. Es ist ein Gedanke, der mir in meinen dunkelsten Stunden nicht hilft, denn irgendwen muss ich doch verantwortlich machen. Aber: Was nützt es mir, Gott und dem Leben zu grollen? Was ändert sich dadurch? Und kann ich Gott wirklich nur dann vertrauen, wenn ich ihn nachvollziehen kann? Was ist das für ein Gott, auf den ich nicht hoffen kann, solange ich ihn nicht verstehe?

MIT GOTT IM TAL

Ich erlebe, wie Gott mit mir im Gespräch bleibt. Nicht täglich, aber manchmal. Keine Antworten auf meine Fragen. Sondern das, was ich in dem Moment brauche: „Ich bin da. Ich sehe dich. Dein Leben hat Wert. Auch da, wo du dir verzweifelt wünschst, es würde anders verlaufen.“ Einen Vers habe ich bei meiner Predigtvorbereitung noch ausgelassen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal …“ Erst beim zweiten Lesen erkenne ich: Es ist keine Bitte, vor dem finsteren Tal bewahrt zu werden. Es ist die Bitte an Gott, dort mitzugehen. Sich mit mir gemeinsam durchzukämpfen zu meiner unerfüllten Hoffnung. Ich erinnere mich an etwas, das ich zu oft vergesse: Gott weiß, wie sich Leid anfühlt. Nicht nur am Kreuz hat Jesus gelitten. Sein Leben lang hat er Ablehnung, Mangel und Spott erlebt. Und auch Einsamkeit. Wie oft haben seine engsten Freunde ihn nicht verstanden? Seine eigenen Eltern? Jesus war Mensch. Diese Dinge haben ihn getroffen, wie sie jeden von uns treffen würden. Und glaube ich wirklich, es lässt Gott unberührt, wenn Menschen sich von ihm abwenden, nur weil er Gott ist und alles weiß und kann? Wenn seine Liebe echt ist, enthält sie auch echten Schmerz. Dort, wo Gott mir die finsteren Täler meines Lebens zumutet, aus welchen Gründen auch immer, tut er es nicht von hoch oben herab. Sondern als jemand, der da bereits durchgegangen ist. Als jemand, der möchte, dass ich am anderen Ende heil rauskomme.

GEBROCHEN GLAUBEN

Mal wieder sitze ich an einer Predigt. Ich habe weitere Zurückweisungen erlebt. Weitere Stolpersteine und Rückschläge in meinem beruflichen Werdegang. Meine Mutter hat den Krebs besiegt – vorerst – aber jetzt ist es mein Vater, der zwei Gehirntumore hat. Ich selbst brauchte keine OP. Das kann aber noch kommen. Trotzdem stelle ich mich am Sonntag auf die Kanzel und erzähle von Vertrauen. Von Jesus, der im Sturm auf den Wellen läuft und uns die Hand entgegenstreckt. Und von begründeter Hoffnung. Warum? Weil Gott derselbe bleibt. In den guten und in den schlechten Zeiten. Gerade in solchen Phasen ist Glaube für mich auch eine Entscheidung. Halte ich fest an der Hoffnung, wenn die Stürme der Welt gerade lauter erscheinen als seine Stimme? Glaube ich den Verheißungen, die gültig bleiben, dass ich gerettet, gesegnet und geliebt bin, auch wenn ich konkrete Situationen eher als Fluch empfinde? Noch immer erlebe ich, dass ich Lieder nicht mitsingen kann. Und dann lasse ich es. Erzähle Gott, warum ich es nicht kann. Ich bete darum, dass diese Dinge für mich wahr werden. Ich danke für die vielen kleinen Bereiche, in denen sie es schon sind. Und manche sprechen dann doch: „I will praise you in this storm.“ An manchen Tagen kann ich das. Von ganzem Herzen. Mein Glaube bleibt etwas Gebrochenes. Und das ist in Ordnung, weil es mir nicht die Hoffnung raubt. Denn Gott geht mit. Auch durch das finstere Tal.

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Mitarbeiter gewinnen

Artur Wiebe

FeG Workshop zur motivierenden Mitarbeiterkultur

„Wer eine gute Kultur hat, der hat auch gute Mitarbeiter.“ Dieser Satz fasst das Anliegen des Workshops „Mitarbeiter gewinnen“ zusammen. Bundessekretäre Bernd Kanwischer und Matthias Knöppel haben ihn zusammen am 9. Juni in der FeG „Kirche für Bonn“ veranstaltet. Knapp 50 Teilnehmer und Teams aus Berlin, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen trafen sich, um Impulse zu einer gesunden Mitarbeiterkultur in der Gemeinde zu bekommen.

Jesus vertraut sein Vermögen an

„Jesus verteilt nicht zuerst Arbeit, sondern sein Vermögen!“ Anhand des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30) machte Matthias Knöppel deutlich, dass Jesus uns zuerst sein Vermögen anvertraut – und nicht zuerst die Aufträge. Jesus kennt uns mit unseren Gaben, Fähigkeiten, Begrenzungen und unserer Geschichte. Ihnen entsprechend stattet er uns aus mit seinem Vermögen. Bei so einem Herrn wäre er gern Mitarbeiter, hebt Knöppel diese Grundlage für eine veränderte Mitarbeiterkultur hervor.

Kultur verstehen, um sie zu verändern

„Kultur frisst die Strategie zum Frühstück.“ Der Workshop-Tag war neben diesem Zitat von Peter Drucker gespickt mit Impulsen der beiden FeG-Bundessekretäre zum Verständnis von „Kultur  als Summe der Denk- und Handlungsweisen“. Diese prägt unseren FeG-Gemeindealltag, ist aber nur sehr gering nach außen sichtbar. Gemeindeleitungen doktern häufig an den offensichtlichen Strukturen herum, haben aber keinen Blick für die unterschwellige Gemeindekultur. Doch prägt sie im Tiefsten den Umgang miteinander. Weil die „Struktur null Chance gegenüber der Kultur hat“, sollte der FeG-Workshop den Blick schärfen, die eigene Kultur zu verstehen, um sie Schritt für Schritt verändern zu können.

Kultureller Kopfstand

Das Gegenteil des Erwünschten ist oft lehrreich, um herauszubekommen, wie das Team aussehen müsste, in dem man gern mitarbeiten würde. Mithilfe der „Kopfstandmethode“ trugen die Teilnehmer zusammen, wie man die „Mitarbeiterkultur“ ins Minus treibt und auf keinen Fall Mitarbeitende gewinnt: Nörgeln, Überforderung sowie mangelnde Schulung sind Beispiele und Mangelzeichen einer schlechten Mitarbeiterkultur. Auf der Negativfolie wurde deutlich, dass die Veränderung der Gemeindekultur ein langer Weg ist, für den man sich entscheiden muss, der sich aber lohnt.

Kultur der Gemeindeleitung

„Was eine Gemeindeleitung nicht lebt, wird sie von der Gemeinde nicht erwarten können!“ Damit kamen die Gemeindeleitungen in den Blick. Welche Kultur wird hier gepflegt? Sind es gestresste Leute, die über ihre eigenen Grenzen gehen? Dann wird die Kultur der Gemeinde auch entsprechend geprägt sein. In thematischen Gruppen stellten sich die Teilnehmer ihre Ideen vor, wie man als Gemeindeleitung kulturverändernd Leidenschaft weckt, richtige Mitarbeiter gewinnt und motiviert, sie zu einem Team formt und fachlich weiterbildet.

Die Ernte im Blick

Umrahmt und versorgt durch das motivierte Team der FeG „Kirche für Bonn“ schloss der Tag mit Impulsen zur Mitarbeiterkultur Jesu: „Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte.“ (Lukas 10,2). Jesus sieht nicht zuerst die Arbeit, sondern die große Ernte. Von daher lautet die wichtigste Frage eines Mitarbeiters Jesu: „Jesus, wo arbeitest du? Da will ich mitarbeiten!“

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Vom Problemkind zum Retter

Rüdiger Jope

Mose und die Wandlung in seinem Leben

Bei biografischen Filmen fiebere ich manchmal noch bis zum Abspann im Kinosessel mit den Helden mit. In 4. Mose 12,3 blendet uns die Bibel auch eine letzte Szene ein. Dort werden Mose heftige Vorwürfe gemacht. Und wie reagiert er? „Mose schwieg dazu. Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Wow, was für eine charakterliche Veränderung im Gegensatz zu seiner impulsiven Tat etwa vierzig Jahrefrüher …

ZWISCHEN TATORT UND ROSAMUNDE PILCHER

Mose – was war das für ein Mensch? Was steckte hinter dem geistlichen Leiter, dem Mann Gottes, dem willensstarken Menschen, dem Siegertypen? Moses Leben steht bereits kurz nach dem Start vor dem Absturz (2. Mose 2 ff.). Zu den Wildgänsen in der Turbine seines Lebens wird der Befehl des Pharaos: Bringt alle Jungen um! Die Mutter hält den Jungen vermutlich im Verbund mit den Hebammen versteckt. Doch irgendwann lässt sich das Plappern, Krabbeln und Leben dieses lebendigen Kerls nicht mehr verbergen. Der Mutter wird es zu heiß. „Lieber Ehemann, wir müssen eine Lösung finden.“ Die Reaktion des Vaters? Fehlanzeige! In der Präsentation des Stammbaumes in Kapitel 1 sind die Männer noch dicke da, aber wenn es schwierig wird, dann heißt es damals wie heute: Kümmere du dich um die Plagen, ich gehe Pyramiden bauen. Der Mann ist abwesend. Die Mutter muss die unbequeme Entscheidung allein

treffen. Zur Babyklappe wird ein Korb aus Schilfrohr. Dieser wird im Nil abgesetzt. Der Mutter zerreißt es das Herz. Sie kann das Elend nicht mit ansehen und lässt die Schwester als Babysitterin da … Zufällig ist es ein heißer Tag. Die Königstochter hat Lust auf eine Abkühlung. Im Schilf entdeckt sie die seltsame Brüllkiste. Ihre Dienerinnen machen sich nass. Das Körbchen wird geöffnet. Der weinende, nach Luft ringende Säugling lässt in der gelangweilten Prinzessin einen Funken von Menschlichkeit aufglimmen: „Ach, wie süß!“ In einer Art sozialromantischen Anwandlung oder einem spätpubertären Anfall „Jetzt-zeige-

ich-dem-alten-Herrn-im-Palast-mal, dass-ich-anders-bin!“, lässt sie das Ausländerkind am Leben. Sie adoptiert ihn. Die Windelwechselzeit, die schlaflosen Nächte etc. delegiert sie an die zufällig vorbeilaufende Schwester des Mose. Moses Lebensstart hat von allem etwas: Tatort und Rosamunde Pilcher. Ungewollt! Vaterlos! Versteckt! Ausgesetzt! Todesangst! Am Absaufen! Nach Luft schnappend! Jeder im Palast sah sofort: Das ist kein Kind der Königin. Das ist ein Adoptivkind! Noch dazu ein ausländisches.

DAS TRAUMA BEKOMMT EINEN NAMEN

Moses Start ins Leben würde man heute als frühkindliches Traumata bezeichnen. Augenfällig wird das Trauma besonders im Namen: Das Kind hat keinen, zumindest ist er uns nicht überliefert. Als das Kind aus dem Gröbsten raus ist und von seiner Mutter im Palast abgeliefert wird, bekommt er einen ägyptischen Namen verpasst: Mose – der aus dem Wasser Gezogene (2. Mose 2,10). Was für ein Makel! Mose war sicher alles andere als begeistert, wenn es hieß: „Aus-dem-Wasser-gezogen – bitte reinkommen zum Essen“ oder „Vor an die Tafel“. Der Name ist ein Makel. Das ist kein Adels- und Schönheitsprädikat. Mit diesem Namen wird der Junge jedes Mal an seine ungewollte Herkunft erinnert. Dieser Name prägt Moses Sein. Ja, die inneren Wunden, die uns zugefügt wurden, die Makel, die über unserem Leben ausgesprochen wurden, können wehtun und schmerzen. Doch an Mose wird deutlich: Die Verletzung trägt auch den Kern eines großartigen Retters in sich. Gott hat nämlich die Größe, sich für seine Rettungspläne die herauszugreifen, die offensichtlich einen Sprung in der Schüssel haben, die erniedrigt wurden, die sich zerrissen und unheil vorkommen. Die Heils- und Heilungsgeschichte Gottes kann aus dem „Aus-dem-Wasser-Gezogenen“ einen „Aus-dem-Wasser-Zieher“ machen!

DIE CHANCE DES ERSCHRECKENS

Irgendwann macht es bei dem jungen Mann Klick. Er erkennt: Ich bin zwar als Ägypter erzogen, aber von der Hautfarbe, vom Denken und vom Sein bin ich ein Hebräer! Er identifiziert sich schließlich mehr mit den Unterdrückten als mit den Unterdrückern. Auf einer Baustelle kommt es zum Knall. Sein Kindheitstrauma, sein Frust, seine Zerrissenheit brechen sich in einem unreifen Konfliktverhalten Bahn. Mose tickt aus. Er erschlägt einen Ägypter. Damit kegelt er sich auf zweifache Weise ins Abseits: Er verliert seinen Status als Adoptivsohn, und die, für die er glaubte zu kämpfen, entgegnen dem Rächer der Entrechteten: „Bist du unser Aufseher und Richter? Willst du mich jetzt auch umbringen wie gestern den Ägypter?“ (2. Mose 2,14)

Mose stürzt ab. In der Gunst der Ägypter und der Hebräer. Er wollte das Gute, doch heraus kam das Schlechte. Er erschrickt und er muss fliehen. Er rastet schließlich an einem Brunnen. Im Alten Orient der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Die Aus- und Reifungszeit bedeutet nicht, abzutauchen ins Abseits, sondern sich gerade in den Alltäglichkeiten, im Normalen neu zu bewähren. Jetzt gilt es, selber Wasser zu schöpfen, anderen das Wasser zu reichen. Dort im Vollzug des Alltags reift der Charakter nach. Hier am Brunnen tritt er wieder als Beschützer der Unterdrückten auf. Aber diesmal ganz anders. Nicht mehr sein Ego, sein Bedürfnis, seine unverarbeitete Geschichte steht im Vordergrund, sondern der andere, die anderen. Die Konfliktbewältigung geht diesmal ohne einen Toten vonstatten. Im Gegenteil: Mose fliegen die Herzen zu. Es scheint, als wäre Gott im Geheimen bereits dabei, Moses Wesen und Temperament für dessen Lebensaufgabe, die Befreiung seines Volkes aus der Sklaverei, vorzubereiten.

VOM HERAUSGEZOGENEN ZUM HERAUSZIEHER

Mose arbeitet an sich und lässt an sich arbeiten. In der Mitte und Hitze des Lebens reift er zum Retter. Der Spottname „Der aus dem Wasser Gezogene“ wandelt sich hin zum „Der andere aus dem Wasser zieht“. Gott verwandelt die Defizite in Stärken. Nun heißt es über ihn: „Er war ein zurückhaltender Mann, demütiger als alle anderen Menschen auf der Welt.“ Mose wird ein anderer – nicht von heute auf morgen, sondern in 40 Jahren. In der Gestalt des Mose fordert Gott bis heute Männer heraus: Lass dich auf einen Umgestaltungs- und Erneuerungsprozess ein,denn irgendwo erschallt ein „Wehklagen“ (2. Mose 2,24) auf dieser Welt, in das Gott dich als seinen Helden senden möchte.

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Wenn Kreative sich treffen

Anna Maria Gerlach

Im Februar fand am Vorabend der Missionale ein Atelier statt. Aus ganz Deutschland kamen Mitarbeitende origineller Projekte nach Köln, um sich zu vernetzen.

Es ist Freitagabend. Draußen wird es bereits dunkel, doch beim Missionale Atelier denkt noch lange keiner ans Zubettgehen. Hier drinnen herrscht ein reges Treiben: Etwa fünfzig Menschen tummeln sich in dem großen, schlichten Raum im Innovationshaus „Solution Space“, mitten in der Kölner Innenstadt. In kleinen Grüppchen stehen die Teilnehmenden des Ateliers an Stehtischen und unterhalten sich angeregt. Es wird gelacht, diskutiert, sich ausgetauscht. So mancher bedient sich noch einmal am Käsebuffet – das muss heute noch leer werden. Manche sitzen auch an den zwei Tischreihen oder ums Eck auf den grünen Stühlen, die ein bisschen schief hintereinander in Reihen aufgestellt sind. Der ein oder andere Stuhl steht umgedreht, als hätte hier gerade eben noch eine kleine Gruppe im Kreis gesessen.

Frustration gehört dazu

Mit einer guten halben Stunde am Käsebuffet beginnt der Abend. Man beschnuppert sich, trifft bekannte und unbekannte Gesichter. Dann ein Vortrag als Einstieg ins Thema: Frustration. Frank Berzbach nimmt in einem schicken Vintage-Sessel Platz – das passt zu diesem stilvollen Mann: Seine blonden Haare trägt er in einer hippen Frisur mit Seitenscheitel, an den Handgelenken schaut ein Tattoo unter den Ärmeln des schlichten Hemds hervor. Kleine Stecker zieren seine Ohren; dazu ein schwarzes Sakko über dem weißen Hemd. Er spricht ruhig und bedacht, das Skript liegt auf seinen übereinander geschlagenen Knien. Immer wieder schiebt er die runde Brille nach oben. So ganz einordnen kann man ihn nicht. Er unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln und publiziert über Kreativität, Mode, Spiritualität. Kein Hauptamtlicher der Kirche, nicht einmal Mitglied der Evangelischen Kirche im Rheinland, die das Atelier veranstaltet. Das irritiert.

Und doch passt es irgendwie. Er spricht über kreative Prozesse, teilt seine ganz eigenen Gedanken darüber, wie man mit Frust umgehen kann. Hier beim Atelier treffen sich Pioniere, Kreative und Neudenker der Kirchen. Menschen, die ehrenamtlich und hauptamtlich in ihren Gemeinden mitarbeiten. Menschen, die sich manchmal alleine fühlen, die manchmal frustriert sind, die aber nicht aufgeben wollen.

Das Außenseitertum sollen sie feiern, so tun, als gäbe es keine Bremser. „Gesunde Intoleranz“ nennt Berzbach das. Denn umgesetzte Kreativität wirkt immer als Traditionsunterbrecher. Da gehört ein bisschen Größenwahn dazu; und Unzufriedenheit. Wären alle zufrieden, bräuchte es keine neuen Ideen. Wer in seiner Kirche etwas verändern und weiterentwickeln will, muss also mit Frust rechnen. Doch Berzbach bleibt nicht dabei, sondern erzählt auch davon, wie er selbst damit umgeht. Von seinen Krisen und den Nischen, die er sich dann sucht, um seine Kreativität auszuleben. „Kreativität ist an Einsamkeit, Still-Sein, Konzentration gebunden.“ Der Satz ruft Widerspruch hervor: Was ist mit den Teamsitzungen und Brainstormings? In der Kirche braucht man sich doch gegenseitig. Die Teilnehmenden ergänzen sich in ihrer Kritik, Berzbach geht darauf ein, eine Diskussion entsteht.

Austausch, Ermutigung und Coaching

Genau darum soll es heute Abend gehen: Gespräch, Austausch, Diskussion. Während Janik Lill gegenüber der grünen Stühle im Bühnenbereich an seinem Keyboard sitzt und den Abend mit Musik untermalt, ist Zeit, um sich gegenseitig zu inspirieren und zu vernetzen. Viele der Teilnehmenden sind bereits involviert in innovative Projekte; sie erzählen begeistert vom eigenen Instagram-Account der Kirchengemeinde oder vom ehrenamtlich betriebenen Café. Andere wünschen sich Ideen, Ermutigung und Motivation, um etwas völlig Neues zu starten oder einfach die altbekannte Konfirmandenarbeit aufzupeppen.

Neben dem Buffet ist eine Leine gespannt. Ohne Erklärung stecken dort Bambusstangen in zwei Töpfen, dazwischen sind Schnüre gespannt: ein, zwei Postkarten, festgehalten von Wäscheklammern, hängen daran. Mehr noch nicht. Im Laufe der Zeit füllt sich die Leine. Gegen 22 Uhr hängen dort neon-grüne Karten aus Pappkarton – vier Millimeter dick – im Postkartenformat. Sie sind beschriftet mit den Projekten der Teilnehmenden. Auch auf den Tischen liegen einige der leuchtenden Karten – manche sind noch leer, auf anderen haben sich die Leute fleißig Notizen gemacht.

Wer den in grün und weiß gehaltenen Raum verlässt und durch den Flur in den benachbarten Raum geht, findet dort Bob und Mary Hopkins. Sie sind schon sehr lange in der Erneuerungsbewegung der Church of England unterwegs und bieten Coaching-Gespräche an. In einem Halbkreis sitzen etwa fünfzehn der Besucher rund um die beiden und lauschen gebannt ihren Tipps und Erzählungen.

Mit einer Andacht klingt der Abend aus. Man verteilt sich im Raum, kommt zur Ruhe, hört zu. Da ist die Rede von Moses und seinen Momenten der Frustration. Die Diskussionen sind verstummt; stattdessen liegt eine nachdenkliche Atmosphäre im Raum. Allmählich brechen nach dem Segen alle auf: Ermutigt und voll neuer Hoffnung verabschieden sie sich in die Nacht.

Sebastian Baer-Henney, Veranstalter und Organisator des Ateliers, ist zufrieden. Schon vor einem Jahr entstand die Idee für dieses Format. Die Veranstalter der Missionale wünschten sich, mehr Menschen zu erreichen, die mitten im kirchlichen Aufbruch stecken. Für sie schien das bestehende Konzept der Missionale nicht mehr ganz zu passen. Die Grundidee des Ateliers knüpft genau daran an: Anstatt sich nur frontal berieseln zu lassen, lebt es davon, dass die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch kommen. Und das ist gelungen. Für bis zu hundert Teilnehmende war die Veranstaltung gedacht, fünfzig sind gekommen. Trotzdem: Wer hier war, geht ermutigt und inspiriert nach Hause.

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Der Wohnzimmergottesdienst

Anna Maria Gerlach

Junge Erwachsene tauchen in der Kirche oft nur als Mitarbeitende auf. Mit dem Sonday schafft die Gemeinde Nierenhof ein Angebot für sie.

Es ist Sonntagabend, die Kirche ist dunkel, doch hinter der Kirche im Café Kostbar tönt Musik im Hintergrund; hier findet gleich ein Gottesdienst statt. Hinter der Bar steht eine junge Frau, Berit. Sie macht Kaffee, gibt Limo und Kuchen aus und plaudert mit den Gästen. Manche von ihnen sitzen an Tischen und quatschen oder spielen Dog, ein Brettspiel – so ähnlich wie „Mensch ärgere dich nicht“.

Die erste Idee

Die Gäste sind hier nicht fremd – es sind die jungen Erwachsenen der Kirchengemeinde Nierenhof im Ruhrgebiet. Vor zwei Jahren entstand die Idee, ein Angebot für sie zu schaffen, wo sie einfach ankommen, entspannen, auftanken können, ohne permanent ehrenamtlich mitarbeiten zu müssen. Berit bemerkte damals: Wenn Jugendliche erwachsen werden, gibt es keine Treffpunkte mehr für sie. Sie bringen sich ein, z. B. in den Programmen für Kinder; doch niemand kann immer nur in andere investieren. Deshalb wünschten Berit und ihre Freunde sich einen Ort nur für sich.

Berit begann, regelmäßig dafür zu beten, traf sich mit anderen, sie tauschten sich aus. Nach sechs Monaten stand das erste Konzept fest. Es sollte ein Wohnzimmergottesdienst mit dem Namen Sonday werden. Alle zwei Wochen wurden jede Menge Sofas und Tische in die ansonsten leere Kirche geschleppt. Ein Dart und ein Tischkicker ergänzten die gesellige Atmosphäre. Das Programm ähnelte einem aufwendigen Jugendgottesdienst, den Input lieferten Gastsprecher. Leider kam dieses erste Konzept nicht so gut an wie geplant. Die Sofas und Tische musste irgendjemand auch wieder wegschleppen, deshalb bedeutete der Sonntagabend eher Arbeit als Entspannung. Außerdem predigten die Gastredner so unterschiedlich, dass die Teilnehmenden nie genau wussten, was sie erwartet.

Umzug ins Café

Wegen dieser Überraschungstüte kamen manche der jungen Leute nicht mehr. Also musste das Konzept überarbeitet werden. Berit erzählt, dass es jetzt schon die dritte Version des Sonday gibt. Immer wieder muss überprüft werden, ob das Angebot zur Zielgruppe passt. Inzwischen finden die Wohnzimmergottesdienste im heimeligen Café Kostbar statt und das Programm ist schlicht und unaufwendig.

Ab 18 Uhr ist das Café für den Sonday offen. Gegen 19 Uhr beginnen zwei der jungen Erwachsenen, nur mit Klavierbegleitung einen Lobpreisteil anzuleiten. Die Gespräche an den Tischen verstummen, manche stehen auf. Später geht Josephin Jansen nach vorne, sie leitet mit ihrem Mann Nico die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Gemeinde. Josi liest eine Geschichte des Neuen Testaments vor und teilt ihre Gedanken dazu. Es ist keine wortgewaltige Predigt, sondern viel mehr eine persönliche Andacht. Bevor sie sich wieder in die Gruppe mischt, gibt Josi den jungen Leuten noch vier Gesprächsanregungen mit. An der Leinwand sind sie noch einmal zu sehen. An den Tischen beginnt das Gemurmel. Josi hat die Teilnehmenden dazu eingeladen, sich auszutauschen und miteinander zu beten. Nach einer Weile steht Nico auf und beendet die Gesprächsgruppen; er gibt aktuelle Infos aus der Gemeinde und zum Sonday weiter. Doch damit ist der Abend nicht beendet. Wie alles ganz offen begonnen hat, so endet es auch offen: Wer möchte, kann bleiben, Kuchen essen, einen Tee trinken, ins Gespräch kommen, ein Brettspiel spielen. Denn dieser Ort ist wie ein Wohnzimmer, in dem man einfach da ist und entspannt.

Flexibles Format

Abwechselnd zum Wohnzimmergottesdienst finden im zweiwöchigen Rhythmus Hauskreise statt. Wer mitmachen möchte, meldet sich für drei Monate an. Nach dieser Zeit werden neue Gruppen angeboten. Denn die Lebensphase zwischen 18 und 24 Jahren verändert sich meist schnell, z. B. wenn ein Auslandssemester oder ein Praktikum ansteht. Durch die dreimonatigen Angebote können alle frei entscheiden, ob sie gerade an einem Hauskreis teilnehmen möchten oder nicht.

Josephin Jansen erklärt: „Weil diese Generation so dynamisch ist, muss auch das Angebot so dynamisch sein.“ Etwa 30 junge Erwachsene gibt es in der Gemeinde, von denen ungefähr 20 zu einem Sonday kommen. Beim aktuellen Konzept wissen sie genau, was sie erwartet, sie können flexibel entscheiden, wann sie Zeit haben, und sie wissen: An diesem Ort kann ich mich fallen lassen.

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